Nach dem Weltuntergang ist vor dem Weltuntergang

Im Sommer fragt sich kein Mensch, was hinter all den Mauern so vor sich gehen mag, doch zur Winterszeit will man’s schon wissen, die Neugierde treibt einen dazu hineinzusehen in all die erleuchteten Fenster, wer wohl dort herumhuscht, ob’s wohl der Weihnachtsmann ist, der sich seinen Bart anklebt, weil er gleich bei diesem Sauwetter einen Auftritt hat, hoho, ich bün der Woihnachtsmonn, oder ist’s Knecht Ruprecht, der leider seit Jahren überhaupt nicht mehr gebucht wird und eine Schicksalsgemeinschaft bildet mit dem Christkind, das in seinem weißen Kleidchen in der Ecke steht und bitterlich weint, weil ein großer Brausekonzern nur rotgewandete Werbeträger mit Schmerbauch engagiert, und das geht doch nicht, das Christkind in rot, ich bitte sie, da kann man dann leider nix machen, auch die Engel sind unterbeschäftigt, geht aber noch, auch wenn sie nu‘ so Sparfunzelkerzen in den Händen halten statt der schönen aus Wachs von früher mal, und Hosianna dürfen sie auch nicht mehr singen, hoho, ich bün der Woihnachtsmonn, und meine Rentiere trinken kein Bier, gibbet garnich mehr aufem Weihnachtsmarkt, nur Glühwein, rot in rot in rot, bis die Birne glüht, doch man gebe dem Volk, was des Volkes ist, samt dem Plunder unter der Weihnachtstanne. Naja, Hauptsache es bleibt friedlich hinter all diesen Mauern, das will auch der Papst, der übrigens wie immer ausgebucht ist, vor allem jetzt, wo wir ja nun alle den Weltuntergang überstanden haben, wenn auch nur bis zum nächsten Mal, aber: immerhin! Hoho. In diesem Sinne, besinnliche Tage!

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Wenn heute die Welt unterginge

Ginge die Welt heute unter, so würde dies morgen niemand mehr wissen, woraus folgt, daß die Welt heute gar nicht untergehen kann. Das ist folgerichtig, so wie etwa auch die Feststellung, daß ich nicht berühmt bin und eben dies nur die wenigsten wissen.

 

 

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Der Tag davor

Diejenigen, die fest an den morgigen Weltuntergang glauben, werden, neuesten Erkenntnissen zufolge, morgen mit einer Art universellem Sauggerät vom Planeten Erde weggesaugt werden. Wir Zurückbleibenden wünschen gute Reise! [Unten die Szenerie, vom Sauggerät her gesehen / vorgestellte Szene]

 

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Muße, Müßiggang, Langeweile und andere Perversitäten

Nichts Gutes, so scheint es mir, ist außerhalb des gelobten Landes zu finden – also jenseits des Daseins, in dem die Fragen nach Effektivität, Gewinn, Wachstum, Besitz und Macht elementar sind. Ein Mensch, der etwa einfach so in seiner Mietwohnung sitzt und ein antiquarisch erworbenes Buch liest, ist nämlich schon fast, so jedenfalls könnte man meinen, ein Systemfeind, denn sein Konsum ist womöglich zu gering, um andernorts nennenswerten Gewinn zu generieren, und wenn er darüberhinaus noch einen alten Mietvertrag besitzt und es keine Möglichkeit gibt, diesen in einen Staffelmietvertrag umzuwandeln, dann ist dieser Mensch vielleicht sogar eine Art Krankheitserreger, auf den Gedanken kann man durchaus kommen, denn er macht die Konsumgesellschaft krank mit seinem Nichtstun, seinem Rumgehänge, dem Lesen abgehangener Bücher und so weiter. Schlimm, wirklich! Aber Scherz beiseite, niemand will diesem Menschen wirklich Böses, nicht einmal die FDP, er soll nur gefälligst sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewußt werden und mehr Geld ausgeben, Bücher neu kaufen und allerlei Leckereien beim Lesen konsumieren, und wenn er kein Geld dafür hat, dann soll er es sich leihen, denn die Banken, vor allem die systemrelevanten, müssen ja auch leben, und käme dies diesem Mann nicht schließlich auch zugute, frage ich, denn er müßte sich nicht mehr so sehr langweilen beim Bücherlesen, mit ordentlich Schulden kommt Langeweile nicht mehr vor, und bekommt der dann normgerechte Konsument Depressionen, kann immerhin die Pharmaindustrie daran verdienen, die dann wieder ordentlich Steuern zahlte … ja ist der bücherlesende Müßigmensch, das fällt mir an diesem Punkt der Überlegung siedendheiß ein, also doch zu etwas gut? Ein wichtiger Teil der von allen Parteien und allen politischen Richtungen beförderten Industrie – und Dienstleistungsgesellschaft? Mmh, man müßte das mal genau durchrechnen lassen von einem Durchrechnungsinstitut, um dann Strategien zu entwickeln, wie der antiquarischebücherlesende Mensch als behandlungsbedürftig dargestellt werden und wie dieser davon auch selbst überzeugt werden kann, und am besten wäre natürlich eine Studie, die gleich alle notwendigen Meß- und Grenzwerte bietet und die auch die Frage beantwortet, wie viel der Patient selbst zu zahlen hat und wie viel die Krankenkasse beitragen muß. Heißen könnte die Studie Generierung von Wertschöpfungsmöglichkeiten aus nichteffektiver Tätigkeit von Individuen unter Berücksichtigung gesellschaftspolitisch notwendiger Fragen nach Effektivität, Gewinn, Wachstum, Besitz und Macht. Oder so ähnlich, den Experten fällt da schon etwas ein, fleißig wie sie sind. Und wenn sie schon einmal dabei sind, dann können sie auch gleich mal ergründen, was aus einem Menschen rauszuholen ist, der schwachsinnige Glossen schreibt. Würde mich sehr interessieren!

[In einem Beitrag für die FAZ spricht Eugen Ruge, unter Punkt 7, das selbe Thema an!]

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Jahresendlichkeits-Stimmungsdesaster

Allerorten ist Streß angesagt, Ängste bahnen sich ihren Weg aus den tiefsten Tiefen des Gemüts, nichts ist, wie es soll, und hoffentlich wird wenigstens Weihnachten schön, besinnlich, gemütlich, alle glücklich, entspannt, auf jeden Fall entspannt muß es sein, koste es, was es wolle, denn die Sau rauslassen kann man dann Silvester ja auch noch, krachen lassen, die Schwarte, aber richtig! So der Plan. Leider aber ist die Zeit zwischen den Jahren am allerwenigsten geeignet, Pläne zu schmieden und Gewissheiten zu pflegen, denn wie schrieb Max Dessoir ganz richtig, so als meine er tatsächlich eben diese paar Tage im Jahr: „Das Blut vieler Jahrtausende rinnt in unseren Adern. Sein Pulsschlag ist nicht immer regelmäßig, sondern wird manchmal arhythmisch, wie er einst gewesen war. Gerade wenn wir am weitesten in die Zukunft zu schauen meinen, sind wir am engsten mit der Vergangenheit verbunden. Das ist der unbestimmt gefühlte Zauber dieser Sphäre, daß sie die Gegensätze wirklich eint. Der Ekstatiker erlebt im Bilde kommender Vollendung die Wünsche des Primitiven, wie er die höchsten Strebungen in schmerzhaft schöner Verschmelzung mit fleischlichen Instinkten erlebt. Zwar scheint dies – in logischer Erstarrung – ein unerträglicher Widerspruch. Aber der wirkliche Mensch lebt da am intensivsten, wo er sich am stärksten widerspricht.“ [Max DessoirVom Jenseits der Seele. Die Geheimwissenschaften in kritischer Betrachtung. Dritte Auflage 1919, zuerst 1917. S.12.] Ganz normal leben kann man dann wieder von Neujahr an – schrecklich auch das, denn dann erhebt der Geist der Langeweile wieder Anspruch auf uns, auf daß wir ihm dienen im Weltenalltag – und wer dies nicht tut, jahraus, jahrein, der kriegt keine Rente. So einfach ist das.

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„Nur die Gegenwart ist frisch, das andere fahl und fahler.“

Freiwillig zurückblicken würde ich nie, es ist gefährlich. So meide ich jede Form von Jahresrückblicken, die die Medien offerieren, denn warum soll ich ohnmächtig Geschehnisse mir vorwiederholen lassen, die weder zu ändern sind noch eigentlich je wirklich zu wiederholen sein werden. Aus der Vergangenheit ist schließlich grundsätzlich nichts wieder herholbar (man lese nur etwa Kierkegaards Die Wiederholung), sie ist gleich der Unterwelt, aus der Orpheus seine Eurydike zurückholen wollte. Bekanntlich blickte sich Orpheus, dem es an Vertrauen mangelte, zu ihr um, zu seiner Eurydike, die er holen wollte aus eben dieser Unterwelt und die hinter ihm ging auf dem Weg in die Oberwelt, auf dem Weg voraus in die Gegenwart. Er wollte, mußte sich vergewissern, daß sie ihm folgte – und weg war sie, sie verschwand ihm, er blieb allein. Wäre er, im wahrsten Sinne des Wortes vorsichtig gewesen, sie hätten das gemeinsame Leben, aus dem der Tod Eurydike fortgerissen hatte, weiterleben können. So der Mythos, aus dem zu lernen niemandem einfällt heutzutage, denn die Zusammensetzung des Jetztmenschen aus Partikeln der Vergangenheit hat Hochkonjunktur, nicht wer man ganz und gar gegenwärtig ist, ist von Bedeutung, sondern wer man aufgrund seiner Vergangenheit zu sein hat – man sehe sich nur die Meriten an, die ein Jeder und eine Jede ins Karrieregeschäft einbringt, Merite an Merite sozusagen, lückenlos, widerspruchsfrei, ein sauberer Rückblick, bei dem nichts an ein Entschwinden gemahnt, so als sei es die leichteste Sache der Welt, das Vergangene und das daraus resultierende Zukünftige in die Gegenwart einzupressen, es als etwas Lebendiges zu nutzen und so klarzumachen, wie hervorragend man ist. Auch der eigene Kopf neigt dazu, Vergangenes hervorzuholen, es als noch formbar vorzustellen, und obgleich dies als eine Illusion leicht erkannt werden kann, fällt man noch leichter darauf herein und vergiftet sich die Gegenwart. Da hilft nur, denke ich, die gnadenlose Selbstverurteilung, die ich selbst grad übe, indem ich sage, dieses Jahr 2012 war (wie auch 2011 bereits) in vielerlei Hinsicht ein ganz und gar verlorenes Jahr, ein Jahr, in dem ich Schaden genommen habe und nicht wirklich weitergekommen bin, obgleich das ein oder andere durchaus geklappt hat und in der Meritenkiste liegt, mit der ich ins böse Spiel einzusteigen weiterhin verabsäume, nicht weil ich nicht könnte, sondern weil es nicht mein Spiel ist, was erkannt zu haben ich aber durchaus nicht dem Schaden zurechne, den ich erlitt, sondern dem kleinen Gewinn, von dem ich zehre. Wie sagt Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik (II, stw 614, S.238f.) ganz richtig: „Nur die Gegenwart ist frisch, das andere fahl und fahler“ – er sah das Vergangene als ausgesungen an und gemahnte den gegenwärtigen Künstler, gegenwärtig zu sein, denn alles Vergangene, ob Homer, Dante oder Shakespeare, erhalte ihre Kunstwahrheit nur als lebendige Gegenwärtigkeit. Da hat der Guteste wohl recht, denke ich, weil das Lebendig- und Gegenwärtigmachen allen Stoffes, jenseits der Meriterei, die eigentliche Kunst ist, auch im Leben selbst. Punktum.

 

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Sommer Stadtwinter

Dinge, die nicht zu ändern sind, muß man hinnehmen – leicht gesagt, wenn man sich im ewigen Eis wähnt und draußen nur Schlitterabenteuer warten. Würde ich nur melancholisch werden ob der Gesamtlage, zu der das Wetter ja schließlich gehört, so wäre ich eben eine Weile melancholisch, wottschälltz, würde ich sagen, doch leider ist meine Gemütslage grad so, daß ich zur Heilung dringend Sommer oder wenigstens Frühling brauche, und zwar hier in Berlin oder zumindest auf meinem Balkon. Dringend! Ist das zuviel verlangt!? Immerhin, ich wies bereits letztens darauf hin, habe ich den Winter über mutmaßlich gute Bücher zu lesen, nicht nur Katarina Botskys In den Finsternissen, sondern auch noch Alfred Döblins Wallenstein und Franz Werfels Verdi (das Buch zum Verdi- und zum Wagner-Jahr), so daß ich zu lesen genug haben werde, wenn ich denn meine Zeit nicht grade dem Schreiben und dem Überarbeiten meines Romans, dem Pläneschmieden, dem Sorgenmachen und was da sonst noch so anfällt widme. Trotzdem fühle ich mich grauselig, selbst wenn das, ich gebe es zu, mit dem kommenden Weltuntergang zu tun haben mag. Warten wir’s ab.

 

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Schneeballbewurf und Konzert

Auf dem Weg zu einem Konzert im Wedding, Sayaka Shoji & Julien Quentin gaben ganz hervorragend Mozart, Schubert, Brahms, Fauré und noch ein paar kleine Zugaben, gingen wir zu dritt von der Tram-Haltestelle in Richtung Uferstraße, und da sind doch tatsächlich zwei Jungs (im Wedding gibt es das noch, anders als in den Prenzlauer Bergen, nämlich Kinder ohne ihre Eltern alleine draußen), die mit Schneebällen werfen. So muß das sein, denkt man, doch da kommen die doch tatsächlich zu uns und fragen, ob sie uns mit Schneebällen bewerfen dürfen – anstatt es einfach zu tun! So was hätte es „früher“ nicht gegeben, denkt man, und zack, schon ist man getroffen, denn werfen konnten die schon, die allzu braven Jungs.

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Lesen

Benötigt man in unserer frühpostmodernen Zeit überhaupt noch Literatur? Das frage ich mich manchmal. Das ist eine überaus dumme Frage, könnte man meinen, doch es gibt ja keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Meine Antwort ist, gerade jetzt ist die Literatur gefragt, weil sie weder beliebig sein kann noch diktatorisch, denn wer liest, der denkt selbst und der fühlt selbst und der macht sich seine Vorstellungen mit dem Gelesenen und durch das Gelesene. Würde man einen lesenden Menschen filmen, so sähe man nichts weiter als einen lesenden Menschen, von dem man aber als Leser weiß, daß er abgetaucht ist in eine andere Welt, man sieht nur noch die Hülle, während der Geist wer weiß wo ist. Entführt allerdings ist der Geist des Lesers nicht, dafür ist die Musik und der Film zuständig und manche Droge, sondern er ist eigenständig in einer anderen Welt unterwegs, die ohne ihn nicht wäre, während er ohne diese Welt eben auch nicht wäre, nicht so jedenfalls. Wollte ich nur mal gesagt haben.

 

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Alt und neu zugleich

Mit einer gewissen Vorfreude betrachte ich dieses Buch aus dem Elsinor Verlag, nämlich In den Finsternissen von Katarina Botsky, (neu) herausgegeben von Martin A. Völker. Der Klappentext verrät folgendes: Die Auswahl „In den Finsternissen“ enthält zehn Novellen und zwei Gedichte der heute nahezu unbekannten Königsberger Schriftstellerin Katarina Botsky (1880-1945). Ihre Zeitgenossen schätzten sie als starke Vertreterin der literarischen Moderne. Ludwig Goldstein, Feuilletonleiter der bekannten Hartungschen Zeitung, bezeichnete Botsky als Ostpreußens „erstes weibliches Kraft- und Originalgenie“. In den Novellen, die sie zwischen 1911 und 1936 für die Zeitschrift Simplicissimus schrieb, widmet sich die Autorin den Verworfenen und Missgestalteten, jenen Menschen, die ausziehen, um Freude zu suchen und das Entsetzen finden.

Gestern erhielt ich also das Rezensionsexemplar. Wer jemals in den großen Bibliotheken nicht nur nach Büchern und Zeitschriften gesucht hat, die er ebenso gut im Buchhandel finden kann, der weiß, welche Schätze dort zu heben sind und wie wichtig es ist, daß Menschen und Verlage sich kümmern. Also, wie gesagt, die Vorfreude ist groß, und sobald die Muße mich umfängt, werde ich es lesen, um dann hier darüber zu berichten, mutmaßlich Anfang des nächsten Jahres. Wer liest mit?

 

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