Nachdem zuletzt sehr viel die Rede war von der kleinen Hexe, nun mal ein Bild von ihr, wie sie da so hockt. Niedlich, oder?

Nachdem zuletzt sehr viel die Rede war von der kleinen Hexe, nun mal ein Bild von ihr, wie sie da so hockt. Niedlich, oder?

Die Kinderbuchveränderungsangelegenheit scheint ausdiskutiert zu sein – einige Zeitgenossen haben sich zurückgezogen, andere stehen unbeweglich auf ihrem Standpunkt. Am Ende muß festgestellt werden, daß die Verlage ohnehin machen, was sie wollen, weil sie mit den Büchern Geld verdienen müssen, während ansonsten zwei Gruppen übrigbleiben, einmal die, die sowohl die alten Kinderbücher in ihrer ursprünglichen Form als solche für schützenswert erachten und zugleich weder die Eltern noch andere Vorleser aus ihrer Verantwortung entlassen wollen und auch die Kinder nicht für dumm halten, zum anderen die, die für eine Veränderung von Kinderbuchtexten plädieren, wenn diese diskriminierende Begriffe enthalten, die in jedem Fall erklärt werden müssen und nicht so ohne weiteres in den Kinderwortschatz eingehen dürfen. Insgesamt war die Diskussion, obwohl nicht alle Teilnehmer unter Klarnamen teilnahmen, recht sachlich, es gab, bis auf eine Ausnahme, keine Ausraster, auch wenn nun eine gewisse Unversöhnlichkeit festzustellen ist und auch eine verständliche Diskussionsmüdigkeit, denn man hat ja noch was anderes im Leben zu tun, Romanüberarbeiten zum Beispiel. An anderer Stelle schrieb ich zum Thema noch dieses, und damit will auch ich es bewenden lassen, denn tatsächlich sind alle Argumente ausgetauscht: „Auch ich will nicht, daß es [das Wort „Negerlein“] sich in den Wortschatz von unschuldigen Kindern eingräbt. Die notwendige Konsequenz daraus wäre aber doch, denke ich, Bücher mit diesen Worten vom (vergleichsweise profitablen – klar, das ist natürlich ein wichtiger Punkt) Markt zu nehmen, statt sie ihrer Zeitgebundenheit zu berauben. Wer kauft denn aus lauter Rührseligkeit diese Bücher, weil sie sie selbst mal toll fanden? Wenn sie jetzt nicht mehr so toll sind, weil die Zeit Erkenntnisse gebracht hat, dann kann man doch zu anderen, zeitgemäßen Büchern greifen. Älteren Kindern kann man dann ja die alten Ausgaben der “Kleinen Hexe” zeigen und mit ihnen darüber sprechen, wenn das Thema in der Schule dran ist. Am besten wäre es natürlich, man würde Kindern einfach wieder die Möglichkeit geben, von Mittag bis zum Dunkelwerden Baumhäuser zu bauen, auf dem Bolzplatz fußballzuspielen oder seilzuspringen oder zu knickern oder was auch immer; denen fällt schon was ein. Ich habe als Kind so gut wie überhaupt nicht gelesen, sondern mir meine Welt angeguckt – und hat es mir geschadet? Ganz im Gegenteil.“
Man zeihe mich ruhig der Sentimentalität, das ist mir egal, denn die spielt keine Rolle, wenn ich manchmal alte Kunstkladden vornehme, wie eben diese am 18. Februar 1994 begonnene, Arbeit im Fortschritt / Work in Progress betitelt, ca. 63 x 44 x 4 cm, in die ich nicht nur hineinzeichnete und -malte und -druckte, sondern auch hineinschrieb, mit dem Füllfederhalter zumeist. Ich kann mich noch gut an die mißtrauischen Blicke kleinkarierter Möchtegernkünstler erinnern, die Schrift in der Kunst ablehnten, absurd natürlich, dies aber wortreich mündlich begründeten. Ich hätte denen die 7 kg-Kladde ins Kreuz hauen sollen – nein, natürlich nicht!, mit Verachtung strafen und deren Namen komplett vergessen reicht dann schon. Das Schöne an so alten Kunstdingen, die man selbst hergestellt hat, ist ja, daß sie so eine Art Beleg dafür sind, nicht wirklich jeden Tag im Leben unsinnig vertan zu haben. Immerhin, ist doch was!

Der Streit um Worte ist noch keine Unversöhnlichkeit oder bedeutet gar Krieg – man sieht es an dem Diskurs über das Verändern von Kinderbuchtexten zur vermeintlichen Verbesserung der Welt und zum Schutz der Kinder vor derselben, aber auch an dem, was der Herr Brüderle Anzügliches zu einer Journalistin gesagt hat. Was das Kinderbuchändern in den besagten Fällen angeht, so ist das schlicht überflüssig, denke ich, wenn man denn (seine) Kinder für ausreichend intelligent und lernfähig hält, aber da gibt es unterschiedliche Ansichten, die insgesamt, von Ausnahmen abgesehen, an verschiedenen Orten recht sachlich dargelegt werden. Was die offensichtliche sexuelle Belästigung betrifft, die der FDP-Politiker Brüderle mit offenen Worten ausführte, so ist der Einzelfall zwar harmlos, weil er wohl kaum direkte Angst auslöste noch für die Betroffene berufliche Nachteile barg (eher Vorteile sogar, wie man jetzt sieht, denn so ein Artikel bringt im schmierlappigen Journalismusbereich bestimmt eine gewisse Reputation), doch muß insgesamt schon, wie ich finde, festgestellt werden, daß solch ein Verhalten ein aggressives ist, bei dem Worte wie Waffen geführt werden und es schlicht an Respekt mangelt. Niemand hat etwas gegen ein Miteinandertun Erwachsener, die auf Augenhöhe und einvernehmlich was auch immer machen, wenn es nicht zum Schaden Dritter ist, doch eine einseitige Attacke solcherart ist der Versuch, aus Macht Kapital zu schlagen. Das ist immer verwerflich, selbst wenn die andere Seite das herausfordert. Ich frage mich allerdings auch, welche Art von Diskussion wir hätten, hätte eine Politikerin auf ihre alten Tage einen jungen Journalisten belästigt, oder eine lesbische Politikerin eine lesbische Journalistin oder ein schwuler Politiker einen schwulen Journalisten, wohlgemerkt im Falle einer ähnlichen Wortwahl mit Bezug auf Geschlechtliches. Das wäre sehr interessant, doch leider können wir keine Parallelwirklichkeit schaffen, es sei denn, man machte zum Beispiel einen Episodenfilm daraus mit immer neuen Konstellationen und Kontexten. Am wenigsten würde wohl geschehen, wenn sich ein schwuler Politiker und eine lesbische Journalistin an der Theke träfen oder eine lesbische Politikerin und ein schwuler Journalist – die würden sich sicher einfach besaufen und Zoten reißen über Heterosexuelle, und dann würden sie … tja, was? Einen Artikel darüber schreiben?
Da hat der Brüderle mit der schleimigen Anmacherei einer Stern-Journalistin, die eben dies nun öffentlich macht, doch eine Debatte ausgelöst, die dringend nötig ist! Ist der Männerverein FDP also doch noch zu etwas gut! Natürlich äußern sich jetzt Tausende unverblümt über die sogenannten sozialen Medien, vor allem auch über Twitter, das für eine solche Angelegenheit aber gar nicht geeignet ist. Ich lese also auf Twitter nicht rum, denn da ist kein Raum für einen seriösen Gedankenaustausch, glaube aber unbesehen die ernsthafte und berechtigte Empörung über alltäglichen Sexismus und dumme Anmacherei. Mich fremdzuschämen lehne ich aber selbstverständlich ab, gerade weil ich solch ein Verhalten beschämend finde und es nicht untergehen darf, natürlich auch nicht in wohlfeilen Pauschalvorwürfen, sondern benannt werden muß, und zwar klar und deutlich. Leider hat solch ein Verhalten wie das des Brüderle seine Ursache in den bestehenden Hierarchien, die nicht zuletzt von Männerseilschaften aufrechterhalten werden, für die nur ein bestimmter Typ Mann, der allerdings nicht unbedingt selten vorzukommen scheint, überhaupt geeignet ist. Die Lage ist doch womöglich so: entweder macht ein Mann, der „Karriere“ machen will, den Zauber mit, nutzt seine tradierte Rolle und die sich nicht zuletzt daraus ergebende Machtposition, eben auch in sexistischer Art und Weise, oder er ist raus aus dem Geschäft. So sieht es wohl in vielen Bereichen aus, vor allem natürlich auch da (aber nicht nur), wo es um viel Macht und viel Geld geht. Jedenfalls bin ich gespannt, wie das Schleimerle sich da rauszuwinden versucht und ob nicht auch aus der FDP von den dort verbliebenen Frauen noch etwas in die Öffentlichkeit getragen wird, oder vielleicht sogar vom netten Herrn Rösler. Wohlgemerkt, ich wünsche mir keine Treibjagd mit einem Opferle, sondern einen geduldigen, ernsthaften und vorurteilsfreien Diskurs jenseits jeder Schlagzeilengeilheit, von dem möglichst viele etwas haben, denn an so etwas zeigt sich nicht zuletzt, ob unsere Gesellschaft in der Lage ist, sich aus einer Überzeugung heraus zu ändern. Was also wie tun? Das ist die Frage!
Seit vier Wochen habe ich keine Tageszeitung mehr – und schon merke ich, daß ich von spektakulären Bankeinbrüchen in Berlin oder Kansas City nichts mehr mitbekomme. Statt der Zeitung, der Süddeutschen, die ich mir nicht mehr leisten kann, lese ich zum Frühstück, ich erwähnte es bereits, Roman, zur Zeit Alfred Döblins Wallenstein. Ich bin noch ganz am Anfang und hab grad mal knapp 170 Seiten gelesen, aber ich muß sagen, morgens um acht in so ein Werk einzutauchen, das prägt den Tag ganz anders als diese Nachrichten, die ohnehin im Kern seit eh und je gleich sind. Außerdem ist so ein Roman preiswerter als eine Qualitätstageszeitung, die mit fast 50 € im Monat zu Buche schlägt. Irgendjemand sagte mir kürzlich, das höre sich zwar teuer an, doch man müsse bedenken, daß man für diesen Betrag doch nun sooo lange auch nicht arbeiten müsse, worauf ich sagte, das käme darauf an, denn wenn man in den letzten dreitausend Jahren mal die Nachrichten verfolgt hat, dann wird klar, das meiste Geld pro Zeiteinheit wird mit Waffen, Drogen und Sex verdient, und um das zu wissen, bräuchte ich keine Zeitung, denn das stünde auch in so manch gutem Roman explizit drin oder ergäbe sich implizit, und außerdem könne man überdies einen Roman nicht nur preiswert antiquarisch erwerben, sondern ihn sich auch noch ohne nennenswerte Kosten leihen, so daß ich also summa summarum zu dem Schluß käme, ganz richtig zu handeln. Der Andere sagte, das sähe er anders, so daß ich mich gezwungen sah, dies hier ganz kostenfrei und ohne den kleinsten monetären Gewinn kundzutun.

Ich will ja nicht irgendeinen Roman abliefern, sondern den mir bestmöglichen! Klar, was sonst! Es kommt auf jeden Satz an, aber auch auf Stimmigkeit über die gesamte Distanz, darauf, eine Welt zu entfalten. Konzessionen an den vermeintlichen Zeitgeschmack werde ich auch bei dieser nun wirklich letzten Bearbeitung des Gesamttextes nicht machen. Der Text wird allerdings länger werden, wie es aussieht, er bekommt mehr Schmackes, mehr in die Satzverläufe integrierte wörtliche Rede, mehr Lust und Laune und mehr Leid und Schmerz, denn all dies war beim ersten Schreiben nicht immer auszuführen, ich war ungeduldig und darauf aus, zunächst einmal den in mir ablaufenden „Film“ in Schrift, in Textur zu übertragen, ein tragfähiges Gewebe herzustellen. Jetzt aber, wo Fleisch dran kommt, fange ich an, den Text wirklich zu lieben, mit ihm zu sein, zu spüren, welche Wucht von ihm ausgeht. Es ist noch viel konzentrierte Arbeit zu leisten, die ich mir selbst schuldig bin – also weiter im Text!

Jetzt komme ich vor lauter Gedöns und Unruhe doch nicht zum Arbeiten an dem Roman. So ein Mist! Aber ich weiß wenigstens, warum ich unruhig bin, denn es ist schwer, bei einer Diskussion wie der zuletzt auf Tainted Talents, ruhig, höflich und bestimmt zu bleiben, wenn einem denn ein gewisses Maß an Unverfrorenheit begegnet, mit dessen Ursache man offensichtlich nichts zu tun hat. Noch dazu geschah dies zu einem Zeitpunkt, als die Blogbetreiberin nicht mittun konnte. Sollen doch die, sage ich, die es gerne aggressiv angehen, und zwar in dem Sinne, daß sie damit beginnen und andere unter Druck setzen und letztlich zwingen, sich zurückzuziehen oder zu beherrschen, ein eigenes Blog aufmachen! Oder sich ein bestehendes Blog suchen, wo ihresgleichen rumwütet, wo sie dann mitwüten können. Dann können sie sich gegenseitig in ihre Hüte scheißen! Natürlich geht es auch anders, denn das Gespräch auf meiner Seite zum selben Thema war ja auch recht angenehm, so soll es sein, ohne Aggressivität und hin und her gehend, ohne kindische Schmollereien und Machtspiele. Das Ende des Lieds ist jedenfalls, daß das gestrige Sichbeherrschen Folgen hat und mich heute teilweise daran hindert, zu arbeiten, und das macht mich schon wütend, ohne daß ich das anders abbaue als durch Darübernachdenken, quasi durch einen Diskurs mit mir selbst, und mithilfe dieses kleinen, unbedeutenden Textes.

Nach all den Aufregungen um die Kinderbuchsache ist nun wieder Ruhe eingekehrt – hoffe ich. Die Argumente sind ausgetauscht, die Verständigen kennen sowohl ihre eigenen als auch die der anderen und kümmern sich wieder um andere wichtige Dinge, Familie, Geldverdienen, Kunstmachen, Gesundheit und so weiter. Alles in allem ist ja nichts passiert. Auch ich muß mich nun wieder um meinen Roman kümmern, auf den die Leser sich sicher schon freuten, wüßten sie um ihr Glück, ihn lesen zu dürfen. Ich stehe also in der Pflicht, um die mich offensichtlich manch ein ins gemeine Lebensgeschehen Eingetakteter beneidet, doch immerhin, das sollte man durchaus mal sagen dürfen, ist Neid nichts Schlechtes in dieser Gesellschaft. Wenn dann noch Geld ins Spiel kommt, gehts los, das treibt die Welt an. So, nun aber ans Werk!
… nein, natürlich nicht, die Bibel ist heilig und Luther natürlich auch. War nur ein Scherz! Ehrlich! Was aber umgeschrieben, umgewidmet, verändert werden soll, sind die Kinderbücher, wahrscheinlich auch all die Kinderbibeln, wenn sie Worte oder Wörter enthalten, die bäh sind. Kluge Menschen, liebe Kinder, wenden sich zum Glück vehement, also ganz dolle, gegen solch ein Vorhaben, was man hier und da nachlesen kann, damit ihr Kinder nicht für dumm verkauft werdet und noch etwas zu fragen habt, warum die Negerprinzessin Negerprinzessin heißt zum Beispiel, und ob alle Negerinnen Prinzessinnen sind und warum man das früher so gesagt hat, und dann kann es und sollte es natürlich auch eine Antwort geben, etwa daß das schon damals keineswegs in Ordnung war, wenn man damit einen Menschen oder ganz viele Menschen schlecht machen wollte, und daß es aber immer, immer auf den Kontext ankommt, den Zusammenhang, den nämlich muß man erkennen, und wenn man ihn nicht erkennt, aber irgendwie merkt, daß da was nicht ganz koscher, nicht ganz richtig sein könnte, dann fragt man und bohrt solange nach, bis das einer mal erklärt – und dann weiß man hoffentlich, um was es geht, und dann kann man sich selbst Gedanken machen. Kennt ihr noch dieses alte Lied aus der Sesamstraße, wer nicht fragt bleibt dumm? Ich persönlich mag das Lied nicht und hab es auch noch nie gemocht, es ist fürchterlich, aber es zeigt wenigstens, was passiert, wenn man nicht fragt. Was könnte das wohl sein?