Das Schreiben von Romanen (1)

„Du bist der Beste, ganz klar. Behalte es für Dich. Vergiss es am besten. Das sind die anderen auch.“ (Michael Lentz: Textleben. S.58) Da mag Lentz recht haben, überhaupt sagte er in Vom Ich und Zurück. Poetologien manch Richtiges und Bedenkenswertes. Hat man natürlich alles schon gewußt, denkt man beim Lesen, ist aber nett, wenn der Lentz das mal aufschreibt, das mit den Schreiberfahrungen, die das schreibende Ich so macht. Ich schreibe, also bin ich. Natürlich denkt jeder Schreibende irgendwann, es geht garnicht um mich, sondern immer um den Text, an dem ich hänge. Richtig, das aber macht die Sache nicht einfacher. Einen Roman zu schreiben ist vom Schwierigkeitsgrad in etwa so, als wollte ich als Schiffbrüchiger auf hoher See aus dem Baumstamm, an den ich mich klammere, mit Zähnen und Fingernägeln ein Kanu bauen, um damit nach Hause zu paddeln. Unmöglich ist das nicht, nur eben schwierig. Sagen wir mal, es dauert bei gutem Verlauf etwa drei Jahre, in denen nebenbei noch Essen und Trinken besorgt und so manchem Sturm getrotzt werden muß. Das ist nichts für Weicheier, das erfordert den ganzen Mann, die ganze Frau. Wer Angst vorm Ertrinken hat, sollte nicht zur See fahren.

Ist man erstmal so weit, daß man in seinem Baumstamm sitzen kann, will man natürlich nicht mehr aufgeben. In meinem Roman bin ich zum Beispiel auf S.216 bei der Szene, wo M. bei A. auftaucht, um ihn um Rat zu fragen, während A. dummerweise kurz zuvor Drogen genommen hat, um einschlafen zu können. Später weiß er nicht mehr, was wirklich passiert ist. Ich bin also, um mal beim Beispiel mit dem Kanubau zu bleiben, schon bis zu einer gewissen Tiefe vorgedrungen, das Ding entwickelt sich, doch arbeite ich weiter in die Tiefe, so säuft mir alles ab. Besser also ein Paddel bauen, die Stromlinienförmigkeit verbessern, und dann gehts los, bis ich festen Boden unter den Füßen habe. Nun ja, alle Beispiele hexametern ein wenig, lassen wir das also. Ich muß zurück an den Text, Leute. Wie gesagt, M. taucht bei A. auf und …

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Robert Walsers „Der Räuber“ (1)

„Sein edles Banditenantlitz lachte. Sein aufleuchtender Bejahungsgeist dichtete Verse. Zu jeder Bewegung der Sängerin sagte er jubelnd ja. Er bettete sich in lauter Superlative. Alles rings um ihn bekam Elektrizität. Seine Zufriedenheit glich einem Leuchtturm.“ (In: Aus dem Bleistiftgebiet. Bd.3. S.33) Der Räuber ist ohne Zweifel der Mittelpunkt der Welt, die er mit seinem Bewußtsein bestreicht. Aber warum heißt der Räuber der Räuber? Überfällt er alte Damen oder junge Stutzer, raubt er Banken aus oder Juweliergeschäfte? Mitnichten, der Räuber beraubt Geschichten, und daß sich dies reimt ist eine Kunst, so erbitt‘ ich Eure Gunst.

Doch Spaß beiseite, das ist ein ernster Vorgang, denn tatsächlich las der Räuber immer solch kleine Volksbüchlein und machte sich aus den gelesenen Erzählungen ureigene zurecht. Dabei lachte er auch noch! (S.37) Nun, denken wir, tun wir das nicht alle, nämlich Geschichten zusammenzubauen und auch noch darob zu lachen? Solange man nicht nur einen einzigen Dichter oder Schriftsteller beraubt, sondern alle, ist nichts dagegen einzuwenden (Nur Bert Brecht darf nicht beraubt werden, obwohl er es selbst ebenso leichthin tat wie der Räuber, weil sonst die Brecht-Erben leer ausgingen. Da geht es schließlich um Geld!). Ansonsten gilt, alles was einem Autor zustößt, stößt ihm zu, läuft ihm über den Weg, macht sich ihm bemerkbar, siedelt sich in seinem Hinterstübchen an, mogelt sich ins Hirn, überfällt ihn hinterrücks und so weiter. Sollen die Geschichten doch froh sein, geraubt und mit anderen zusammengebracht zu werden. Der Räuber stiftet also Literaturorgien.

„Schreiben und Lesen sind eine Tateinheit“, das schreibt Michael Lentz (Textleben. S.53), und das ist allein schon deshalb richtig, weil Text und Leser sich begegnen und gemeinsam etwas ausspinnen, indem der Text sich lustvoll berauben läßt, damit der Leser ebenso lustvoll das Geraubte zu einer ganzen Geschichte macht. Die Geschichte ist dann mehr als nur die Summe von Text und Leser. Natürlich wird ein Text vorher aus allen möglichen Räubereien gemacht, nicht nur Texte sind zu berauben, auch das eigene Leben und das aller Freunde und Feinde, so daß wir also am Ende feststellen müssen, daß eine ständige Räuberei geschieht, und es geht nichts dabei verloren, ganz im Gegenteil. So etwas kann nur die Kunst.

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/12// (Diesmal mit einem Bild!)

Der Telegraph, das Telephon, das Faxgerät, das Internet: in den letzten 150 Jahren ist auf den Flügeln des elektrischen Stroms immer mehr Sprache versendet worden. Zunächst achtete man noch sehr auf das einzelne Wort, auf Klarheit, handelte es sich doch oft genug um Anweisungen oder sogar Befehle. Heutzutage hingegen ist die Sprach- und Schriftübertragung allumfassend und ein weltumspannender Strom, man denkt gleich an das Weltbild der alten Griechen und auch daran, nicht zweimal in den selben steigen zu können. Der Weltalltag als Roman – das ist möglich, als sprachgewordenes Äquivalent der in den Blick genommenen Geschehnisse, die wiederum weitere Erzählungen generieren, weil auch das Nebensächlichste einen „Bedeutungshof“ hat (Alban Nikolai Herbst spricht in seiner Theorie davon, daß nebensächliche Bestimmungen den Bedeutungshof der wesentlichen Aussagen bilden. S.70).

Der Aufklappen des Buches ist das selbe wie der Klick in das Literarische Weblog, wo das Leben als Roman faßbar werden kann. Das Privateste wird Kunst, auch das Peinlichste kann so Kunst sein, wenn es denn im Medium oder durch das Medium vermittelt wird, doch dies war natürlich schon immer so, ob nun Agaue in orgiastischer Raserei ihrem Sohn den Kopf abreißt oder Leopold Bloom angesichts der sich zeigenden Gerty McDowell am Strand von Sandymount onaniert. Die Scham danach, auch die des Lesers, ist die Fortsetzung der Erzählung, nie das Ende, erst recht nicht in Zeiten des Internets, wo das Lesen nicht mehr nur ein Blättern ist, sondern zusätzlich auch wieder ein Abrollen – der Begriff scrolling kommt ja direkt von Schriftrolle. Der Lebenslauf nun also auch als Verschriftlichung im Netz, als Netzroman, aus dem heraus die Phantasie der Leser beflügelt wird und der eigentlich Alban Nikolai Herbst erst zu dem macht, was er ist – das eigene lebendige poetische Ich seiner selbst, das ohne seine Leser nicht mehr existieren könnte. Das jedenfalls scheint die Wahrheit zu sein …

[Mit dem zwölften Teil schließe ich das gezielte Lesen der Theorie und die daraus entstehende Gedankenableitung erst einmal ab, wenn auch bei jedem Hineinlesen dann sicher wieder eine Thematik auftaucht, die es zu bedenken gilt – doch auch ich habe im Moment einen Roman zu schreiben, der täglich seinen Tribut fordert, am Ende allerdings seinen Platz zwischen zwei Buchdeckeln finden wird, denn auch das ist nach wie vor eine Möglichkeit – die schönere, wie ich finde. (Nein, nein, das Bild unten stellt nicht den Herbst dar!)]

Norbert W. Schlinkert: „Kommunikation Maschine–Mensch“ (1996)

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/11

Derjenige, der nie hinter die Kulissen geschaut hat, wäre doch wohl zu beneiden um seine so gerettete und weiterbestehende Naivität! Wer einmal nur die keuchenden, um Luft ringenden Ballettänzerinnen auf der Seitenbühne am Boden liegen sah, bevor sie wieder hinaus müssen, der sieht Schwanensee fortan mit anderen Augen. Warum also einem Schriftsteller beim Schreiben, beim Dichten zusehen, anstatt das daraus Entstehende allein zu genießen? Naheliegend natürlich: weil daraus nichts weiter entsteht, weil es das schon war. Ist das so? Wenn Alban Nikolai Herbst ein öffentliches Tagebuch führt, so gestattet, nein: will er diesen Blick in die Werkstatt des Schreibens, und eben dies ist Praxis und Wirklichkeit von Die Dschungel. (Auch Jean Paul hat ja mit seiner Vorschule der Ästhetik solch einen Einblick zugelassen, auch wenn es dort eher um die Technik des literarischen Schreibens geht.)

Erinnern wir uns, so schrieb Herbst in seiner Theorie, ein Literarisches Weblog lasse durch sein überindividuell Abstraktes keine emotionale Vertrautheit zu. (S.29) Teil eines solchen Weblogs kann aber das persönliche Tagebuch sein, welches, so schreibt Herbst an anderer Stelle, tatsächlich den Raum einer „sozialen Verpflichtung und Liebe“ beschreibt. Ein Problem könne sich nur ergeben, wenn sich der Leser betrogen vorkomme, etwa weil eine erzählte Geschichte einer Überprüfung nicht standhält. (S.43) An sich aber sei der Wirklichkeitsgehalt einer Geschichte bei einer „intakten Netzbeziehung“ nicht wesentlich, denn das Bedürfnis nach familiärer, verläßlicher Identifikation wirke über die Fiktionen hinweg, letztlich werde auch das Literarische Weblog wie alle Dichtung von einem Betrug getragen. (S.44)

Hier stellt sich die Frage, ob es diese intakte Netzbeziehung geben kann, und wenn ja, ob diese Beziehung nicht eben die selbe ist, die der Leser klassischerweise mit dem Lieblingsdichter hat als einer durch das Buch vermittelten, die aber immer durchaus einseitig ist. Sollte allein die Möglichkeit der Kommentierung durch den Leser aus der ein- eine zweiseitige Beziehung machen? Oder meint Herbst hier nicht doch eher seinen „idealen Leser“, der mitsamt seiner emotionalen Bindung Teil der erzählten Geschichte ist? Unter Umständen wendet sich aber der echte Lese-Mensch, sobald er bemerkt, daß er dem idealen Leser nur als Wirt dient, enttäuscht vom Literarischen Weblog ab und wieder dem Buch zu! Dem Weblog-Tagebuchschreiber schadete dies nicht, doch wömöglich hat der reale Lese-Mensch seine Naivität, seinen Glauben verloren. Ich persönlich meide strikt das Making-of von Filmen, doch es soll sogar Menschen geben, die es sich noch vor dem eigentlichen Film ansehen. Mir unbegreiflich, das!

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Novemberbrief/3 (2011)

Es ist in der Tat zuviel verlangt zu verlangen, dies hier zu lesen. Ich selbst lese ja auch nur in Blogs, deren Betreiber ich kenne, aber auch das sollte ich sein lassen. Nein, nein, in der letzten Zeit gab es keine Streitereien wegen irgendwelcher Mißverständnisse, doch kostet all das Geplänkel viel Zeit und Energie. Sicher, ich lese und schreibe ohnehin den ganzen Tag (ein Affront natürlich gegen alle rechtschaffenden Menschen, die mich ebenso natürlich mit Verachtung strafen, welche ich gehorsam entgegennehme und einlagere), doch das ins Netz Gestellte verschwindet wie In-den-Wind-Gesagtes. Der Einwand, es bliebe doch alles im Netz gespeichert, ist hanebüchen angesichts der Interesselosigkeit, die dem gegenübersteht. Das alles ist gut, zumindest für mich, denn ich möchte nichts anderes, als für mich arbeiten, mir meinen seelischen Lebensunterhalt selbst verdienen, nicht Arbeitstier sein, nicht Sklave, nicht Maschine. Wer meine Arbeit begleiten möchte, der tut dies auf seine Art, selbst wenn ich mit diesem Menschen über Fußball, Politik, die Prenzlauer Berge, Rennräder oder Qualitätsschuhe spreche – wie gesagt, es wäre zuviel verlangt, dies hier zu lesen.

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/10

Vorsicht, jedenfalls eine bestimmt Art derselben, mache Kunst schlecht. So Alban Nikolai Herbst in seiner Theorie. (S.39) Man könnte statt Vorsicht auch Rücksicht sagen, nämlich auf die eigene Existenz, der man schadet, bleibt man radikal. Herbst spricht von der „Idee der befreiten öffentlichen Biografie“, deren künstlerischer Wert von der Radikalität bestimmt wird, die aber dann verunmöglicht wird durch die Rechte der Menschen, mit denen selbst das kunstbesessenste Ich sozial verbunden ist. Das kann, davon weiß der Herbst ein Lied zu singen, zu realgerichtlichen Auseinandersetzungen führen, wenn sich denn ein realer, mit dem Autor verbundener Mensch in real existierender Literatur in Form offener Verunglimpfung dargestellt sieht. Natürlich, alle Schriftsteller schreiben heutzutage nur noch von sich selbst, über sich selbst, glauben sich als Exempel sehen zu dürfen für Leser, die sich dann selbst erkennen können in ihrem allzumenschlichen Allerlei. Diese literarische Schwäche (wenn sie denn eine solche ist) findet allerdings gemeinhin im Buch statt und hat somit Gegenstandscharakter. Die Literarisierung im Literarischen Weblog ist hingegen womöglich eine andere, unmittelbarere, denn der Herr des Dschungels bekennt, er sei selbst als Verfasser poetischer Texte nicht als strukturierender Autor tätig, sondern als eine literarische Figur aus einem Roman (S.38).  

„Wirklichkeit“ fiktionalisiert sich lange vor dem Roman. Dies jedenfalls werde, so Herbst, im Literarischen Weblog zum Thema, es gehe einerseits darum, das ungebrochen Private unzensiert darzustellen, andererseits um den Ausweis, daß der Leser dies als Fiktion rezipiere. Hier ergäbe sich das Bild möglicher Wirklichkeiten, wie Die Dschungel sie meine, nämlich aus der dadurch entstehenden Dynamik von Fiktion als Realität und Realität als Fiktion. (S.39) Ob dies funktioniert, sei dahingestellt – mancher möchte einwenden, das Leben einfach Roman zu nennen, mache das Leben nicht spannender, die Fiktion von Nähe (von Autor und Leser, von Leser und Autor) sei auch dann kein Lesevergnügen, wenn der Leser sich mittels der Kommentarfunktion als Figur einfügt. Handelt es sich also um die Nachahmung realen Lebens im realen Leben, die Fiktion realen Lebens im Medium, auf daß sie wieder zurückwirke ins reale Leben? Gibt man sich selbst zu Protokoll, um Figur zu werden? Letzteres mag zumindest auf den Autor als öffentlichen Tagebuchschreiber in vollem Maße zutreffen. Herbst schreibt: „Öffentliche Tagebuchschreiber gehen mit sich um, als wären sie Protagonisten einer Erzählung“, dieser begreife das Leben ganz offen als Roman. (S.41) Das ist sicher so etwas wie in sich gekehrte Schizophrenie, die als solche bereits tradiert ist (durch die Eigenen Lebensbeschreibungen und Biographien seit dem frühen 18. Jahrhundert), doch ob es im neuen Medium als Kunstform funktioniert, wird sich am Leser entscheiden, beziehungsweise an der Frage, ob er sich am schon vorhandenen und immer neu weiterentstehenden Stoff herausbildet. Unter Umständen wird das Literarische Weblog in Zukunft etwa so gehandelt werden wie Memoiren, bei denen man im Unterschied zu Biographien Hinzudichtungen und Veränderungen nicht nur akzeptiert, sondern in gewisser Weise erwartet, weil der Autor sich selbst als literarische Figur setzt, auch als die, die der Leser gerne sehen möchte.  

      

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Novemberbrief/2 (2011)

Jetzt steht er in der Ecke mit ner Eselsmütze! Der französische Sarkozy und die deutsche Merkel haben ihn zusammengestaucht und dann dort hingestellt. Niemand wird ihn erlösen. Von wem die Rede ist? Unwichtig. So’n langer Kerl mit Schnäuzer. Hier in den Prenzlauer Bergen kümmert das übrigens kein Schwein, denn die übriggebliebenen Künstler sind mit Kunstmachen beschäftigt, und das ist nun wirklich und wahrhaftig kein Zuckerschlecken, während die „Anderen“ mit sich selbst beschäftigt sind. Diese Anderen übrigens, von denen jetzt so viel die Rede ist, gibt es tatsächlich, vollbebärtete „Männer“, die ihren wahrscheinlich selbstgezeugten Nachwuchs durch die eroberte Gegend tragen, eine neue Spezies, fleischfressenden Karnickeln ähnlich. Die weibliche Variante ist meist ein wenig fülliger und trägt keinen Bart. Kommunizieren übrigens tun die Karnickligen mittels ihres Nachwuchses, der als eine Art Medium fungiert. Ganz neu und einzigartig ist, daß der Nachwuchs der Karnickligen nicht zwingend selbst karnicklig wird. Es besteht also Hoffnung, wenn auch nur ein wenig. Wahnsinn!

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Novemberbrief/1 (2011)

Da wagt es doch ein griechischer Ministerpräsident das Volk befragen zu wollen! Also jeden wahlberechtigten Menschen einzeln, so daß dieser auf eine bestimmte Frage Ja oder Nein sagen darf. Worum es geht? Unwichtig. Jedenfalls sollte man es mit der Demokratie nicht übertreiben, das hat ja schon der dicke Kohl, manche nennen ihn den dicken Verbrecher, ganz gut verstanden, weil er so viele Einzelne hinter sich wußte, ganz gleich, ob die kapierten um was es geht oder nicht. So jedenfalls funktioniert Demokratie, mit dicken Männern an der Spitze. Warum? Ganz einfach, weil dicke Menschen von anderen Menschen gewählt werden als die dünnen, und schauen wir uns doch mal um, wo gibt es denn noch dicke Politiker an der Macht? Eben! Was wäre daraus aber zu schließen, fragt man sich, denn nur wegen des Dickseins gewählt zu werden, möchte einem Dicken auch nicht zugemutet werden. Kohl war übrigens gar nicht dick, als er Bundeskanzler wurde. Also doch die Dünnen wählen? Ich denke darüber nach, und bis dahin gehe ich einfach überhaupt nicht wählen. Sicher ist sicher.

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/9

Robert Walser schreibt in Der Räuber: „Eine Feder redet lieber etwas Unstatthaftes, als daß sie auch nur einen Moment lang ausruht. Vielleicht ist dies eines der Geheimnisse besserer Schriftstellerei, d. h., es muß eben ein Impulsives ins’s Schreiben hineinkommen.“ Dies paßt sicher zu Alban Nikolai Herbst‘ Weblog Die Dschungel wie die Faust aufs Auge. Auch Robert Walser (jede Zeit hat den Walser, den sie verdient) ist mit seinem nun weitgehend erschlossenen Werk so etwas wie ein einziger „Riesenroman“ gelungen, und man tastet sich als Leser staunend nach und nach ins Werk hinein, liest einiges mit Vergnügen noch einmal, begreift es neu und anders und so weiter. Ähnliches könnte auch für das Literarische Weblog gelten, wenn es denn funktionierte. Michael Lentz schreibt zu Robert Walsers Texten, sie wirkten oft so, „als befänden sie sich noch im Erprobungszustand, wobei sie immer ankündigten, gleich und endlich auf den Punkt zu kommen.“ (Textleben. S.309) Dem von Herbst gemeinten Literarischen Weblog scheint all das Angesprochene, also sowohl das impulsiv Hineingefeuerte als auch das Unfertige, welches erprobt werden muß, inhärent zu sein. Das ist natürlich kein Wunder und als solches nicht neu, denn zuerst einmal erscheint ja auch im Blog überwiegend Text, der nicht Muster machen, sondern gelesen werden soll.

Herbst schreibt in seiner Theorie, das Gros der Romanleser wolle den nachvollziehbaren Zusammenhang, doch eben den verweigere das Literarische Weblog zwischen den Polen radikal persönlichen Schreibens und dem des Suchens und Ausformulierens künstlerischer Objektivierung. (S.36) Ein neuer Leser (und ist nicht auch der „alte“ Leser von gestern immer ein neuer?) müsse es aushalten, „nie auf der Höhe der gegeneinander oft widersprüchlichen Publikationen zu sein“, man könne sich hier auch auf normative Aussagen niemals verlassen. (S.36f.) Nun, dies gilt auch für nahezu alle Texte Robert Walsers, der inzwischen (wieder) ein sozusagen ausgewähltes Lesepublikum hat, welches die scheinbar fehlende Kohärenz nicht nur aushalten kann, sondern sogar als anregend empfindet. Der Leser schreibt bei solcherart Literatur gleichsam mit, denn der Text ist bei Robert Walser (oder auch bei Samuel Beckett) keineswegs stillgelegt, wie Herbst in Bezug auf das Buch schreibt (S.37), denn das kommt auf die Art des Textes an und vor allem auch auf den Leser, der aktiv mitzutun hat, je mehr das Eindeutige fehlt. Die eigentliche Frage könnte also die sein, ob es für die Literaturform des Weblogs Leser gibt – und zwar nicht den idealen Leser, zu dem Herbst beim Verfassen jedweder poetischer Texte spricht (S.38) –, die sich einlassen wollen und können auf das ewig Unfertige und Erprobende. Ich denke, es gibt diese Leser, doch Legion werden sie nicht sein, vielleicht noch nicht, denn es wird auch eine nächste Generation von Lesern geben (müssen).

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Zu Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens/8

Ist das Private im Schwinden begriffen? Nach Jahrzehnten des durch den Wohlstand hierzulande beförderten Sich-Zurückziehens haben die neuen Medien und die technischen Möglichkeiten eine Umkehrung eingeleitet bzw. bewirkt. Die Trennung von Privat und Öffentlichkeit ist, so scheint es, weniger strikt als noch in den 1990er Jahren. Jene paar Minuten „Berühmtheit“ will ganz offensichtlich fast jeder haben, koste es, was es wolle. Damit einhergehend ist gemeinhin der Verlust der Kontrolle über die „Daten“, denn jedes einmal veröffentlichte private Bild, jeder gesagte Satz ist ratzfatz zu kopieren. Wie also wäre es möglich, das Private hinaus in die Welt zu geben, es dennoch aber nicht zu verlieren, ja sogar eine gewisse Kontrolle zu behalten?

Alban Nikolai Herbst sagt dazu in seiner Theorie, Privatheit werde im Literarischen Weblog, dem jedes Phänomen zum Werkstück gerät, eine Geschichte, das Private werde, sofern gut formuliert, literarisiert. (S.33f.) Das hört sich gut an, ist aber womöglich etwas zu optimistisch gedacht. Warum? Kurz gesagt, weil die „Geschichte“, in dem die Privatheit des Autors Teil des Geschehens ist, kein Anfang und kein Ende, keine sie haltenden Form hat. Zwar ist das Geschriebene nachvollziehbar, weil menschlich, zwar sind auch die Umstände erkennbar, weil unserer Alltagskultur inhärent, doch (ver-)leiht der Leser dem „Ich“ nicht die Lebendigkeit, die einem gutgebauten Roman-Ich zu eben dieser verhilft. Der Grund dafür mag ganz banal darin liegen, daß die formlose Form nicht mit dem Menschen heutiger Prägung kompatibel ist, er die von sich aus notwendige Hinbewegung zu dem sich auf ihn zubewegenden Ich der Geschichte nicht leistet, weil er den Zugang nicht findet. Herbst schreibt ja selbst (S.29), das Literarische Weblog habe etwas überindividuell Abstraktes und lasse keine emotionale Vertrautheit zu.

Doch was heute nicht funktioniert, ist vielleicht morgen schon eine neue literarische Form, denn immerhin haben wir heutzutage die erste und bald schon zweite Generation, die mit dem multifunktionalen Rechner aufgewachsen ist. Interessant wäre es zu erfahren, wie jung der Jüngste ist, der sich ernsthaft mit Literarischen Weblogs beschäftigt, denn eben dieser oder diese könnte ja schon eine emotionale Nähe zum technischen Gerät und zum dort Gebotenen haben, die uns Nicht-Jugendlichen fremd ist. Auch der Roman heutiger Prägung entstand etwa Mitte des 18. Jahrhunderts in einem Umfeld, in dem zunächst kaum jemand Verständnis aufbrachte für diesen neuen Typus des Helden, der nicht mehr wie im „Ritterroman“ Funktionsträger war, sondern beseeltes, lebendiges Ich, ein poetisches Ich also. Vielleicht also wartet das weblogliterarische Ich nur auf seine Leser, die da kommen werden. Das stimmte dann schon ein wenig optimistischer.

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