Literarisch betrachtet ist der Frühling eine hoffnungsvolle Zeit – so begann ich vor einer Weile einen Beitrag und brach ihn ab, worauf er in den Entwürfen landete. Also keine Ahnung, was ich sagen wollte, wäre wahrscheinlich sowieso der übliche Blödsinn gewesen. Das war’s dann auch schon, oder wäre es gewesen, wenn mir nicht eben eingefallen wäre, daß ich nach Döblins Wallenstein ein Buch lesen will, auf das ich mich freue, eine Wiederveröffentlichung, nämlich Die erbeuteten Frauen. Sieben dramatische Geschichten von Johannes Urzidil, erschienen im Elsinor Verlag. Die Erstausgabe erschien 1966, es gilt also, literarisch mal wieder eine Zeitreise anzutreten, die all jene nicht tun können, die sich ausschließlich mit der „aktuellen“ Literatur zu beschäftigen haben – eben diesen Zeitgenossen möchte ich hiermit mein Bedauern aussprechen, ich bemitleide sie ganz herzlich, denn die Lebenslesezeit ist ja schließlich begrenzt wie alles andere auch, selbst wenn ich nicht abstreiten will, daß es 1) auch unter den Neuerscheinungen gute Literatur gibt und auch mir 2) am Ende etwas Lesenswertes verloren gehen wird. Ich wünsche einen schönen Lesefrühling!
Warum machen Sie das …
so, auf diese Art? Ich fragte zurück: „Wie meinen Sie das – auf diese Art?“ „Ohne“, erwiderte sie, „das Drumherum zu berücksichtigen, das Networking und überhaupt die Karriereplanung.“ Sie legte den Kopf schief, sah mich aus ihren undurchdringlich grünen Augen kalt an, nippte an ihrem Perlwein und wartete, wie ich aus dieser Falle mich herauszuwinden versuchte. „Ich denke“, sagte ich nach einer Weile, „daß ich das mir Wesentliche nicht wirklich tun würde, wenn ich viel Zeit für andere Dinge aufwenden müßte.“ Sie kippte ihr Getränk hinunter und nahm zielsicher ein neues Glas von einem Tablett, das ein junger Mann durch die Grüppchen balancierte. Ich hielt mich an meiner Bierflasche fest. „Das ist es ja eben“, nahm sie mich fest in den Blick, „daß nämlich die wirklich guten Leute beides können, ihre Karriere befeuern und zugleich gute Bücher schreiben. Nur eines von beiden zu machen, kann jeder Idiot.“ „Also halten Sie mich für einen Idioten?“, sagte ich und nahm einen Schluck Bier, das schon zuvor nicht wirklich kalt gewesen war, wie immer auf solchen Empfängen. „Aber nein, nicht doch“, lächelte sie mich an, legte die beringten Finger ihrer rechten Hand auf mein linkes Handgelenk und tätschelte es, „so meinte ich das nicht, um Gottes Willen. Nein. Sie entschuldigen mich, es war nett Sie kennenzulernen, ich werde erwartet.“ Schwerelos seidig rauschte sie zwischen den Grüppchen hindurch Richtung Terrasse und stellte sich zwanglos zu einer Gruppe junger Studenten mit karierten Sakkos. Mmh, dachte ich, wo kriege ich jetzt bloß ein kaltes Bier her, und zwängte mich durch zur Bar. „Gibt’s das Bier auch in kalt“, raunzte ich unfreundlich, die noch halbvolle Flasche auf die Theke knallend, eine junge Frau an, die mich im Kellnerinnenkostüm dienstbeflissen anlächelte. „Aber ja, für Sie immer“, hauchte sie, glitt zum Edelstahlkühlschrank, zog die Tür auf, griff hinein, nahm eine Flasche, öffnete sie und reichte sie mir hinüber. „Kalt genug?“, fragte sie. „Ja“, nickte ich, „aber Entschuldigung, ich bin ein Idiot.“ „Bitte“, sagte sie und wendete sich dem nächsten Gast zu. Ist ja ein wunderbarer Abend, dachte ich, wie gemalt.
Prosagedicht I / Weg und Weite
Weg und Weite
Kaum daß einzelne Worte ausreichten, noch weniger dürre Buchstaben nur, nein, nicht einmal diese, ein Blatt Papier, leer und voll des Lichts mit einem Bedauern, so sprachlos, plan und weiß.
Baum, Borke
Für die meisten Menschen gilt doch, daß sie am falschen Ort zur falschen Zeit mit dem falschen Namen und dem falschen Geschlecht und der falschen Hautfarbe geboren sind, woraus dann die meisten Menschen das Beste zu machen versuchen mit mal mehr und mal weniger Erfolg und Zuversicht und Glück. Zwischen Baum und Borke zu sitzen ist allerdings nicht jedem Menschen möglich, dafür muß man schon ein wenig mehr Glück haben, so daß es also eine besondere Auszeichnung des Daseins darstellt, dauerhaft die Nachteile dieses Zustandes genießen zu dürfen, wenn auch nur wegen derjenigen Menschen, die sich ihrer Eindimensionalität halber die Gewalt im Staate Dänemark teilen. Das ist nun nicht sehr deutlich ausgedrückt und nur denjenigen Zeitgenossen verständlich, die eben auch genau da sitzen, dazwischen, ohne den anderen Menschen etwas Böses zu wollen, was diese aber wiederum kaum verstehen werden, so sich also nichts ändern wird an keinem der wie auch immer gearteten Zustände. Wie schwer es doch ist, einen Ausgleich zwischen Arbeit & Leben zu finden, könnte man denken.
Die Leipziger Buchmesse 2013 ohne
Ich war nun wirklich nicht oft auf der Leipziger Buchmesse, imgrunde habe ich da auch nichts verloren. Ich fahre also dieses Jahr nicht hin, ich könnte es mir auch nicht leisten, aber das ist selbstredend keine Meldung, keine Nachricht und von keinerlei Bedeutung. Von Bedeutung aber ist, wenn Alban Nikolai Herbst nicht zur Buchmesse fährt, dort nicht präsent ist und nicht liest. In seiner heute auf Die Dschungel veröffentlichten Absage sticht für mich ein Absatz heraus, denn das, was mich persönlich an der Buchmesse unter anderem stört, der Trubel der vielen Kinder und Jugendlichen, ist natürlich das Allerbeste an der Messe, denn wer soll denn bitte in Zukunft lesen, wenn das Lesen nicht jetzt gefördert wird? So berührte mich also der folgende Absatz, der Bezug nimmt auf das gefährdete Kinderbuchprojekt, besonders: „Es tut mir für die Kinder leid, aber ich möchte ihnen nichts vormachen, möchte nicht das üble Spiel mitspielen, für das der Literaturbetrieb insgesamt ein Characterbeispiel ist. Andernfalls würde ich mit ihm handgemein werden.“ Mal sehen also, ob der „Betrieb“ sich dies zu Herzen nimmt. Er sollte.
Kopfüber schreiben
Kopfüber schreiben müßte man können, denn dummerweise bin ich nach Einnahme einer Mahlzeit, wenn alle Energie der Einleitung des Verdauungsprozesses zugeführt wird, nicht mehr so ganz auf der Höhe und kann nur noch so einen Unsinn schreiben wie diesen hier, anstatt weiter an meinem Roman zu arbeiten, die Überarbeitung fortzusetzen. Nachdem ich ein paar Tage gebraucht habe, um eine Traumsequenz am Ende eines Kapitels zu vollenden, bin ich nun wieder im leidlich klaren Kopf des Protagonisten angelangt, was auch mir einen klaren Kopf abverlangt, damit die Fakten stimmen und keine Anschlußfehler passieren. Naja, noch zweihundertundfünfzig Seiten, dann geht’s an den nächsten Schritt, denn natürlich darf mein Roman der Welt nicht vorenthalten werden – das wäre fürwahr ein Verbrechen, finde ich.

Frühling adé
Nachdem alle Welt bereits den Frühling ausrief, ist nun alles wieder auf normal gestellt. Für Heuschnupfengeplagte ist das nun, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Verschnaufspause, bevor der Körper wieder Theater spielt, das immer gleiche Stück. Das einzige, das im Moment erkennbar vorwärtsgeht, ist meine Arbeit am Roman, obwohl ich seit zwei Tagen an nur wenigen Seiten sitze, das Ende eines Kapitels, die aber so wichtig sind, daß sie wirklich und wahrhaftig perfekt sein müssen. Hundert oder hundertfünfzig Seiten später wird nämlich ein einziger Satz auf diese Geschehnisse verweisen, es geht um die erste, albtraumhafte Nacht des einen Protagonisten in eben der Stadt, in der er von da an sein Leben verbringen wird, und da muß das Vergangene dem Leser später wieder auf eine bestimmte Art präsent sein. So eine fuckelige Arbeit, so ein Kampf um Wort und Komma, macht natürlich nicht immer die beste Laune, aber bitte, kann man das erwarten? Nein. Heute morgen las ich wie immer hier und da in „meinen“ Blogs und fand bei Alban Nikolai Herbst sein heutiges Arbeitsjournal, das fürwahr dunkel ist, meine Stimmung aber durchaus nicht beschädigte, denn Klarheit, die in Worten liegt, tröstet eher, denke ich, optimistischer Fatalist, der ich bin, selbst wenn manches so banal ist, Geldmangel etwa, daß es weh tut. Aber man kann Kunst eben nicht als Hobby nebenbei machen, das ist absolut und vollkommen ausgeschlossen, wie jeder Verständige weiß. So, nun ans Tagewerk!

Produktiver Verdrossenheitsfetisch?
Grad eben ist mir der Sinn des Lebens abhanden gekommen, ist keine zehn Sekunden her, und siehe da, alles ist noch so wie vorher. (…) Jetzt, nur wenig später, ist mir klar, ich hatte einen Durchhänger nach der Abendbrotverspeisung. Allerdings war es auch ein harter Tag gewesen, denn nicht nur mußte ich mal wieder selbst die Wohnung putzen, sondern mir auch noch von FrauTT bescheinigen lassen, ich hätte einen „produktiven Verdrossenheitsfetisch“. Das habe ich, liebe Leser:innen, natürlich ignoriert, denn da hört sich ja wohl alles auf: Verdrossenheitsfetisch! Da müßte ich ja aus Verdrossenheit produktiv werden, was ja schon überhaupt nicht sein kann, weil ich erstens herkunftsbedingt humorig, positiv und fröhlich bin, es sei denn, jemand geht mir schwer auf den Wecker, dann bin unhumorig, unpositiv und unfröhlich, und zweitens mir Fetische die Laune verderben, weil sie immer so was Piepsiges haben und auch nie echt sind. Klar kann man das anders sehen, geschenkt, ich aber bestehe darauf, zwar tatsächlich leidlich produktiv zu sein, nicht aber der Verdrossenheit wegen, sondern allein aufgrund meines altbewährten positiven Fatalismus‘, der mich auf Schritt und Tritt begleitet, komme, was da wolle. Echt ma‘!

SENSATION: Aléa Torik ist keine junge Frau mehr! Nachtrag in [[Klammern]]
[[Für am Thema Aléa Torik Interessierte sei darauf verwiesen, daß über A.T. ausführlich diskutiert wird, unter anderem hier. Andreas Wolf, dessen Blog wohltuend klar und seriös ist, verweist zudem auf eine alte Geschichte, die mit der von A.T. eine gewisse Ähnlichkeit aufweist.
Ich werde allerdings sicher nicht mitdiskutieren, denn ich habe mit eben dieser Thematik und allem was dranhängt ohnehin schon Lebenszeit verplempert. Wie meine hiesigen Leser wissen, schreibe ich unter meinem eigenen Namen einen Roman, der sich in der Endphase befindet und nächstes Jahr das Licht der Welt erblicken soll. Da heißt es, Prioritäten setzen!]]
Frühling, Du hüpfst mir im Gemüte
Der Frühling löckt mit allerliebstem Geplänkel zu allerlöh Gespiele und Gesponse – wie jedes Jahr, selbst wenn es Ostern noch einmal österlichen Schnee geben sollte und den Osterhasen der Schwanz im Osterglockenbeet festfriert, egal, drauf geschissen, jetzt gehts wieder los. Schrecklich, so ein strahlend blauer Himmel und das viele Licht, da sieht man doch erst recht den ganzen Winterdreck drinnen und draußen, von dem in der eigenen Seele und dem in der der anderen Mitverschwörer ganz zu schweigen. Am schlimmsten, daß nun auch der Druck wächst, dem schönen Wetter Taten folgen zu lassen, es zu nutzen, keinesfalls und keineswegs Gram, Grauen und Greulichkeit an den Tag zu legen, sondern Spaß, Freude, Entdeckerdrang und Geschlechtsverkehrstriebsinn, wohlig verknüpft mit Trinken, Rauchen und dem Grillen toter Tiere, herrrrrrlich wird das sein und laut und gesellig, die Sandalenträger werden, je frühlingshafter es wird, desto mehr die Prenzlauer Berge bevölkern, Verbrechen werden begangen werden, ungestraft, die Häßlichkeit wird siegen, überreich die Bildungsbürger, die die Kunst als Ware achten wie das Biogemüse auch, das in ihnen zu Scheiße wird, selbstgefällig stolzieren sie wieder herum, hier ein Milchkaffee, da ein Törtchen, im Schlepptau ihre auf Effizienz gezüchteten Kinder, und die allein tun mir leid, auf daß ihnen die Welt Untertan werde und sie dereinst frohbeglückt ins Himmelreich der Anständigkeit einfahren, ohne je einen ihrer Sklaven persönlich gepeinigt zu haben, denn das ist der Unterschied, der einzige, zum Frühling anderorten- und zeiten.