Sommer Stadtwinter

Dinge, die nicht zu ändern sind, muß man hinnehmen – leicht gesagt, wenn man sich im ewigen Eis wähnt und draußen nur Schlitterabenteuer warten. Würde ich nur melancholisch werden ob der Gesamtlage, zu der das Wetter ja schließlich gehört, so wäre ich eben eine Weile melancholisch, wottschälltz, würde ich sagen, doch leider ist meine Gemütslage grad so, daß ich zur Heilung dringend Sommer oder wenigstens Frühling brauche, und zwar hier in Berlin oder zumindest auf meinem Balkon. Dringend! Ist das zuviel verlangt!? Immerhin, ich wies bereits letztens darauf hin, habe ich den Winter über mutmaßlich gute Bücher zu lesen, nicht nur Katarina Botskys In den Finsternissen, sondern auch noch Alfred Döblins Wallenstein und Franz Werfels Verdi (das Buch zum Verdi- und zum Wagner-Jahr), so daß ich zu lesen genug haben werde, wenn ich denn meine Zeit nicht grade dem Schreiben und dem Überarbeiten meines Romans, dem Pläneschmieden, dem Sorgenmachen und was da sonst noch so anfällt widme. Trotzdem fühle ich mich grauselig, selbst wenn das, ich gebe es zu, mit dem kommenden Weltuntergang zu tun haben mag. Warten wir’s ab.

 

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Schneeballbewurf und Konzert

Auf dem Weg zu einem Konzert im Wedding, Sayaka Shoji & Julien Quentin gaben ganz hervorragend Mozart, Schubert, Brahms, Fauré und noch ein paar kleine Zugaben, gingen wir zu dritt von der Tram-Haltestelle in Richtung Uferstraße, und da sind doch tatsächlich zwei Jungs (im Wedding gibt es das noch, anders als in den Prenzlauer Bergen, nämlich Kinder ohne ihre Eltern alleine draußen), die mit Schneebällen werfen. So muß das sein, denkt man, doch da kommen die doch tatsächlich zu uns und fragen, ob sie uns mit Schneebällen bewerfen dürfen – anstatt es einfach zu tun! So was hätte es „früher“ nicht gegeben, denkt man, und zack, schon ist man getroffen, denn werfen konnten die schon, die allzu braven Jungs.

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Lesen

Benötigt man in unserer frühpostmodernen Zeit überhaupt noch Literatur? Das frage ich mich manchmal. Das ist eine überaus dumme Frage, könnte man meinen, doch es gibt ja keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Meine Antwort ist, gerade jetzt ist die Literatur gefragt, weil sie weder beliebig sein kann noch diktatorisch, denn wer liest, der denkt selbst und der fühlt selbst und der macht sich seine Vorstellungen mit dem Gelesenen und durch das Gelesene. Würde man einen lesenden Menschen filmen, so sähe man nichts weiter als einen lesenden Menschen, von dem man aber als Leser weiß, daß er abgetaucht ist in eine andere Welt, man sieht nur noch die Hülle, während der Geist wer weiß wo ist. Entführt allerdings ist der Geist des Lesers nicht, dafür ist die Musik und der Film zuständig und manche Droge, sondern er ist eigenständig in einer anderen Welt unterwegs, die ohne ihn nicht wäre, während er ohne diese Welt eben auch nicht wäre, nicht so jedenfalls. Wollte ich nur mal gesagt haben.

 

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Alt und neu zugleich

Mit einer gewissen Vorfreude betrachte ich dieses Buch aus dem Elsinor Verlag, nämlich In den Finsternissen von Katarina Botsky, (neu) herausgegeben von Martin A. Völker. Der Klappentext verrät folgendes: Die Auswahl „In den Finsternissen“ enthält zehn Novellen und zwei Gedichte der heute nahezu unbekannten Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880-1945). Ihre Zeitgenossen schätzten sie als starke Vertreterin der literarischen Moderne. Ludwig Goldstein, Feuilletonleiter der bekannten Hartungschen Zeitung, bezeichnete Botsky als Ostpreußens „erstes weibliches Kraft- und Originalgenie“. In den Novellen, die sie zwischen 1911 und 1936 für die Zeitschrift Simplicissimus schrieb, widmet sich die Autorin den Verworfenen und Missgestalteten, jenen Menschen, die ausziehen, um Freude zu suchen und das Entsetzen finden.

Gestern erhielt ich also das Rezensionsexemplar. Wer jemals in den großen Bibliotheken nicht nur nach Büchern und Zeitschriften gesucht hat, die er ebenso gut im Buchhandel finden kann, der weiß, welche Schätze dort zu heben sind und wie wichtig es ist, daß Menschen und Verlage sich kümmern. Also, wie gesagt, die Vorfreude ist groß, und sobald die Muße mich umfängt, werde ich es lesen, um dann hier darüber zu berichten, mutmaßlich Anfang des nächsten Jahres. Wer liest mit?

 

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Marktwert & Auslieferung

Vor einer kurzen Weile hatte ich einen schönen Abend und ein gutes Gespräch, also beides zusammen. Die zigarettenrauchende Künstlerin sprach unter anderem von ihrer Abneigung gegen das Tariertwerden, gegen das Abschätzen und gegen das Prüfen des Marktwertes von Kunstwerken, weshalb sie sich in noch ganz jungen Jahren entschied, den Lebensunterhalt nicht mit Kunst zu erwirtschaften und eben dadurch die Kunst, ihre Kunst, frei zu halten. Konsumistisch bewertet zu werden, das kam für sie also nicht in die Tüte. Ich, der gelegentlich zigarrenrauchende Autor, hatte dieses Modell auch jahrelang gelebt, allerdings parallel zur Erklimmung von Bildungswipfeln, was nicht zuletzt dazu führte, mit eben dieser zertifizierten Bildung nun unmittelbar kein Geld verdienen zu können, wodurch sich für mich jetzt die aussichtslose Aussicht ergibt, mit dem Schreiben von Romanen Schotter zu machen, was also heißen muß, doch wieder auf die selbe Art zu Kohle kommen zu müssen wie ganz zu Beginn meines künstlerischen und meines Bildungs-Weges, nämlich durch einfaches Jobben. Doch da aus nicht vorhandenen Kronen auch keine Zacken brechen können, ist das nicht weiter schlimm bzw. wäre ganz und gar okay, wenn sich dieses Land nicht dank des Schröder-Fischer-Münterfering-Regimes zu einem Billiglohnland entwickelt hätte, das dummerweise das selbe Land ist wie das, das zu einem Hochpreisland wurde, was selbstverständlich zusammenhängt und ja auch nicht heißt, daß kein Geld mehr zu vedienen ist, denn natürlich kann jeder wohlhabend werden – aber, und das ist die Crux bei der Sache, nicht alle. Wo kämen wir denn da hin!

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Lyrik lesen (II): Thomas Kade

Thomas Kade

Drahtseilakt
 
dreißig Jahre
drück mich
ganz fest an dich
häng noch
was dran wir fliegen
Dreizimmerwohnung
Küche Diele Bad
bißchen dreckig auch
hörst du
die Drosseln drinnen
und draußen
drück mich
nochmal drunter
und drüber
liegen wir
lassen die Drachen
fliegen
 
Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten. Gedichte. 
roterfadenlyrik, Edition Haus Nottbeck im vorsatz verlag, Dortmund
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Würden Zahnräder, wenn sie ein Bewußtsein hätten, Bücher schreiben wollen?

Neinneinnein, würden sie nicht wollen, die Zahnräder, denn nicht mal der normale Mensch will Bücher schreiben; der eine Spur weniger normale, nunja, der tut’s, weil er nicht Zahnrad ist oder sein will, denn das Schreiben scheint ihm eine gangbare Alternative zum Trott im Getriebe der Welt – ein Irrtum, und was für einer!, sicher, doch ist ihm das, dem bücherschreibenden Menschen, zu verübeln, wenn er sich etwas vormacht, sich dünkt, etwas sowohl Kleines und Unbedeutendes zu schaffen als auch etwas Besonderes? Gegenwärtig hat das Geschriebene natürlich allein auf dem Markt zu funktionieren, der beliefert werden muß wie jeder andere Markt auch, klar, is‘ so, und wer den Markt nicht beliefert, ist des Marktes nicht wert. Punktum. Zum Glück gibt es aber noch Nischen und Kabüffchen, in die man sich zurückziehen kann – und wenn der Markt ein Anliegen hat, dann soll er doch kommen, wir haben da schon das ein oder andere anzubieten, nix Weltbewegendes natürlich, das kann niemand mehr erwarten, denn das ist ja alles vor Jahrzehnten schon geschaffen worden, doch ein Büchlein hier und ein Büchlein dort ist schon drin, versprochen! Ist natürlich viel Arbeit, dieses Schreiben, es ist ein Hand- oder eher ein Fingerwerk, der Kopf und das Gemüt arbeiten auch noch zu und mit, die Tage jedenfalls sind ausgefüllt mit all dem Tun, professionelles Ansichzweifeln ebenso inbegriffen wie professionelles Trotzdemweiterarbeiten, und wenn alles nichts mehr hilft, ja dann setzt man sich einfach in seinen Garten und meditiert, und wenn man nicht meditieren kann und keinen Garten hat, dann sucht man sich einen Stellvertreter, der das prima für einen erledigt.

 

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Wie man sich beckett, so liegt man!

Das gilt natürlich insbesondere, ja sogar ausschließlich, für Schriftsteller:innen.

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Schräge Ebene

Mit diesem Land geht es bergab – man merkt es an Kleinigkeiten. Folgendes begab sich: die Oma meiner Ex-Freundin schreibt mir einen Brief, ob ich sie nicht mal im berlinnahen Brandenburgischen besuchen will. Sie schreibt meine Adresse drauf, den Absender, versieht den Umschlag mit einer Briefmarke und schickt die Botschaft ab. Dann kommt der Brief wieder zurück, weil mein Name angeblich nicht zu lesen sein soll, der Hinweis darauf ist handschriftlich draufgekritzelt, mit einer Sauklaue, und nicht nur das, denn der Oma ihre Adresse, mit der gleichen Handschrift und mit gleicher Sorgfalt geschrieben, war offensichtlich deutlich genug, um den Brief zurücksenden zu können. Tja, lieber Postbote oder liebe Postbotin, Lesen und Schreiben gehört zur Grundqualifikation für den Job, vielleicht versuchen Sie es mal mit was Einfachem, mit Winterdienst auf den Malediven oder Strandwache am Nordkap, was weiß ich, aber lassen Sie das mit dem Briefeaustragen! Zum Glück aber gibt es ja noch das Telefon, so daß ich dann doch noch zu einem leckeren Mittagessen und Kaffee und Kuchen kam, trotz des bedauerlichen Versagens der deutschen Post. Gewarnt sein sollte man aber dennoch!

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Nur wenn ich lachen muß, tut es noch weh

Fehler, die keine sind, müssen trotzdem begangen werden, das wird mir immer klarer, denn sonst läge man ja nur noch pofend aufem Sofa und würd‘ am Ende da noch durchfaulen. Will man ja nich‘, oder! Allerdings, und das ist eine elementare Tröstung, ist ja nicht aller Tage Abend, Zeit ist immer relativ, die Welt ist ein Tollhaus, das letzte Hemd hat keine Taschen und so weiter und immer so fort. Ich beobachte, ich denke nach, ich spreche mit Freunden über Lebenslagen, die Seligkeit der geistig Armen, die Ruinierung des eigenen Lebens durch zertifiziertes Fachwissen oder durch allzu vernünftiges Tun, und natürlich spreche ich auch über das Gegengewichtige, um die Ruine aufrecht zu erhalten, tja, ich spreche überhaupt nur über das Leben selbst, über Hoffnungen und Notlagen, Spaß und Einsamkeit, über die ureigene Arbeit, Glück und Wirdschonwerden, und da bleibt natürlich keine Zeit, sich der Weltrettung zu widmen, das sage ich ganz offen, die ja immer auch und sogar eigentlich nur Selbstrettung ist, eine Art Selbstbetrug mit erhofftem Mehrwert für die armen, armen Menschen und Tiere und Bäume und Meere und unberührten Landschaften und Kulturlandschaften und dann noch für die Luft und die Fische in den Flüssen und für die Molche in den Tümpeln und selbstredend auch für den Planeten selbst, denn der arme Menschenkopf braucht Sinn, weil er sonst nicht weiß, warum er überhaupt ist, ja aber hallo, die Sinnfrage ist doch die, die ununterbrochen durch jeden Kopf gallopiert, ohne Unterlaß und immer im Kreis, da kann man ironisieren oder vulgarisieren wie man will, galopper, galopper, immer im Kreis herum, und da winkt einer mit Geld und Ruhm und dort einer mit Spaß und Ekstase, galoppert eine Weile mit, und dann runter mit dem Kerl, hab mir was aufschwatzen lassen, geh hier hin, sagte man mir, geh da hin, mach dieses, mach jenes, laß dich nicht gehen, bis man dann feststellt, man ist gegangen worden, hat sich am Gängelband durch die Manege führen lassen, und nu‘, weil man den Sinn nicht fand und darüber nicht lachen kann, steht man nur noch so rum in dieser Manege, und um einen herum die Clowns und die Pferde und die Elefanten und die Raubtiere, und oben das Orchester, die spielen dir auf, mit Bumbsassa, beweg dich, Kerl, siehste nich‘, daß alles in Bewegung ist, nur du stehst da doof rum und tust nüscht, ist doch kein Zustand, mach was, immer im Rhythmus, schlafen, arbeiten, amüsieren, schlafen, arbeiten, amüsieren, da wo man immer mit muß, tret‘ wenigstens auf der Stelle ‚rum, Bauch rein, Brust raus, die Knie hochgerissen, geht doch!, muß gehen, und marschieren, marschieren, immer auf der Stelle, Hauptsache, du zuckst noch, so lange nur die Musi dazu spielt, und wenn dann Stille ist und alle auf einem Stuhl hocken, dann bist du der arme Tropf, der keinen hat und dumm rumsteht, die Reise nach Rom findet ohne dich statt, tja, Pech halt, und das ist dann das Ende, da kann man nix machen, aber sei unbesorgt, es ist nur dein Ende, denn der Planet macht weiter, immer im Kreis und immer in Bewegung, mit Karacho durchs Weltall und natürlich immer ‚rum um die Sonne. 

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