In einem Artikel zum Münchner Literaturfest wird Thea Dorn zitiert: „Um 1800 gab es einen Höhenflug der Künste. Wir wollen überprüfen, was von der Tradition der deutschen Romantik noch übrig ist und wo man anknüpfen kann.“ Das Programm des Literaturfestes verstehe sich als Protest gegen den „schmalen Anspruch“ eines von Wiedererkennbarkeit und biographischer Beglaubigung geprägten Literaturbegriffs, den Dorn als „Verarmung“ bezeichnet, ja als „Irrweg“. (Christopher Schmidt: „Zickenkrieg der Lobbyisten“, Süddeutsche Zeitung, Printausgabe, Freitag, 16. November 2012, S.14.) Recht hattse, doch am Ende werden die großen Verlage und Konzerne sich im Zweifelsfall doch wieder für die klar realistische deutschsprachige Literatur entscheiden, weil sie das tatsächlich für den Markenkern der deutschen Literatur halten, und dann andere Literaturen (zum Beispiel aus Lateinamerika) einfach zukaufen, die einen anderen Markenkern haben. So läßt sich der Niedergang der deutschsprachigen Literatur natürlich nicht aufhalten, aber das hat ja auch niemand ernsthaft vor, jedenfalls niemand von denen, die bei den großen Verlagen, die mit den dollen Backlists, den Lauf der Dinge bestimmen. Schließlich geht es ja nicht um Kunst, sondern immer mehr nur um’s Geschäft, und zwar immer und überall. War ja nie anders, könnte man sagen, doch da erhebe ich sicherheitshalber mal Einspruch, auch wenn das nichts nützen wird in einem Land, in dem nach und nach wirklich alle Lebensbereiche industrialisiert und genormt werden. Trotzdem gilt weiterhin: 
Da hattse recht, doch was nütztes?
Frohe Vorweihnachtszeit
So langsam wird es wieder spürbar: es geht auf Weihnachten zu. Die Menschen werden zunehmend ungehaltener, mürrischer, aggressiver, kriegerischer und egoistischer – jedes Jahr das Selbe. Und alles nur wegen einer zufällig in Nordafrika entstandenen Religion, die sich gegenüber hunderten von anderen Religionen durchsetzte, nicht zuletzt wegen der schriftlich fixierten Geschichten. Die Vermählung dieser regionalen Religion mit allen möglichen Riten anderer Religionen und Kulturen hat nun jedenfalls zu Weihnachten geführt, dem dann in unseren Breiten der heidnische Jahreswechsel folgt, bei dem die Aggression weitere Blüten treibt. Hat das wirklich alles damit begonnen, daß Gott sich in eine Schlange verwandelte, um Eva zu verführen, den tumben Adam in den Widerstand zu treiben? Und was hat das alles mit dem Weihnachtsgeschäft und dem daraus entstehenden Müll zu tun und mit den armen Gänsen, die in Frankreich totgefoltert werden? Mir jedenfalls erscheint Weihnachten mehr und mehr als eine Strafe – ich frage mich nur für was. Naja, vielleicht liegt ja in diesem Jahr ein Buch unter jeder Tanne, das eben dies ergründet, so im Sinne Heraklits, der ja schließlich anmahnte, man steige nicht zwei Mal in den selben Fluß. Schön wär’s.
Typoskriptbearbeitung des ROMANs III
Schneller wäre natürlich schöner, doch so etwas läßt sich eben nicht über’s Knie brechen. Immerhin bin ich nach einer kleinen Pause sofort wieder drin im Text, und außerdem müssen dann ja auch noch alle Veränderungen in den Rechner gehackt werden, was ein nochmaliges Lesen und Wiedereintauchen mit weiteren kleinen Veränderungen mit sich bringt, damit dann in absehbarer Zeit die Fassung für den Lektor vorliegt. Tja, so sieht’s aus, spannend ist das vorläufig nicht, außer für mich natürlich. (S.38 bis 80)

Na also, Willi Winkler, geht doch!
Da habe ich den Willi Winkler doch letztens erst kritisiert wegen seiner Sülzerei, von wegen der dollen alten Zeiten mit seinen herrlichen Naivitäten. Heute aber zeigt sich auf der SEITE DREI der Süddeutschen Zeitung (Printausgabe, Freitag, 9. November 2012), daß der Willi eben doch ein guter Journalist ist, und von denen gibt es ja leider nicht viele. Jedenfalls schreibt er unter der Überschrift „Schon vergessen? – Am 9. November 1969 platzierten Anarchos in Berlin eine Bombe. Sie waren entschlossen, Juden zu töten. Teile der deutschen Linken fürchten diese Vergangenheit bis heute“ nun einen lesenswerten Beitrag, in dem auch die Protagonisten Erwähnung finden, die dann ordentlich Karriere machten und überhaupt hochangesehene Leute sind. Dieses Stück deutscher Nachkriegs-Geschichte wird übrigens bald verfilmt, mit Jürgen Vogel in der Rolle des Dieter Kunzelmann. Wollte ich nur mal anmerken. Ansonsten bleibt der Erzbetrüger Karl-Theodor zu Guttenberg in den USA, weil er da so glücklich ist, der Bundestags-Wahlkampf erzeugt erste Auseinandersetzungen im Parlament, obwohl der Ausgang der Wahl schon feststeht (Geht wählen, Leute, einer nach dem andern!), und das alleswährend ich, nachdem ich jahrzehntelang mit dem Buch nichts anfangen konnte, den Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin lese. (Und, ja, ich spreche das Ö in Döblin lang aus, weil das so richtig ist, ihr Deppen!). So, und nun an Tagewerk.
Nur kurz für’s Protokoll
Mein Blog Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! wird jetzt archiviert, nämlich hier und da, auf daß auch zukünftige Generationen eben das tun können, was wir auch tun, nämlich in der Vergangenheit herumstöbern.

Das poetische Ich (Essay- /Vortragsentwurf)
Mit ungeahnter Plötzlichkeit war sie da, die Möglichkeit und damit die Wirklichkeit des poetischen Ich. Die Perpetuierung dieses neuen irdischen Seins wird, einmal angestoßen, nicht wieder zu beenden sein, so wenigstens sieht es zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus. Es begegnet dem Leser von qualitativ hochwertiger Literatur auf Schritt und Tritt, und es kann – selbstverständlich – offen darüber gesprochen werden. In einem Interview äußert sich der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier bezüglich seines Romans Abendland auf die Frage nach dem Eindruck von Wahrhaftigkeit in diesem Text: „Wenn die Geschichten, die Personen, die darin auftreten, mir beim Schreiben als rein erfundene Dinge gegenüberträten, an die man – berufsbedingt – zwar glauben muss, aber in Wahrheit nicht glauben kann, dann würde es nicht gehen, nein, dann wäre der Wurm drin. (…) Man zeigt diktatorisch in eine Richtung, die Geschichte kümmert sich nicht darum und folgt ihrem eigenen Weg. Wenn man das zulässt, kann es zu einem guten Ende führen. Wenn man sich dagegen sträubt, scheitert man, immer. (…).“ [1]
Auch Jean Giraud, Zeichner sowohl der berühmten Westernserie Blueberry als auch von Science-Fiction-Comics (unter dem Pseudonym Moebius), sieht eine ähnlich enge Bindung von Schöpfer und Figur. In einem Interview bemerkt er zu der Feststellung, seine Arbeitsweise bei experimentellen Werken [2] erinnere an eine der zentralen Ideen des Nouveau Roman, nicht auf das Erzählen eines Abenteuers komme es an, sondern auf das Abenteuer des Erzählen, folgendes: „Das ist völlig richtig. In gewisser Weise existiert die Figur, der etwas passiert, nicht nur auf dem Papier; sie ist zugleich die Person, die zeichnet. Und diese Person assoziiert wiederum den Leser, der das Abenteuer betrachtet. In einem metaphorischen Sinne geht es um die Abenteuer wirklicher Menschen.“ [3]
Der Schriftsteller Georg M. Oswald nimmt dazu hingegen eine andere Position ein und sieht im Autor den alleinigen Lenker der zu erzählenden Geschichte. Oswald schreibt: „Der Autor wählt den Stoff, erfindet Figuren, eine Handlung, und hat jegliche Freiheit, sie wissen zu lassen, was immer er will. Das Geschehen seines Romans liegt allein in seinen Händen, er kann es nach seinem Belieben lenken.“ [4]
Diese technisch korrekte Arbeitsbeschreibung läßt keinen Zweifel daran, wer das Heft in der Hand hat. Angesichts der Unmöglichkeit, mit erfundenen Figuren tatsächlich zu kommunizieren wie mit leibhaftigen Menschen, ließe sich die davon abweichende Sichtweise Köhlmeiers sogar als Attitüde entlarven, wenn da nicht der Sprung von der Idee zur Wirklichkeit zu berücksichtigen wäre, der immer auch ein Sprung hin zu einer Belebung ist, die am Ende des Prozesses in der Praxis des Lesens nicht bezweifelt werden kann, ohne die Imagination zu zerstören. Und warum sollte dann dieser Sprung hin zur Lebendigkeit, zur poetischen Wirklichkeit einer Person, nicht bereits beim Schreiben eine Rolle spielen? Dies allerdings hätte ein Ringen mit dem zu erzählenden Stoff zur Folge, einen Kampf um Inhalt und Form, der in der oswaldschen Herangehensweise schon in einer früheren, planenden Arbeitsphase geleistet worden ist, während Köhlmeier trotz „diktatorischer“ Planung diesen Strauß im Schreibprozeß auszufechten hat. Am Ende steht ohnehin immer allein die Frage nach der Qualität des Textes, nach der Wahrhaftigkeit des Erzählten im Ganzen und der der poetischen Ichs im Einzelnen, die der Leser zu entscheiden hat. Über die Wahrhaftigkeit etwa eines in der ersten Person erzählten Textes sagt Köhlmeier: „(…) Dem auktorialen Erzähler vergibt man keinen Fehler. (…) Wenn da aber einer sagt „Ich“, dann kann ich ihn am Kragen fassen, er gibt mir die Möglichkeit zu bezweifeln, was er mir erzählt. Merkwürdigerweise verringert das nicht seine Glaubwürdigkeit, sondern steigert sie.“ [5]
Das persönliche Beharrungsvermögen mit allen Möglichkeiten eines Ich, das Köhlmeier hier anspricht, ist so immer auch in und mit der Zweifelhaftigkeit von Sprache angelegt, mit der das poetische Ich sich Raum zum Leben verschafft. Es ist nicht mehr, wie noch der wielandsche Agathon, vom Autor allein abhängig, denn es nimmt, ganz wie ein Ich „aus Fleisch und Blut“, seine Möglichkeiten im vorhandenen Kontext wahr. Es wird nicht wie eine Marionette geführt, wenn der Autor es für notwendig hält, vielmehr zwingt es ihm und anderen „Mitstreitern“ seine Präsenz nach Möglichkeit auf. Köhlmeier formuliert: „(…) Ich mag das, wenn in einem Roman Personen auftreten, die sich nicht gleich von vornherein unter die Dramaturgie des Protagonisten zwingen lassen, die stolz sind und sagen: Ich weiß schon, ich bin nicht die Hauptfigur, aber ich könnte die Hauptfigur sein. Eine Person besteht aus ihren Geschichten, aus ihrer Geschichte. Nur vor dieser Geschichte wird ein Charakter sichtbar. (…).“ [6]
Das hier angesprochene poetische Ich verhält sich, es hat Antrieb zu eigenem Handeln, mit dem es sich in Interaktion setzt mit seiner gesamten Umwelt [7], die sich aus dem „Geschriebensein“ und dem Geschriebenen zusammensetzt zu einer lebendigen Vorstellung im Lesenden, der nehmend und gebend teilhat und teilnimmt am vorgestellten Ich. Ein rein zweckdienliches Erfinden von Gesamtzusammenhängen ist, geht der Autor wie Köhlmeier vor, hier kaum noch möglich. Läßt der Autor somit vom normativen, vom angelegten Ich ab und sich auf ein poetisches Ich ein, so ist Schreiben immer im überwiegenden Maße Interaktion. Die Möglichkeiten im Schreiben sind so in einer Weise unendlich, wie sie von Raum, Zeit und Sprache konstituiert werden. Die sich daraus ergebende Leichtigkeit wird oft schon im einleitenden ersten Absatz einer Erzählung deutlich und reizt zum Weiterlesen.
Der Leser hat mit dem Lesen des ersten Satzes den ersten Schritt getan in eine Geschichte hinein, die ihm eben das abverlangt, was er bekommt; es handelt sich um ein fortgesetztes Tauschgeschäft, ein Ringgeschäft, letztlich um ein Kreisspiel, von dessen Schnittpunkt sich die Lesewirklichkeit, als Lesegegenwart, in alle Richtungen ausdehnt, in Vergangenheit und Zukunft und auch sonst über alle Grenzen hinweg. Daß der vom Autor gedachte fiktive, dann aber doch reale Leser sich auf dieser Basis fortwährend wenigsten vorläufig mit dem Gelesenen einverstanden erklären muß, ist eine Grundkonstante seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, beispiels- und dann bei den Texten Jean Pauls auch noch auf eine besondere Weise. Während bei ihm das poetische Ich durch eine dem Schreibprozeß inhärente Wechselwirkung eine Teilautonomie erlangt, die der des Autors gleicht, ist der gedachte Leser jedoch oftmals umso abhängiger vom Autor, je mehr er dem realen Leser entspricht. Hier, wo der Erfolg eines Textes sich entscheidet, wird deutlich, daß nicht nur die „Regeln des Spiels“ von beiden Seiten akzeptiert werden müssen, sondern daß auch das gegenseitige „Involviertsein“ das richtige Maß haben muß. Kommt der Leser der vom Autor anvisierten Schnittstelle aber nicht nah genug, so mißlingt der Lesevorgang mit der Folge, daß dem poetischen Ich durch den Leser kein Leben „eingehaucht“ werden kann. [8] Paul Heinemann schreibt zu der Vorgehensweise Jean Pauls: „Indem er den fiktiven Leser zum Komplizen erklärt, versucht Jean Paul schließlich, die Wirkungskraft der geschlossenen imaginativen Wirklichkeit, welche möglichst eng mit der Erfahrungswirklichkeit des tatsächlichen Rezipienten verknüpft werden soll, zu erhöhen. Nicht nur stattet der Autor den Erzähler und den Leser mit den gleichen Kompetenzen aus, sondern beide scheinen sich darüber hinaus den erfundenen Romancharakteren anzuverwandeln, da sie als ähnlich unvollkommene Geschöpfe auftreten. Schließlich informiert der Erzähler als Stellvertreter des Autors den Leser unmittelbar über die Genese der einzelnen Romane, so daß letzterer als Zeuge des kreativen Aktes „ständig in zwei Welten, in der Welt des Romans und in der Welt des Autors“ [9] lebt. Der Leser avanciert neben dem Erzähler zum eigentlichen Helden der Romane Jean Pauls, da er in den Binnenraum der Fiktion hineingezogen wird und ihm sich scheinbar die Möglichkeit eröffnet, das Verhalten einzelner Romanfiguren zu beeinflussen oder den Fortgang der Romanhandlung zu verändern.“ [10]
Auf diese hier beschriebene Weise fixiert Jean Paul den angesprochenen Schnittpunkt, von dem aus Lebendigkeit und Bewegung möglich ist, immer wieder neu. So führt er seinen Leser zu einer größtmöglichen Selbständigkeit im Nachvollzug beispielsweise des geschilderten Ich Siebenkäs, etwa wenn der plausible Wunsch nach Befreiung vom Joch der Ehe und aus der Enge eines Ortes wie Kuhschnappel zu der sehr speziellen Möglichkeit des Scheinsterbens führt. Der Leser vollzieht das Sterben und daraus folgende Werden wissend mit, so daß er wissend und damit schaffend teilhat am „neuen“, poetischen Ich. Ein ipse fecit, ein „er hat es selbst gemacht“, gilt folgerichtig nicht nur für den für Autor, sondern ebenso für den realen Leser, der sich so gewissermaßen lesend das erschafft, was Jean Paul „Doppeltgänger“ nannte, indem er sich im Protagonisten erkennt. Voraussetzung dafür ist die seelische Entwicklung der Figur Siebenkäs, die sich ihrem von außen aufgezwungenen normativen Sosein entwindet, auf eine ganz und gar eigene Art.
*
[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.
[2] Zum Beispiel Arzach (1976) und Die hermetische Garage des Jerry Cornelius (1979).
[3] Süddeutsche Zeitung. Die Figur auf dem Papier ist selbst der Zeichner. Interview mit Jean Giraud alias Moebius von Christoph Haas. 08. Mai 2008. Nr.107. S.14.
[4] Süddeutsche Zeitung. Der allwissende Erzähler. Literatur zwischen Stoff und Form. Von Georg M. Oswald. 29. April 2008. Nr.100. S.13. Eine Figur aus einem oswaldschen Roman könnte sich etwa auf die selbe Art beklagen, wie der junge Mann in „Die Wiederholung“ sich brieflich bei Constantin Constantius beklagt: „Oder ist es nicht eine Art von Wahnsinn, in solchem Grade jede Leidenschaft, jede Rührung des Herzens, jede Stimmung dem kalten Regiment der Reflektion unterworfen zu haben! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise normal zu sein, nur Idee, nicht Mensch, nicht wie die anderen, biegsam und nachgiebig, verloren und sich verlierend! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise immer wach zu sein, immer bewußt, niemals dunkel und träumend!“ Sören Kierkegaard / Constantin Constantius: Die Wiederholung. In: Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode … München 2005 (dtv). S.399. Erster Brief vom „15. August“.
[5] Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.
[6] ebd.
[7] Im Zusammenhang mit dem endgültigen Verbot von Maxim Billers Roman Esra durch das Bundesverfassungsgericht (12.10.2007) äußert sich der deutsche Schriftsteller Friedrich Ani auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, was er von dem Urteil halte, u. a. folgendermaßen: „Die Perönlichkeitsrechte einer Romanfigur sind mindestens so hoch einzuschätzen wie die Persönlichkeitsrechte eines lebenden Menschen.“ Süddeutsche Zeitung: Der Willkür ist nun Tür und Tor geöffnet. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13. Diese hier geäußerte und realistisch betrachtet überzogene Ansicht zeigt immerhin deutlich, wie wahrhaftig ein literarisches Ich in der Welt (des Lesers) aus Sicht eines Autors sein soll. Das poetische Ich wird hier ohne Abstriche als in seiner Welt vollständige Rechtsperson angesehen, die nicht einfach nur eine Mischform aus realem Vorbild und Hinzugedichtetem ist. So kritisiert Heribert Prantl auch diese „quantitative Messmethode“, aufgrund derer das Gericht zu seinem Urteil kommt. Siehe dazu: Süddeutsche Zeitung: Die Kunstrichter von Karlsruhe. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13.
[8] Ein Beispiel dafür ist sicher Finnegans Wake (1939) von James Joyce, der diesen Schnittpunk, der ein adäquates Lesen überhaupt erst möglich macht, deutlich zu nah an seiner eigenen Imagination ansiedelt.
[9] Paul Heinemann zitiert hier: Günther Soffke: Jean Pauls Verhältnis zum Buch. Bonn 1969. S.40.
[10] Paul Heinemann: Potenzierte Subjekte – Potenzierte Fiktionen. Ich-Figurationen und ästhetische Konstruktion bei Jean Paul und Samuel Beckett. Würzburg 2001. S.366.
Dieser November wird der graueste
Ab jetzt ist November, für alle und in jeder Hinsicht. Da hilft es auch nicht, lustige Filme anzusehen oder lustige Bücher zu lesen, denn danach ist der November noch grauer in seiner Haftigkeit, noch kälter, noch hoffnungsloser. Totenmonat wird er genannt, und zeigt er nicht eben dies schon allein dadurch deutlich, daß er die schönen und lebendigen Bäume zu Gerippen verunstaltet und sich mit „Feiertagen“ schmückt, die alle Lebensfreude vergessen machen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag? Muß das sein? Und danach kommt dann auch noch der Weihnachtskonsumterror und die Fortsetzung von Regen und Kälte bis mindestens März! In jungen Jahren, da machte mir das alles nichts aus, ich erinnere mich noch, da las ich einfach Buch um Buch und schaute nur manchmal traurig zum Fenster raus – vielleicht probier ich’s doch noch mal damit, ein schönes Buch, ein Heißgetränk und draußen der Regen.

Für sich selbst votieren!
Ich habe lange darüber nachgedacht, sehr lange, wo mein Unbehagen herkommen mag gegenüber dem Kleinbürgertum, und eigentlich habe ich es ja auch immer schon gewußt: Kleinbürger nehmen ihre Arbeit nicht persönlich, sie nehmen sie als eine Art Frondienst, für den sie so ordentlich wie möglich bezahlt bzw. entlohnt werden wollen, zu recht selbstverständlich. Das führt zu einer Zweiteilung des Lebens, zu einem zu ertragenden lohnabhängigen Leben einerseits und zu einem zu gestaltenden Andersleben (= Privatleben) andererseits. Für viele Menschen bedeutete dieses Modell in unserer Wohlstands-, Industrie- und Dienstleistungsdemokratie lange Zeit ein gutes Leben, bedeutet es noch, doch was tun, wenn man dieses Soleben schon als Kind nicht mag, obwohl man glücklicherweise nur Vorteile davon hatte und sich geliebt und beschützt fühlte und es auch war? Ist es dann nicht denkbar undankbar, ein anderes, aus eigener Sicht vollständiges Leben haben und leben und eben deswegen Künstler sein zu wollen? Ja, selbstredend, das ist undankbar, das ist ein Affront! Kann man denn seine Kunst, so wird suggeriert, nicht in seiner Freizeit machen, hat doch Kafka auch gemacht, wird einem gesagt, und ja doch, eben das macht man ja lange Jahre, nur daß man eben in seiner Freizeit Lohnarbeit verrichtet und die Kunst als die eigentliche, die eigene Arbeit ansieht. Für man muß ich natürlich eigentlich immer ich sagen, doch das hört sich so verloren an, als stünde ich ganz und gar allein da mit meinem kleinen, sowohl glücklichen als auch unglücklichen Künstlerdasein, für das man sich letzten Endes eben entscheiden muß, koste es, was es wolle. Die Hauptsache aber ist doch, sage ich, man verliert seine Stimme nicht!
Typoskriptbearbeitung des ROMANs II
Die gewisse Sprödigkeit des Textes führt eindeutig zu den Figuren hin und nicht über sie hinweg. Es ist wichtig, den unbedingten Beharrungswillen der beiden (noch kindlichen) Protagonisten gleich zu Beginn dem Leser erlebbar, spürbar zu machen, aber ohne dabei mit der Tür ins Haus zu fallen, also gleich die fertig verpackte Psyche eines „Helden“ zu präsentieren, die ja ohnehin nur vom Ende der Geschichte her vermittelbar wäre. Ich wußte als Autor zwar, wie in etwa die ganze Chose enden würde, doch eben das wollte ich nicht ausnutzen, um mich beim Schreiben nicht zu langweilen oder der Gefahr zu erliegen, einen allzu gefälligen Text zu schreiben, der dem Leser nichts abforderte, so als schätzte ich ihn gering. [S.13 bis 37]

Reinewech zum Kotzen!
Reinewech zum Kotzen: so erscheint mir im Moment meine Lage. Kein Grund natürlich, die Arbeit einzustellen, eher im Gegenteil, denn ohne meine Arbeit verlöre meine Lage jeden Belang für mich. Die Wohnung hat sich bereits auf die winterüblichen 16° Celsius runtergekühlt, das ging schnell dieses Jahr (grad bemerke ich, daß die immer heißen Heizkörperzuleitungsrohre eiskalt sind, rufe also an deswegen und höre, es wird bereits daran gearbeitet), dafür konnte ich aber den Kühlschrank bereits ausstellen und die Kisten auf dem Balkon mit Frischkäse, Pflaumenmus, Saft und Milch bestücken – der Bundesumweltminister ist sicher stolz auf mich. Bei Dauerfrost muß ich den Kühlschrank dann natürlich wieder anwerfen und eventuell, wenn es wirklich zu kalt wird in der Wohnung, auch den Wohn-, Schlaf-, und Arbeitsraum heizen, was natürlich nur ein Raum ist. Ich kenne einige, die im Winter gerne in der Bibliothek arbeiten, um nicht so viel heizen zu müssen, doch das kann ich leider nur dann tun, wenn ich überwiegend zu lesen habe, denn beim Schreiben und Überarbeiten lese ich oft laut mit und fluche und murmele, schlage die Hände über dem Kopf zusammen und so weiter – kein verträgliches Verhalten für eine Bibliothek. Auch heute sitze ich am Typoskript des Romans in eben dieser Weise und noch dazu seit über einer Stunde an der ersten Seite des zweiten Kapitels, doch auch diese Seite muß so gut wie irgend möglich werden, selbst wenn ich weiß, daß ich mich schließlich noch einmal ranmachen werde, am Ende – denn wenn ich auch wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch einen Satz zuendefeilen. Nu‘ aber weiter im Text.