Burgundische Weinelfen, frisch geschlüpft

Ich habe seit ewigen Zeiten den Eindruck, dass man als berufsmäßiger Schriftsteller eines können muss – sich nämlich beim Schreiben der eigenen Texte zu langweilen. Das ist natürlich in jedem Beruf so, das mit der Langeweile, so wie man in jedem Beruf fleißig zu sein hat, ganz gleich, ob man der protestantischen Arbeitsethik verfallen ist oder dem Neoliberalismus oder sich frei dünkt. Viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen schreiben dementsprechend viele, viele Seiten voll, weil sich heutzutage so gut wie alles Roman schimpfen lassen und dick sein muss und sich Erzählungen oder Gedichte eben nicht gut verkaufen lassen. Wer so verrückt ist, einen Text von 120 Seiten nicht Roman, sondern etwa heraklitischen Fließtext zu nennen, ist schon raus aus dem Geschäft. Dabei wäre es, um mal bei diesem Beispiel des heraklitischen Fließtextes zu bleiben, ein Einfaches gewesen, daraus einen „richtigen“ Roman zu machen, mit allem Zipp und Zapp und marktgerechtem Umfang – wenn ich denn die Fähigkeit besäße, mich beim Ausüben meines Berufes ordentlich zu langweilen und ordentlich Fülltext hineinzuquetschen, die Handlung also übermäßig aufzublasen und so weiter. Jetzt möchte man einwenden, aber das hieße doch noch lange nicht, dass sich der Leser oder die Leserin beim Lesen eines aufgeblasenen Textes langweilt, und ja, richtig – so ist es. Man muss bedenken, dass Leser und Leserinnen ihre eigenen Absichten haben, und dies natürlich ganz zurecht. Ein Dilemma, eine Nummer, aus der ich nicht herauskomme, es sei denn, mein historischer Roman ANKERLICHTEN oder: DES HERRN DAUBENFUßES RACHE, bei dem weder ich mich ihn schreibend gelangweilt habe noch sich der Leser langweilen wird, fände endlich einen Verlag und damit hinaus in die Welt – denn dann wäre es mir gelungen, einen markt- und leserfreundlichen Roman herauszubringen, zu gebären, der mich nicht eine Fitzelsekunde Langeweile kostete, so oft ich ihn auch schon überarbeitet habe. Stand jetzt ist zu sagen, da ist auf 400 Seiten kein Buchstabe, kein Punkt, kein Komma zu viel oder zu wenig drin, da darf mein Name draufstehen. Bei der bisher letzten Durchsicht des Romans im Sommer habe ich übrigens in der mich umgebenden Welt noch etwas anderes, überaus Spannendes entdeckt, denn direkt neben mir, in einem brandenburgischen, wilden Gewächs, schlüpften soeben Burgundische Weinelfen, die, kaum in der Welt, auch schon fröhlich flatternd das Weite suchten.

Norbert W. Schlinkert. Burgundische Weinelfen, frisch geschlüpft

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Tasten: heran, hinein, hinauf, hinab … II

Der (gleichsam inliegende) Text von Tasten: heran, hinein, hinauf, hinab … I ist inzwischen vernichtet, er bedeutete einen Anfang, dem kein Fortgang folgte. Hier ein neuer Versuch:

Was hat man schon zu erzählen, wenn man nicht in der DDR aufgewachsen und auch sonst dem Schicksal entgangen ist. Dem Schicksal entgangen zu sein ist allerdings keine Belohnung für irgendetwas, sondern in meinem Falle, der ich hier schreibe, schlicht dem Umstand zu verdanken, das allermeiste aus dem eigenen Leben vergessen zu haben. Dem Schicksal fehlt es, ergo, an Nachhaltigkeit, oder Nachhalligkeit, ganz wie man will. Sicher, wenn ein Pinguin an sich runterguckt, sieht er Watschelfüße, während ich, gucke ich an mir runter, Menschenfüße sehe, mit denen ich einst gut Fußball spielen konnte. Zusammen mit meinem Killerinstinkt und einer gewissen Rücksichtslosigkeit im Zweikampf, entschuldigen kann man sich ja schließlich immer noch, hätte das sicher für die zweite Liga gereicht. Aber vorbei, ganz unabhängig davon, ob ich es nun in die zweite Liga geschafft habe oder nicht. Die erste Liga, überlege ich es mir recht, wäre sicher auch drin gewesen. Aber vorbei ist vorbei. Im Unterschied zum Pinguin aber, der vollständig kann, was er kann und der vollständig ist, was er ist, bin ich als Mensch immer nur der Prototyp meiner selbst, ein ewiges Versprechen auf das, was ich können könnte und sein könnte. Der Mensch ist Potentialist, vor allem nachdem der letzte Universalgelehrte nun endlich gestorben sein dürfte. Zudem gilt, zumindest mir, jeder neue Tag als ein neues Leben, und da dürfte es schwer sein, sich selbst vollkommen auszuschöpfen in gerade mal 24 Stunden, in 1440 Minuten. Und selbst wenn man es schaffte, an einem Tag einen schönen Fortschritt zu generieren, so ist davon am nächsten Tag nichts übrig, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil der gemeine Mensch und so auch ich des Abends sich noch allerlei reinpfeift, Suchtmittel der Sorte Fernsehserie oder Talkshow oder Alkohol oder Tabak oder alles zusammen. Vollkommen abzuraten ist indes vom Lesen eines Romans im Bett, das vernebelt, verdunkelt, verdirbt und zerstört alles Errungene am allerehesten. Wer nicht komplett verblöden möchte, der liest am Tag: im Büro, im Zug, in der Badewanne, auf einer Parkbank oder beim Flanieren, so wie die Mönche. Im Bett wird geschlafen und geträumt. Aber natürlich ist es, um Potentialist zu bleiben, unbedingt notwendig, ausschließlich gute Literatur zu lesen, analog zu der Notwendigkeit, gute Filme zu sehen, gute Musik zu hören, sich gute Bilder anzusehen und so weiter. Doch wie können Sie wissen, ob es sich um gute Literatur, gute Filme, gute Musik, gute Bilder und so weiter handelt? Das immerhin ist gut zu merken: verspüren Sie einen Widerwillen beim Lesen des ersten Satzes eines Romans, oder wird Ihnen schlecht, so ist es ein schlechter Roman und sollte nicht gelesen werden. Verbrennen Sie ihn, damit er kein Unheil anrichten kann. Tun Sie dasselbe mit schlechten Filmen, schlechter Musik und schlechten Bildern. Dann wird alles gut.

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Tasten: heran, hinein, hinauf, hinab … I

Immer wenn ich Texte ins Leben hinausgelassen habe, sie also gedruckt und damit fix & fertig sind, stelle ich mir vor, nichts Weiteres mehr schreiben zu können. Aus dieser Vorstellung heraus finde ich mich dann jedesmal in einem neuen Text wieder, der nicht zwingend Bestand haben muss, aber ein Beginn ist aus dem Nichts heraus:

Still, so schreibt einer, ist der Grund meines Meeres, und da dieser Satz auf Deutsch geschrieben ist, begreife ich das Wort Grund in doppelter Weise. Als Meeresboden und als Ursache. Und da ich diese beiden Begriffe auf Deutsch schreibe, begreife ich wiederum den zweiten Begriff als Grund allen Seins am Beginn aller Zeiten. Als Ursprung. Und da auch dieser Begriff ein deutsches Wort ist, erkenne ich darin den Sprung vom Nichtsein zum Sein. In’s Sein hinein. Was soll ich sagen: da bin ich nun und trete als Kind vor die Haustüre und erkenne, ich bin ich. Ein Ich. Seither denke ich diesen Satz jedes Mal, wenn ich aus dem Haus gehe, aus welchem auch immer. Ich bin ich. Die Anderen dort draußen sehen mich und mein Meer spiegelglatt oder bewegt oder gar schäumend, in die Tiefe aber sehen sie nicht, von der Stille wissen sie nichts, von all dem zwischen Grund und Schein wissen sie nichts. Selbst wenn auch sie, die Anderen, eine Stille in sich beherbergen, wissen sie nichts über mich und meine Stille. Auch ich sehe nur das Bild eines Gegenübers, und selbst wenn ich ihn zu ergründen trachte, so bleibe ich doch an der Oberfläche, es sei denn, dieser Mensch …

So geht es also los, und ich weiß natürlich, wer in welchem Buch den einleitenden Satz schrieb, der sich weiter fortwindet (Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er scherzhafte Ungeheuer birgt! Unerschütterlich ist meine Tiefe: aber sie glänzt von schwimmenden Räthseln und Gelächtern)*, doch ich weiß auch, dass ich dieses ganze Buch nicht mag, es ist wichtig und berühmt, aber von schlechtem Stil, es ist durchdrungen von Pathos, von deutschem Pathos, es dröhnt statt zu klingen, es ist das überhobenste, misslungenste aller berühmten Bücher, und doch ist da dieser eine Satz, Still ist der Grund meines Meeres, der mir heute aus dem Nichts heraus den ersten Schritt möglich macht in einen neuen Text, der nun der Welt zwingend etwas hinzufügen muss, ansonsten er wieder verschwinden wird in seinem Nichts. Ein Anfang aber ist gemacht.

*Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen (1883–1885). [Zweither Teil: Von den Erhabenen]
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Norbert W. Schlinkert: Die Hoffnung stirbt immer am schönsten

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Die Hoffnung stirbt immer am schönsten. Arbeitsjournal. Herausgegeben von Arnold Maxwill. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022. 279 Seiten. ISBN: 978-3-8498-1841-8

Leseprobe>>>


 

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„Die Hoffnung stirbt immer am schönsten“ – mein neues Buch ist bereits jetzt als E-Book verfügbar!

Mein im Oktober im Aisthesis Verlag erscheinendes Buch – »Die Hoffnung stirbt immer am schönsten« (herausgegeben von Arnold Maxwill) – ist bereits jetzt als E-BOOK verfügbar!

Klappentext:

Seit über zehn Jahren betreibt Norbert W. Schlinkert sein Blog »Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen!«. Schonungslose Einblicke in den Schreiballtag zeichnen sein Journal aus: sowohl das Hadern mit seit Jahren in Arbeit befindlichen Romanen als auch Reflexionen zu einer Tätigkeit, die nur sporadisch mit Anerkennung honoriert wird. Kritische Urteile über den Literaturbetrieb bleiben nicht aus.

Ein Dilemma, das Schlinkert in seinen beiläufigen Beobachtungen zudem spöttisch verfolgt, ist die vollständige Gentrifizierung seines Bezirks. Die ökonomischen Verwerfungen und sozialen Frakturen zeigen sich auf dem Bürgersteig. Der Schriftsteller seziert diese Entwicklung in dichter Prosa; sie bildet das Gegenstück zu seinen poetologischen Überlegungen, den Nöten, Lüsten und Freiheiten als »Schriftler«.

Eine Leseprobe finden Sie hier >>>

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Eine kurze Notiz zum Lesezeichen

Während dem modernen Exlibris anderthalb Jahrhunderte eine gewisse Aufmerksamkeit gezollt wurde und es druckgrafisch schöne Exemplare zu bewundern galt und gilt, ist das Lesezeichen mehr oder weniger etwas für Kindergartenbasteltage. Manch Antiquariat nutzt es zudem zur Werbung in eigener Sache, während Verlage in ihre teuren, gebundenen Bücher oftmals ein farblich passendes Lesebändchen als Lesezeichen implantieren. Taschenbücher hingegen haben nie ein Lesebändchen. Letzteren Umstandes wegen stellte ich in meiner Jugend, mehr oder weniger aufwendig, für jedes Buch ein eigenes Lesezeichen her. Durchblättere ich nun also alte Taschenbücher, finde ich nicht selten solch ein Stück Papier oder Pappe. Auf allen, das fällt am meisten auf, ist immer verzeichnet, wie viele Seiten das Buch hat, respektive auf welcher Seite das Buch endet. Das war mir immer wichtig, damit die Leseportionen abschätzbar blieben und ich nicht etwa aus Versehen zwei Seiten vor der letzten Seite den Lesetag abschloss. Die meisten der nun nach und nach wiedergefundenen Lesezeichen zerknülle ich allerdings umstandslos und werfe sie, mitunter mitsamt dem Buch, weg. Als seien mir die Lesezeichen peinlich, so will mir scheinen und so ist es wohl auch. Einige wenige, oft schon alte Lesezeichen aber sind nicht für nur ein einziges Buch hergestellt, sondern universal einsetzbar. Diese liegen und stehen im Bücherregal herum, wenn sie nicht grade in einem Buch stecken. Mein liebstes dieser Lesezeichen ist übrigens, aber das nur am Rande und gleichsam fürs Protokoll, dieses hier:

Norbert W. Schlinkert. Lesezeichen

Wie es entstand, warum da einer mit Bart und Sonnenbrille grüßend den Hut lüftet, weiß ich nicht mehr genau, mich dünkt allerdings, ich kritzelte es während langweiliger Uni-Seminare, in denen ich ja tatsächlich meine besten Zeichnungen verfertigte. Und käme ich wieder auf mein altes Laster zurück, die Ölmalerei, so würde ich womöglich solch ein altes Lesezeichen als Skizze für ein Gemälde benutzen, 4,2 x 2,4 Meter groß, wenn schon – denn schon, und das sähe dann so aus:

Norbert W. Schlinkert. Lesezeichen (Ausschnitt)

Aber auch das nur am Rande und nicht einmal fürs Protokoll. In diesem Sinne …

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Licht, aufgehend oder: Kurze Kritik der Welt, in der wir leben I

Norbert W. Schlinkert. Licht, aufgehend.

Lebte ich auf dem Lande, ich würde mich wieder der Ölmalerei widmen wollen. Schreiben, in seiner wilden und atemlosen Weise, ist eine Angelegenheit, die in der Stadt ihren Takt findet. Was heißt es, auf dem Lande zu leben, so frage ich mich als jemand, der in der Stadt und nicht auf dem Lande lebt. Die erste Antwort, die mir atemlos einfällt, ist die, nicht mal eben etwas tun, erledigen zu können. Auf dem Lande. Auch harren die Dinge um mich herum meiner, bis ich mich ihnen widmen kann. In der Stadt zu leben, trotzdem aber nicht mal eben etwas erledigen zu können, in einer Zwischenwelt zu sein, ist unbefriedigend. Die Nachteile überwiegen, die Vorteile sind selten greifbar oder sogar nur theoretischer Natur. Der Vorort und die Doppelreihenhaushälftensiedlung ist Vorhölle in Sichtweite zum Besseren. Mag dort gerne leben wer will, weder schreiben noch malen würde ich dort können, weil das Malen und das Schreiben keinen Zweck erfüllt, die Vorortreihenhaushälftensiedlung aber durchaus. Gönnte man den Menschen grundsätzlich ein gelingendes Leben, so bestünde kein Vorort aus Rastern und Stichstraßen, sondern hätte die Struktur eines Runddorfes. So wäre dort auch Malen, Schreiben und was auch immer an Zwecklosem möglich. Das will niemand.

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Monstranzen und wie der Vogel sein Lied singt

Seit gut zwei Jahren sitze ich an einem Text, der gedruckt am Ende nur ein Büchlein von etwa 70 Seiten ergeben wird. Noch eine letzte, intensive Durchsicht, dann geht der Text raus mit der Frage, ob er (in genau diesem einen Verlag) machbar ist. Ich bin gespannt und nervös. Verraten will ich noch so gut wie nichts, nur eine kleine Textstelle, die sich ums Schreiben dreht, soll einen Einblick geben, der allerdings einerseits auf die falsche Fährte führt, denn der Text hat überwiegend erzählenden Charakter, andererseits aber wiederum genau beschreibt, wie ich arbeite, falls das überhaupt jemanden interessieren sollte.

Hier die Textstelle:

Ich schreibe ein Buch. Da bin nicht der Erste und nicht der Letzte. Es gibt natürlich Regeln, darauf ist zu achten, doch die sind denkbar einfach, ganz gleich welche Monstranz der ein oder andere Schriftsteller vor sich her tragen mag. Ein Sören Kierkegaard etwa schreibt in seinem mit Vigilius Haufniensis gezeichneten Vorwort zu Der Begriff Angst von 1844, nach seinen Begriffen tue derjenige, der ein Buch schreiben wolle, gut daran, in beachtlichem Ausmaß über die Sache nachzudenken, über die er zu schreiben vorhabe. Auch solle er lesen, was zuvor dazu geschrieben worden ist. Daraufhin könne er dann unbekümmert sein Buch schreiben, so wie der Vogel sein Lied singt. So weit, so richtig, wenn auch ich in kleistscher Weise eher dazu tendiere, einen Teil des Notwendigen gleichzeitig ablaufen zu lassen und zudem auch in längst Geschriebenes nach Jahren nochmals einzugreifen, etwa einer zuvor nicht gewussten, dann aber dennoch ausgeführten Idee wegen, die rückwärts verfolgt einige Korrekturen in der Tiefe des Textes verlangt.

Und das hier soll auch noch drin sein im Büchlein:

Norbert W. Schlinkert. riverrun. 7/93.

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Achtung: Tiefflieger unter uns!

Die alte Frage, ob man den Schriftstellerberuf ergreift oder von ihm ergriffen wird, bleibt unbeantwortet. Sicher ist, dass dieser Beruf seine Schattenseiten hat, und dies wahrscheinlich umso mehr, je gewissenhafter und qualitätsbewusster ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin arbeitet. Sicher, man kann ein fleißiges Lieschen sein und, wie Juli Zeh, Roman um Roman auf überschaubarem Niveau, gelernt am Deutschen Literaturinstituit in Leipzig, veröffentlichen, um gut oder sogar bestens zu verdienen. Die Anzahl schlechter Autoren und schlechter Leser und deren zahlenmäßiges Verhältnis zueinander ist in Deutschland ganz sicher schon immer ein adäquates gewesen, und so wird es auch bleiben. Auch im Bereich der nichtbelletristischen Literatur werden geistige Tiefflieger wie etwa Richard David Precht immer gutes – bzw. schlechtes – Geld verdienen, dafür sorgen dann schon die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten mit ihren Pseudo-Kulturbeiträgen und natürlich auch die großen Buchhandelsketten sowie die omnipräsente Spiegel-Bestsellerliste. Wenn dann auch noch Tiefflieger und Tieffliegerinnen ohne jeden Einblick in die Thematik in offenen Briefen an Bundeskanzler Olaf Scholz einen Waffenstillstand in der Ukraine fordern, die Ukraine also als Verhandlungsmasse für Verhandlungen des Westens mit Russland benutzen, dürfte klar sein, wes Geistes Kinderchen manch selbsternannte Intellektuelle sind und was sie bereit sind zu tun, ihren Wohlstand und, wie sie meinen, ihre Wohlanständigkeit zu schützen. Man schämt sich geradezu fremd, selbst wenn man keinerlei Wert legt auf nationale Zugehörigkeiten. Gut, bis hierher – meine Pause ist vorbei, so dass ich mich wieder an meine Arbeit mache, nämlich dem Schreiben guter Bücher.

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Was der neugegründete PEN Berlin machen kann, sollte, müsste … Eine Programmschrift

PEN Berlin. Der neugegründete PEN Berlin nimmt seine Arbeit auf. Wie aber wird diese sich gestalten lassen? Bleibt es ausschließlich bei der Kernaufgabe, der Hilfe für verfolgte Schriftsteller und Schriftstellerinnen? Oder ist noch ein Tick mehr drin?

Am 10. Juni 2022 gründete sich der PEN Berlin im Literaturhaus Fasanenstraße. Wer, wie ich, dabei war und somit Gründungsmitglied ist, fragt sich seitdem, was der PEN Berlin konkret zu tun berufen ist. Zuallererst kümmert sich ein PEN gemäß der Charta des Internationalen PEN um die freie Meinungsäußerung und den Schutz derselben im eigenen Land sowie weltweit. Das beinhaltet das Verfassen von literarischen und auch journalistischen Texten und von Resolutionen, aber auch (und besonders) die konkrete Hilfe für Schriftsteller und Schriftstellerinnen, denen im eigenen Land Zensur, Verfolgung, Haft, Folter und Tod droht. Auf der Gründungsversammlung am 10. Juni warb Deniz Yücel somit abschließend noch einmal eindringlich darum, sich an dieser konkreten Hilfe zu beteiligen. Es sei aber auch völlig in Ordnung, wenn man das nicht wolle oder könne. Nun ist es in vielen Vereinen sicher so, dass sich ein mehr oder weniger großer Teil der Mitglieder nicht aktiv beteiligt und nur die Mitgliedsbeiträge zahlt. So läuft es wohl auch, nach allem was ich höre, im PEN-Zentrum Deutschland, dem „alten“ PEN. Wie nun wird es im neuen PEN sein, dem PEN Berlin? Der Schriftsteller Bernhard Schlink schrieb in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. 06. ’22 ganz zurecht, Schriftsteller seien Individualisten, die in Einsamkeit sehen und denken und schreiben und Freiheit bräuchten. „Aber“, so Schlink weiter, „wir sind keine Politikmenschen, sonst wären wir in die Politik gegangen, und keine Organisationsmenschen, sonst hätten wir unser Tätigkeits- und Wirkungsfeld in Organisationen gefunden. Gelegentlich empören wir uns politisch und engagieren uns politisch, und gelegentlich tun wird das gemeinsam – die Charta des internationalen PEN bietet die Grundlage.“ Im Großen und Ganzen plädiert Schlink für eine baldige Wiedervereinigung der beiden deutschen PEN. Ob es je dazu kommen wird, steht in den Sternen, aber es dürfte klar sein, dass es der guten Sache dient, wenn jetzt beide Vereine im Sinne der Charta funktionieren und ihrem Anspruch gerecht werden. Wie aber, und das scheint mir bei aller Gründungseuphorie eine sehr wichtige Frage zu sein, bekommt man es hin, dass der PEN Berlin mit seinen jetzt schon 370 Mitgliedern als großes Ganzes, sprich: als Verein wirklich funktioniert. Wie erscheinen wir in der Öffentlichkeit? Werden wir wohlwollend auf- bzw. angenommen? Die Kommentare zu den Zeitungsartikeln zum Thema PEN Berlin sprechen da Bände, nicht selten ist von einer Selbstüberschätzung der Schriftstellerkaste die Rede, viele Kommentare sind offen polemisch und gehässig, die meisten trauen dem PEN keine besondere Rolle zu. Nun hat die Intellektuellenfeindlichkeit in Deutschland eine sehr lange Geschichte und man sollte sich davon nicht ins Bockshorn jagen lassen. Vielmehr wäre es angemessen, die wirkliche Verfasstheit des PEN Berlin in der Öffentlichkeit selbst darzustellen, statt sich mit nicht selten polemischen und vorverurteilenden Zeitungsartikeln zufriedenzugeben, die dann eben besagte Kommentare und Meinungen befördern. Jeder, der die Presse zur Gründung des PEN Berlin verfolgt hat, weiß wovon ich rede. Meiner Ansicht nach ist das in der Öffentlichkeit entstandene PEN-Berlin-Bild, ausgehend vom Gotha-Desaster des „alten“ PEN, jetzt bereits negativ konnotiert, und da werden auch erfolgreiche Hilfsaktionen nicht viel ändern können. Man sieht uns, wenn man überhaupt ein Auge auf uns wirft, als eine abgehobene Truppe, die aus dem Elfenbeinturm heraus agiert. Die Presse wird sich, in guter alter Journalistenmanier, auf Deniz Yücel und vielleicht auch auf Eva Menasse einschießen und die weniger prominenten Mitglieder nicht weiter beachten. Was hilft es dann, im PEN Berlin eine flache Hierarchie zu haben, wenn im Öffentlichen nur eine Art ZK im Elfenbeinturm gesehen wird? Andreas Platthaus, FAZ-Redakteur für Literatur und literarisches Leben, zeigt in seinem Kommentar vom 10. 06. ’22 bereits die Marschrichtung auf: „PEN Berlin, das macht die Gründungsversammlung klar, ist vor allem PEN Yücel.“ Was also tun? Können wir als Mitglieder des PEN Berlin unabhängig von Funk, Fernsehen und Presse ein freies Wort wagen, das unvermittelt bei der interessierten Öffentlichkeit ankommt? Oder müssen wir uns der „Zensur des Marktes“ unterwerfen und darauf hoffen, gelegentlich, vermittelt über prominente Mitglieder, positiv in der Öffentlichkeit aufzutauchen und dadurch verfolgten Schriftstellern und Schriftstellerinnen besser helfen zu können? Oder sollten wir, als Fachleute des Schreibens und des Büchermachens, dies alles nicht besser selbst in die Hand nehmen, um direkt an die Öffentlichkeit heranzutreten? Müsste man nicht der Freiheit des Wortes (auch hier in Deutschland) konkret und in der Tat dienen, indem man sich die Freiheit nimmt, statt sie als gegeben selbstverständlich hin- und anzunehmen? Kurz: Könnte, sollte, müsste der PEN Berlin nicht auch durch Schriften seiner Mitglieder an die Öffentlichkeit treten? Könnte, sollte, müsste man nicht zu wichtigen politisch-kulturellen Themen (Heimat, Fremde, Muttersprache/Vaterland, …) kurze Beiträge der Mitglieder als ein Jahrbuch herausgeben, damit die Wirkung des PEN Berlin über die konkrete Nothilfe hinaus eine nachhaltigere ist? Damit die Menschen buchstäblich etwas in den Händen halten, ein in den Buchhandlungen tatsächlich vorhandenes Buch, das eben nicht so aussieht, als sei es aus dem Elfenbeinturm gefallen! Wie aber sähe so etwas konkret aus in einer Vereinigung, in der einige wenige mit ihren Büchern Millionenauflagen erzielen und andere sich mit Neben- und Brotjobs knapp über Wasser halten? Kommt man da überhaupt zusammen? Allen gemeinsam ist sicher, wenig Zeit übrig zu haben, aus welchen konkreten Gründen auch immer. Trotzdem: Ein Vereinsleben entsteht nicht allein über eine Jahreshauptversammlung oder über die Arbeit des Vorstandes (des Boards) und die Entlastung desselben, es entsteht über Beteiligung am Machbaren, über sinnreiches Tun in der Welt da draußen, in der wir alle ja ganz bodenständig leben, anderslautenden Ansichten zum Trotz.

In diesem Sinne …

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Der Beitrag erschien zuerst im Community-Teil von der freitag am 29.06.2022

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