Einfache Gedanken & Aphorismen IV

Leser, die nicht lesen können, sind ein Trost für Autoren, die nicht schreiben können. (Manfred Hinrich)

 

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Stille & Schweigen

Ein Film, der nicht als Roman oder als Unterhaltung oder als Geldmaschine gedacht ist, sondern als Film selbst – wie angenehm das doch ist! Nach langer Zeit sah ich mal wieder Ingmar Bergmans Das Schweigen, der in der Bundesrepublik Deutschland am 24. Januar 1964 anlief, einem der wichtigsten Tage des letzten Jahrhunderts. Seltsam, sehe ich heute im Jahr 2012 ältere Filme solcher Qualität, atme ich seelisch auf. Heutige Filme sind oft, wenn auch zum Glück nicht immer, wie ein Bombardement von Motiven, Anspielungen, Mythen, Meinungen und Absichten, wohingegen Das Schweigen von Liebe handelt, von Sehnsucht, Haß und Gier, von Lust, Verzweiflung, Krankheit und Tod, und zwar im eigentlichen Sinne, der nur in den Figuren selbst liegt. Es gibt nur wenige Anspielungen auf Filme anderer Regisseure, einmal spielt der zehnjährige Johan an einer Treppe des fast menschenleeren, sehr luxuriösen Hotels mit dem eigenen Schatten an der Wand, was auf Nosferatu von Friedrich Wilhelm Murnau verweist, ansonsten ist Bergman ganz er selbst und auch ganz der zehnjährige Johan, der einmal im Korridor einfach an die Wand pinkelt und der mehr begreift, als den beiden Frauen lieb ist, deren Geschwisterhaß und Geschwisterliebe nicht ihn zerstört, sondern sie selbst, wie es aussieht, denn der Junge weiß wenigstens zu spielen.

 

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Tropfen, die auf heiße Steine klopfen

Die Machtübernahme des dicken Verbrechers im Jahr 1982 war natürlich ein Schock für viele Menschen, der sechzehn Jahre nicht nachließ, woran nun zum dreißigsten Jahrestag der Bonner Ereignisse wieder erinnert wird. Nicht etwa, daß der heute so mythenumrankte Vorgänger des Dicken gute Politik gemacht hätte, doch der war wenigstens indirekt vom Volk bzw. von den Sozis im Volk gewählt. Überhaupt: das Volk, das deutsche! Nie wähltest Du richtig, doch Du wähltest, vor allem weil man Dir die Demokratie verordnet hat wie Medizin. Immerhin aber sägtest Du den Dicken dann endlich ab, allerdings Jahre zu spät, worauf das Schröder-Müntefering-Fischer-Regime installiert wurde, um dem Volk zu zeigen, daß beim Dicken nicht alles schlecht war, weil man sich da als Mensch noch durchwurschteln konnte, was natürlich heute den psychisch Stabilen auch noch gelingen kann, nur daß sich viele von denen, die nichts haben von den Errungenschaften der Zeit, nicht mehr als Menschen behandelt fühlen, vom Amt. Kann man nun die von oben gewollte soziale Kälte abwählen, nachdem man sie dummerweise gewählt hat? Schließlich gehen überall auf der Welt die Menschen zur Wahl, wenn sie können, teils unter Lebensgefahr, um teilzuhaben, teilzunehmen, um einen Dicken zu wählen, der ihre Geschicke lenkt und Schaden vom Volk abwendet, auf daß es jedem Einzelnen besser gehen möge. Auch wir, wir Deutschen, dürfen im nächsten Jahr wieder wählen gehen, jeder bzw. fast jeder hat eine Stimme, die er abgeben kann, wenn auch jetzt schon klar ist, wie das Medien-Theater enden wird. Revolutionäre Veränderungen sind jedenfalls weder zu erwarten noch zu wünschen, und ich selbst weiß auch noch nicht, was ich mit meiner Stimme machen werde. Ich überlege natürlich, ob ich sie nicht angesichts meiner Finanzlage vermieten oder verpachten sollte an einen solventen Mitbürger, der sicher froh ist, zwei Stimmen statt nur einer einzigen zu haben, selbst wenn das Ergebnis der Wahl 2013 schon feststeht – sicher ist sicher. Das wäre eine Win-Win-Situation, dem Solventen täte es nicht weh und sogar gut, während ich die finanzielle Grundlage schüfe, um weiter meine Arbeit tun zu können, Sie wissen schon, das Schreiben. Ich werde da mal was ausarbeiten, zum Wohle des deutschen Volkes selbstverständlich.

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Dem Roman seine Überarbeitung XXIII / Abschluß

Von der ersten Idee bis zum Abschluß des Manuskripts am heutigen Tag sind nun ziemlich genau vier Jahre ins Land gegangen. Die ersten zwei der vier Jahre des Romanschreibens waren allerdings geprägt von der letzten Arbeitsphase der Doktorarbeit samt des aufwendigen selbst durchgeführten Lektorats, der Verteidigung und der Veröffentlichung. Alles tiefe Vergangenheit, jetzt! Nun also der Roman, etwa 440 Normseiten lang, der nun zunächst außerhäusig gelesen wird, bevor ich mich dann entscheide, auf welche Weise er das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll. Nach einer kurzen Verschnaufpause, ich gebe mir morgen vielleicht mal einen Tag frei, geht es an andere Texte, die bearbeitet oder überhaupt erstmal geschrieben werden müssen, wobei es sich ausschließlich um literarische Texte handelt, denn wissenschaftliche Texte schreibe ich erst dann wieder, wenn sie auch bezahlt werden, sonst macht das keinen Sinn, selbst wenn sie gelesen werden. Ein neuer Roman spukt mir allerdings auch schon lange im Kopf herum, für den ich aber eine Menge werde recherchieren müssen, damit daraus eine lebendige Geschichte mit lebendigen Menschen wird. Ich freu mich schon drauf, wieder regelmäßig in der Staatsbibliothek Unter den Linden zu arbeiten, denn immer nur in der eigenen Buchte zu sitzen, kann einsam machen, aber hallo, schön ist das nicht, sag ich Ihnen, auch so als Warnung, denn das Romanschreiben muß man wirklich wollen, trotz aller Umstände. Da beißt die Maus kein‘ Faden ab.

 

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Dem Roman seine Überarbeitung XXII

Der Wechsel der Perspektiven und der Zeitformen muß fließend geschehen, manchmal innerhalb eines Satzes, auch jetzt noch im Epilog, wo es zudem noch notwendig ist, einen lapidaren Grundton einzubauen, der zuvor nicht hat vorkommen dürfen. Man darf auch nicht vergessen, daß der Leser am Ende des Romans die Figuren gut kennt, so daß bestimmte Beschreibungen redundant wären und stören würden. Auch darf man natürlich keine neuen Fässer aufmachen, es sei denn, sie dienen der Erinnerung an bereits geleerte. Gut übrigens, daß ich während der Arbeit wenigstens nicht an irgendwelche Finanzierungsmodelle denken muß, schließlich ist man ja nicht umsonst optimistischer Fatalist.

 

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So was von sinnlos (aber auch)

Eine wissenschaftliche Abschlußarbeit als sinnlos zu bezeichnen ist starker Tobak! Wenngleich ich das absolut nachvollziehen kann, und das nicht nur, weil es stimmt. Nora Bossong sieht beispielsweise ihre kulturwissenschaftliche Magisterarbeit (über David Lynchs Twin Peaks) als im Ergebnis völlig sinnlos an und bekennt dies ganz öffentlich (min. 5:26), denn wer liest denn überhaupt, fragt sie, diesen Text. Die Frage ist einfach zu beantworten, zwei Menschen lesen das. Auch ich habe mich dies bei meinen wissenschaftlichen Versuchen immer wieder gefragt, obwohl ich wußte, daß sie von einigen wenigen Zeitgenossen gelesen werden würden, wenn sie denn als Buch erscheinen. Ich hatte ja ebenso wie Nora Bossong Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität studiert (der Studiengang, so hervorragend er mal gewesen ist, ist inzwischen abgewickelt worden), ich habe auch eine Magisterarbeit dort geschrieben, und ja, natürlich, das ist absolut sinnlose Zeitverschwendung, das kratzt keinen römischen Soldaten. Also schreibe ich Romane und andere literarische Texte, denn wenn das keinen Sinn macht, sage ich mir, was dann!?!

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Herzlich in den Kühlschrank hineingelacht

Heute morgen lachte ich herzlich in den Kühlschrank hinein. Nicht etwa, daß mir ein Kobold Grimassen schnitt, da war kein Kobold, obwohl genug Platz war, und das war es, was mich lachen machte. Zwei Scheiben Schwarzbrot und ein winziger Käserest. Mein Kühlschrank ist kein Kühlschrank, sondern ein Klischeeschrank, obwohl es die Verbindung Romanschreiben und voller Kühlschrank doch auch geben soll in der Schöpfung, und überhaupt Schöpfung, allein das Wort hört sich so überaus voll an, finde ich, selbst wenn geschrieben steht, es wurde aus dem Nichts geschöpft, wobei wir wieder bei der Kunst wären und eben der Schöpfung aus dem Nichts und dem Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus, was natürlich mit Kühlschränken nichts zu tun hat, denn wenn der leer ist, ist der leer, während so ein Künstlerkopf doch niemals leer sein kann, mindestens so ein Systemprogramm steckt immer drin, denn sonst, sonst hätte er ja gar nichts mehr zu lachen, der Künstlerkopf.

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Eine Mehrheit von 100 %

Der 100%ige Gesellschafter meiner selbst sorgt sich um mich. So sagt er wenigstens. Ich arbeite zu viel, sagt er, worauf ich sage, ich wüsche meine Hände in Unschuld, worauf er sagt, auch das noch! Ich soll mir mal einen Tag frei nehmen, sagt er, oder zwei, oder mal wieder in Urlaub fahren, zur Entspannung, wann ich denn das letzte Mal so richtig in Urlaub gewesen wäre, fragt er, worauf ich sage, das muß 1995 gewesen sein, 14 Tage Irland, war wahrscheinlich schön, ich kann mich nicht mehr erinnern. Daraufhin fängt mein Gesellschafter an, mich zu beschimpfen, unverantwortlich sei das, worauf ich sage, ich würde doch Ende der Woche ein Projekt vorläufig beenden, nämlich mein Romanprojekt, das mir vielleicht nicht direkt viel Geld einbringen würde, aber eben indirekt, so daß ich dann, vielleicht, auch mal in Urlaub könnte, worauf er sagt, indirekt sei Blödsinn, ich solle direkt was tun, worauf ich sage, ab nächster Woche steht ein Schreibprojekt an, das direkt Geld bringen soll, ehrlich, doch das will er dann schriftlich, und ich sage, darum geht es doch, es geht um Schriftliches, mit dem ich direkt Geld verdienen können werde, also werde können, also werde werde, und überhaupt, was ihn das überhaupt angeht, das wird schon klappen, sage ich, schließlich arbeite ich ja hart, aber das hätte ich wohl nicht sagen sollen, denn da ging es wieder von vorne los. Immer die selbe alte Leier! Anstrengend, das!

 

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Ich + die Welt

Wer Kunst macht, möchte der Welt etwas schenken! Die Welt will aber nichts geschenkt bekommen, sie will dafür bezahlen. Was umsonst zu haben ist, kann ja nix Gutes sein, denkt die Welt. Daraus folgt, daß ich nichts mehr verschenken werde. Ich erwarte, daß meine Kunst die Welt etwas kostet, und sei es Nerven; Geld ginge aber auch – zusätzlich.

 

 

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Dem Roman seine Überarbeitung XXI

Verstehn Sie mich doch! Ich bin der Gefangene meiner eigenen Freiheit, wenn ich meinen Roman überarbeite. Zum Glück lese ich grad mal wieder den Ulysses, also wenn Sie ein schallendes Gelächter hören in den Prenzlauer Bergen, das bin ich, Ein Zeitungsjunge schrie Mr. Bloom ins Gesicht: – Furchtbare Tragödie in Rathmines! Kind von einem Blasebalg gebissen! Wieso Gefangener, fragen Sie! Naja, nunja, ich schreibe seit Ende 2008 an dem Roman, vieles, ach was, alles! ist miteinander verknüpft und verwoben, es gibt einen Zeitstrahl, und wenn ich nun aus einer Laune heraus etwas ändere, dann geht vielleicht die Welt unter, sozusagen. Diffizile Sache, das! Rauchen, Saufen und dummes Zeug quatschen, tagsüber wohlgemerkt, das machen intelligente und gebildete Menschen ja heutzutage während der Arbeit, das fällt mir beim Lesen auf, fast gar nicht mehr, so daß eine Fernsehserie wie Mad Men, angesiedelt im New York der Sechziger, oder ein Roman wie Ulysses so herrlich erfrischend ist, ich hab übrigens eben eine Zigarre aus Panama geraucht, eine Cruzero, weil es eben heutzutage bei all den Weltenrettern gar nicht mehr ginge, denke ich mal, sich so gehen zu lassen, tagsüber wohlgemerkt. Nachts geht das ja immer noch, jedenfalls in Berlin, dem das Preußische ja ohnehin abhanden gekommen ist, das findet sich jetzt in München, denn verloren geht ja nix. Und was mir für Gedanken kommen, wenn ich denn schon mal eine Zigarre rauche, angeblich soll man ja am besten denken können wenn man duscht, doch ich denke da immer nur an die extrahohen Berliner Wasserpreise zugunsten irgendwelcher Verbrecher, jedenfalls fiel mir ein, daß ein Leben, das man glücklich mit jemandem teilt, sich vollständiger anfühlen kann als ein Leben, das man nicht teilt, so ein Gedanke wäre mir doch unter der Dusche nie gekommen, denke ich, doch zum Glück bin ich nicht berufen, die Literatur durch Quatschen zu retten, wie es nun wohl geplant ist, so als kratzte das nur einen einzigen Leser, und da fällt mir doch diese Lesung ein, es muß 1987 oder ’88 gewesen sein, in Freiburg im Breisgau, im historischen Kaufhaus, wo Martin Walser las, der Text war grauenvoll schlecht, aber sehr gut gelesen, es roch bald so ähnlich wie auf den frühen Elvis-Konzerten, denn all die älteren Frauen im Publikum waren schon echt begeistert, ganz eindeutig, als er eine extrafeuchte Kopulationsszene zum besten gab, Männlein und Weiblein im Walde, das gefiel, es war erstaunlich, keine Frage, wenngleich wir jungen Besucher in der letzten Reihe uns bald schon wieder verdrückten, denn wenn auch Freiburg erzkatholisch ist, so etwas hatten wir nicht erwartet. Nun aber zurück zu meinem Roman, hilft ja alles nix und die Zigarren sind auch alle.

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