Beruf SCHRIFTLER oder: wo wann bin ich was wie?

Nicht selten und in letzter Zeit wieder öfter werde ich gefragt, was ich denn so mache. Die beste Antwort ist natürlich „nix“ oder „ich arbeite so vor mich hin“ oder auch lakonisch „ich verträume meine Tage“, denn schließlich wußte ich ja schon als Kind auf die Frage, was ich denn mal werden wolle, auch überhaupt nie eine Antwort – dazu fehlte es mir an erwachsenen Vorbildern, an solchen, die mit Überzeugung etwas vorstellten. Es beeindruckte mich tatsächlich nichts von dem, was Erwachsene taten! Auch ihre Sportwagen, Häuser und Swimmingpools machten mir keinen Eindruck, ich spürte nicht die geringste Verbindung zu ihrem Sein und Tun, ich war ganz eigen mit dem Gefühl meiner selbst, meinem schon immer ausgeprägten Selbstbewußtsein, nicht zu verwechseln mit Selbstvertrauen, denn das hatte ich als Kind nur sehr eingeschränkt in bestimmten Bereichen, dem Fußballspielen etwa. Wie leicht also hätte ich auf die Idee verfallen können, ich sei ein Außerirdischer! So weit sollte es nicht kommen, wenn mir auch eines Tages, die Fußgängerzone meiner kleinen Heimatstadt hinunterschlendernd, die Einsicht aufdämmerte, schüchtern noch, diesen Ort verlassen zu können und auch zu dürfen, quasi mit Selbsterlaubnis, um mein eigenes Leben zu leben, bevor ich mich am Ende noch zu einem Zombie entwickelte.

So wurde ich also zu einem Weggeher, und das ist ja auch schon was, denke ich, vor allem weil es mich so zunächst, als dem naheliegendsten Fluchtweg, zur Literatur trieb, in der das Weggehenmüssen seit je her Thema ist. Vielleicht sollte ich nach meinem Tun befragt immer sagen, ich erforsche das Weggehen als literarischen Topos, oder so etwas in der Art, aber wie immer, wenn ich überlege, wie ich in Gesellschaft ein über mein einfaches Dabeisein hinausreichendes klares, sauber formuliertes Bild meiner selbst geben könnte, kann ich mich mit so etwas nicht anfreunden, denn so ganz stimmt nichts von dem, was ich sagen könnte. So ertappe ich und auch die anderen mich dabei, wie ich nicht selten mit einem „An sich“ und „Eigentlich“ meine Sätze beginne oder gar beende. Was für ein DILEMMA das doch ist! Ich kann nicht mal genau sagen, was ich früher mal gewesen sein mag, aus dem Betrieb der bildenden Kunst bin ich raus, so wie auch aus dem des Akademischen, selbst wenn ich nicht aufhöre, irgendwie immer auch noch bildender Künstler und auch Akademiker zu sein, was ich beides ohnehin nie voneinander getrennt habe und auch nie von dem, was man so gemeinhin als die Tätigkeit eines Autors ansieht.

Also, Butter bei die Fische – was machst Du denn so? – Die Frage steht also mal wieder im Raum, mit dem Rücken zur Tür. Flucht unmöglich. Ich druckse herum, gieße mir nach, trinke einen Schluck, lasse mein Leben vor meinem geistigen Auge Revue passieren, stelle bald das Glas auf den Tisch, drehe es sodann mit spitzen Fingern im Uhrzeigersinn, alles natürlich nur, um Zeit zu gewinnen. Schließlich aber schaue ich, Fatalist der ich bin, meinem Gegenüber tief in die Augen, und was soll ich sagen, plötzlich steht mir, wie aus dem Nichts und in aller Klarheit, die richtige Antwort vor Augen. „Ich bin Schriftler“ sage ich, den Kopf ein wenig zur Seite legend, „mit Leib und Seele Schriftler! Nicht mehr und nicht weniger und immer auch schon gewesen!“ (Na also, geht doch!)

 

 

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Belanglose Mitteilung

Ich bin nicht plötzlich weniger geworden, nur weil ich seit ’ner Weile weniger auf anderermenschen Weblogs kommentiere oder hier bei mir zuhause womöglich ein wenig weniger schreibe. Schreiben kann man schließlich auch so, daß es am Ende vom Bildschirm auf Papier landet und nicht direkt im Netz. Merken Sie sich das, bevor das Wissen darüber verloren geht! Auch lesen tue ich zurzeit viel, so scheint mir jedenfalls, denn nach einer Phase, in der ich glaubte, nie wieder mich für einen Roman begeistern zu können, liegen hier miteinemmale wieder etliche Romane zum Gelesenwerden herum, von Witold Gombrowicz und Stanislaw Ignacy Witkiewicz und Erich Kästner und Louis-Ferdinand Céline über Peter Handke und Alban Nikolai Herbst bis hin zu Aléa Torik. Dazu kommen die wiederzulesenden Romane und all die Erzählungen von Stifter und Robert Walser und Heinrich Schirmbeck, und sicher werde ich auch gelegentlich mal wieder die neusten Produkte des Literaturnachwuchses kosten, selbst wenn ich mir damit schon so oft den Magen verdorben habe.

Und dann ist da ja noch mein neues Romanprojekt, das sich da so vor mir auftürmt mit all seinen Ideen und zu verarbeitenden Fakten – ein Wächter steht davor, der mich nicht hineinlassen will in den Roman, doch ich werde ihn nicht zu überzeugen suchen, mich doch bittebitte durchzulassen, durchaus nicht, sondern ihn einfach ignorieren – denn dazu ist er da. Bin ich drin im Projekt, was mit diesem Augenblick geschehen ist, muß ich mir klarmachen, daß ich mich, anders als in meinem erst kürzlich abgeschlossenen Romanprojekt, sprachlich auf andere Art und Weise verhalten … darf, ja anders verhalten muß, denn ist der fertiggestellte Roman um 1700 verzeitigt, so ist in dem zu schreibenden das Jahr 1923 und die Jetztzeit plus X die Rahmenzeit. Erstmalig auch werde ich … ha!, das hätten Sie wohl gerne, daß ich hier so aus dem Nähkästchen plaudere, aber nix da, ich entscheide, was ich zum besten gebe und was nicht – schließlich muß ich ja auch die ganze Arbeit verrichten! Letztens hörte ich übrigens wieder den Satz, das nur am Rande, „wenn ich Zeit habe, schreibe ich auch mal einen Roman“, worauf ich ihn, es war ein männlicher Mensch, fragte, was denn besonders das Schreiben von Romanen mit Zeit zu tun hätte und ob denn nicht jede Art Arbeit Zeit bräuchte und dazu dann eben ganz wesentlich Können, Wissen, Ausdauer, Disziplin und so weiter vonnöten wäre. Antwort: keine. Wäre ja so, schob ich noch in das verendende Gespräch nach, als würde ich sagen, wenn ich nur Zeit hätte, dann würde ich endlich mal eine Brücke bauen von, sagen wir mal, Island nach Grönland – termingerecht natürlich. Yippie-yippie-yeah!

 

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„Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft“ (Essay)

Ist Witold Gombrowicz’ Tagebuch so etwas wie die Urform des literarischen Weblogs? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich angefangen habe, die gesammelten Tagebucheinträge zu lesen. An einer Stelle schreibt er: „Ich schreibe dieses Tagebuch nicht gern. Seine unredliche Aufrichtigkeit quält mich. Für wen schreibe ich? Wenn für mich, weshalb wird das gedruckt? Und wenn für den Leser, weshalb tue ich so, als spräche ich mit mir selbst? Sprichst du so zu dir, daß es die anderen hören?“ (S.59. Alle Zitate aus: Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953–1969. Fischer Taschenbuch 2004 bzw. Carl Hanser Verlag 1988) Wer ist dieser Herr Witold, dieser Gombrowicz? (Ich möchte, übrigens, um Nachsicht bitten dafür, daß ich mich mal wieder nicht mit der aktuellen Literaturproduktion beschäftige; ich weiß, da heißt es wieder, der Schlinkert mit seiner seltsamen Neigung zu Gutabgehangenem, zu all diesem alten Zeugs … doch wer mich kennt, der weiß, daß ich mich ausschließlich mit aktuellem Gedankengut beschäftige, ob es nun diese Sekunde veröffentlicht wird oder von Hesiod stammt.) Also: Gombrowicz, Witold, polnischer Schriftsteller, großer Erfolg in Polen 1938 mit seinem ersten Roman ‚Ferdydurke’, einem wunderbar absurd-komischen Roman mit hintergründigem Ernst, der imgrunde auch einen Diskussionsbeitrag zu der Frage darstellt, wie es um den Diskurs zwischen den altständigen und den modernen Polen bestellt ist. Im Jahr 1939 wird Gombrowicz in Buenos Aires vom Ausbruch des Weltkrieges überrascht und bleibt bis 1963 in Argentinien. Dort kleiner Bankangesteller zwecks Lebensunterhaltssicherung, ist er aber vor allem Schriftsteller und – quasi öffentlicher – Tagebuchschreiber, denn von 1953 bis 1969 werden seine jeweils nur mit dem Wochentag datierten Eintragungen in der in Paris erscheinenden polnischen Exil-Zeitschrift Kultura veröffentlicht. (Siehe dazu: Editorische Notiz. a.a.O. S.993.) Es ist also zunächst eine nur kleine Öffentlichkeit, bis dann 1957, 1962 und 1967 polnische Buchausgaben erscheinen.

Was nun macht Witold Gombrowicz so aktuell? Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es, Gombrowicz’ Überlegungen zu Themen wie Marxismus, Katholizismus oder Homosexualität seien unerwartet und wiesen auf verblüffende Zusammenhänge, sie seien aufschlußreiche Pamphlete gegen jedwede Lüge und Ideologie – so weit, so gut. Was mich nun unter anderem besonders interessiert sind aber die Fragen, die ich mir als „literarischer Blogger“ stelle (was für ein ekliger Begriff dieses „Blogger“ doch eigentlich ist, fast kommt es einem hoch!), denn wenn das literarische Weblog Literatur ist, die sich vermittels neuer technischer Möglichkeiten direkt und unvermittelt aktuell an Leser:innen wendet, dann scheinen mir diese Tagebuchbeiträge, zumindest in ihrer so schnell als möglich gedruckten Form, als eine Ur- oder Vorform des literarischen Weblogs. Der Vergleich mit Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel. Anderswelt drängt sich dabei geradezu auf, und das nicht nur, weil Die Dschungel ohne Zweifel einen bedeutenden Beitrag darstellt zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur (möge die Literaturgöttin dafür Sorge tragen, diese Beiträge der Nach-Welt zu erhalten!), sondern vor allem, weil beide Schriftsteller eine kompromißlose Haltung zu allem was Literatur ist und sein kann offen (aus)leben, weil beide sich mit einer hohen Risikobereitschaft an ein oder ihr Publikum wenden, ohne Liebedienerei und falsche Bescheidenheit. Deckungsgleich sind die Ansätze deswegen natürlich nicht, schon allein dadurch bedingt, daß ein Alban Nikolai Herbst dem tagebuchartigen Eintrag meist unmittelbar Weiteres folgen läßt, nämlich als direkte Reaktion auf Leser:innen-Kommentare. Diese Unmittelbarkeit ist sicher das eigentlich Neue und erweitert das Genre des Tagebuchartigen.

Vor- oder Urform also des literarischen Weblogs der Haltung zum Schreiben, zum Künstlersein wegen und vor allem auch aufgrund der so gelebten und gestalteten Beziehung zu den Leser:innen!? Doch birgt diese Art, sich an ein Publikum zu wenden, naturgemäß auch allerlei Gefahr in sich – die nämlich, sich trotz aller Offenheit selbst in die Tasche zu lügen. Gombrowicz schreibt: „Die Falschheit, die schon in der Anlage meines Tagebuchs steckt, macht mich befangen, und ich entschuldige mich, ach, Verzeihung … (aber vielleicht sind die letzten Worte überflüssig, sind sie schon affektiert?)“ (S.60.) Dies schrieb er 1953, und man sollte bedenken, daß er als Exilant in einer dauerhaft mißlichen Lage war, schon allein deshalb, weil er sich seine Leser unter seinen (fernen) Landsleuten zu suchen hatte und sein Heimatland zugleich noch unter der Knute des Stalinismus wußte  – wenngleich, auch das scheint mir bedenkenswert, er immerhin als Fremder in einem Land auch durchaus kleine Freiheiten hatte, die ein einheimischer Künstler, der sich als Künstler im eigenen Land fremd fühlt, was nicht selten der Fall ist, niemals haben kann. Was aber trieb nun unseren Autor zu dieser öffentlichen Form des Schreibens, zum reflektierend-nachdenklich-erzählenden Tagebuch? Das zuletzt Zitierte weiterführend schreibt Gombrowicz: „Dennoch ist mir klar, daß man auf allen Ebenen des Schreibens man selber sein muß, d.h. ich muß mich nicht nur in einem Gedicht oder Drama ausdrücken können, sondern auch in gewöhnlicher Prosa – in einem Artikel, oder im Tagebuch – und der Höhenflug der Kunst muß seine Entsprechung in der Sphäre des gewöhnlichen Lebens finden, so wie der Schatten des Kondors sich über die Erde breitet. Mehr noch, dieser Übergang aus einem in fernste, fast untergründige Tiefe entrückten Gebiet in die Alltagswelt ist für mich eine Angelegenheit von ungeheurer Bedeutung. Ich will ein Ballon sein, aber an der Leine, eine Antenne, aber geerdet, ich will fähig sein, mich in die gewöhnliche Sprache zu übersetzen.“ (S.60.)

Vereinfacht gesagt ringt Gombrowicz in seinem Schreiben insgesamt darum, als Künstler Mensch und als Mensch Künstler zu sein – daß dies nicht im Verborgenen und nicht in aller Bescheidenheit vor sich gehen kann, liegt in der Natur der Sache. Anmaßung ist hier das Stichwort, und wer Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel in den Jahren aufmerksam verfolgte, der weiß, wie oft Kommentatoren Herbst angriffen wegen seiner vermeintlichen Eitelkeit, seiner vermeintlichen Großtuerei. Auch Gombrowicz muß diesem kleingeistigen, imgrunde unterwürfigen Denken ausgesetzt gewesen sein, denn er bezieht klar Stellung zur Seinsweise des Künstlers (und weist zugleich seinem Tagebuchschreiben, indem er es nicht für sich behält, den Sinn und Platz innerhalb seines Gesamtwerkes zu). Er schreibt: „Ich weiß und habe es wiederholt gesagt, daß jeder Künstler anmaßend sein muß (weil er sich einen Denkmalssockel anmaßt), daß aber das Verhehlen dieser Anmaßung ein Stilfehler ist, Beweis für eine schlechte »innere Lösung«. Offenheit. Mit offenen Karten muß man spielen. Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft.“ (S.61.) Dschungel-Leser wissen, daß Alban Nikolai Herbst dieselbe Überzeugung lebt, die er in seinem Weblog den Lesern folgerichtig nicht vorenthält. An einer Stelle schreibt Herbst: „Künstler jedenfalls, wenn sie das sind und also etwas zu sagen haben, kämpfen mit offenem Visier. Ausnahmslos. Schon, um ihre ästhetische Position zu bestärken, was wiederum ihr Werk stärkt und durchsetzt.“ (Interessant hier die doppelte Bedeutung von Durchsetzen: einmal im Sinne von Durchdringen, das andere Mal im Sinne von Erfolg auf dem Literaturmarkt.)

Das zugleich intime und zur Einsichtnahme gedachte Tagebuch ist ja bekanntermaßen keine Erfindung unserer Tage, das sei noch kurz angemerkt, sondern ist hierzulande seit gut dreihundert Jahren Bestandteil der literarischen Welt. Oft wurden Tagebücher zu Memoiren, eigenen Lebensbeschreibungen bzw. Autobiographien oder auch Romanen verarbeitet, man denke nur an die Memoiren der Glückel von Hameln (Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts, veröffentlicht 1910), Ulrich Bräker, Salomon Maimon, Adam Bernd, Heinrich Pestalozzi, Johann Heinrich Jung-Stilling, Karl Philipp Moritz und viele andere, wobei die gezeigte Offenheit oftmals einen stark aufklärerischen Impetus hat (Adam Bernd, Pestalozzi, Jung-Stilling), durchaus aber auch schon den Protagonisten zugleich als Künstler heraushebt (Bräker, Moritz), der als solcher das eigene Leben schreibend auf eine Art offenbart, die auf eben diese künstlerische Art hinaus in die Welt muß. Die Möglichkeit, als Schriftsteller Tagebucheinträge (so wie Gombrowicz) fast unmittelbar in einer Zeitschrift, beziehungsweise sie heutigentags tatsächlich unmittelbar auf einer eigenen Website unter Klarnamen zu veröffentlichen, ist somit nichts weiter als eine Erweiterung der Möglichkeit, in aller Offenheit und auf zugleich höchstem Niveau als Künstler zu sein und zu wirken und (s)ein Werk zu schaffen.

(Zu finden auch hier)

 

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Mehr Enthusiasmus!

„Enthusiasmus“ ist eines der seltsamsten Worte der Wortgeschichte – ich aber komme jetzt nur darauf, weil er mir momentan fehlt. Ich weiß natürlich, wie sich das anfühlt: ist man enthusiastisch (was ja weit über eine profane Begeisterung für etwas hinausgeht, denn Enthusiasmus ist inwendig und egozentrisch), glüht der ganze Mensch. Aber, wie gesagt, im Moment: nix. Der Grund liegt wie in jedem Jahr offen zu Tage, die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel haben mich geradezu vergiftet mit all dem Einzelhandel-Gedöns allüberall, und zudem bin ich auch noch eine kleine Weile in Westdeutschland gewesen, in einer Gegend auch noch, in der der Zungenschlag der Einheimischen von Grund auf schwermütig ist, weil die Worte dort zu ihrem jeweiligen Ende hin so wenig aufstreben wie dann auch die aus ihnen gebildeten Sätze, sondern im Gegenteil resigniert in sich verenden, so als wäre das Wort weniger wert als die Sache, die es bezeichnet. Es gibt ja im Deutschen mehrere solcher Dialekte und Sprachfärbungen, die der Depression Tür und Tor öffnen, und aus eben diesen Gegenden stammen folgerichtig auch die meisten der zugewanderten Einwohner von Berlin, Hamburg, München und so weiter. Zurück im Ur-Heimatlichen bleiben, ebenso folgerichtig, die, die es nicht merken, beziehungsweise ganz paßgenau da sind, wo sie hingehören. Das Ganze ist allerdings noch fast gar nicht erforscht, obwohl die eigene Sprache den Menschen von Anfang an formt, weil sie ihn umgibt und er sie nachbildet und lernt, bis er dann ebenso spricht wie die anderen. Zur Ehrenrettung der regionalen Sprachfärbungen und Dialekte muß aber angemerkt werden, daß man ihnen durch das Erlernen eines lebendigen Hochdeutsches unter phantasievoller Einbeziehung einzelner Sprachmuster und Betonungsvarianten entfliehen kann, die zunächst gelernte Heimat-Sprache also absolut nur denen dauerhaft schadet, die sich der zersetzenden Anteile dieser ihrer Sprache nicht bewußt sind. Allerdings gibt es für eben diese Klientel seit Jahren nun schon ausreichend Comedy im jeweiligen Heimatdialekt, dargebracht in den dritten Fernsehprogrammen und auch erhältlich als CD, DVD, Blue-Ray und Buch. Die auf diese Weise zu erlebenden Medizinmänner und -frauen bringen die Menschen in ihrer Sprache nun nicht nur dazu, über sich selbst und ihre Beschränktheit zu lachen, durchaus nicht, nein, sie geben ihnen auch Sprachstoff an die Hand, um sich zu verständigen und gleich wieder zu lachen, weil sich alle ja an diese lustigen Bühnenauftritte erinnern. So hält man, ein Fortschritt, ganz  ohne Frage, den sozialen Frieden aufrecht, und da nun in dieser ihrer eigenen Sprache auch noch ordentlich über die Politiker und die Manager und die Banker und überhaupt über all diese Betrüger gelästert wird, fühlen sich alle gleich besser – – – alle außer mir, denn ich brauch meinen Enthusiasmus, den will ich haben, und wenn ich ihn mir selber schnitzen muß, indem ich in meiner Sprache Wort für Wort und Satz für Satz einen Text in die Welt stanze! (Ich glaube, es geht schon aufwärts!)

 

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500

Die Maschine zählt, und so ist das jetzt hier der fünfhundertste Beitrag meinereiner seit September 2009. Mitgezählt sind die sogenannten Monatsbriefe, die ich vor Jahren fortlaufend den Monat über schrieb als am Ende einen einzigen Monats-Text (noch zu Zeiten, als das hier noch kein Blog war), aber auch Einwortbeiträge und imgrunde nur schlichte Verlinkungen; meistens aber sind an dieser Stelle der Welt glossenartige Beiträge von hoher Qualität zu finden (die weniger guten bitte ich zu entschuldigen, denn das geht ja gar nicht!) und auch einige Essays. Neigte ich zum Großkotzdasein, so würde ich nun sicherlich daran gehen, die besten meiner Texte gedruckt zu veröffentlichen, das macht man halt so, wenn man Schriftsteller spielen will, denke ich, aber ich denke nicht einmal daran, das selbst zu tun. Auch fällt mir nix Substantielles ein zum Fünfhundertsten, außer vielleicht die Betonung der überlebenswichtigen Wichtigkeit meines kürzlich fertiggestellten Romans, der, anders als die 500, dringend gedruckt zu werden verlangt! Ah! Jetzt fällt mir doch etwas ein, nämlich eine Textstelle, die ich eben las im Tagebuch 1953–1969 von Witold Gombrowicz. Dort heißt es eines freitags: „Kennzeichen der Literatur ist Schärfe. Selbst wenn sie dem Leben gutmütig zulächelt, ist Literatur das Ergebnis einer scharfen, harten Entwicklung ihres Schöpfers. Und der Literatur muß an der Verschärfung des Geisteslebens gelegen sein, (…). / Eine Literatur, die ständig von allerlei Romane und Feuilletons fabrizierenden biederen Tanten aufgeweicht wird, von den Lieferanten der letzten Prosa und Dichtung, von wortgewandten Weichlingen, eine solche Literatur ist in Gefahr, ein weichgekochtes Ei zu werden, statt – wie es ihre Berufung wäre – ein hartgekochtes zu sein.“ So ist es! Danke Herr Witold!

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Augen auf und durch!

Meine Tagesration an Inspiration hole ich mir gemeinhin durch Lektüre und eher selten durch persönliche Begegnungen. Ein Tag, an dem ich nicht schreibe und auch nicht lese, ist ein verlorener Tag, und meistens lese ich Romane, und zwar eindeutig mit dem Ziel, etwas Außergewöhnliches zu erleben, zu haben. Gelingt dies, wie neulich etwa mit der Lektüre von Célines Reise ans Ende der Nacht oder mit Witold Gombrowicz‘ Ferdydurke und auch mit seinem Pornographie, fühle ich mich getragen wie ein Vogel von warmen Luftströmungen. Herrlich ist das! Mißlingt dies allerdings, stecke ich also mitnichten in einem außergewöhnlichen Buch, flattere ich orientierungslos hin und her und auf und ab, um bloß nicht abzustürzen … das wäre das Schlimmste, abzustürzen, ein Leben in den viehischen Niederungen der Realität führen, wo alles nicht mehr bedeutet als das, was es grad so eben mal ist. Denn aus Dienstbeflissenheit sich etwas vormachen, etwas schönreden, sich selbst die in Aussicht stehende Belohnung, von Urlaub bis Lebensabend, wie die Möhre vor die Nase halten … das ist mein Ding nicht! Stünde Selbstbetrug unter Strafe, die Kerker wären übervoll! Natürlich sehe ich ein, daß es ohne diese Lebenshaltung imgrunde nicht geht, man kann nicht aus Verdruß ständig den Beruf wechseln oder vor Problemen wegrennen, nur weil man sich als Individuum gekränkt fühlt, benutzt, verschlissen und weggeworfen. Außerdem, Strafe muß sein, allzu blauäugige Entscheidungen führen eben zu dem, was man dann späterhin auszuhalten und zu bewältigen hat – hat man sich also etwa das noch jugendliche Leben einmal retten lassen durch die Literatur, ihr damit verfallend, muß man in seinem Leben natürlich Bücher schreiben, ganz gleich, ob man damit dann Erfolg hat oder nicht. Ähnliches gilt ganz allgemein für alles Rettende, auch für Geld, denn wer dem einmal verfallen ist, und sei es aus einem eklatanten Mangel an demselben in Jugendzeiten, kommt nie wieder oder doch nur sehr schwer davon los. Für Gott und Drogen gilt dasselbe. Natürlich muß Geld, Gott und Drogen nicht zu einem völligen Absturz führen, nicht jeder Geldmensch ist ein niederträchtiger Gierhals, nicht jeder Gottgläubige ein Fundamentalist, nicht jeder Drogenkonsument ein Abhängiger, so daß die meisten sich flatternd irgendwo auf halber Höhe wiederfinden, gewissermaßen zwischen Himmel und Hölle. Dazu im Gegensatz besteht allerdings für die auf die Literatur Eingeschworenen, von ihr Abhängigen, keine Hoffnung auf ein erträgliches Dazwischen … denn sie sind derartig abhängig von ihrem Tun, daß sie ständig hindurch müssen, durch Himmel und Hölle, ja, es ist ein ständiges Hinauf und Hinunter, Hinein, Hindurch und Heraus und wieder Hinein – wie es im Buche steht.

Die Kreatur leidet, Norbert W. Schlinkert

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Das Hamsterliche und das Rad

„Wohl dem, dem das Hamsterliche innewohnt, denn wo ein Hamster ist, ist auch ein Rad“ – das schrieb ich gestern, und wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß wir fröhlichen Menschen es schwer haben, in diesem Satz ist er nicht zu finden. Außerdem bin ich nicht fröhlich, obwohl es gestern um Mitternacht tatsächlich regnete, ich aber keineswegs schrieb, allerdings am Schreibtisch saß. Sie sehen schon, liebe Leser:innen, ich mache es Ihnen einfach, dies nicht zu kommentieren, auch deswegen, weil ich niemanden zwingen will und ich mir selbst, ganz unabhängig vom sogenannten Jahreswechsel, hört, hört!, vorgenommen, nein: verordnet habe, von nun an weniger zu kommentieren, also nur noch da, wo ich erstens: will, und: mir zweitens auch adäquat geantwortet werden wird. Lesen ja, darauf antworten nein, so wird von nun an der Regelfall aussehen, denn dem großen Kommentiergequatsche im sogenannten Internet muß endlich, sage ich, ein inwendiges Schweigen entgegengesetzt werden, ein Strom, der also nur scheinbar zutage tritt, nur in Worten, Sätzen und Kaskaden, sinnlos, bleich und frei. Durchatmen, sich dem Kommunikationszwang entziehen, einfach mal wieder lesen ohne den Hammer im Kopf, es einfach auch mal nicht in die Welt hinausposaunen, was man denn grad so mit Begeisterung lesend vertilgt, und es also zu dem Seinen machen und auch nicht wieder hergeben. Behalten, es für sich behalten, den Profit einsacken – das ist das neue Credo!

[„I have graven it within the hills, and my vengeance upon the dust within the rock.“ (Edgar Allan Poe: The Narrative of Arthur Gordon Pym)]     

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Mensch!

Zu anderen Zeiten verlor man seine Freunde im und an den Krieg, heute verliert man sie hierzulande eher an die Arbeit oder die Armut, eins von beidem. Arbeiten die einen krampfhaft in sich selbst verkeilt viel, viel, viel zu viel, aus lauter Angst, nicht zu funktionieren, nicht dabei sein zu dürfen und am Ende ohne ausreichende Rente zu sterben, finden die anderen keine Zeit, weil sie sich nicht einmal ein Kindermädchen für ihre Kinder leisten können, die Wohnung zu klein, das Einkommen auch, Tag und Nacht damit beschäftigt, den Kindern das ihnen Zustehende zu geben, bis zur Erschöpfung. So weit ist es gekommen, nicht trotz, nein, wegen des irrsinnigen Wohlstandes in diesem Land, und ja, tatsächlich, der Papst Franziskus hat ganz recht mit seinen Einschätzungen, was das sich jetzt global durchsetzende Wesen des Kapitalismus betrifft. Jeder für sich, Gott für uns alle? Eben dies würde er sicher nicht unterschreiben, der Papst, nicht weil er unfehlbar wäre oder nicht irgendwo Dreck am Stecken hätte, sondern weil er klar sieht. Andererseits muß man ebenso klar feststellen, daß diese ganze Entwicklung hin zu einer reinen Globalmarktwirtschaft dem Wesen des Menschen entspricht, in völliger Friedfertigkeit langweilen sich die meisten Menschen, denn es gehört schon ein höheres Menschsein dazu, allein die Möglichkeit der Langeweile als ein Geschenk zu sehen, das sich der Mensch ungewollt selbst macht, denn verordnen kann er sich nichts derartig Unvernünftiges, vermeintlich Unproduktives. Könnte sich der Mensch etwas verordnen, also etwa Vernunft, so hätte der Sozialismus bestens funktioniert, statt immer wieder dazu zu führen, das Böse im Menschen und das Feindselige herauszukitzeln. Wie im reinen Kapitalismus, denn die Abhängigkeiten bleiben, das Herrsein und das Knechtsein ist tief verankert im menschlichen Sein, da muß man weder Hegel noch Freud bemühen oder ethisch-moralische Kategorien herbeizitieren – das ist einfach so. Also keine Veränderung möglich, kein gesellschaftliches Miteinander ohne die vielen Opfer? – Allein die momentan sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger, sechs Millionen Menschen!, müßten doch ein ständiges Fanal sein, die Lage verbessern zu wollen! Müßte, ist es aber nicht! Der Mensch ist des Menschen Mensch – so einfach ist das, jedenfalls so lange Krieg ist, der kleine tägliche wie der versteckte und der offen erklärte, und das Fatale ist immer mehr, daß die, die das Kriegswesen zu beenden trachten – den Krieg gegen Menschen, denjenigen gegen Tiere und das, was wir Natur nennen – oft mit den selben Waffen kämpfen wie ihre Gegner, allerdings, anders als die Gegner, keine weiteren Geschütze mehr in der Hinterhand haben, nicht die Dummheit der Konsumenten noch die nicht nur potentielle Gewalt der Militärs. War das jemals anders, fragt man sich! Nein, natürlich nicht, aber das ist ja eben das Problem!

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Zwischenetappe 2014

Dumm müßte man sein, dumm und naiv! Was könnte man sich nicht amüsieren, was gäbe es nicht für ein supertolles Unterhaltungsangebot, hätte man nur auf dieses Nachdenken, was ja immer ein Vordenken ist, verzichten können! Aber nein, man war ja so dumm, die Dummheit und Naivität so vieler Menschen in seinem Umfeld als so abstoßend zu empfinden, daß man sich ganz jung noch dachte, nee, so will ich nicht werden, so will ich nicht leben, so will ich nicht sein. Tja. Und jetzt? Jetzt muß man erkennen, daß es die Dummen und Naiven sind, die den Lauf der Welt noch immer bestimmen, einfach deswegen, weil sie immer in der Mehrheit sind mit ihrer Gier und ihrer Angst vor Langeweile, was die etwas weniger Naiven und Dummen leidlich auszunutzen wissen unter Umgehung dieser lustigen Sache von früher, als man wirklich noch glaubte, Eigentum verpflichte einen Menschen gegenüber der Gemeinschaft, ein Unternehmen sei dem Gemeinwohl verpflichtet. Ha, drauf geschissen!

Vor hundert Jahren führte kollektive Dummheit zum Großen Krieg, später Erster Weltkrieg genannt, und heute, im Jahr 2014, steht die Frage im Raum, wie sich gegen die neuste Art des Irrsinns zur Wehr setzen, die da aus den USA kommt und NSA heißt und zu einer neuen Art der Diktatur führen wird, beziehungsweise, seien wir doch nicht naiv, schon geführt hat. Ein Stichwort ist Erpressbarkeit, denn wer die Daten hat, hat die Macht. Sie wollen Bürgermeister unserer schönen Stadt werden? Aber bitte, gerne, lassen Sie sich wählen, aber denken Sie immer daran, wir wissen, welche Websites Sie wann besucht haben! Und nicht nur das! Wir wissen alles, alles über Sie! Also, viel Erfolg!

Beati pauperes spiritu, selig sind die Armen im Geiste, so heißt es ganz richtig. Wer nicht zum richtigen Zeitpunkt aufgehört hat, sich weiter zu entwickeln, der hat’s schwer, denn zwar gibt es allüberall Fortbildungsseminare, damit man noch besser funktioniere, doch Rückbildungsseminare, nö, Fehlanzeige. Manch schlauer Kopf probiert allerdings auf eigene Faust, der Dummheit und Naivität habhaft zu werden und konsumiert Drogen allerlei Art, das ist natürlich einen Versuch wert – aber erst, das sei euch gesagt, wenn euch jedwede Schlagerparade und die komplett inhaltslose Neujahrsansprache der Kanzlerin wirklich glücklich macht, wirklich und ganz in echt glücklich macht, seid ihr am Ziel. Erst dann! Nun ja, wohlauf denn, verdumme und gesunde, deutscher Mensch des Jahres 2014! Ich wünsche ein Frohes Neues Jahr!

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Der Geist der Literatur

Wenn man Célines Reise ans Ende der Nacht gelesen hat, ist man überwältigt. Ein grandioser Roman, kein bißchen verdorben durch literaturwissenschaftliches Denken und Machen – nee, das ist richtige Literatur! Nicht so eine Harmoniesauce, so ein Marktanpassungsgeschreibsel. Letztens erst machte sich jemand ein wenig darüber lustig, daß ich nur selten aktuell erscheinende Romane läse, was natürlich stimmt, aber auch heißt, daß ich aus dem „Aktuellen“ eben nur das wirklich Gute heraussuche. Kann man mir wohl nicht verübeln, und außerdem habe ich alle Argumente auf meiner Seite, daß nämlich erstens alles, was ein Mensch liest, durch sein Lesen aktuell ist, und zweitens – habe ich jetzt vergessen. Was Céline betrifft, so ist augenfällig, wie sehr er Samuel Becketts Prosa beeinflußt hat, darüber ließe sich einiges schreiben, absolut, und natürlich könnte ich das tun, wenn auch nur auf Grundlage der Übersetzungen ins Deutsche. Das wäre sehr, sehr interessant, würde aber wohl kaum jemanden interessieren außer mich selbst, und ich sehe es ja schon. Schade natürlich, aber so ist das nun mal in einer Zeit, in der das Sterbeglöckchen der Geisteswissenschaften schon unablässig leise vor sich hinbimmelt, selbst in Deutschland, dem geisteswissenschaftlichsten Land der Welt. Bald ist es also vorbei damit, obwohl ja deren Aufgabe noch garnicht erfüllt ist. Der Geist selbst immerhin, der bleibt, und manchmal zeigt er sich sogar, vor allem zwischen den Jahren. Huuuuuh.

Der Geist der Literatur, Norbert W. Schlinkert

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