Die Prenzlauer Berge sind, nun ja, nicht eben entvölkert, dennoch aber weniger genutzt als sonst meist. Das muß wohl daran liegen, daß die Angehörigen fremdländischer Stämme in die alte Heimat sich verfügt haben, um dort das traditionelle Weihnachtsmenü genießen zu können, Bayrisches Enddarmgehacksel oder Schwäbische Rindsvorderfüße mit Nierenragout und Spätzle, so etwas in der Art. Da zugleich der gemeine Berliner sich per Flieger ins Südliche aufmacht, bleiben also nur noch die Zurückgebliebenen übrig. Sehr angenehm, das. Weihnachtsstimmung kommt so natürlich keine auf, auch wegen der jahreszeittypischen Erwärmung und des darob fehlenden Schnees, der mir allerdings auch gestohlen bleiben kann, trotz der neu angeschafften Schuhspikes. Trocken und kalt, so hätte ich das Wetter gerne bis Mitte März, wenn’s irgendwie machbar ist, nur Sylvester kann es meinethalben wie aus Eimern schütten, damit dieses unsägliche – wann endlich verbietet die EU diesen umwelt- und gesundheitsschädlichen Blödsinn – also das Geballere und Raketengeschieße sich reduziere. Friede, Freude, Eierkuchen, das wär‘ doch was!
Dezemberbrief/3 (2011)
Dezemberbrief/2 (2011)
Eine gewisse Zurückgezogenheit um der eigenen Arbeit willen nimmt niemand übel, weil man sofort vergessen wird. Die wenigen Zeitgenossen, die einen nicht vergessen, denken allerdings nichts Gutes über den Zurückgezogenen, der der Welt doch ohne Zweifel etwas schuldig ist. Ideen zum Beispiel. Nun ist es nicht so, daß mir nichts einfiele, ganz im Gegenteil, doch ist es der Zurückgezogenheit Gesetz, nichts aus ihr heraus in die Welt zu entlassen, bis die Zurückgezogenheit ein Ende hat. Sie glauben garnicht, mit wie viel innerer Freude mir im Moment die Ideen und Bilder durch den Kopf gehen, ohne daß ich auch nur daran denke, sie zu ergreifen, zu formen und zu präsentieren. Das ist L’art pour l’art in ihrer reinsten Form. Natürlich gibt es auch Ideen und Bilder, die ich ergreife und forme, doch das ist die besagte Arbeit, um derentwillen ich die Zeit in meinem Bergfried verbringe. Ich denke, es wird Anfang März werden, bis die Ideen dann wieder Sinn und Zweck bekommen und sie mir wieder übel genommen werden können.
Dezemberbrief/1 (2011)
Es wird jedes Jahr besinnlicher, weiß Gott. Schließlich kann auch Weihnachten nicht so bleiben, wie es ist. Wer hat den größten Weihnachtsbaum, den größten Weihnachtsmarkt, wo sind die Konsumenten am glücklichsten, das sind die Fragen. Die Verzweiflung müßte also wachsen, könnte man meinen, doch weit gefehlt. Überall plappern Menschen in ihre Handys Erfolgsgeschichten hinein, dies gefunden, das bekommen, und wenn sie nicht versehentlich den Falschen anrufen, führt am Ende all das Suchen, Planen und Koordinieren zu allerlei Glücksmomenten. Doch starten die ersten Tauschbörsen nicht schon am Heiligabend? Das hätte man früher mal versuchen sollen, dem Weihnachtsmann ein Geschenk zurückgeben und ein anderes haben wollen! Überhaupt: Fährt der Weihnachtsmann jetzt eigentlich hauptberuflich diesen Laster von Coca-Cola? Und was macht das Christkind denn zu Weihnachten? Gut, die halbe Arbeit machen wie dazumal geht natürlich nicht mehr von wegen Kinderarbeit und so, da ist man heute strenger als früher, und das ist auch gut so. Die Zeiten nämlich, die ändern sich, es wird alles immer schöner und besser, besonders Weihnachten. Das ist, wie es so schön heißt, alternativlos. Basta.
Das Schreiben von Romanen (5)
Niemand und nichts komme aus dem Nichts, so oder ähnlich lese ich es jetzt öfter mal, wenn es um die Veröffentlichung von Romanen geht. Zuvor muß in Literaturzeitschriften veröffentlicht werden, das sind die Nachwuchszentren der Literaturszene. Erst wenn ein „veröffentlichte u.a. in …“ im Pressetext stehen kann, darf ein Roman ins Leben hinaus. Die Szene, die per definitionem aus Außenseitern besteht, zeugt und gebiert so immer neue Texte, viele lesen und drucken sich gegenseitig und sonst nichts, das jedenfalls wird gesagt und wurde auch mir schon berichtet, staunend ob meines Bekenntnisses, zwar ebenfalls junge Literatur zu lesen, eher aber die des jungen Jean Paul oder die des jungen Robert Walser als die der jungen heutigen Absolventen. Bin ich etwa aus der Zeit gefallen, in ein Nichts hinein? Letztlich riet man mir, ich solle am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studieren, man wolle dort nicht nur der Oberstufe Entsprungene, sondern besonders auch Menschen mit Berufs- und Lebenserfahrung, doch sollte ich nicht etwa wegen des dort Vermittelten nach Leipzig gehen, sondern wegen der Kontakte. Ha!
Natürlich lese ich auch Zeitgenossen, vor einer Weile erst den wunderbaren Erzählband Tasmon von Thorsten Palzhoff, deren drei Erzählungen von einer ungeheuren Dichte und von so hoher Qualität sind, daß mancher Kritiker davor kapitulierte, sein eigenes Scheitern aber dem Autor zuschrieb – was schreibt der Kerl auch so anspruchsvoll! Natürlich kommt Palzhoff nicht aus dem Nichts, aber nicht nur deswegen erhoffe ich mir und erwarte von Palzhoff einen großen Roman. Ob aus dem Nichts oder nicht aus dem Nichts, ist mir völlig wurscht.
Angst, daß die Leser (oder die Kritiker) meinem Roman nicht folgen können, habe ich nicht. Ich schreibe alles eindeutig hin, auch das Uneindeutige, man kann sich auf mich verlassen. Natürlich pulst es auch zwischen den Zeilen, dafür ist dann ja auch das Nichtgesagte da, doch wer es nicht verträgt, aus seinem unmittelbaren Umfeld oder aus seiner Zeit enthoben zu werden, der soll meinen Roman nicht lesen, wenn er denn dann abgeschlossen und veröffentlicht ist. Ich warne Sie also bereits im Vorfeld, gleichsam aus dem Nichts heraus. Übrigens schreibe ich den Roman nicht freiwillig, die Idee erwischte mich blitzartig am 25.09.2008, von da an wuchs und gedieh die ganze Geschichte aus, ja aus was? Aus dem Nichts? Ja, eigentlich aus dem Nichts.
Das Schreiben von Romanen (4)
Mit dem Schreiben von Romanen allein ist es nicht getan. Geld muß ins Spiel kommen, und zwar weniger das Geld, das für die Publikation flüssig gemacht wird, als vielmehr jenes, welches verdient werden kann. Der Autor selbst hat seinen Spaß ja schon gehabt, der sollte sich gefälligst hinten anstellen, aber all die anderen fleißigen Tierchen wollen schon davon leben können. Das ist natürlich richtig so, allein deswegen, weil ein Autor, der im Wohlstand lebt, immer schlechtere Bücher schreiben wird – das ist ein Naturmarktgesetz. Das heißt natürlich nicht, ein armer Autor schreibe quasi automatisch gute Romane, denn sind wir mal ehrlich, wer kann das schon! Während das Schreiben von Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen zwar nicht einfach, aber erlernbar ist, handelt es sich beim Roman um die Königsdisziplin, die Langstrecke – da reicht es nicht, eine Kette von Kurzgeschichten als Roman auszugeben, selbst wenn der gemeine Leser das nicht merken sollte.
Was soll ich daraus schließen? Am ehestens vielleicht, daß der Roman als solcher in Konkurrenz steht zu Texten, die sich auch Roman nennen, aber schneller und leichter hergestellt werden können? Das hätte Vorteile, denn auf der einen Seite entstünden in Serienfertigung und damit in ausreichender Menge leichtgewichtige Werke von meist jüngeren und perfekt vernetzten Autoren, die von Ausnahmen abgesehen von sich selbst berichten, während die schon Älteren jahrelang an ihrem Roman arbeiten und dabei zunehmend verarmen und vereinsamen und auch immer verzweifelter werden, was dem Werk nur nützen kann, selbst wenn sie sich selbst aus dem Spiel lassen. Gelingt ein Werk trotzdem nicht, merkt es ja keiner! Alles wunderbar also? Ja, natürlich! Alles wunderbar!
Novemberbrief/4 (2011)
Im November ist es unpassend, etwas Witziges oder Humoriges zum besten zu geben, und so will ich dies auch nicht tun, jedenfalls heute nicht, am 24ten. Es wäre zwar passend, eben weil es unpassend ist, doch warum sollte ich mich mit einem Monat anlegen, dem es mit sich selbst nicht wohl sein kann. Der November ist der Totenmonat, der Monat des Absterbens, der Einsamkeit, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der Mutlosigkeit, der Perspektivlosigkeit, es ist dunkel und kalt, nichts erinnert an die Freuden des Lebens. Der Mai hingegen …
Lyrik lesen: Thomas Kade
Thomas Kade
Herpssst diese Bewegung wird bleiben ein Blatt fallend aufs Wasser fällt seine glatte Oberfläche die getrockneten Adern treten hervor Wellen verwackeln die Welt auf dem Kopf breiten sich aus bis ans Ufer treffen auf Halme überhängende Gräser die Wiese fort pflanzt es sich da ein Wasserfloh schwankt ob es ihn schwindelt geblendet blicken wir die Sonne blinkt ihr Untergang wankt ein Blitz im Augenblick ein winziger Riß weiter reifend wellenförmig breitet sich etwas aus über das welke Blatt das Licht aus dem Gleichgewicht Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten. Gedichte. roterfadenlyrik, Edition Haus Nottbeck im vorsatz verlag, DortmundRobert Walsers „Der Räuber“ (2)
„Ich glaube an mich“, das jedenfalls schreibt Robert Walser in ‚Der Räuber‚, hiezu müsse man selber in der Lage sein. (In: Aus dem Bleistiftgebiet. Bd.3. S.116) Der Glaube Anderer an ihn ist ihm nicht nur nicht wichtig, selbst nicht der seines Protagonisten, des Räubers, sondern er hält es sogar für ganz und gar nicht richtig, an jemanden zu glauben. Zum einen müsse derjenige, an den geglaubt wird, unter Bekämpfung von Schwierigkeiten diesen Glauben rechtfertigen, zum anderen koste Glauben eben absolut nichts. Den Schaden aber hat womöglich der arme Mensch, an den geglaubt werde, denn schon „viele Menschen haben Geliebtwordensein zu schleppen gehabt“, man habe an sie geglaubt, sie geehrt und „in der Stunde der Anfechtung doch hübsch bequem und auf’s Schönste im Stich gelassen, indem man sich dann bis in die Wolken hinauf verwunderte, daß sie sich eines Mangels schuldig kommen ließen, während sie zu Unfaßbarkeiten des Wertes verpflichtet waren.“ (S.118)
Die arme Künstlerseele, zerrissen wie eh und je, denn litte sie nicht ähnlich schwer, würde ihr offene Ablehnung zuteil, ganz zu schweigen von dem Fall, daß allein Gleichgültigkeit herrscht!? Die Frage ist also nur die, mit welcher Haltung der Außenwelt ihr gegenüber die Seele am besten leben kann – denn das Unverstandensein ist ihr ganz und gar sicher. Allein die Künstlerseelenkollegen begreifen einen, so man sich schließlich in diese Kreise zurückzöge, könnte man es nur ertragen, daß ein jeder so ganz offensichtlich an sich glaubt, was die Sache wieder unglaubwürdig werden läßt, denn „wer wirklich glaubt, derart, daß er dabei mit sich kämpfen muß, der spricht nicht mehr davon, der sagt dann kein Wort mehr, sondern er glaubt eben, er leidet und glaubt.“ (S.117) Was soll ich dazu noch sagen?
Das Schreiben von Romanen (3)
Das Wasser wird einem zuletzt abgegraben, das ist tröstlich, denn zum Schreiben eines Romans benötigt man in erster Linie Feuchtigkeit. In allen Mythologien ist das feuchte Nass gleichbedeutend mit Eros, Wollust und Fortpflanzung, mit Leben. Schön also, daß der Schriftsteller beiderlei Geschlechts hierzulande sich einfach unter den Wasserhahn hängen kann, wenn es am Notwendigsten mangelt. Eine andere Art von Feuchtigkeit findet sich im Kontakt-Biotop des Literatur-Betriebes, in dem der Wasserhahn kaum eine Bedeutung hat, eher schon der Zapfhahn und die Körperflüssigkeiten, letztere von Natur aus auf Austausch berechnet, und sei es durch das Schließen von Blutsbrüderschaften. Ich spreche natürlich vom Krieg aller gegen alle in seiner zivilisierten und die Zivilisation sichernden Form und erkenne darin zwar keinen Fortschritt, denn das war immer so, wohl aber Gegenwart und Zukunft, denn es wird immer so sein. Was ist daraus zu schließen? Nichts weiter, außer daß es lebensnotwendig ist, das Wasser nicht zu vergiften.
Das Material der Romanherstellung besteht in der deutschen Sprache aus dreißig Buchstaben, das ß selbstredend mitgerechnet, und deren Kombinationen. Einziges Ziel ist es, die höchstmögliche Qualität zu erreichen, den bestmöglichen Roman zu schreiben, nicht generell verstanden, sondern in Relation zu den eigenen Möglichkeiten. Die Heere Napoleon Bonapartes leiteten (zu Beginn) ihre Schlagkraft aus ihrer Struktur ab, denn wenn freie Bürger für ihre eigene Sache kämpfen, geht auch niemand stiften, wenn man von beiden Flanken oder gleich allen Seiten aus angreift. Der allein in eigener Sache schreibende Schriftsteller muß ähnlich strukturiert sein, um seine Schlagkraft, die Qualität seiner Schreibe und auch die Qualität seines Vorhandenseins als deren Erschaffer, grundsätzlich aufrecht erhalten zu können, er muß den „Markt“, denn den gilt es zu erobern, von allen möglichen Seiten angreifen. Und eben da steckt der Hase im Pfeffer, denn der Markt ist gar nicht in der Mitte des Geschehens und läßt sich weder von den Flanken her angreifen noch umzingeln. Der Markt ist ein fließendes Geschehen, er brandet auf und ab, in ihm die streitenden Rosse, die Verleger und Kritiker und, da war doch noch was, die Leser. Denen allen das zu verkaufen, zu „schenken“, was ihre kühnsten Träume übersteigt, wäre natürlich eine schöne Sache, neudeutsch ausgedrückt eine Win-Win-Situation. Also Wasser gesoffen und weiter im Text.
Das Schreiben von Romanen (2)
„Berliner Manuskripte“ heißt die Veranstaltung, zu der es mich sonntagvormittäglich gezogen hat, dort lasen die Stipendiaten des Berliner Arbeitsstipendiums für Autorinnen und Autoren der Senatskanzlei Berlin – Kultur des Jahres 2011. Anwesend waren elf der 13, und um es gleich am Anfang zu sagen, es gab drei gute Lesungen, nämlich von Thomas Pletzinger, Dagmara Kraus und Ulrich Schlotmann.
Was tat ich dort, wo für mich doch im Moment nur mein Roman zählt? Nun, ich ärgerte mich, wie auch letztes Jahr schon. Ansonsten habe ich es nicht so mit dem Masochismus, das aber mußte ich mir antun. Sie ahnen es, liebe Leser:innen, auch ich habe mich für dieses Stipendium beworben, leider aber umsonst.
Immerhin wurde der dritte Teilabschnitt der Veranstaltung gekonnt moderiert, nämlich von Daniela Seel, auch gab es wieder Croissants, Saft, Kaffee und Sekt – letzteres Getränk ließ ich stehen, man gönnt sich ja sonst nix. Bevor ich mich nun aber wieder an meinen eigenen Text mache, stelle ich mir die Frage, warum höre ich bei acht von elf Texten kaum zu und denke an etwas anderes? Das mache ich ja nicht mit Absicht, es passiert. Kürzlich las ich in Michael Lentz‘ ‚Textleben‚: „Der Stoff stößt einem zu.“ (S.51) Spürt der Leser, der Zuhörer, in diesem Fall ich, ob der Autor sich einen Stoff (einfach nur) ausgesucht bzw. ausgedacht hat, oder ob ihm der Stoff zustieß? Gibt es also einen erkennbaren Unterschied zwischen Gebrauchsprosa und Leidenschaftsprosa? Ich denke schon. Lentz schreibt, „auf der Suche nach einem geeigneten Stoff ist man schon in der falschen Richtung unterwegs“ (ebd.), und das kann ich nur bestätigen, aus leidlicher Erfahrung. Mein jetziges Romanprojekt allerdings fuhr am 25. September 2008 im provisorischen Freß- und Getränkeautomatenraum der Staatsbibliothek Unter den Linden in mich, das war eine klassische Erleuchtung an profanem Ort. Seitdem lebe ich mit den Menschen aus meinem Roman zusammen, ich erfahre immer mehr über sie, je mehr es in mir schreibt. Es ist verrückt, aber so läuft es nun mal.