Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/7

Ein Buch zunächst bis zum Ende durchzulesen, um es dann zu besprechen, riecht nach Arbeit, die bezahlt werden muß. Ein Buch zu lesen und es sozusagen zwischendurch, dem Stand der Dinge entsprechend, mehr oder weniger nachdenklich zu kommentieren, ist etwas anderes. Das Risiko des Danebenliegens ist größer, dafür aber ist der Zugang unmittelbarer, emotionaler. Im fünften Teil dieser kleinen Überlegungen zu des Herbstes Theorie schrieb ich vom höheren Text-Interesse desjenigen, der ein Buch zur Hand nimmt, während der selbe Text auf dem Bildschirm allen gelte und keine Emotionen auslöse. So wundert es mich nicht, daß Herbst „später“ im Buch eben dies anspricht – ein Literarisches Weblog habe etwas überindividuell Abstraktes und lasse, anders als irgendein Ding, keine emotionale Vertrautheit zu. Ein Buch zu öffnen habe indessen immer etwas von Inbesitznahme. (S.29)

Ein Buch ist, nicht zu vergessen, eine einseitige Angelegenheit, wie dies bereits der platonische Sokrates bemängelte, denn ein Buch antworte, anders als ein Mensch, nicht auf Fragen. Dem wäre einiges entgegenzusetzen, was den alten Griechen wundern würde, doch bleiben wir bei der Sache, nämlich dem Literarischen Weblog, das kein Buch sein kann, in jedem Fall aber auf Zwiesprache setzt. Wie findet diese statt? Nun, zum einen ist das Weblog selbst die Geschichte der dort stattfindenden Kommunikation, es ist (vom Anspruch her) Literatur (primär oder sekundär verstanden), zum anderen gibt es darüber hinaus meistens (oder gar immer) eine Hauptperson, einen Protagonisten, wenn man so will. Dieser, oder diese, ist nicht privat im Netz unterwegs, sondern setzt sich durch Selbstentäußerung und Selbstbeschreibung als ein lebendiges Ich, wesentlich durch Worte erschaffen. Welche Rolle aber spielt der antwortende, der die erzählte Geschichte konkret verändernde Leser? Wie ist die Stellung des Einzelnen in dieser „Schreibgemeinschaft“ zu verstehen, vor allem wenn Leser untereinander im Weblog diskutieren oder sich beschimpfen, während etwa die Hauptperson momentan nicht präsent ist? Herbst geht zunächst davon aus, daß eben diese Gemeinschaft der Leser eine simulierte Community sei, ja daß es sich dabei sogar um eine Falle handelt, eine Falle des Privaten – Folge davon sei, daß eben das Weblog sich nicht selbst als Kunstwerk schaffe, denn die „Imagination des Literarischen“ projeziere sich auf eben diese Gruppe. (S.32) Alles nur erfunden also und imaginär? Das hätte das Literarische Weblog mit dem Roman gemein, doch in eben diesen taucht der Leser gleichsam „mitschreibend“, dazuerfindend und verlebendigend ein, während er im Weblog zwar mitschreibt, nicht aber emotional eingebunden, eingenommen ist, nicht abtaucht in eine andere Welt. Doch auch der Roman heutiger Prägung mit seinen poetischen Ichs ist nicht von heute auf morgen entstanden, warten wir also ab, wenn auch nicht tatenlos, was aus dem Literarischen Weblog wird.

 

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Oktoberbrief/4 (2011)

Der alte Zausel hat ein Interview gegeben, der Süddeutschen Zeitung. Darin behauptet er, er könne mit den Spielregeln der Gesellschaft nichts anfangen und sie nur verspotten, die Laberrunden im Fernsehen seien immer auf der gleichen Informations- und Selektionsstufe, und dann auch noch diese Rettungsschirme und Ich-AGs. Am Helmholtzplatz am Prenzlauer Berg sehe man nur noch Ich-AGs mit ihren kleinen Ich-Kindern, ihren Ich-Computern und ihrem Ich-Ökoterror. Was sagt man dazu, der Mann geht mit offenen Augen durch die Welt! Überhaupt hält er unsere anglo-amerikanisierte Gesellschaft für langweilig, dumm und bevormundend, für unerträglich kleinbürgerlich – und das sei beleidigend für jede Form von Intellektualität. Ha! Da muß man sich doch nicht zugleich die Diktatur zurückwünschen, um ordentlich Widerstand leisten zu können gegen die jeder Diktatur innewohnende Kleinbürgerlichkeit, Herr Castorf. Warum nicht die ganze Spießerbande vom Helmholtzplatz deportieren, selbstverständlich nur auf der Bühne, wobei einem besonders die Kinder leid tun müßten, um sie dann in einem sibirisch oder kubanisch anmutenden Lager vergammeln oder arbeiten zu lassen! Nein, nein, damit muß der Theatermensch noch warten, bis dieser kleinbürgerliche Befall der Prenzlauer Berge historisch geworden ist – das dürfte dann der nachfolgenden Theatermachergeneration obliegen, wenn es sie denn geben sollte. Bis dahin muß ganz real und sofort Widerstand geleistet werden! Warum inszenieren sie nicht einfach mal Wagners Ring in Bayreuth, das wäre doch ein Anfang, Herr Castorf! (Siehe: „Man kann nicht anders, als man ist“. Interview mit Frank Castorf, Süddeutsche Zeitung, Freitag, 28. Oktober 2011, S.15.)

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/6

Die literarische Arbeit wird, schreibt Herbst in seiner Theorie, zu einer Lebensform, gehe es doch um die Realisierung von Innenwelten, welche dazu tendierten, ein Lebensmilieu zu schaffen. (S.27) Lebensmilieu hört sich zwar ein wenig absonderlich an, so als hocke der Dichter wie eine Kröte in seinem ihn ernährenden Tümpel, aus dem er, weil es auch sein Sucht-Raum ist, kaum mehr entkommen kann, trifft aber dennoch genau den Punkt, denn es ist ein selbstgeschaffenes. (Kröten sind, das nur am Rande, dämmerungs- und nachtaktiv und halten sich tagsüber eher versteckt, so daß sie als Wappentier des Schriftstellerstandes durchaus infrage kämen.)

Die das Milieu ausmachende künstlerische und die kybernetische Sucht (also nicht das einfache, unproduktive Konsumieren von Suchtmitteln) sei nämlich, so Herbst weiter, eine produzierende, nicht zuletzt, weil der Lebensalltag eine Verkopplung der verwandten Tätigkeiten zulasse. Man kann, so Herbst weiter, „von der Wohneinheit in die Arbeitseinheit wechseln, ohne die Dynamik selbst verlassen zu müssen. Wiederum haben beide einen Zug ins vereinsamende Asoziale, und zwar sogar dann, wenn ihnen gemeinschaftlich nachgegangen wird.“ (S.28) Ist der Dichter nun allein mit sich, wie weiter angedeutet wird, allein auf seiner Station im kybernetischen Raum, die in Wirklichkeit nicht etwa Teil einer community, sondern eine Monade ist?

Der Dichter als produktiver und ganz freiwilliger Gefangener seiner eigenen Innenwelt also? Diese Sichtweise erinnert nicht zuletzt an Novalis, der folgendes zu Papier brachte: „Die Poesie schaltet und waltet mit Schmerz und Kitzel – mit Lust und Unlust – Irrthum und Wahrheit – Gesundheit und Kranckheit – Sie mischt alles zu ihrem großen Zweck der Zwecke – der Erhebung des Menschen über sich selbst.“ (Vorarbeiten 1798. Nr.42) Wenn denn nun die Poesie all dies Allzumenschliche beinhaltet, was spräche dagegen, sie als das ganze Leben zu nehmen, die sogenannte Außenwelt nicht als eine gesonderte wahrzunehmen, vor allem auch, wenn die von Herbst angesprochene kybernetische Tätigkeit mit der künstlerischen gleichsam vermählt ist? Novalis deutet etwas Ähnliches an, wenn er bemerkt: „Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo sie sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.“ (Blüthenstaub. Nr.19.) Derselbe Dichter formuliert zudem einen Satz, der als Motto in des Herbstes Die Dschungel stehen könnte: „Eine sinnlich wahrnehmbare, zur Maschine gewordene Einbildungskraft ist die Welt.“ (Das Allgemeine Brouillon. Nr.70) Es ist nichts weniger als verdienstvoll, wenn Alban Nikolai Herbst all die schon in der Romantik gestellten Fragen nach dem Künstlerischen in der Welt neu stellt – angesichts unseres neuen Mediums, des Internets. 

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Oktoberbrief/3 (2011)

Bevor es November wird, noch einen kurzen Blick auf die Absurditäten der Wirklichkeit. Doch wo beginnen? Vielleicht damit, daß die Chinesen nun keine Stahlwerke mehr kaufen und sie dann mitnehmen (aus dem entstandenen Loch macht man dann einfach einen See), sondern daß sie jetzt nur noch Dinge kaufen, die hier bleiben sollen. Ist ihr gutes Recht, denn zum einen zeigen sie den Europäern, wie die vor hundert Jahren noch Unterdrückten mit eigenem Geld umzugehen wissen, zum anderen helfen sie, wo sie nur können. Wie komme ich darauf? Auch andere Völker kaufen sich weltweit ein, der Unterschied ist nur, daß nicht mehr nur Europäer oder US-Amerikaner dies tun, sondern auch die anderen. In den Prenzlauer Bergen allerdings werden weder die Chinesen noch die Russen irgendetwas aufkaufen können, denn – gähn, das wissen wir doch längst – hier ist alles bereits verkauft, an Schwaben und Bayern. Das ist aber nur der eine Grund, warum der Chinese und der Russe nicht Fuß fassen kann. Der andere ist: sie haben Angst, denn nicht nur sind die Straßen von Kinder-Kriegern belagert, sondern auch von Kindern, die, wenn sie erwachsen sind, perfekt Chinesisch und Russisch (und Deutsch) können. Das wäre natürlich kein Grund Angst zu haben, allerdings kommen zu der Sprachausbildung Einzelkämpfer:innen-Fähigkeiten hinzu, die jahrelang im Kampf mit den eigenen Eltern perfektioniert wurden. Die Prenzlauer Berge werden bald schon die kriegerischste Region Europas sein, es sei denn, die Chinesen kaufen die jungen Leute einfach und nehmen sie mit. Bitte!

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/5

Ist das Buch dem Internet überlegen, wenn es um lange und komplexe Texte geht? In seiner Theorie stellt Herbst jedenfalls fest: „Das Medium, weil sich seine Rezeption immer noch gegen lange Passagen stemmt, verlangt, daß in den ausgedehnten Erzählungen die Spannung der Binnenstrukturen erhöht wird. (…) Dazwischen immer ein Stop, ein Nichts: Lücken, die in den Dingen klaffen, weil sie nicht stetig sind. (…) Für ausgreifende Expositionen hingegen hat das Netz kein Verständnis.“ (S.26) Was sagt man dazu? Ist vielleicht die in Buchform vorliegende Theorie die notwendige Konsequenz, die aus der Begrenztheit des Mediums (Internet und Blog) herrührt? Möglicherweise liegt der Grund darin, daß das Interesse (inter-esse) des Netzlesers weit unterhalb desjenigen zu verorten ist, der ein Buch zur Hand nimmt, also nicht nur einen besonderen haptischen Eindruck hat, sondern eben auch in eine geradezu persönliche Zwiesprache tritt mit diesem Buch, ganz gegenwärtig und allein er oder sie an diesem Ort. Das Netz bietet den selben Text womöglich auf dem Bildschirm, doch dieser Text gilt nicht allein ihm, sondern allen. Es geht also um Gefühle und um Beziehungen, die geweckt werden bzw. entstehen, oder eben nicht. Ich hoffe, dieser Text ist nicht zu lang und grade eben sprunghaft genug, um noch verstanden zu werden.

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Zu Michael Lentz: Textleben/3

Michael Lentz schreibt: „Tradition ist, wenn man trotzdem weitermacht. Trotz Kafka, Schmidt und Robert Walser mache ich weiter. Thomas Mann hindert mich am Weitermachen nicht.“ (Textleben, S.322) Die Wahrheit ist, niemand läßt sich an etwas hindern, selbst wenn die Latte hoch, höher, am höchsten hängt. Doch gibt es eine Alternative? Kaum, oder eher überhaupt garnicht. Friedhelm Rathjen schreibt in seinem Aufsatz Im Tollhaus des Schädels über Becketts „Schreibblockaden, die aber gleichzeitig die Notwendigkeit des Weitermachens schon einschließen – ausgesprochen etwa am Ende des Namenlosen: man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen.“ (in weder noch, S.60f.)

Worte benutzen, solange es Worte gibt, auch das ist sozusagen Originalton Beckett, nicht sterben, so lange gesprochen wird – die Worte fordern’s. Wenn man nicht grade im Augenblick mit dem Tode ringt, so ist der Autor und die Autorin nur mit dem einen beschäftigt: dem Schreiben respektive dem Benutzen von Worten, den eigenen wohlgemerkt, welches so gesehen eine Krankheit zum Tode ist, denn so lange wir die Krankheit haben, leben wir noch, fällt sie von uns ab, hat’s uns erwischt. Oder sollte das Gequatsche danach weitergehen? Die ein oder andere beckettsche Figur geht davon aus. Aber was heißt schon danach? Das beißt sich die Schlange in den Schwanz.

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/4

Als Genrebezeichnung findet sich auf dem Titelei-Blatt Essay / Erzählung. Das ist nicht ganz zutreffend, denn wenn schon Essay, dann im Plural, und eine Erzählung ist schlicht etwas anderes, es sei denn, es ist das nichtliterarische Erzählen über und von Literatur gemeint. Vielleicht findet sich aber auf der S.25 der Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens eine Antwort, denn dort heißt es unter der Überschrift Sogar der Kitsch: „Im Literarischen Weblog greifen Erzählung, ihre Poetologie und Produktivitätstheorie ineinander. Der Leser muß sich nur angewöhnen, in ihm wie in einem Buch zu blättern, wobei er teils den inneren, teils den hinausführenden Verweisen folgt, die bei Mitspielern auch wieder zurückführen.“ Einzuwenden ist an dieser Stelle, daß der Leser in einem Buch gemeinhin nicht blättert, sondern in ihm liest, obwohl er allen textimmanenten Verweisen geistig und gedanklich zu folgen trachtet, soweit er sie lesend (und dabei quasi mitschreibend) erkennt.

Doch ein Weblog ist kein Buch, und Herbst bekennt offen, die Arbeit an oder in seinem Dschungel sprunghaft zu betreiben, anders vorzugehen als beim Roman, an dem meistens kontinuierlich gearbeitet werde. [Letzteres ist eine steile These, der wir nicht zustimmen können; die Bündelung der „Informationen“ auf einer Ebene täuscht ein kontinuierliches Entstehen gemeinhin aber vor.] Der „Fluß der Dschungelerzählung“ aber werde wieder und wieder unterbrochen, die vielen Leser seien insofern um den Preis der Konzentration erkauft (so wird aus der Produktivitätstheorie eine Produktivitätspraxis), was aber eine neue Qualität erstehen lasse, des Erzählens nämlich, wozu eine „jederzeit hellwache Gegenwart des Dichters zählt“, denn dieser ist sich des direkten und erkennbaren Zugriffs auf sein Werk bewußt. Eine Qualitätssteigerung des Erzählens wird somit nicht durch, sondern als erhöhte Aufmerksamkeit des Dichters fixiert, davon jedenfalls scheint Herbst auszugehen. Kreist so nicht alles Geschehen um die Person eben dieses Dichters? Und ist dies, frage ich, wirklich beabsichtigt? Das Literarische Weblog zieht in jedem Fall unmittelbar Leser an, diese kreisen um den Herrn oder die Herrin des Weblogs und spiegeln ihn oder sie wieder, nur eben nicht stumm (wie der unbekannte Leser oder der Zuhörende bei einer Lesung), sondern mehr oder weniger wortreich.

Eben dies, das wortreiche Spiegeln, ist durchaus gewollt, scheint mir, eben dies ist ja eben integraler Bestandteil der Erzählung. Herbst schreibt: „Schrieben und schreiben wir n i c h t jahrelang ins Leere? Und wußten über die ganze Zeit nicht, wer und o b es wer lesen wird? Dieses ändert ein Weblog. Sofort.“ (S.23) Das erinnert ein wenig, die Älteren werden sich entsinnen können, an Max Frischs „Öffentlichkeit als Partner“; unter Umständen ist diese Konstruktion geeignet, als Vorläufermodell für das Weblog herzuhalten. Hält der Dichter die Leere also nicht aus? Hätte er gerne seine Worte verstanden zurück, anstatt sie in die weite Welt hinauszusenden auf Nimmerwiedersehen? Wahrscheinlich braucht der Dichter beides, um leben zu können, ach was, er braucht ganz bestimmt sowohl die Fülle als auch die Leere. (Weitermachen!)

 

 

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Zu Michael Lentz: Textleben/2

Ich lese kaum Zeitgenossen, eher die gut abgehangenen Autoren und Autorinnen, bzw. deren Texte. Doch nicht nur ist Michael Lentz ebenso wie ich Jahrgang 1964 und auch aus dem Westen der Republik (dem echten Westen), er hat auch noch eine Schreibe von rotziger Gegenwärtigkeit ohne jede Anbiederung an den Leser – ich frage mich, ob er in der Leipziger Schreibschmiede als dortiger Professor die Anbiederungstendenzen seiner Studenten eher fördert oder eher zu verhindern sucht, und wenn ja, warum. 

In Textleben finden sich unter der Überschrift Ist schreiben nicht lächerlich? einige Einblicke in Lentzens eigene Schreibprozesse, ursprünglich ausgesprochen im Rahmen seiner Poetik-Vorlesung in Wiesbaden 2008. Ich frage mich beim Lesen dieses Textes beständig, ob an den witzigen Stellen jemand gelacht hat und wenn, ob eher die Jungs oder die Mädchen. 

Schreiben überhaupt, sagt Lentz, erscheine ihm manchmal unanständig (S.117) und sei eine Tätigkeit der Wollust, ein kindliches Spiel, eine Form von unstillbarer Regression, eine Schizophrenie (Dauerspaltung der Selbstbeobachtung), es sei der von Anfang an zum Scheitern verurteilte Versuch, den Dingen auf den Grund gehen zu können. (S.118) An anderer Stelle heißt es, Literatur habe eindeutig etwas mit sadomasochistischen Dispositionen zu tun. (S.113)

Wenn das alles wahr ist, dann ist es völlig normal, daß von dem von mir insgesamt Geschriebenen mindestens Dreiviertel überhaupt nicht beachtet und zudem nicht mal 10% bezahlt werden. Warum schreibe ich trotzdem? Ich weiß es natürlich ungefähr, so wie ich ungefähr weiß, wer ich bin, doch was denkt der Andere darüber, ungefähr. Lentz fragt sich immerhin selbst: „Heißt das insgesamt, Literatur sei ein Lebensproblem?“ Die Antwort („Durchaus“) überrascht nicht, so kann, so muß man das sehen. Eine Lösung ist natürlich auch nicht in Sicht, denn, so Lentz, „ist das Buch gescheitert, kommt eben noch das krisenhaft erfahrene Scheitern hinzu. Ich kann meine Bücher nicht mehr sehen. Habe ich zunächst eine Art erotischer Beziehung zu dem Buch, an dem ich gerade schreibe, geht es mir auf die Nerven, kaum dass es erschienen ist.“ (S.122)

Mir geht mein Buch schon jetzt auf die Nerven, trotz der engen, arbeitsintensiven und wenn man so will erotischen Beziehung, denn es ist das Gegenteil von Vernunft, es so gut wie nur irgend möglich zu machen, wenn es einem dann nach Erscheinen noch mehr auf den Geist geht, mal ganz abgesehen davon, daß man mit ethisch-moralisch fragwürdiger Arbeit wesentlich mehr Geld verdienen könnte. Künstler sind Clowns, traurige, die viel zu lachen hätten.

 

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/3

Wer ist dieses Ich im Text? Eine uralte Frage, die sich für das Internet nicht neu, aber anders stellt. (Eine Frage stellt sich, ist einfach da und will beantwortet sein.) Alban Nikolai Herbst stellt in seiner Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens fest, die Chattersprache im Netz bediene sich frühkindlicher Objektivierungen, sage nicht ich, sondern er oder sie, wie dies kleine Kinder tun, bevor sie sich selbst als Individuum begreifen lernen. (S.20) Macht uns das Internet und die in ihm stattfindende Kommunikation wieder zu Wesen, die im Spiegel (des Internets) nicht sich selbst, sondern ein Du erkennen? Sind alle „Internetbenutzer“ gleichgeschaltete Dus statt autonomer Ichs, vor allem im Bereich der Chats? Findet hier ein Regreß statt, eine Einigung auf den gemeinsamen Nenner einfacher Sprachmuster ohne erkennbare Individualität? Herbst betont, der Weblog wisse immerhin den Regreß besser als der Chat zu verschleiern, ja die stattfindende Objektivierung habe sich auf die nächste Ebene hinaufgezogen und sei selbstbewußt geworden, wenn auch das „versprachlichte Private“ hier wie dort betont werde. (S.20f.)

Insofern ist der von einem Individuum in gleichsam eigener Sache geführte Blog eine Art Auslagerung mehr oder weniger gut in Sprache verpackter Selbstentäußerungen, die auf der anderen Seite, beim Leser, ausgepackt werden. Der Leser hat nun ein bestimmtes Bild dieses bloggenden Individuums, weil er das fremde Subjektive nun, qua Sprache, besitzt. Das Du des Anderen erscheint. So what? Was tun wir mit diesem anderen, empfangenen Ich? Nähern wir uns ihm an, finden wir einen Bezug zu ihm?

Die Teilhabe am Leben des Anderen gründet sich auf emotionale Bezüge, auf Nähe. Dieser Andere muß nicht zwingend leibhaftig begreifbar sein – das kennen wir alle aus der Literatur, dieses Mitleiden mit dem Romanhelden, die Freude, die Trauer, die uns tatsächlich ergreift. Im Literarischen spricht man vom poetischen Ich (deren Geburt und Entwicklung ich in meiner Studie beschreibe), und selbstverständlich findet die Erschaffung eines solchen Ich durch Schrift statt, die der Autor setzt und der Leser belebt (siehe dazu Erich Kleinschmidts Studie zur Autorschaft). Der Schein eines Ichs, der Schein des subjektiven Anderen kann auch im Netz, im Weblog erzeugt werden, folgerichtig am ehesten im literarischen Weblog. Herbst sieht das Subjektive eines Weblogs als den Schein des Subjekts, als seine verdinglichte Illusion. „Darum“, so schreibt er, „nun die Literarisierung.“ (S.21)

Dem von sich in die unendlichen Weiten, Herbst spricht vom hochentfremdeten Zusammenhang des binären Netzes, hinausgeschickten objektivierten Privaten drohte ohne Zweifel profane Zurichtung und Entseelung, wäre die Form nicht eine künstlerische. Das Private müsse als Material künstlerischer Formung begriffen werden, nur so bestehe die Chance, Zwischenräume für ein neues Subjektives zu schaffen. (S.21) Die Rettung des Hinausgeschickten vor der entseelenden Kraft des Mediums im und durch das Medium allein durch literarische Gestaltung? So wie der Autor ja auch im klassischen Text seine künstlerisch erschaffene Figur erst auf halbem Wege dem Leser überläßt, sprachlich ausgearbeitet und damit faßbar? Tut der Autor also nichts anderes als im Printmedienbereich, nämlich Geschichten zu erzählen, die durch das Erzählen eben nicht mehr privat sind, sondern öffentlich? Imgrunde ist es so! Und es bedeutet, so dürfte Herbst verstanden werden wollen, Widerstand gegen die Verselbständigung der Kommunikation als Kommunikation, in der der Mensch nur noch die entindividualisierte Rolle des Zuträgers spielte und der „Maschine“ die Macht überließe.

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/2

In des Herbstes Theorie findet sich der folgende (natürlich aus dem Kontext gerissene) Absatz: „Die Matrix vereinigt und globalisiert Interessen, Struktur und Positionen der gesellschaftlichen Kräfte in einander gleichende und schließlich gleiche Identitäten: Die Äquivalenzform hat auf Subjekt und Objekt durchgegriffen.“ (S.19) Wie so oft, wenn der Fokus einmal eingestellt ist, finden sich Ähnlichkeiten zu aktuellen Diskussionen, hier sogar vom WWW ins „konservative“, ins „starre“ Buch und dann wieder zurück ins Netz, nämlich zu TT. All dies geschieht aber durch meinen Kopf hindurch, also in meinem Kopf. Benutzt also die Matrix eben diesen und zwingt mir eine Dienstleistung ab, weil das Nachdenken über das Immer-gleicher-Werden zum Gleicherwerden dazugehört? Ich bestreite dies vehement und lösche diesen Beitrag.

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