Marktwert & Auslieferung

Vor einer kurzen Weile hatte ich einen schönen Abend und ein gutes Gespräch, also beides zusammen. Die zigarettenrauchende Künstlerin sprach unter anderem von ihrer Abneigung gegen das Tariertwerden, gegen das Abschätzen und gegen das Prüfen des Marktwertes von Kunstwerken, weshalb sie sich in noch ganz jungen Jahren entschied, den Lebensunterhalt nicht mit Kunst zu erwirtschaften und eben dadurch die Kunst, ihre Kunst, frei zu halten. Konsumistisch bewertet zu werden, das kam für sie also nicht in die Tüte. Ich, der gelegentlich zigarrenrauchende Autor, hatte dieses Modell auch jahrelang gelebt, allerdings parallel zur Erklimmung von Bildungswipfeln, was nicht zuletzt dazu führte, mit eben dieser zertifizierten Bildung nun unmittelbar kein Geld verdienen zu können, wodurch sich für mich jetzt die aussichtslose Aussicht ergibt, mit dem Schreiben von Romanen Schotter zu machen, was also heißen muß, doch wieder auf die selbe Art zu Kohle kommen zu müssen wie ganz zu Beginn meines künstlerischen und meines Bildungs-Weges, nämlich durch einfaches Jobben. Doch da aus nicht vorhandenen Kronen auch keine Zacken brechen können, ist das nicht weiter schlimm bzw. wäre ganz und gar okay, wenn sich dieses Land nicht dank des Schröder-Fischer-Münterfering-Regimes zu einem Billiglohnland entwickelt hätte, das dummerweise das selbe Land ist wie das, das zu einem Hochpreisland wurde, was selbstverständlich zusammenhängt und ja auch nicht heißt, daß kein Geld mehr zu vedienen ist, denn natürlich kann jeder wohlhabend werden – aber, und das ist die Crux bei der Sache, nicht alle. Wo kämen wir denn da hin!

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Lyrik lesen (II): Thomas Kade

Thomas Kade

Drahtseilakt
 
dreißig Jahre
drück mich
ganz fest an dich
häng noch
was dran wir fliegen
Dreizimmerwohnung
Küche Diele Bad
bißchen dreckig auch
hörst du
die Drosseln drinnen
und draußen
drück mich
nochmal drunter
und drüber
liegen wir
lassen die Drachen
fliegen
 
Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten. Gedichte. 
roterfadenlyrik, Edition Haus Nottbeck im vorsatz verlag, Dortmund
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Würden Zahnräder, wenn sie ein Bewußtsein hätten, Bücher schreiben wollen?

Neinneinnein, würden sie nicht wollen, die Zahnräder, denn nicht mal der normale Mensch will Bücher schreiben; der eine Spur weniger normale, nunja, der tut’s, weil er nicht Zahnrad ist oder sein will, denn das Schreiben scheint ihm eine gangbare Alternative zum Trott im Getriebe der Welt – ein Irrtum, und was für einer!, sicher, doch ist ihm das, dem bücherschreibenden Menschen, zu verübeln, wenn er sich etwas vormacht, sich dünkt, etwas sowohl Kleines und Unbedeutendes zu schaffen als auch etwas Besonderes? Gegenwärtig hat das Geschriebene natürlich allein auf dem Markt zu funktionieren, der beliefert werden muß wie jeder andere Markt auch, klar, is‘ so, und wer den Markt nicht beliefert, ist des Marktes nicht wert. Punktum. Zum Glück gibt es aber noch Nischen und Kabüffchen, in die man sich zurückziehen kann – und wenn der Markt ein Anliegen hat, dann soll er doch kommen, wir haben da schon das ein oder andere anzubieten, nix Weltbewegendes natürlich, das kann niemand mehr erwarten, denn das ist ja alles vor Jahrzehnten schon geschaffen worden, doch ein Büchlein hier und ein Büchlein dort ist schon drin, versprochen! Ist natürlich viel Arbeit, dieses Schreiben, es ist ein Hand- oder eher ein Fingerwerk, der Kopf und das Gemüt arbeiten auch noch zu und mit, die Tage jedenfalls sind ausgefüllt mit all dem Tun, professionelles Ansichzweifeln ebenso inbegriffen wie professionelles Trotzdemweiterarbeiten, und wenn alles nichts mehr hilft, ja dann setzt man sich einfach in seinen Garten und meditiert, und wenn man nicht meditieren kann und keinen Garten hat, dann sucht man sich einen Stellvertreter, der das prima für einen erledigt.

 

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Wie man sich beckett, so liegt man!

Das gilt natürlich insbesondere, ja sogar ausschließlich, für Schriftsteller:innen.

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Schräge Ebene

Mit diesem Land geht es bergab – man merkt es an Kleinigkeiten. Folgendes begab sich: die Oma meiner Ex-Freundin schreibt mir einen Brief, ob ich sie nicht mal im berlinnahen Brandenburgischen besuchen will. Sie schreibt meine Adresse drauf, den Absender, versieht den Umschlag mit einer Briefmarke und schickt die Botschaft ab. Dann kommt der Brief wieder zurück, weil mein Name angeblich nicht zu lesen sein soll, der Hinweis darauf ist handschriftlich draufgekritzelt, mit einer Sauklaue, und nicht nur das, denn der Oma ihre Adresse, mit der gleichen Handschrift und mit gleicher Sorgfalt geschrieben, war offensichtlich deutlich genug, um den Brief zurücksenden zu können. Tja, lieber Postbote oder liebe Postbotin, Lesen und Schreiben gehört zur Grundqualifikation für den Job, vielleicht versuchen Sie es mal mit was Einfachem, mit Winterdienst auf den Malediven oder Strandwache am Nordkap, was weiß ich, aber lassen Sie das mit dem Briefeaustragen! Zum Glück aber gibt es ja noch das Telefon, so daß ich dann doch noch zu einem leckeren Mittagessen und Kaffee und Kuchen kam, trotz des bedauerlichen Versagens der deutschen Post. Gewarnt sein sollte man aber dennoch!

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Nur wenn ich lachen muß, tut es noch weh

Fehler, die keine sind, müssen trotzdem begangen werden, das wird mir immer klarer, denn sonst läge man ja nur noch pofend aufem Sofa und würd‘ am Ende da noch durchfaulen. Will man ja nich‘, oder! Allerdings, und das ist eine elementare Tröstung, ist ja nicht aller Tage Abend, Zeit ist immer relativ, die Welt ist ein Tollhaus, das letzte Hemd hat keine Taschen und so weiter und immer so fort. Ich beobachte, ich denke nach, ich spreche mit Freunden über Lebenslagen, die Seligkeit der geistig Armen, die Ruinierung des eigenen Lebens durch zertifiziertes Fachwissen oder durch allzu vernünftiges Tun, und natürlich spreche ich auch über das Gegengewichtige, um die Ruine aufrecht zu erhalten, tja, ich spreche überhaupt nur über das Leben selbst, über Hoffnungen und Notlagen, Spaß und Einsamkeit, über die ureigene Arbeit, Glück und Wirdschonwerden, und da bleibt natürlich keine Zeit, sich der Weltrettung zu widmen, das sage ich ganz offen, die ja immer auch und sogar eigentlich nur Selbstrettung ist, eine Art Selbstbetrug mit erhofftem Mehrwert für die armen, armen Menschen und Tiere und Bäume und Meere und unberührten Landschaften und Kulturlandschaften und dann noch für die Luft und die Fische in den Flüssen und für die Molche in den Tümpeln und selbstredend auch für den Planeten selbst, denn der arme Menschenkopf braucht Sinn, weil er sonst nicht weiß, warum er überhaupt ist, ja aber hallo, die Sinnfrage ist doch die, die ununterbrochen durch jeden Kopf gallopiert, ohne Unterlaß und immer im Kreis, da kann man ironisieren oder vulgarisieren wie man will, galopper, galopper, immer im Kreis herum, und da winkt einer mit Geld und Ruhm und dort einer mit Spaß und Ekstase, galoppert eine Weile mit, und dann runter mit dem Kerl, hab mir was aufschwatzen lassen, geh hier hin, sagte man mir, geh da hin, mach dieses, mach jenes, laß dich nicht gehen, bis man dann feststellt, man ist gegangen worden, hat sich am Gängelband durch die Manege führen lassen, und nu‘, weil man den Sinn nicht fand und darüber nicht lachen kann, steht man nur noch so rum in dieser Manege, und um einen herum die Clowns und die Pferde und die Elefanten und die Raubtiere, und oben das Orchester, die spielen dir auf, mit Bumbsassa, beweg dich, Kerl, siehste nich‘, daß alles in Bewegung ist, nur du stehst da doof rum und tust nüscht, ist doch kein Zustand, mach was, immer im Rhythmus, schlafen, arbeiten, amüsieren, schlafen, arbeiten, amüsieren, da wo man immer mit muß, tret‘ wenigstens auf der Stelle ‚rum, Bauch rein, Brust raus, die Knie hochgerissen, geht doch!, muß gehen, und marschieren, marschieren, immer auf der Stelle, Hauptsache, du zuckst noch, so lange nur die Musi dazu spielt, und wenn dann Stille ist und alle auf einem Stuhl hocken, dann bist du der arme Tropf, der keinen hat und dumm rumsteht, die Reise nach Rom findet ohne dich statt, tja, Pech halt, und das ist dann das Ende, da kann man nix machen, aber sei unbesorgt, es ist nur dein Ende, denn der Planet macht weiter, immer im Kreis und immer in Bewegung, mit Karacho durchs Weltall und natürlich immer ‚rum um die Sonne. 

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Typoskriptbearbeitung des ROMANs IV

Während der arme ANH drüben an seinem Buchhaltungsmist sitzen muß, darf ich heute immerhin an meinem Roman weiterarbeiten. Meinen uralten Rechner werde ich dafür abschalten und meinen mittelalten Kopf einschalten müssen. Ich bin auf Seite 90, habe also erst ungefähr ein Viertel geschafft, was nicht weiter schlimm wäre, bedrängten mich nicht die Zweifel, ob denn die Art meines Schreibens neben dem üblichen Lob nur Absagen nach sich ziehen wird, denn ich betreibe keine Romanmanufactur zur Belieferung des von den großen Verlagshäusern beherrschten Marktes, sondern Kunst, man traut es sich ja kaum noch zu sagen, denn wenn auch Bücher, die der Literatur als Kunst nichts hinzuzufügen haben, selbstredend ihre Berechtigung als Unterhaltungsliteratur haben, so kann ich doch nicht all den mir durchaus bekannten Kriterien Abbitte leisten und alles so schreiben, wie der Markt mit seinen Kategorien es verlangt, was heißt, daß ich dem Markt schließlich meinen Text aufdrängen muß, was der Markt, und daher meine Angst, nicht zulassen wird, aber vielleicht geht etwas über einen kleinen, engagierten Verlag, wer weiß, und eben diese Hoffnung liefert mir die Energie, weiter am Text zu arbeiten, denn es geht mir um meinen Text und nicht um’s Aufdenputzhauen, ich finde, ein literarischer Text ist eine Art intimes Einzelstück, das sorgfältig hergestellt und dann an den Leser und die Leserin gebracht werden muß. Einfach ist das nicht.

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Fratzenhaftigkeit

Was so alles in (m)einer Bücherwand steckt an Schrift gewordenem Grauen und Elend! Und dabei habe ich durchaus nicht jedes Buch behalten, das ich mal kaufte und las, sondern immer Bücher auch verschenkt oder verscherbelt und sogar ein paar in die Mülltonne gekloppt, weil ich nicht wollte, daß jemand sie liest – ein gutes Buch enthält zwar gemeinhin viel Grausamkeit, doch es selbst darf natürlich nicht von grausam schlechter Machart sein, das versteht sich ja von selbst. Außerdem ist das Erste, was ich beim Aufwachen sehe, meine Bücherwand, und da will ich doch nicht, daß mir gleich die Laune vergällt wird. Man muß ja immer auch ein wenig an sich denken, finde ich, trotz der immerwährenden Bemühung, es denen da gleichzutun.

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Sonne, Mond & Sterne

Gestern Abend hing der Mond wie eine Laterne zwischen den Häusern. Das war schön. Ich zückte sogleich mein Opernglas und betrachtete ihn näher. Es scheint ihn wirklich zu geben, den Mond, dachte ich, und da fiel mir noch ein, wie ich letztens erst die Sonne hab aufgehen sehen über den Bergen und wie lange ich das schon nicht mehr gesehen hatte, denn in der Stadt ist die Sonne meist einfach da, wie angeknipst brüllt sie vom Himmel herab und schickt Licht und Wärme, doch der Mond, der ist kalt und lacht nie, inmitten der Sterne, die es auch zu geben scheint und die die Nacht perforieren, während die Sonne um die Erde herumwandert und die untere Seite mit ihrem Dasein übergießt. Darüber und daß sich das alles so bald nicht ändern wird dachte ich nach gestern Abend, während der Mond langsam kopfüber in einen Schornstein plumpste und nicht mehr gesehen ward.

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Ist die heutige Jugend überangepaßt?

Natürlich ist die heutige Jugend überangepaßt. Wenn sie mal einen auf kritisch macht, dann kommt höchstens so etwas raus wie so ein krudes Mittelding zwischen Grenzdebil- und Öffentlichkeitsgeilsein (Piratenpartei), was man sogar noch halbwegs verstehen kann angesichts einer politischen Klasse, die von der CDU über die Sozen und die Grünen bis zur Linkspartei (einschließlich der jeweiligen linken und rechten Flügel) reicht und die heutzutage eiskalt genug ist, nicht mehr höchsteigen zu deklassieren und zu ruinieren, sondern dies allein den selbstgeschaffenen Strukturen zu überlassen, die angeblich von der sogenannten Globalisierung verursacht sind und gegen deren Notwendigkeit man sich nicht wehren kann, denn reichen nicht 5 % total regimetreue Anhänger in China vollkommen aus, bald schon die Weltmacht zu sein, tja nun, und da muß man sich wehren, mit wirtschaftlichen Mitteln natürlich, ganz friedlich natürlich, und was zählen da schon Individuen, ja was zählen die, die zählen nix, es sei denn, sie haben sich hochgedient in den Hochdienungslagern, die es bei der evangelischen Kirche oder den Grünen ebenso gibt wie bei den Altstalinisten und den Faschisten (von den Think Tanks mal ganz zu schweigen), denn die, die Hochgedienten zählen was, diese Einzelnen, als Rattenfänger zählen die, in ihren jeweiligen Lagern, und da die meisten Menschen entweder mit Karrieremachen beschäftigt sind oder mit dem Verdienen des Allernötigsten, so sind der Ratten viele, die sich fangen und leiten lassen, und man weiß ja wohin. Tja, nun, und: müßte man da nicht mal etwas machen gegen gewisse Entwicklungen, gegen den Wachstumsirrsinn, gegen den Waffenhandel und die Korruption, gegen das Sterben der Flüchtlinge, gegen den Hunger, weil man Benzin nicht essen kann, das frage ich mich, und wenn ich mich das frage, dann frage ich mich zugleich, ob diese Jugend, die sich auffällig oft prima versteht mit ihren überangepaßten Eltern, das Problem erstens: überhaupt erkennt / und zweitens: wenn ja – etwas dagegen unternehmen würde oder sogar wird, natürlich auf intelligente Weise, also nicht mit irgendwelchen roten Büchlein in der Hand, sondern mit Vernunft und Klarsicht und dem Willen, es eben nicht nur dem eigenen Grüppchen schön erfolgreich zu machen. Das alles frage ich mich, nur mal so, ich kam grad so drauf, is`nich`weiter wichtig, ich tu ja selbst nix außer so Texte schreiben, ich geh ja nich‘ ma‘ in die Partei. Andererseits: is‘ immerhin ’n‘ Anfang, dieses mein Nichtstun.

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