Die „Aufgabe der Aufgabe“ als Vielfachsinn

Wenn man einmal über das Wort Aufgabe nachsinnt, so springt einen der Doppelsinn geradezu an! Etwa ist die Bemerkung, es ginge um die „Aufgabe der Aufgabe“ in jedem Fall nicht eindeutig und bedarf eines vollkommen eindeutigen Kontextes, um klar verständlich zu sein, denn genau genommen kann es sich ohne diesen darum handeln, daß eine geplante Handlung aufgegeben wird und auch darum, daß eine aufgegebene Handlung wieder aufgenommen wird oder darum, daß es eine Aufgabe ist, etwas aufzugeben oder darum, daß es sich um die Aufgabe gleichsam aller Aufgaben, sich somit um die herausragende Aufgabe überhaupt handelt oder – ach wissen Sie was, das ist mir zu schwierig, ich geb’s auf, denn so etwas ist doch eher Aufgabe der Sprachwissenschaftler als diejenige eines armes Schreibers, der weißgott besseres zu tun hat, als sich mit dem Aufgeben von Aufgaben zu beschäftigen!

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Ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei

Eines der wenigen Dinge, die man nicht kaufen muß, ist Leistungsdruck. Ganz im Gegenteil, man wird gemeinhin sogar dafür bezahlt, daß man sich ihm aussetzt, vorausgesetzt natürlich, er kommt von außen. Selbstgemachter Leistungsdruck ist dagegen zunächst rein selbstbezüglich und muß der Welt nicht nur vermittelt, sondern auch noch, umgewandelt in ein Produkt oder eine Dienstleistung, verkauft werden. Das ist schwer, man braucht dafür Geduld und Ausdauer und Glück und Unterstützung und eine Portion Wahnsinn und gute Freunde und überhaupt viel mehr, als man benötigte, ließe man sich den Druck vernünftigerweise von außen liefern und entspräche ihm entsprechend, was nicht leicht, immerhin aber regelkonform ist. Die ganz und gar nichtregelkonformen Gestalten dieser Welt sind von eben diesen immerhin mannigfach in die Welt eingeschrieben worden, man denke nur an James Joyce‘ Alter ego Stephen Dedalus, der dem Engländer Haines, mit dem er im ersten Ulysses-Kapitel, zusammen mit Buck Mulligan, irisch-englisch gefrühstückt hatte (zum Thema Frühstück siehe auch dort), mit grimmigem Mißvergnügen auf die Frage nach der Idee eines persönlichen Gottes antwortet: „Sie erblicken in mir ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei“. Kein Wunder, daß der Lohn für solch eine Haltung karg bleiben mußte, vom posthumen Lohn einmal abgesehen.

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Begegnung, gleichzeitig-ungleichzeitig

Für mich ist das Lesen eines literarischen Textes eine Begegnung mit dem Autor oder der Autorin, ganz gleich, wie viele Jahre oder Jahrhunderte seit der Niederschrift vergangen sind. Mit dem Lesen anonymer Texte hatte ich eben deswegen seit je her Schwierigkeiten, wenngleich ich keineswegs den Lebenslauf eines Autors kennen muß und tatsächlich mich auch immer erst um diesen wirklich bemühte, wenn ich mindestens die sogenannten Hauptwerke gelesen hatte. Wichtig ist für mich aber allein die Zwiesprache, die beim Lesen auf allen Ebenen stattfindet und gleichsam gleichzeitig-ungleichzeitig ist, was für mich ihren besonderen Reiz ausmacht, so daß ich auch weniger Zeitgenossen lese als eben solche, die vor mir und unserer Zeit gewirkt haben. Im Moment bin ich lesend mal wieder so etwa siebzig bis hundert Jahre zurück, Katarina Botsky, Alfred Döblin, Robert Musil, Robert Walser, Italo Svevo, James Joyce, Thomas Mann – denn warum, frage ich mich, sollte ich Zeitgenossen lesen, wenn ich doch die selbe Zeit bewohne und auch noch in ihr schreibe? Das kann man natürlich auch anders sehen, tue ich aber nicht.

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Zustände sind das

Im Land der Dichter und Denker hat das Dichten und Denken einen außerordentlich geringen Stellenwert, was jedoch niemanden zu stören scheint außer den Dichtern und Denkern selbst. Das mag daran liegen, daß das Dichten und Denken eine das Leben als Ganzes bestimmende Tätigkeit ist, während die meisten normalen Menschen nach der Industrienorm Mensch gebildet sind und dementsprechend leben, was ja nunmal die Trennung von Arbeitsmensch und Freizeitmensch bedeutet, wann immer dies den Arbeitskraftnehmenden dienlich erscheint. In diesem System ist Widerstand gegen Zustände eben das, was Widerstand in jedem System ist, nämlich mindestens störend und schlimmstenfalls systemstörend, was Maßnahmen nötig macht, Dichter und sonstwede Künstler und Denker, die nicht primär der Produktion dienen oder gewinnbringend zu vermarkten sind, auszulöschen, auch wenn dies in zivilisierten Gesellschaften natürlich ganz ohne Schauprozesse, Gefängnis und Blutvergießen geschieht. Am Ende jedenfalls hat das System – denkt man einmal scharf darüber nach, so kommt man drauf – immer recht. Kann man machen nix.

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Alles neu? Alles anders?

Nun haben wir das Jahr 2013 angebrochen, es hat 365 Stücke a 24 Stunden. Was also hat sich geändert? Ich für meinen Teil habe nun neuerdings und zum ersten Mal seit Jahrzehnten, das ist dann schon eine Änderung, kein Abonnement einer Tageszeitung mehr, denn da vieles teurer geworden ist und meine GEZ-Gebühr sich verdreifacht hat, auf daß man den Gottschalks und Jauchs möglichst viel Geld in den Hintern zu stecken vermag, kann ich mir ein tägliches Presseerzeugnis nicht mehr leisten. Macht aber nichts, Bäckereibrot oder Käsethekenkäse oder Urlaub kann ich mir ja auch nicht leisten, dafür aber kann ich es mir leisten, Zeit zu haben. Kein Grund also, sich gegenseitig zu beneiden. Apropos Zeit: wie angekündigt nehme ich mir diese, um Katarina Botskys In den Finsternissen zu lesen, um eben darüber dann zu berichten. Die ersten beiden Novellen des Bandes habe ich bereits gelesen, und wenn die noch folgenden acht Novellen halten, was die ersten beiden versprechen, so ist der Literatur Wichtiges (zurück-)gegeben worden. Wie gesagt, ich werde Sie es wissen lassen, Rezension folgt.

Ansonsten setze ich die unterbrochene Überarbeitung meines Romans fort, ich hab noch über zweihundert Typoskriptseiten vor der Brust, bevor ich dann die handschriftlichen Änderungen in den Rechner hacke, um dann alles noch einmal vollständig zu lesen, bevor ich dann das Ganze dem willigsten Verlag übergebe – von Nix kommt eben Nix, außer natürlich das Leben als solches, das den Übergang darstellt vom Nichts zum Nichts, doch das ist ein anderes Thema. Zudem ist als eine der ersten Arbeiten im angebrochenen Jahr ein neues Konzept zu erstellen für ein Schreibseminar, es sind ältere Texte zu überarbeiten, Geldsorgen zu romantisieren und so weiter und so weiter. Wie heißt es so richtig: panta rhei. Schwimmen wir es an!

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Schraffur

Wo mein Leben aufhört und das der Anderen beginnt? Kann man das wissen? Nein. Man kann aber, meine ich, zumindest versuchen, das Grenzgebiet zu schraffieren, denn dann wird vieles einfacher. In der Literatur begegnen sich der Text der Autors und der lesende Mensch in eben diesem Schraffurgebiet und gestalten es gemeinsam aus, emotional, räumlich, intellektuell, zeitlich und so weiter, woraus sich dann der Lauf der Dinge ergibt und damit die Geschichten, die Ideen, die Erkenntnisse und die Gefühle. Das ist zum Glück nicht zu ändern, es sei denn, der Welt gingen die Texte verloren, was jedoch in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, auch nicht im kommenden Jahr 2013.

Ich wünsche allen meinen Lesern und Leserinnen einen guten Übergang ins neue Jahr! – auf daß es ein gelingendes werden möge!

PS: Guido Rohm hat natürlich recht!

 

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Über die Zeit

Wir leben nunmal, jedenfalls in Deutschland, in einer überkonsumistischen, überbürokratisierten, überüberwachten, übernormierten, überbeschleunigten, überinformierten und überbevölkerten Welt, die ganz und gar von skrupellosen Geschäftemachern bestimmt wird, die jede auch nur erdenkliche menschliche Schwäche auszunutzen wissen, um Profit zu machen und ihre Macht zu mehren. Dagegen ist die Kirche zu Luthers jungen Jahren ein Waisenknabe gewesen, aber hallo. Manchen erscheint George Orwells 1984 inzwischen ja sogar schon als das Buch, das die gute alte Zeit am besten beschreibt, selbst wenn es sie nie gegeben hat oder nur ein winziges Augenblickchen lang. Machen aber kann man gegen diese Entwicklung jedenfalls nichts, nur warten kann man auf die nächste Katastrophe, die nächste Wendung, nach der es eine Weile vielleicht ein wenig vernünftiger und menschlicher zugehen wird, nach der das Nehmen und das Geben womöglich eine zeitlang in einem gesunden Verhältnis steht. Vom alten Rom sagt man, es und seine Bürger hätten jahrhundertelang gar nicht bemerkt, daß das römische Reich untergegangen ist, und wer weiß, wann wir Europäer unseren Untergang bemerken und ob zum Beispiel die Anti-Raucher-Politik der Nazis tatsächlich noch überall und nicht nur in Bayern durchgesetzt wird, bevor am Ende fast alles egal ist, doch wahrscheinlich bleibt uns die Zeit noch, denke ich, und mir sowieso als einer dieser berüchtigten, absolut unvernetzten optimistischen Fatalisten, denn es geht ja nichts über das Gegenwärtige, ja ich wäre sogar dafür, die Übergegenwärtigkeit als die Lebensmaxime allen Menschen oder wenigstens allen Überdrüssigen schmackhaft zu machen, weil man nur so die Katastrophe immer schön vor Augen hat – denn wer sehen kann, der sehe.

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Wo keine Stühle sind, da kann man auch nicht zwischen den Stühlen sitzen

Die Inszenierung der Zeit zwischen den Jahren könnte besser nicht laufen – demnächst noch weniger dazu. Außerdem bin ich ein wenig irritiert, denn da ich im Moment keinen Hang zu alkoholischen Getränken verspüre, trinke ich Leitungswasser, das ja ohne Zweifel lecker ist. Von Tee oder sonstigen heißen Getränken wird mir abends schlecht, und eben war ich spazieren, junge Mädels in Balletschühchen, dünnen Strumpfhöschen, kurzen Röckchen und knappen Jäckchen, es muß wohl Freitag sein, und als ich durchgefroren nach Hause komme gehe ich ins Internet wie die Zeit ins Land und lese hier und da was bei den üblichen Verdächtigen, Kulturtechnik Sekt ist auch dabei, ein böser Beitrag über so Sachen wie den open mike, und ich frage mich, warum denn bei ocelot, Buchhandlung ihres Zeichens, das steht, also auf dem Blog derselben, ob das so eine Art kulturjournalistischer Klappentext ist, damit wenigstens ein bißchen Blut, Schweiß und Tränen auf die Literaturbetriebsdachgartenterrasse tröpfelt, obwohl, recht hat sie schon mit dem, was sie da sagt, die Frau Buchzik, also ich würde mich nicht trauen, da so Kritik dran zu üben an dem Betrieb, ich erinnere mich noch an so einen open mike, war wohl ’97, der noch da am Majakowskiring stattfand, da war ich noch jung, da hätte ich selbst noch teilnehmen können, damals, es war wie die heilige Messe auf links gezogen, überall Päpste und Novizen und Novizinnen, ich kann mich an keinen einzigen Satz erinnern, nur an die Wiese draußen im Garten, oder wars Rasen, also ich frag mich tatsächlich, was der Text da soll bei ocelot und warum der bei ZE ZURREALISM ITZELF nur als Ausschnitt auftaucht mit nem Link, doch ich frag da besser nicht nach, gibt nur Ärger, wer weiß, was da alles abläuft, vor allem da die Autorin im „Mordor Niedersachsens“ studiert haben soll, so stehts da unter dem Artikel, und falls das nicht ironisch gemeint ist, will ich lieber mal nichts gesagt haben, so zwischen den Jahren.

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Vorsätze

In wenigen Tagen isses wieda so weit – Menschen, die sich selbst nicht über den Weg trauen, nehmen sich etwas vor fürs neue Jahr. Tjiiij, lachhaft! Ich für meinen Teil weiß zwar, was zu tun ist im Friedensjahr 2013, unter anderem ist dies hier zu lesen, um dann darüber zu berichten, doch Änderungen am Lebensstil nehme ich mir keinesfalls vor, denn erstens setzte ich mich damit unter normativen Druck, während ich, zweitens, zugleich meine eigene Vergangenheit abwertete als von allzumenschlichen Schwächen bestimmt, die ich aber ohnehin nicht lassen kann, weil sie nichts Geringeres darstellen als meine Rettungsboote bei neblichtem Wetter – reinsetzen: ja / zu Wasser lassen: nein.

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Schreiben und Gelesenwerden

Ich denke oft darüber nach, wo die Wege sich kreuzen, die des Schreibens und die des Gelesenwerdens. Alban Nikolai Herbst beispielsweise weist immer wieder zurecht darauf hin, daß viele Schriftsteller imgrunde für eine Elite schreiben, die beim Lesen gleichsam angemessen mitzuarbeiten willens und auch in der Lage ist, was aber sicher nicht weiter schlimm wäre, würde diese Gruppe nur angemessen groß sein – ist sie aber nicht. Einiges gilt auch ohne jeden Grund als schwer zu lesen, vor allem die „Klassiker“, ob nun Kafka, Thomas Mann oder Dostojewski, obwohl der Leser nichts weiter tun muß, als dem Text aufmerksam zu folgen, so wie der Wanderer einem Weg folgt. Vielen Menschen wird die Lektüre anspruchsvoller Texte wohl auch durch den Deutschunterricht mit seinem ganz und gar fehlerhaften Ansatz verdorben, doch da kann man nichts machen, zweihundert Jahre vergeblichen Reformeifers sprechen eine klare Sprache. Dazu kommt ein in weiten Teilen der Bevölkerung verbreiteter Kunst- und Künstlerhaß, der einerseits gespeist wird aus der Unkenntnis, wie und mit welch immensem Aufwand Kunst aller Sparten hergestellt wird, und der andererseits vielleicht immer noch herrührt aus dem Mißbrauch der Kunst im Faschismus und Kommunismus. Gedanken über Gedanken, noch dazu zwischen den Jahren fabriziert, die alle nicht weiterführend sind, denn es ist ja trotz allem ein ewiger Kampf, eine Sisyphosarbeit, dieses Schreiben, ob man nun einige wenige Leser hat oder viele.

 

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