Typoskriptbearbeitung des ROMANs IV

Während der arme ANH drüben an seinem Buchhaltungsmist sitzen muß, darf ich heute immerhin an meinem Roman weiterarbeiten. Meinen uralten Rechner werde ich dafür abschalten und meinen mittelalten Kopf einschalten müssen. Ich bin auf Seite 90, habe also erst ungefähr ein Viertel geschafft, was nicht weiter schlimm wäre, bedrängten mich nicht die Zweifel, ob denn die Art meines Schreibens neben dem üblichen Lob nur Absagen nach sich ziehen wird, denn ich betreibe keine Romanmanufactur zur Belieferung des von den großen Verlagshäusern beherrschten Marktes, sondern Kunst, man traut es sich ja kaum noch zu sagen, denn wenn auch Bücher, die der Literatur als Kunst nichts hinzuzufügen haben, selbstredend ihre Berechtigung als Unterhaltungsliteratur haben, so kann ich doch nicht all den mir durchaus bekannten Kriterien Abbitte leisten und alles so schreiben, wie der Markt mit seinen Kategorien es verlangt, was heißt, daß ich dem Markt schließlich meinen Text aufdrängen muß, was der Markt, und daher meine Angst, nicht zulassen wird, aber vielleicht geht etwas über einen kleinen, engagierten Verlag, wer weiß, und eben diese Hoffnung liefert mir die Energie, weiter am Text zu arbeiten, denn es geht mir um meinen Text und nicht um’s Aufdenputzhauen, ich finde, ein literarischer Text ist eine Art intimes Einzelstück, das sorgfältig hergestellt und dann an den Leser und die Leserin gebracht werden muß. Einfach ist das nicht.

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Fratzenhaftigkeit

Was so alles in (m)einer Bücherwand steckt an Schrift gewordenem Grauen und Elend! Und dabei habe ich durchaus nicht jedes Buch behalten, das ich mal kaufte und las, sondern immer Bücher auch verschenkt oder verscherbelt und sogar ein paar in die Mülltonne gekloppt, weil ich nicht wollte, daß jemand sie liest – ein gutes Buch enthält zwar gemeinhin viel Grausamkeit, doch es selbst darf natürlich nicht von grausam schlechter Machart sein, das versteht sich ja von selbst. Außerdem ist das Erste, was ich beim Aufwachen sehe, meine Bücherwand, und da will ich doch nicht, daß mir gleich die Laune vergällt wird. Man muß ja immer auch ein wenig an sich denken, finde ich, trotz der immerwährenden Bemühung, es denen da gleichzutun.

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Sonne, Mond & Sterne

Gestern Abend hing der Mond wie eine Laterne zwischen den Häusern. Das war schön. Ich zückte sogleich mein Opernglas und betrachtete ihn näher. Es scheint ihn wirklich zu geben, den Mond, dachte ich, und da fiel mir noch ein, wie ich letztens erst die Sonne hab aufgehen sehen über den Bergen und wie lange ich das schon nicht mehr gesehen hatte, denn in der Stadt ist die Sonne meist einfach da, wie angeknipst brüllt sie vom Himmel herab und schickt Licht und Wärme, doch der Mond, der ist kalt und lacht nie, inmitten der Sterne, die es auch zu geben scheint und die die Nacht perforieren, während die Sonne um die Erde herumwandert und die untere Seite mit ihrem Dasein übergießt. Darüber und daß sich das alles so bald nicht ändern wird dachte ich nach gestern Abend, während der Mond langsam kopfüber in einen Schornstein plumpste und nicht mehr gesehen ward.

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Ist die heutige Jugend überangepaßt?

Natürlich ist die heutige Jugend überangepaßt. Wenn sie mal einen auf kritisch macht, dann kommt höchstens so etwas raus wie so ein krudes Mittelding zwischen Grenzdebil- und Öffentlichkeitsgeilsein (Piratenpartei), was man sogar noch halbwegs verstehen kann angesichts einer politischen Klasse, die von der CDU über die Sozen und die Grünen bis zur Linkspartei (einschließlich der jeweiligen linken und rechten Flügel) reicht und die heutzutage eiskalt genug ist, nicht mehr höchsteigen zu deklassieren und zu ruinieren, sondern dies allein den selbstgeschaffenen Strukturen zu überlassen, die angeblich von der sogenannten Globalisierung verursacht sind und gegen deren Notwendigkeit man sich nicht wehren kann, denn reichen nicht 5 % total regimetreue Anhänger in China vollkommen aus, bald schon die Weltmacht zu sein, tja nun, und da muß man sich wehren, mit wirtschaftlichen Mitteln natürlich, ganz friedlich natürlich, und was zählen da schon Individuen, ja was zählen die, die zählen nix, es sei denn, sie haben sich hochgedient in den Hochdienungslagern, die es bei der evangelischen Kirche oder den Grünen ebenso gibt wie bei den Altstalinisten und den Faschisten (von den Think Tanks mal ganz zu schweigen), denn die, die Hochgedienten zählen was, diese Einzelnen, als Rattenfänger zählen die, in ihren jeweiligen Lagern, und da die meisten Menschen entweder mit Karrieremachen beschäftigt sind oder mit dem Verdienen des Allernötigsten, so sind der Ratten viele, die sich fangen und leiten lassen, und man weiß ja wohin. Tja, nun, und: müßte man da nicht mal etwas machen gegen gewisse Entwicklungen, gegen den Wachstumsirrsinn, gegen den Waffenhandel und die Korruption, gegen das Sterben der Flüchtlinge, gegen den Hunger, weil man Benzin nicht essen kann, das frage ich mich, und wenn ich mich das frage, dann frage ich mich zugleich, ob diese Jugend, die sich auffällig oft prima versteht mit ihren überangepaßten Eltern, das Problem erstens: überhaupt erkennt / und zweitens: wenn ja – etwas dagegen unternehmen würde oder sogar wird, natürlich auf intelligente Weise, also nicht mit irgendwelchen roten Büchlein in der Hand, sondern mit Vernunft und Klarsicht und dem Willen, es eben nicht nur dem eigenen Grüppchen schön erfolgreich zu machen. Das alles frage ich mich, nur mal so, ich kam grad so drauf, is`nich`weiter wichtig, ich tu ja selbst nix außer so Texte schreiben, ich geh ja nich‘ ma‘ in die Partei. Andererseits: is‘ immerhin ’n‘ Anfang, dieses mein Nichtstun.

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Da hattse recht, doch was nütztes?

In einem Artikel zum Münchner Literaturfest wird Thea Dorn zitiert: „Um 1800 gab es einen Höhenflug der Künste. Wir wollen überprüfen, was von der Tradition der deutschen Romantik noch übrig ist und wo man anknüpfen kann.“ Das Programm des Literaturfestes verstehe sich als Protest gegen den „schmalen Anspruch“ eines von Wiedererkennbarkeit und biographischer Beglaubigung geprägten Literaturbegriffs, den Dorn als „Verarmung“ bezeichnet, ja als „Irrweg“. (Christopher Schmidt: „Zickenkrieg der Lobbyisten“, Süddeutsche Zeitung, Printausgabe, Freitag, 16. November 2012, S.14.) Recht hattse, doch am Ende werden die großen Verlage und Konzerne sich im Zweifelsfall doch wieder für die klar realistische deutschsprachige Literatur entscheiden, weil sie das tatsächlich für den Markenkern der deutschen Literatur halten, und dann andere Literaturen (zum Beispiel aus Lateinamerika) einfach zukaufen, die einen anderen Markenkern haben. So läßt sich der Niedergang der deutschsprachigen Literatur natürlich nicht aufhalten, aber das hat ja auch niemand ernsthaft vor, jedenfalls niemand von denen, die bei den großen Verlagen, die mit den dollen Backlists, den Lauf der Dinge bestimmen. Schließlich geht es ja nicht um Kunst, sondern immer mehr nur um’s Geschäft, und zwar immer und überall. War ja nie anders, könnte man sagen, doch da erhebe ich sicherheitshalber mal Einspruch, auch wenn das nichts nützen wird in einem Land, in dem nach und nach wirklich alle Lebensbereiche industrialisiert und genormt werden. Trotzdem gilt weiterhin: 

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Frohe Vorweihnachtszeit

So langsam wird es wieder spürbar: es geht auf Weihnachten zu. Die Menschen werden zunehmend ungehaltener, mürrischer, aggressiver, kriegerischer und egoistischer – jedes Jahr das Selbe. Und alles nur wegen einer zufällig in Nordafrika entstandenen Religion, die sich gegenüber hunderten von anderen Religionen durchsetzte, nicht zuletzt wegen der schriftlich fixierten Geschichten. Die Vermählung dieser regionalen Religion mit allen möglichen Riten anderer Religionen und Kulturen hat nun jedenfalls zu Weihnachten geführt, dem dann in unseren Breiten der heidnische Jahreswechsel folgt, bei dem die Aggression weitere Blüten treibt. Hat das wirklich alles damit begonnen, daß Gott sich in eine Schlange verwandelte, um Eva zu verführen, den tumben Adam in den Widerstand zu treiben? Und was hat das alles mit dem Weihnachtsgeschäft und dem daraus entstehenden Müll zu tun und mit den armen Gänsen, die in Frankreich totgefoltert werden? Mir jedenfalls erscheint Weihnachten mehr und mehr als eine Strafe – ich frage mich nur für was. Naja, vielleicht liegt ja in diesem Jahr ein Buch unter jeder Tanne, das eben dies ergründet, so im Sinne Heraklits, der ja schließlich anmahnte, man steige nicht zwei Mal in den selben Fluß. Schön wär’s.

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Typoskriptbearbeitung des ROMANs III

Schneller wäre natürlich schöner, doch so etwas läßt sich eben nicht über’s Knie brechen. Immerhin bin ich nach einer kleinen Pause sofort wieder drin im Text, und außerdem müssen dann ja auch noch alle Veränderungen in den Rechner gehackt werden, was ein nochmaliges Lesen und Wiedereintauchen mit weiteren kleinen Veränderungen mit sich bringt, damit dann in absehbarer Zeit die Fassung für den Lektor vorliegt. Tja, so sieht’s aus, spannend ist das vorläufig nicht, außer für mich natürlich. (S.38 bis 80)

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Na also, Willi Winkler, geht doch!

Da habe ich den Willi Winkler doch letztens erst kritisiert wegen seiner Sülzerei, von wegen der dollen alten Zeiten mit seinen herrlichen Naivitäten. Heute aber zeigt sich auf der SEITE DREI der Süddeutschen Zeitung (Printausgabe, Freitag, 9. November 2012), daß der Willi eben doch ein guter Journalist ist, und von denen gibt es ja leider nicht viele. Jedenfalls schreibt er unter der Überschrift „Schon vergessen? – Am 9. November 1969 platzierten Anarchos in Berlin eine Bombe. Sie waren entschlossen, Juden zu töten. Teile der deutschen Linken fürchten diese Vergangenheit bis heute“ nun einen lesenswerten Beitrag, in dem auch die Protagonisten Erwähnung finden, die dann ordentlich Karriere machten und überhaupt hochangesehene Leute sind. Dieses Stück deutscher Nachkriegs-Geschichte wird übrigens bald verfilmt, mit Jürgen Vogel in der Rolle des Dieter Kunzelmann. Wollte ich nur mal anmerken. Ansonsten bleibt der Erzbetrüger Karl-Theodor zu Guttenberg in den USA, weil er da so glücklich ist, der Bundestags-Wahlkampf erzeugt erste Auseinandersetzungen im Parlament, obwohl der Ausgang der Wahl schon feststeht (Geht wählen, Leute, einer nach dem andern!), und das alleswährend ich, nachdem ich jahrzehntelang mit dem Buch nichts anfangen konnte, den Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin lese. (Und, ja, ich spreche das Ö in Döblin lang aus, weil das so richtig ist, ihr Deppen!). So, und nun an Tagewerk.

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Nur kurz für’s Protokoll

Mein Blog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! wird jetzt archiviert, nämlich hier und da, auf daß auch zukünftige Generationen eben das tun können, was wir auch tun, nämlich in der Vergangenheit herumstöbern.

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Das poetische Ich (Essay- /Vortragsentwurf)

Mit ungeahnter Plötzlichkeit war sie da, die Möglichkeit und damit die Wirklichkeit des poetischen Ich. Die Perpetuierung dieses neuen irdischen Seins wird, einmal angestoßen, nicht wieder zu beenden sein, so wenigstens sieht es zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus. Es begegnet dem Leser von qualitativ hochwertiger Literatur auf Schritt und Tritt, und es kann – selbstverständlich – offen darüber gesprochen werden. In einem Interview äußert sich der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier bezüglich seines Romans Abendland auf die Frage nach dem Eindruck von Wahrhaftigkeit in diesem Text: „Wenn die Geschichten, die Personen, die darin auftreten, mir beim Schreiben als rein erfundene Dinge gegenüberträten, an die man – berufsbedingt – zwar glauben muss, aber in Wahrheit nicht glauben kann, dann würde es nicht gehen, nein, dann wäre der Wurm drin. (…) Man zeigt diktatorisch in eine Richtung, die Geschichte kümmert sich nicht darum und folgt ihrem eigenen Weg. Wenn man das zulässt, kann es zu einem guten Ende führen. Wenn man sich dagegen sträubt, scheitert man, immer. (…).“ [1]

Auch Jean Giraud, Zeichner sowohl der berühmten Westernserie Blueberry als auch von Science-Fiction-Comics (unter dem Pseudonym Moebius), sieht eine ähnlich enge Bindung von Schöpfer und Figur. In einem Interview bemerkt er zu der Feststellung, seine Arbeitsweise bei experimentellen Werken [2] erinnere an eine der zentralen Ideen des Nouveau Roman, nicht auf das Erzählen eines Abenteuers komme es an, sondern auf das Abenteuer des Erzählen, folgendes: „Das ist völlig richtig. In gewisser Weise existiert die Figur, der etwas passiert, nicht nur auf dem Papier; sie ist zugleich die Person, die zeichnet. Und diese Person assoziiert wiederum den Leser, der das Abenteuer betrachtet. In einem metaphorischen Sinne geht es um die Abenteuer wirklicher Menschen.“ [3]

Der Schriftsteller Georg M. Oswald nimmt dazu hingegen eine andere Position ein und sieht im Autor den alleinigen Lenker der zu erzählenden Geschichte. Oswald schreibt: „Der Autor wählt den Stoff, erfindet Figuren, eine Handlung, und hat jegliche Freiheit, sie wissen zu lassen, was immer er will. Das Geschehen seines Romans liegt allein in seinen Händen, er kann es nach seinem Belieben lenken.“ [4]

Diese technisch korrekte Arbeitsbeschreibung läßt keinen Zweifel daran, wer das Heft in der Hand hat. Angesichts der Unmöglichkeit, mit erfundenen Figuren tatsächlich zu kommunizieren wie mit leibhaftigen Menschen, ließe sich die davon abweichende Sichtweise Köhlmeiers sogar als Attitüde entlarven, wenn da nicht der Sprung von der Idee zur Wirklichkeit zu berücksichtigen wäre, der immer auch ein Sprung hin zu einer Belebung ist, die am Ende des Prozesses in der Praxis des Lesens nicht bezweifelt werden kann, ohne die Imagination zu zerstören. Und warum sollte dann dieser Sprung hin zur Lebendigkeit, zur poetischen Wirklichkeit einer Person, nicht bereits beim Schreiben eine Rolle spielen? Dies allerdings hätte ein Ringen mit dem zu erzählenden Stoff zur Folge, einen Kampf um Inhalt und Form, der in der oswaldschen Herangehensweise schon in einer früheren, planenden Arbeitsphase geleistet worden ist, während Köhlmeier trotz „diktatorischer“ Planung diesen Strauß im Schreibprozeß auszufechten hat. Am Ende steht ohnehin immer allein die Frage nach der Qualität des Textes, nach der Wahrhaftigkeit des Erzählten im Ganzen und der der poetischen Ichs im Einzelnen, die der Leser zu entscheiden hat. Über die Wahrhaftigkeit etwa eines in der ersten Person erzählten Textes sagt Köhlmeier: „(…) Dem auktorialen Erzähler vergibt man keinen Fehler. (…) Wenn da aber einer sagt „Ich“, dann kann ich ihn am Kragen fassen, er gibt mir die Möglichkeit zu bezweifeln, was er mir erzählt. Merkwürdigerweise verringert das nicht seine Glaubwürdigkeit, sondern steigert sie.“ [5]

Das persönliche Beharrungsvermögen mit allen Möglichkeiten eines Ich, das Köhlmeier hier anspricht, ist so immer auch in und mit der Zweifelhaftigkeit von Sprache angelegt, mit der das poetische Ich sich Raum zum Leben verschafft. Es ist nicht mehr, wie noch der wielandsche Agathon, vom Autor allein abhängig, denn es nimmt, ganz wie ein Ich „aus Fleisch und Blut“, seine Möglichkeiten im vorhandenen Kontext wahr. Es wird nicht wie eine Marionette geführt, wenn der Autor es für notwendig hält, vielmehr zwingt es ihm und anderen „Mitstreitern“ seine Präsenz nach Möglichkeit auf. Köhlmeier formuliert: „(…) Ich mag das, wenn in einem Roman Personen auftreten, die sich nicht gleich von vornherein unter die Dramaturgie des Protagonisten zwingen lassen, die stolz sind und sagen: Ich weiß schon, ich bin nicht die Hauptfigur, aber ich könnte die Hauptfigur sein. Eine Person besteht aus ihren Geschichten, aus ihrer Geschichte. Nur vor dieser Geschichte wird ein Charakter sichtbar. (…).“ [6]

Das hier angesprochene poetische Ich verhält sich, es hat Antrieb zu eigenem Handeln, mit dem es sich in Interaktion setzt mit seiner gesamten Umwelt [7], die sich aus dem „Geschriebensein“ und dem Geschriebenen zusammensetzt zu einer lebendigen Vorstellung im Lesenden, der nehmend und gebend teilhat und teilnimmt am vorgestellten Ich. Ein rein zweckdienliches Erfinden von Gesamtzusammenhängen ist, geht der Autor wie Köhlmeier vor, hier kaum noch möglich. Läßt der Autor somit vom normativen, vom angelegten Ich ab und sich auf ein poetisches Ich ein, so ist Schreiben immer im überwiegenden Maße Interaktion. Die Möglichkeiten im Schreiben sind so in einer Weise unendlich, wie sie von Raum, Zeit und Sprache konstituiert werden. Die sich daraus ergebende Leichtigkeit wird oft schon im einleitenden ersten Absatz einer Erzählung deutlich und reizt zum Weiterlesen.

Der Leser hat mit dem Lesen des ersten Satzes den ersten Schritt getan in eine Geschichte hinein, die ihm eben das abverlangt, was er bekommt; es handelt sich um ein fortgesetztes Tauschgeschäft, ein Ringgeschäft, letztlich um ein Kreisspiel, von dessen Schnittpunkt sich die Lesewirklichkeit, als Lesegegenwart, in alle Richtungen ausdehnt, in Vergangenheit und Zukunft und auch sonst über alle Grenzen hinweg. Daß der vom Autor gedachte fiktive, dann aber doch reale Leser sich auf dieser Basis fortwährend wenigsten vorläufig mit dem Gelesenen einverstanden erklären muß, ist eine Grundkonstante seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, beispiels- und dann bei den Texten Jean Pauls auch noch auf eine besondere Weise. Während bei ihm das poetische Ich durch eine dem Schreibprozeß inhärente Wechselwirkung eine Teilautonomie erlangt, die der des Autors gleicht, ist der gedachte Leser jedoch oftmals umso abhängiger vom Autor,  je mehr er dem realen Leser entspricht. Hier, wo der Erfolg eines Textes sich entscheidet, wird deutlich, daß nicht nur die „Regeln des Spiels“ von beiden Seiten akzeptiert werden müssen, sondern daß auch das gegenseitige „Involviertsein“ das richtige Maß haben muß. Kommt der Leser der vom Autor anvisierten Schnittstelle aber nicht nah genug, so mißlingt der Lesevorgang mit der Folge, daß dem poetischen Ich durch den Leser kein Leben „eingehaucht“ werden kann. [8] Paul Heinemann schreibt zu der Vorgehensweise Jean Pauls: „Indem er den fiktiven Leser zum Komplizen erklärt, versucht Jean Paul schließlich, die Wirkungskraft der geschlossenen imaginativen Wirklichkeit, welche möglichst eng mit der Erfahrungswirklichkeit des tatsächlichen Rezipienten verknüpft werden soll, zu erhöhen. Nicht nur stattet der Autor den Erzähler und den Leser mit den gleichen Kompetenzen aus, sondern beide scheinen sich darüber hinaus den erfundenen Romancharakteren anzuverwandeln, da sie als ähnlich unvollkommene Geschöpfe auftreten. Schließlich informiert der Erzähler als Stellvertreter des Autors den Leser unmittelbar über die Genese der einzelnen Romane, so daß letzterer als Zeuge des kreativen Aktes „ständig in zwei Welten, in der Welt des Romans und in der Welt des Autors“ [9] lebt. Der Leser avanciert neben dem Erzähler zum eigentlichen Helden der Romane Jean Pauls, da er in den Binnenraum der Fiktion hineingezogen wird und ihm sich scheinbar die Möglichkeit eröffnet, das Verhalten einzelner Romanfiguren zu beeinflussen oder den Fortgang der Romanhandlung zu verändern.“ [10]

Auf diese hier beschriebene Weise fixiert Jean Paul den angesprochenen Schnittpunkt, von dem aus Lebendigkeit und Bewegung möglich ist, immer wieder neu. So führt er seinen Leser zu einer größtmöglichen Selbständigkeit im Nachvollzug beispielsweise des geschilderten Ich Siebenkäs, etwa wenn der plausible Wunsch nach Befreiung vom Joch der Ehe und aus der Enge eines Ortes wie Kuhschnappel zu der sehr speziellen Möglichkeit des Scheinsterbens führt. Der Leser vollzieht das Sterben und daraus folgende Werden wissend mit, so daß er wissend und damit schaffend teilhat am „neuen“, poetischen Ich. Ein ipse fecit, ein „er hat es selbst gemacht“, gilt folgerichtig nicht nur für den für Autor, sondern ebenso für den realen Leser, der sich so gewissermaßen lesend das erschafft, was Jean Paul „Doppeltgänger“ nannte, indem er sich im Protagonisten erkennt. Voraussetzung dafür ist die seelische Entwicklung der Figur Siebenkäs, die sich ihrem von außen aufgezwungenen normativen Sosein entwindet, auf eine ganz und gar eigene Art.

*

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.

[2] Zum Beispiel Arzach (1976) und Die hermetische Garage des Jerry Cornelius (1979).

[3] Süddeutsche Zeitung. Die Figur auf dem Papier ist selbst der Zeichner. Interview mit Jean Giraud alias Moebius von Christoph Haas. 08. Mai 2008. Nr.107. S.14.

[4] Süddeutsche Zeitung. Der allwissende Erzähler. Literatur zwischen Stoff und Form. Von Georg M. Oswald. 29. April 2008. Nr.100. S.13. Eine Figur aus einem oswaldschen Roman könnte sich etwa auf die selbe Art beklagen, wie der junge Mann in „Die Wiederholung“ sich brieflich bei Constantin Constantius beklagt: „Oder ist es nicht eine Art von Wahnsinn, in solchem Grade jede Leidenschaft, jede Rührung des Herzens, jede Stimmung dem kalten Regiment der Reflektion unterworfen zu haben! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise normal zu sein, nur Idee, nicht Mensch, nicht wie die anderen, biegsam und nachgiebig, verloren und sich verlierend! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise immer wach zu sein, immer bewußt, niemals dunkel und träumend!“ Sören Kierkegaard / Constantin Constantius: Die Wiederholung. In: Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode … München 2005 (dtv). S.399. Erster Brief vom „15. August“.

[5] Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.

[6] ebd.

[7] Im Zusammenhang mit dem endgültigen Verbot von Maxim Billers Roman Esra durch das Bundesverfassungsgericht (12.10.2007) äußert sich der deutsche Schriftsteller Friedrich Ani auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, was er von dem Urteil halte, u. a. folgendermaßen: „Die Perönlichkeitsrechte einer Romanfigur sind mindestens so hoch einzuschätzen wie die Persönlichkeitsrechte eines lebenden Menschen.“ Süddeutsche Zeitung: Der Willkür ist nun Tür und Tor geöffnet. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13. Diese hier geäußerte und realistisch betrachtet überzogene Ansicht zeigt immerhin deutlich, wie wahrhaftig ein literarisches Ich in der Welt (des Lesers) aus Sicht eines Autors sein soll. Das poetische Ich wird hier ohne Abstriche als in seiner Welt vollständige Rechtsperson angesehen, die nicht einfach nur eine Mischform aus realem Vorbild und Hinzugedichtetem ist. So kritisiert Heribert Prantl auch diese „quantitative Messmethode“, aufgrund derer das Gericht zu seinem Urteil kommt. Siehe dazu: Süddeutsche Zeitung: Die Kunstrichter von Karlsruhe. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13.

[8] Ein Beispiel dafür ist sicher Finnegans Wake (1939) von James Joyce, der diesen Schnittpunk, der ein adäquates Lesen überhaupt erst möglich macht, deutlich zu nah an seiner eigenen Imagination ansiedelt.

[9] Paul Heinemann zitiert hier: Günther Soffke: Jean Pauls Verhältnis zum Buch. Bonn 1969. S.40.

[10] Paul Heinemann: Potenzierte Subjekte – Potenzierte Fiktionen. Ich-Figurationen und ästhetische Konstruktion bei Jean Paul und Samuel Beckett. Würzburg 2001. S.366.

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