Eigentlich hülfe nur Arbeit, das ist mir klar, jetzt, wo mir alles in Sinnlosigkeit zerfließt. Zum Glück ist es nur meine eigene, klitzekleine Sinnlosigkeit und nicht etwa die ganz große, weltenumspannende, die mich so von innen heraus bedrängt, bedrückt, bedröppelt. Zu tun ist schon, allein mir fehlt der Glaube, es mache irgendeinen Unterschied zu etwas, wenn ich mich so richtig und innig in die Arbeit stürzte und schließlich ein Ergebnis vorbrächte, das sich sehen lassen könnte. Das habe ich schon das ein oder andere Mal gemacht, damit habe ich Erfahrung, da ist auf jeden Fall immer, obwohl es am Ende gut ward, zu viel Könnte drin gewesen, denke ich, und das nicht etwa der Bösartigkeit der Welteinrichtung wegen (Obacht! Hier wendet sich mein Denken mitten im Text, sozusagen in der Arbeit an demselben, zum Dekonjunktivistischen), sondern weil ohne dieses Könnte dem Arbeitswütigen die Möhre, die Karotte vor der Nase fehlte, der er hinterherläuft in seiner Naivität. Das ist es, das ist der kasus knaxus, weil nämlich Naivität nichts Konjunktivistisches hat und sie somit voller Saft und Kraft ist. Es lebe die Naivität! Glücklich also die, die sich gewissermaßen ihre eigene Rübennase als Karotte nehmen und so immer dieser nachrennen und tun und machen und handeln, möge da kommen, was wolle. Also, sage ich mir, der ich mich selbst auch gerne mal glücklich schätzen würde, reiße er sich, also ich mich, mal zusammen: denn aus keinem anderen Grunde ist doch die Arbeit mit Sinn durchtränkt, eben weil sie auf ein Gelingen aus ist, das nicht sicher eintreten wird, weder das Ergebnis betreffend noch die Aufnahme dieses Ergebnisses in Form von Wertschätzung! Nur deswegen sind wir mit Naivität gewappnet oder, falls dem, siehe oben, nicht so ist, wappnen wir uns selber mit einer solchen. Sódele, da haben wir es also, wenigstens diese Arbeit an diesem Text scheint sich nun schon einmal gelohnt zu haben, denn so langsam kommt mir die eigene Rübennase wieder ins Blickfeld, der ich jetzt also nur noch umstandslos zu folgen habe. Auf denn!
Eigentlich ist die Welt ja so was von konjunktivistisch …
„Sie entschuldigen mich …“
„Nun, es scheint so, daß zur Zeit niemand das von Ihnen Offerierte kaufen will. Entweder also Sie verändern Ihre Ware, oder Sie verändern die potentiellen Käufer. Schaffen Sie das nicht, haben Sie verloren. Das nennt man Marktwirtschaft.“ So ungefähr sagte der Mann das, den ganz genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Jedenfalls meinte er es, das war mir von Anfang an klar, nicht gut mit mir und prahlte dann auch noch ganz offen mit dem „guten“ Geld, das er für seine Arbeit bekomme, weil er es schlau angefangen habe. „Sie haben sich, wie es aussieht, Armut und Ärger eingehandelt, ich mir Wohlstand und Zufriedenheit. Kunst ist das, was Menschen wie ich kaufen, der Rest ist nicht relevant.“ So sagte der Mann, doch dann lächelte er doch noch wohlwollend in meine Richtung, denn er hatte es ja nicht so gemeint – und selbst wenn, dann kann er sich solch eine Meinung selbstverständlich ebenso locker leisten wie einen guten Anwalt. Ich fühlte mich also einen Moment lang ganz hilflos in meiner ethisch-moralischen und intellektuellen Überlegenheit, weil ich ja wußte, er kann zwar nicht auf mein Niveau hinauf, ich aber sollte auch nicht auf seines hinab, wo er mich ja leicht würde besiegen können, letztlich, gäbe ich mir die Blöße. Ich tat also nichts, lächelte ebenfalls, lugte zum Buffet hinüber und sagte einen Satz, den ich allen Ernstes noch nie im Leben gesagt habe: „Sie entschuldigen mich …“ Da fiel ihm die Kinnlade runter.
Macke weg, Maske runter
Ich hatte bisher nur eine schwerwiegende Macke, mich nämlich für einen sympathischen, verträglichen, humorvollen, nichtmanipulativen und insgesamt nicht aggressiven und damit durchaus angenehmen Zeitgenossen zu halten. Das war mir immer sehr recht und schmeichelte mir ausnehmend, denn natürlich habe ich mir diese Einschätzung selbst vollkommen geglaubt und so alle Zeichen, daß dem womöglich nicht so sein könne, übersehen, sozusagen unterbewußt-vorsätzlich. Aber vorbei! Ich mußte erkennen, es wurde mir klar gemacht, daß dem nun in aller Tatsächlichkeit nicht so ist, so ich nun also ab jetzt ohne Macke und Nettmenschenmaske mein Dasein zu fristen und mich umzustellen habe auf mein wirkliches und tatsächliches Ich, das ja schon immer in mir dräute und ganz im Gegenteil zu meiner bisherigen, oben vermeldeten Einschätzung also eher unverträglich, anmaßend und manipulativ ist, das zu Respektlosigkeiten neigt und insgesamt zu einem ziemlich heftigen Egoismus, ja Egozentrismus. Tja, dachte und denke ich also, gut!, wenn das so ist, ist es eben so – ich fühle mich auch wohl als schwer verträglicher Unsympath, der ich ja schließlich, ich gebe es ja zu, ja doch!, natürlich immer schon war. Punkt. Allerdings möchte ich an dieser Stelle auch darum bitten, mir in der doch notwendigen Umstellungszeit vom Nett- zum Unnettmenschen mit Nachsicht zu begegnen – wenn Sie denn keinen Ärger mit mir bekommen wollen. Oder wollen Sie?
Karriere und Öffentlichkeit oder: Jörg Albrecht geht in den Roman ein
Wissen Sie, ich giere ja gar nicht so sehr nach Öffentlichkeit, mir geht es viel mehr um Qualität. Das Wort Karriere kommt mir im Zusammenhang mit meiner Arbeit nicht in den Mund und schon gar nicht heraus. Und was heißt schon Karriere und Öffentlichkeit? Wenn ich mir gelegentlich eine Tageszeitung kaufe oder im Internet eine Zeitung besuche, dann sehe ich, was damit gemeint sein könnte, mit Karriere, nämlich nicht viel mehr als das Geschreibsel irgendwelcher Schmierenjournalisten über irgendwelche Rollendarsteller, die in was drinstecken, wie zum Beispiel der neue Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffmann. Der ist für diese öffentliche Rolle wie geschaffen worden und hat wie sein Vorgänger alle Eigenschaften, die nötig sind für einen Karriereerfolg in den Gewerkschaften, nämlich eine erfreulich proletarische Frisur, die falsche Figur und den falschen Gang für Anzüge (sehr wichtig!) und dazu noch dieses diabolische Grinsen, das andeutet, wie sehr die Proletarier ihre Revolution gewonnen haben, ohne dabei ihre Wolfs-Identität zu verleugnen, was alles zusammen den gemeinen Journalisten natürlich anzieht und ihn zu löblichen Lobesartikeln reizt. Karriere und Öffentlichkeit also. Die meisten Journalisten wollten übrigens, das haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, Schriftsteller werden und haben es einfach nicht geschafft, das ist wie mit den Schiedsrichtern beim Fußball, und da sind sie, die Journalisten, natürlich froh, so Figuren frei Haus zu bekommen. Apropos Schriftsteller: wenn es gar nicht anders geht, muß man sich als Schriftsteller auch mal in einen Roman, den man nie schreiben könnte, einfach hineinbegeben, qua eigener Doofheit zum Beispiel, etwa indem man in Abu Dhabi die iranische und die irakische Botschaft fotografiert, schwupps ist man in einem Kafka-Roman („Jemand mußte Jörg A. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“) und wahrscheinlich bald schon gern gesehener Gast in Fernsehtalkshows und zudem mit all seinen Büchlein weiter oben in einem schön hohen Amazon-Verkaufsrang, mal ganz zu schweigen von dem Erfolg, den das nächste Buch haben wird. Karriere und Öffentlichkeit also. Und wenn Jörg A. sich jetzt auch noch von einem Dienstmädchen verführen läßt und es schwängert, dann wird er sicher von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt werden, so daß dann einer steilen Karriere nun wirklich nichts mehr im Wege steht. Er muß dann nur noch die richtigen Gebäude fotografieren. Tja, es kommt eben immer auf die Voraussetzungen an.
Zeiten, als nämlich das Schreiben noch geholfen hat
Man wird mir, Entschuldigung, also bitte!, schon nachsehen müssen, einigermaßen verwirrt zu sein. Ist ja auch alles so undurchsichtig heutzutage, das Leben selbst als das eigene mit Leib und Seele, das Leben der anderen, die Literatur als Gänze, die Weltwirtschaft als solche, das deutsche Steuersystem im besonderen, die Funktion des sogenannten Internet ganz global, die Stoffwechselvorgänge im Säugetier stofflich betrachtet, die Überwachung aller Menschen durch alle Geheimdienste, dazu all diese Kriege jedweder Art mit all diesen Greueln, naja, und so weiter. Alles unklar, undurchsichtig, wenn überhaupt nur dem Fachmenschen einzeln und im Einzelnen (Einzellnen!) einigermaßen verständlich. Das Eindeutigste, was also oftmals überhaupt präsentiert werden kann, ist eine schematische Vereinfachung – da also wird, sagt eine Grafik, nur so als Beispiel, die Ware hergestellt und verpackt, dann wird sie transportiert, sehen Sie, da fährt ein LKW über die Autobahn, und da wird die Ware vom Menschen gekauft, sofort gefressen, dann verdaut und so weiter, und das geht auch mit Krieg und Literatur und Wirtschaft und Internet, wir sehen Symbole, Pfeile, Zahlen … fatal ist nur, daß mit dieser Art der auf einfachste Einfachheit heruntergebrochenen Information nichts weiter verbreitet wird als Scheinwissen, selbst wenn dazu ein pfiffiger Journalist noch einen Text schreibt und damit, wenn er Glück hat, sein Geld verdient, das dann als bunte Scheinchen oder als Plastikkarte in Erscheinung tritt und gegen Waren und Dienstleistungen aller Art getauscht werden kann, was dann aber eben auch nicht die ganze Wahrheit ist sondern auch nur so ein winziges, bewegliches Pünktchen im Gespinst des Allseins. Ich persönlich denke ja, nicht das Schlechteste ist immer noch, sich die Welt als einen ins Licht gehaltenen fadenscheinigen Hosenboden einer Anzugshose vorzustellen und darüber dann sich nicht nur der schlechten Qualität wegen maßlos aufzuregen, denn eben da soll ja nicht durchgeblickt werden können, sondern darüber auch noch tatsächlich verrückt zu werden, auch wenn man, statt buchstäblich ins Irrenhaus zu kommen, eben auch einen Text schreiben könnte, in dem eben dies erzählt wird, wie das Thomas Bernhard schon Anfang der 1970er Jahre tat mit seiner Erzählung Gehen, doch waren das, scheint mir, andere Zeiten, solche nämlich, in denen das Schreiben noch geholfen hat.
Des Schriftstellers sein Sein
Der von mir erwählte Beruf ist keiner der Berufe, in denen klar vorgestanzte, womöglich tradierte und den Berufsumständen dienende Strukturen bestehen, Karrierewege, Abrechnungsmodalitäten, Arbeitsorte, Hierarchien und so weiter, nein, vielmehr ist der Beruf des Schriftstellers ein lose im Wind hängendes Gebilde, und zwar durchaus ein im kapitalistischen Wind hängendes, denn auch der Schriftsteller muß in dieser Welt essen, trinken, wohnen, was nicht weiter überrascht und natürlich als Binse durchgeht und als Wahrheit. Warum man den Beruf des Schriftstellers trotzdem aber nicht, quasi aus Vernunftgründen, nebenbei bewältigen kann, das ist eine Fragestellung, über die im Grunde nur der Schriftsteller wirklich etwas weiß und folglich auch nur er oder sie etwas Substantielles schreiben kann, was aber dann, ist es geschrieben, wohl kaum bezahlt werden wird, was das Schreiben eines solchen Beitrags überflüssig macht und zugleich, als das aus diesem Grund Nichtgeschriebene, Inhalt ist desselben, denn gleich ob er geschrieben ist oder nicht, für’s Essen, Trinken, Wohnen ist damit nichts getan – man es also folglich gleich bleiben lassen kann und sich anderen Fragestellungen und Texten zuwenden sollte, etwa diesem Text hier, der aber naturgemäß auch nicht bezahlt werden wird, obwohl es sich um eine Arbeitsleistung handelt.
Schriftsteller wird man aus persönlichen, nicht aus privaten Gründen. Der Bewegungspunkt (nicht: Standpunkt) des Schriftstellers ist demgemäß eine Linie, die ihren Gegenstand, das Leben, das Gespinst des Lebens, in einem bestimmten, selbstgewählten, dennoch aber variablen Abstand umkreist und sich zugleich in ihm bewegt. Diesen Abstand und den Ort des jeweiligen In-ihm-Seins für sich immer wieder neu zu tarieren ist schon Teil der Arbeit selbst und hat durchaus etwas mit Wissenschaft im Sinne von Erforschung zu tun, denn aus dem Abstand zum „Ding“, zum Objekt der Beobachtung, des Interesses, ergibt sich Haltung und Spannung und Energie, je nachdem, wo und wie ich mich bewege. Ich selbst, um einmal von mir zu sprechen, bin schriftstellerisch weder der Typ Soziologe noch der Typ Psychologe, das eine ist zu weit entfernt vom Gegenstand der Begierde, das andere zu nah an ihm dran, oder sogar in ihm drin, so daß ich mich tatsächlich in der Mitte der Extreme befinde und mich als Typ des Kulturwissenschaftlers sehen würde, was ich ja auch tatsächlich bin des Studiums und der Haltung und der Herangehensweise nach, ganz gleich, als wie lau die Kulturwissenschaft von anderen Wissenschaften angesehen wird, das muß einem egal sein, und wie sehr auch andere Kulturwissenschaftler diese meine schriftstellerische Tätigkeit als Abweichung vom Kurs und falsche Hinwendung zur Kunst sehen. Aber was soll ich sagen: da bewege ich mich nun und kann nicht anders, schreibe an meinem neuen Roman und … mache eben, frei nach Beckett, weiter, solange es Worte gibt.
Der große Manipu
Mir, dachte ich sofort, würde das womöglich nicht nur nicht geglaubt, sondern auch sofort übelgenommen und als Versuch gewertet werden, zu manipulieren, indem ich auf eine Frage hin nämlich behaupte, absolut nicht manipulativ zu sein. In einem Interview sagt Rainald Goetz genau das über sich, daß er nämlich absolut überhaupt nicht manipulativ sei, und ich habe ihm das auch sofort geglaubt, weil ich das so auch für mich sehe und das dementsprechend also menschenmöglich ist: (ZEIT: „Aber es gibt doch eigentlich gar keine unmanipulativen Menschen.“ Goetz: „Doch, mich zum Beispiel.“ ZEIT: „Außer Parsifal, der reine Tor.“ Goetz: „Nein. Ich nicht, ich will die Leute nicht manipulieren, absolut gar nicht. In Situationen, in denen ich erlebe: mir tritt jemand gegenüber und er weist mir eine Position zu, die einer Macht- oder einer Überlegenheitsposition entspricht, da fliehe ich, weil ich das so unangenehm finde. Das widerspricht mir einfach, ich mag das nicht. Man muss sich da nicht reindrängen lassen.“)
Was sagt man dazu? Selbstredend hat Goetz nicht ganz recht, der Mensch manipuliert immer, nämlich in jedem Fall unbewußt, weil er, der Mensch, Wünsche und Bedürfnisse und Triebe und so weiter hat, klar, aber bewußt zu manipulieren ist wohl kaum jedermannsfraus Sache, auch wenn man das, das Nichtmanipulierenwollen, nicht mit Wehrlosigkeit oder Handlungsunfähigkeit verwechseln darf, sondern als Ausdruck einer besonderen Form des Ich-Bewußtseins zu sehen hat, meiner Ansicht nach jedenfalls, die das Vorabfestlegenwollen des Anderermenschenverhalten nicht nötig hat. Manipulative Menschen haben demgemäß womöglich einfach mehr Angst vor anderen Menschen und neigen dazu, deswegen die eigene Position manipulativ-agierend zu stärken und diese also durch entsprechende Handlungen anderer abzusichern, und zwar nicht nur mit dem unmittelbaren Manipulierergebnis selbst, sondern auch peu á peu und im Laufe der Zeit mit dem längerfristig daraus resultierenden Ertrag, denn wenn ich schon manipuliere, dann darf es sich ja ruhig auch ordentlich lohnen, sagt der Erzkapitalist, lächelt seinen Untertanen zu und befiehlt ihnen, ein schönes Wochenende zu haben. In diesem Sinne, ein schönes Wochenende!
Das dazu – oder: alles ist Schreiben
Im ROXY konnte man und kann man sicher noch immer während der Filmvorführung pinkeln gehen, ohne quasi aus dem Saal in die Wirklichkeit zu müssen, weil die Klos direkt vom Saal aus zu erreichen sind. Man hört den Film, während man strullt und kommt erleichtert wieder zurück zu den Bildern, oder nein, zu dem Bild, dem vor dem Pinkeln zuletzt gesehenen, von dem man sich hatte abwenden müssen des Drangs wegen. Von da an liefen die Bilder der Tonspur hinterher, so schien mir es manchmal, so daß mir damals, Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre, nichts anderes übrigblieb, als den Film für schlappe sechs Mark, glaube ich mich zu erinnern, noch einmal zu gucken und dann einfach zu einem anderen Zeitpunkt oder gar nicht aufs Klo zu gehen, denn wer sagt denn, daß man während einer Filmvorführung aufs Klo zu gehen hat? Eben! Das dazu.
Das andere ist, daß mir damals schon dieses Berufskarriereverweigerungsdenken innewohnte, weil ich nie in so eine enge Kiste wollte, so daß ich folgerichtig aus allen Kisten wie ein Springteufelchen wieder heraussprang, kaum daß ich drin war, kaum hatten ein paar Jemande in mir einen Zugehörigen erkannt – da war ich auch schon lachend wieder davongezogen. Heute meine ich allerdings, und das ist eine Anmaßung, davon ausgehen zu können, der Beruf des Schriftstellers böte mir nun endlich die notwendige Bewegungsfreiheit in einer Kiste, die ich so lange suchte und die so lange die richtige ist, wie ich damit und darin keinen pekuniären Erfolg erziele, denn dann muß ja wieder in dem klein gewordenen Kistchen herumgefuhrwerkt und müssen dieser Jemande Erwartungen erfüllt werden, und eben das wollte ich ja nie. Das dazu.
Andererseits betreibe ich das Schreiben eben nicht nebenbei oder als eines von vielen Betätigungsfeldern, neinnein, ich schreibe nur noch, definitiv, selbst wenn ich etwas zeichne oder wenn ich mich gar in anderen Kunstbereichen herumtriebe oder selbst wenn ich nichts täte, alles ist mir Schreiben geworden, ja jede gegenwärtige Erfahrung ist schon fast ein Geschriebenwordensein („das furchtbare Bathos der Erfahrung“ heißt es in Samuel Becketts englischsprachigem Roman Watt original auf deutsch, ja: das ist furchtbar!), und genau das ist der Point of (englischer Begriff), daß nämlich das Schreiben eben keine pathetische Kiste ist, weil, erstens: das Schreiben sowohl eine Kiste ist als auch und eben deswegen keine Kiste sein kann, und zweitens: das Schreiben als Kiste und somit als solche und solches eine in sich über jedwede Grenze hinausgehende Bewegung darstellt, weil ich in meiner Kiste sitze wie ich lustig bin mit meinem kleinen Licht, denn was hinderte mich daran, die Kiste innen verspiegelt sein zu lassen (Spieglein, Spieglein in der Kist‘, da reimt sich nix, so ein Mist!). Und bin ja so viele! Das dazu.
„Weh dem, der Symbole sieht!“ So der letzte Satz in Becketts Watt („no symbols where none intended“), und eben dies ist der / das / die (Wort dafür) für das gesamte beckettsche Werk; ich muß immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie Altvordere, Adorno zum Beispiel, sich die Birne zerbröselten, um Beckett zu „verstehen“! Ha! Da fehlte manch einem doch der / das / die (Wort dafür), während quasi zeitgleich die Philosophen unter den französischen Erbfreunden durchaus: begriffen, Deleuze und Guattari zum Beispiel, aber ich will mich jetzt nicht streiten, nur weil die deutschen Adornos einst in ihrer deutschen Philosophenkiste ohne Lichtlein im Dunkeln saßen und die Welt nicht mehr verstanden und nur noch verschlagworteten – das ist ja auch schon lange her und ich behaupte hier ja auch nicht, eine Deleuzung zu haben, nur weil mir alles Schreiben Schreiben ist und nichts Symbol. Das dazu.
Die Natur sorgt für uns und bildet zum Beispiel für unsere Ergoetzung und ohne jeden weiteren Sinn die menschlichen Geschlechtsorgane als etwas Eßbares nach, Pilze, Spargel, Pfirsich und so weiter, so wie zum Beispiel auf der Menschenseite Marzipanhersteller ohne jeden weiteren Sinn Kartoffeln, Mais, Kastanien, Äpfel und was sonst noch alles nachbilden, doch sie ernährt uns auch durch die ihr innewohnende Losgelöstheit von aller Vernunft, die weder Unvernunft ist noch Unsinn, sondern einfach immer nur das, was wir Menschen aus der Kiste in unserer Kistenhaftigkeit Natur nennen, schaffend oder geschaffen, gleichviel, unwichtig und am Ende Eins und zugleich Viel. So ist Natur immer Natur und nie Unnatur und hat, auch wenn es uns so scheint, keine Symbole zu bieten, nicht mal für nichts, sie ist einfach nur dieses unentwirrbare Gewirre, Vielheit (Deleuze und Guattari sprechen vom Rhizom), die wir westlichen Menschen lange, lange Zeitalter hindurch zu einem Da-Draußen machten und gleichzeitig uns vermeintlich untertan zu machen trachteten, bis wir sie endlich als ein Da-in-uns-Drinnen erkannten, auch wenn wir dies Drinnen fälschlicherweise als Psyche benannten, obwohl es doch Chaos ist … Chaos wie das Schreiben, Schreiben, Schreiben, das ich meine, auf die einzige im wahrsten Sinne des Wortes dem Menschen mögliche Art und Weise gebändigt, als ein Auf-dem-Seil-Tanzen des Menschen über dem Abgrund nämlich, allein dazu geeignet, um in sich die Natur seiner selbst zu überwinden (aber da haben sich ja Nietzsche und Kafka schon zu geäußert), wenn auch weder Brücke noch Seil (noch auch das Fliegen) Symbol ist, wie auch das Rhizom der Deleuze‘ und Guattaris eben kein Symbol für etwas ist, wie noch der Baum der Erkenntnis ein, ja das Symbol war. Wie schrieb Rainald Goetz noch, ich schlag das Buch jetzt einfach mal nach Goetzmanier auf und finde was, in Abfall für alle (S.323): „Am Gemüt. / Duldende Natur. / Unverzagt. / Immer Angst. / Terror machen. / So nicht. / Und so schon gar nicht. / Also vielleicht so? // now let the motherfucker rock“ … Das dazu.
Interviewprotokoll, roh
(Audio-Protokoll Telefon-Interview, Ostersamstag 19. April 2014, P.E. / N.W.S. 09:04 Uhr ff., abgebrochen. Rohfassung, unautorisiert, Stand 19. April 2014, nicht angefragt, verworfen)
– Guten Morgen! Sie leben seit nunmehr 17 Jahren in Berlin …
– Ostberlin! Prenzlauer Berg.
– Würden Sie, äh, die Stadt als …
– Wissen Sie, ich stamme ursprünglich aus dem Westen der Republik, ewig schon weg von dort, nie wieder hin, und wenn ich etwas nicht vermisse, dann dieses ewige Gemotze da. Dieses Runtermachen. Die da und der da und die da: alles Betrüger, alle pöstchengeil, denken nur an sich, lügen wie gedruckt. Und so weiter. Klar, das hat nicht per se etwas mit Westdeutschland zu tun, aber ich habe es dort als das erlebt, als Kind, als Jugendlicher, also als das, was es ist, als lebensvergiftend nämlich. Bleibt man im Lande, also im sogenannten NRW, in meinem Fall, dann bleibt einem am Ende nur die Verhohnepiepelung seiner selbst, können ja so toll über sich selbst lachen, heißt es dann, oder die Verwandlung in eine singende Herrentorte, oder so, kann man machen. Ich kann aber nicht singen, verstehn Sie.
– Wie sieht ihre Stratagie aus, dem, ähm, zu begegnen, was Sie als eine Kultur, oder doch eher, ähm, als eine Unkultur des Motzens und Runtermachens beschreiben?
– Ich neige dazu, das Gegenteil zu machen, alle Menschen zunächst einmal zu respektieren und für das zu bewundern, was sie tun, ausgenommen nur die, die Dinge tun, die sich nicht bewundern lassen.
– Die wären?
– Bomben auf Menschen werfen, betrügen, Kinder schlagen, Fahrräder klauen, Profit aus dem Elend …
– Verstehe!
– Ist aber nicht das Gelbe vom Ei, eigentlich eine falsche Strategie.
– Wa…
– Weil dann die, die diese Lobhudelei mitbekommen, ich erinnere mich an Zustände leichter geistiger Umnachtung meinerseits, gebe ich zu, in denen ich voller Lob von Abwesenden erzählte, womöglich glauben dann alle anderen, man höbe, sagt man das so, höbe?, diese Leute in den Himmel, während man sich selbst und die aktuell Anwesenden kleinmachte. Dabei liegt mir nichts ferner als Andere, also nicht Anwesende, zu bewundern oder besonders zu respektieren, nee, eigentlich sind mir die meisten Menschen ja sowieso so was von piepegal oder gehen mir nicht selten sogar wenn ich nur an die denke voll auf die Ka, auf den Keks mit ihrer vollwichtigen Präsenz und diesem Herumgeprotze und überhaupt mit ihren Lebensleistungen, was die so tun halt, mit ihren Kindern und Häusern und Erfolgen und ihrem Engagement für Kröten und Bäume und Bücher und Flüchtlinge und saubere Luft und gegen Fluglärm und gegen Hundekacke und Gentrifizierung – ach was weiß denn ich! Alles Arschlöcher, wenn Sie mich fragen! Tun so, als ob sie …
– Während Sie …?
– Alles nur Versuche, letztlich, mich in deren Welt hineinzuziehen, in diese Spießerwelt, mich zu instrumentalisieren, meiner habhaft zu werden, mich klein zu machen, zu benutzen, ja Kunst und Literatur zu verhindern oder, schlimmer noch, viel schlimmer, am oberallerschlimmsten, sie in den Dienst einer Sache zu stellen, die Kunst, meine ich, die Literatur, auch Theater, Musik, Malerei, natürlich, alles, so wie das ja in Diktaturen Standard ist, immer gemacht wurde, aber das tun diese Superdemokraten auch, freie Kunst und freie Menschen sind denen doch derart zuwider, und seien wir mal ehrlich, ich glaube, den meisten ist das Hemd näher als der Rock, sagt man doch so, Luxusverwahrlosung, die züchten sich doch ihren Nachwuchs, die armen Kinder, die, die würden sich doch faschistische Zustände oder kommunistische Zustände ebenso schön reden wie die Zustände jetzt, Hauptsache, es geht ihnen selbst prima, dieses Merkelregime, Waffen exportieren wie doof, aber immer das Maul aufreißen von wegen humanitäre Katastrophe und wir sind die Guten und helfen, Handelswege frei halten, darum gehts doch, Profit machen, oder denken Sie nur mal an unseren Chefdiplomaten Stein, Stein…, auf der diesjährigen Sicherheitskonferenz in München, und wie dann der Bundesgauckler, …
– Sie meinen den Herrn Bundespräsidenten, Joachim Gauck, der …
– Der ja, sagen ja manche, und da ist womöglich was dran, ein reaktionäres Arschloch ist, Einsatz der Bundeswehr global, das sagt der doch eigentlich, wortgleich mit diesem Steindings, und der der Industrie und der Bankenmafia ja so was wie bis zum Anschlag in den Allerwertesten …
– Vielleicht kommen wir noch mal, ähm, zurück auf ihr Leben in, äh, Ostberlin …
– Kriecht, während er auf der anderen Seite keinerlei Sinn hat für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Rede, grad wo der doch dauernd diesen Begriff der Freiheit im Munde führt, der will doch den fleißigen, total angepaßten Untertan, protestantische Arbeitsethik, da war der Wulff ja noch super gegen, will ja was heißen, aber wenn Sie mich fragen, ist alles Kalkül, der Mensch als für die Zwecke der Industrie und der Weltfirmen zurechtgestutztes Wesen, als Sklave letztlich, gepampert und gepudert natürlich, als willenloser Konsument, denken Sie nur mal an die Totalüberwachung, was macht die denn mit den Menschen, NSA und so, von der Politik kaum ein Wort mehr dazu, dabei geht das weiter, Peter Galison hat da doch letztens erst was drüber geschrieben, das, das ist doch die Art von Freiheit, die dieser …
– Sie persönlich bauen also auf schrankenlose Individualität, so daß praktisch jeder nur noch das macht, was er oder sie machen will, Kunst und persönliche Entfaltung und so. Glauben Sie …
– Ich glaube grundsätzlich gar nichts, und wenn ich mir Ihre blöden Fragen so anhöre …
– Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Interview.
– Arschl
Gedankengang / Textlauf
Im (und mit dem) Schweigen wird, scheint mir, Sprache geboren, nicht zuletzt die literarische, so wie das Laufen auch notwendig aus Momenten besteht, in denen der Läufer ohne Bodenkontakt ist und eigentlich fliegt. Dieses Fliegen, dieses momenthafte Abheben, macht den Lauf erst zum Lauf. Selbst bestünde ein Text aus ohne Lücke aneinandergereihten (nur kleinen oder nur großen) Buchstaben, so setzte der der Sprache kundige Leser die Lücken und Satzzeichen, indem er Schweigen in den Text hineingibt, die jeweiligen Worte, denen das Schweigen gilt, so erfassend, belebend, hebend und auch verbindend und das ganze Gebilde all so ins Laufen bringend. Aber Schweigen ist nicht gleich Schweigen, dünkt mir, so wie Wort nicht gleich Wort ist, es, das Schweigen, lädt sich im Text und am Text auf als bestimmte und immer bestimmtere Differenz von Wort zu Wort, die, sich mit diesen verkettend, sich erfüllt in Sinn und mit Sinn – so lange jedenfalls, wie es Worte gibt und das Schweigen in ihnen und mit ihnen eine Richtung hat, in die die Worte und das Schweigen als Text weisen, gehen, laufen, fliegen. Getaktete Gegenwart. (Nur so ein Gedanke, der einem Gedanken folgte, dem ein Gedanke folgt. Auf der Stelle fliegen. Gedankengang, Textlauf.)