Julibrief 2010

„Ich sach dann bescheid, wenn Juli is‘!“ Das schrieb ich vor wenigen Wochen, und was soll ich sagen, jetzt ist Juli. Und zwar überall auf der Welt, wahrscheinlich sogar in Nordkorea und Sachsen. Abgesehen von der Welt der Zahlen, 1,2,3,4,5,6,7,8,9 usw., Sie wissen schon, was ich meine, ist das vielleicht die einzige Gemeinsamkeit aller, abgesehen davon, daß alle Menschen essen und trinken und – Sie wissen schon. In den Prenzlauer Bergen ist der Juli zudem noch der Monat, in dem relative Ruhe eintreten wird, der Schulferien wegen. Dann machen nur noch die Arbeiter Krach, denn außer Kindermachen machen die immer dann ordentlich Lärm, wenn sich dazu die Gelegenheit ergibt, selbst wenn die rechtschaffenden Leute und die Intellektuellen der Prenzlauer Berge noch schlafen müssen. Natürlich darf man auch die schrecklichen Berliner Glocken nicht vergessen. Protestantisch schrill und eher antiintellektuell gestimmt, fügen sie den Preßlufthämmern noch eine besondere Note hinzu. Ist eben so, in den Prenzlauer Bergen, doch wenn Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, ist das längst kein Thema mehr, der Tag ist gelaufen. Dann ist Ruhe im Karton, und Kindermachen fällt wohl auch aus.

Bei der Sache mit dem Kindermachen bin ich nicht mehr so sicher – aber warum so laut? Überhaupt ist der Sommer in die Prenzlauer Berge eingezogen, überall finden sich ausgetrocknete Reptilien auf den Wegen und an den Hauswänden, überall finden sich Menschen, die nur in der Wärme leben können und im Winter erstarrt in ihren Löchern liegen. Außerdem ist der Sommer natürlich die Zeit der Wiederholungen, selbst beim Fußball wiederholen sich Spiele mit nur geringen Abweichungen, etwa wie beim Theater, das Stück heißt Deutschland – Spanien 0:1. Schwer, da etwas Neues dagegen zu setzen, vor allem bei der Hitze. Nichts machen wäre eine Alternative, aber wer kann das schon! Ich jedenfalls nicht.

Denken an sich wird krass überbewertet, könnte man meinen, und so ist es auch. Menschen, die ihre Entscheidungen allein dem Kopf überlassen, müssen sich zusätzlich immer noch Gedanken machen, warum die Welt so ungerecht ist, sprich: unlogisch. Überhaupt, ist nicht die Logik und die unbedingte Folgerichtigkeit das Langweiligste ever, während jeder kleine Widerspruch die Magensäfte anregt und das Blut zu Kopf steigen läßt – gleichzeitig wohlgemerkt! Dennoch wäre es ungerecht, das Denken als zweitrangigen Reflex zu brandmarken, denn wer strikt selber denkt, dem grummelt es oft im Gedärm, so spannend ist das! Denke ich mir so.

Alles Erinnerte ist privat, es sei denn, es ist etwas von kollektiver Wichtigkeit geschehen. Wer nicht die Gabe des Vergessenkönnens besitzt, wird ewig nur Privates zu berichten und wenig Platz für die Gegenwart haben, in der ja immerhin etwas Wichtiges geschehen könnte, es sei zunächst auch noch so unscheinbar. Nehmen wir die Prenzlauer Berge: hier geht alles seinen Gang, und mehr kann man dazu schon nicht sagen, ohne Bösartigkeiten zu verbreiten. Von der Jetztzeit wird nichts bleiben, kein Film, kein Roman wird die Prenzlauer Berge des Jahres 2010 fassen können, es sei denn er thematisiert das Thema „Wenn erst einmal die letzte Baulücke geschlossen, die letzte Garage einem Spielplatz mit Tischtennisplatte gewichen ist, dann …“ Doch so ein trauriges Machwerk will keiner sehen oder lesen, da kann man sicher sein, und außerdem müßten ja nahezu alle Prenzlauer Berger es sehen oder lesen, denn was hätte so ein Werk sonst für einen Sinn? Eben!

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Junibrief 2010

Köhler: Kaum ist er zurückgetreten, wird er verbal aber sowas von verprügelt, daß man sich fragt, warum man das nicht schon vorher gemacht hat, denn dann wäre er auf jeden Fall zurückgetreten. Daß das sogenannte Volk ihn mochte, wird jetzt ja immer wieder herausgestellt, und man fragt sich schon, wie die Menschen im Lande so ticken. Tritt der Horst doch einfach zurück, weil er gekränkt ist! Muß man sich aber auch leisten können, doch wenn es sich jemand leisten kann, dann der erste Mensch im Staat, sein Kohle kriegt er ja bis zum Lebensende, naja gut, der zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte, achte, neunte, zehnte, elfte, zwölfte, dreizehnte (noch genauer brauchen wir’s nicht) kann sich das auch noch leisten, aber sagen wir mal der vierundsechzigmillionste dreihunderttausend und einhundertelfte, kann der sich das noch leisten? Wohl kaum! Und eben deswegen hat ihn das Volk so geliebt, unseren Horst!

Die verschlafensten Berge sind die prenzlauer, habe ich heute erfahren müssen, so eine Art Hochebene, auf der Fuchs und Hase sich nicht mal gute Nacht sagen können, weil sie zu weit auseinander wohnen. Doch das sind Petitessen, nicht zu verwechseln mit Politessen, die über den Zustand der Prenzlauer Berge nicht wirklich etwas aussagen, geschweige denn über den des Landes oder gar den der Fußballnationalmannschaft. Apropos Fußball und Fußballweltmeisterschaft: böähhjjööjöäöjäööööiöiöiöi dschödschödschö äöäöäöäöäöäöä öäöäöäöäöäöä, und das 90 Minuten lang, und wer weiß, ob sich das überhaupt kommerziell nutzen läßt, so wie ein ordentliches Oooolé, oh Leo, Leo, Leeeeee! Was, wenn nicht? Da bricht doch alles zusammen, und wer weiß, wer noch mit.

Begeisterungsfähigkeit ist ja die Fähigkeit, sich begeistern zu lassen. Ganz ähnlich gelagert ist die Betrunkenheitsfähigkeit, also die Fähigkeit, sich von Alkohol betrunken machen zu lassen. Beides hat etwas Passives an sich, denn ist der Auslöser einmal vorhanden und stärker als man selbst, muß man – sehr wichtig – nur noch jeden Widerstand aufgeben. Und dann gehts los, und ab, oft auch bergab, im übertragenen Sinne zumeist, bis dann der Kater einsetzt, die Scham und die Schande, denn wer gestern noch Satyr war, ist heute ein einziges Elend. Dagegen hilft dann nur noch ein Schluck aus der Pulle, so viel Begeisterung muß sein.

Die Reichen werden immer reicher und der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen. So könnte man die Zeiten zusammenfassen. Seltsam ist nur, daß die Reichen immer noch eine Minderheit darstellen, die aus eigener Kraft niemanden an die Macht bringen können, jedenfalls nicht durch Wahlen, bei denen aber dann doch immer wieder Menschen in die Parlamente gewählt werden, die den Teufel animieren, wieder einmal auf den … ach, Sie wissen schon, was ich meine, das Ganze ist ja ungeheuer kompliziert. Der gemeine Bürger muß hingegen bei einer Wahl ja nur so einige wenige Kreuzchen machen, nichts leichter als das, und dann darf er sich wieder den wichtigen Dingen im Leben zuwenden, Einkaufen, Fußball, Essen, Saufen, Urlaub und (angeblich) Sex – und wenn das Geld dafür noch reicht, ist man ja wenigstens in Sichtweite dieses Haufens, auf den der Teufel … Naja, so lange in den Prenzlauer Bergen die Müllabfuhr funktioniert, ist das Leben gerade noch so erträglich, möchte man meinen.

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Maibrief 2010

So viele Menschen rackern sich ab, da kann ich doch wohl nicht einfach nichts tun – das wäre zu anstrengend, schon allein wegen des Rechtfertigungszwanges. Also tue ich etwas, aber auch gleichzeitig so, als täte ich nichts. Das gibt dann erst die richtige Mischung. Zur Nachahmung nicht empfohlen!

Wie wonnig ist mir im Mai! Herrliches Wetter, die Sonne … Das war wohl das Band mit der Mai-Ansprache des letzten oder vorletzten Jahres. Kalt ist es, auch in den Prenzlauer Bergen, gleichwohl nicht nur dort, auch anderswo, nur in Rußland nicht, denn ausgerechnet dort hatte sich der Ruß des Eyjafjallajökull nicht hin treiben lassen. Wetterwissenschaftler behaupten natürlich, das alles habe nichts zu tun mit der isländischen Eruption, doch wir alle wissen es besser, wir haben eine Ahnung, die sich nur einstellt, wenn man denn ordentlich friert. Und das tun wir! Zurück zum Wetterbericht.

Vom Aussterben bedroht: der unbefristete Arbeitsvertrag. Heute erst in einer Qualitätspostille gelesen, wußte ich aber schon. Ein zukünftiger Historiker, der noch nicht einmal geboren ist und der selbst einen befristeten Arbeitsvertrag nur in seinen Quellen wird finden können, wird daraus eine These machen, die da lautet, da hat sich was geändert, grundlegend, Anfang des 21. Jahrhunderts. Er wird einen Text verfassen, muß dann aber schnell los, weil er noch auf seinen Acker muß, Unkraut jäten. Daraus macht dann wieder ein Anderer eine These, einer, der noch nicht einmal geboren ist …

Da geht ja was ab, im Moment: ein Meer läuft nicht etwa aus, sondern voll Öl, Auslaufen tut’s dann später, eine Lena macht Abitur und singt in Oslo, ein Horst tritt zurück, weil er aus Versehen die Wahrheit gesagt hat. Daß gleichzeitig in vielen Bereichen nichts passiert, wird so aber überdeckt, was man nicht wollen sollen sollte, und da ist ein Bundespräsident, der zurücktritt (so eine Art Rache des kleinen Mannes) und seinen Platz räumt, fast schon als Vorbild geeignet. Jeder Deutsche beiderlei Geschlechts ab 40 kann sich jetzt Hoffnung machen, denn heutzutage geht ja alles, vom Randalierer zum Außenminister, der jetzige war leider nur Realschüler, vom Sparkassendirektor zum Bundespräsidenten, vom sozialistischen Mädel zum Gesicht der Regierung! Wie gesagt, alles ist möglich. Hoffentlich hat Guido sein Wohnzimmer gut in Schuß! Es wird also doch etwas passieren, trotz Dauerwahlkampf, und wenn sich dann in 30 Tagen der neue Präsident oder die neue Präsidentin dem Volke zeigt, werden sich in den Prenzlauer Bergen immer noch Fuchs und Igel gute Nacht sagen. Wenn das nichts ist!

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Aprilbrief 2010

Der April beginnt mit dem Ersten, und das ist kein Scherz!

Auch kein Scherz ist es, dass ich den ersten April nicht mitbekommen habe, wahrscheinlich weil die ganze Zeit Ostern war, denn da ging es wie jedes Jahr um Schokoladeneier und wie ihnen am besten auszuweichen ist. Da is(s)t man vollauf beschäftigt. Aber nach all den gebratenen Osterhasen, die einem in den Mund gesprungen sind, geht es jetzt normal weiter, so dass die Prenzlauer Berge bald wieder ihre volle Bevölkerungsdichte erreicht haben werden (= überall Leute!). Es ist nämlich so, dass sich die Prenzlauer Berger von dannen machen, wenn Feiertage anstehen, um sich so auch mal außerprenzlauerbergisch komisch zu benehmen. Da kann man dann auch mal motzen, denn das tut der Prenzlauer Berger, im Gegensatz zu den Sonstberlinern, gemeinhin nicht, denn so toll wie in den Prenzlauer Bergen ist es nirgendwo, auch nicht in Bielefeld. Aber der April ist ja ohnehin ein seltsamer Monat.

Das ist ja alles so sinnlos, einerseits, während dieses Alles ja andererseits vor lauter Sinn nicht ein noch aus weiß. Nehmen wir einmal das Einkaufen, da geht man durch lange, gut beleuchtete Gänge und fragt sich, wer das alles fressen soll. Fragt man sich doch, oder? Und einfach nur mal so Nahrung zu sich nehmen geht ja auch ganz und gar nicht, da muss natürlich die Glotze laufen, denn mit vollem Mund spricht man nicht. Mmpf. Oder man liest die Zeitung, gerne auch mal online. Natürlich könnte man auch einfach mal die Wand ansehen, beim Essen, oder seine Hände beobachten, wie sie das Zeuchs zusammenschieben, um es dann in das große Kopfloch zu befördern. Mmpf. Un- oder antimediale Nahrungsein- oder aufnahme funktioniert wahrscheinlich nur noch in Gaststätten, in denen kein Fernseher läuft, also nur noch hie und da und auch sicher nur in Deutschland und Nordkorea, gäbe es dort Gaststätten. Vielleicht hätte man nicht das Rauchen sondern das Fernsehen in Gaststätten mit einem Angebot an Festnahrung verbieten sollen, ich meine ja nur, wegen der Gesundheit. Man muss eben höllisch aufpassen bei dem, was so alles in den Kopf reingeht.

Jetzt niesen sie wieder, die Heuschnupfis, und das ist auch gut so. Stärkt die Volkswirtschaft, denn der Umsatz von Mittelchen und Papierschnupftüchern steigt. Das sollte immerhin ausreichen, den Schaden durch Fehlzeiten mehr als auszugleichen. Ich warte noch auf die entsprechende Statistik, liebe Statistiker. In den Prenzlauer Bergen jedenfalls niest etwa jeder Vierte, aber nur jeder Fünfte hat eine Allergie. Da sind dann wohl auch Leute dabei, die einfach eine Erkältung haben. Wie ordinär.

Wenn mich nicht alles täuscht, so ist die isländische Aschewolke, die aus dem Vulkanausbruch, jetzt herniedergekommen mittels eines Regengusses. Zu sehen ist nichts, aber das war ja auch schon vorher so. Wenn das kein Beweis ist!

Auf der einen Seite ist Langeweile die Keimzelle aller menschlichen Kultur, auf der anderen Seite ist Kultur das Langweiligste, was die Menschheit hervorgebracht hat. Das ist natürlich kein Widerspruch, denn das wäre ja wieder spannend. Oder täusche ich mich? Sind sprechende Edelstahlsäulen, die den Touristen in den Prenzlauer Bergen erläutern, was das so auf sich hat mit der Geschichte, vielleicht spannend, weil sie zeigen, dass jetzt Zukunft ist und der ganze Rest Vergangenheit? Wenn ich’s wüßte, würde ich’s nicht verraten. Wo kämen wir da hin!

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Märzbrief 2010

Der März! Jetzt wird alles besser, ohne dass es deswegen weniger schlecht sein muss. Leider beginnt der Monat März des Jahres 2010 mit einem mulmigen Gefühl, alles Böse scheint sich zu entladen – ja, ich meine das Wetter, nicht etwa die Fußballergebnisse, zu denen ich mich nicht äußere. (…) Deutlich ist in jedem Fall, dass es zwischen Langeweile und Ekel zwar etwas Anzustrebendes gibt, aber wie man das erreichen soll, wissen wohl nur Mystiker und der ein oder andere Baum. Vielleicht sollten wir einfach mal fragen gehen.

Das Böse ist ebenso – langweilig wie das Gute, wird aber von den Guten als spannend verkauft, während das Gute von den Bösen zwar auch verkauft wird, nicht aber als spannend, sondern als rührend. Das musste mal gesagt werden, sonst könnte ich ja gleich ein Gedicht schreiben. Jau!

Auf den Gipfeln der Prenzlauer Berge ist der Schnee geschmolzen. Dass Schnee unter Berliner Umständen ein weißes und geruchloses Übel ist, dürfte allen klar geworden sein, selbst wenn Schlitten gefahren wurde an der Aso-Schräge im Mauerpark. In Zukunft werden die Winter kalt sein, meist trocken, und wenn nass, dann regnerisch. Woher ich das weiß? Reines Wunschdenken, weiß und geruchlos.

Und (noch) ein Gedicht:
Ich geh mal eine Runde raus,
sag ich mir und reiße mir die neue Lesebrille vom alten Kopf.
Kalt zwar, aber sonnig, will eine Fahrkarte am Automaten kaufen, damit ich heute Abend nicht in Eile,
weil die Bahn gleich kommt, eine kaufen muss,
ich hasse das, die Scheiß-Bahn,
und dann dieser S-Bahn-Spruch „Zurückbleiben bitte!“,
da könnte ich wahnsinnig werden,
was bilden die Arschlöcher sich ein,
mir vor der Nase wegzufahren,
was glauben die, wer sie sind.
Ich weiß es.

Fällt mir nix ein, fällt mir nix ein. Ein Satz gnadenloser Schönheit, ein Teller Suppe. Wem das zu wenig Effektivitätsdenken ist, sei gesagt, dass Denken nicht klug macht, sondern müde. Und wem das wie großer Unsinn erscheint, der soll doch gefälligst selber denken, meinethalben groß und bedeutend. Ich kümmere mich dann später drum. Und damit zurück in die Sendezentrale.

Die Windmühlen knarzen so vor sich hin und werfen ihren Räder in die Luft, immer im Kreis, immer im Kreis. Auch in den Prenzlauer Bergen knarzen sie, und mahlen und mahlen und mahlen. Der Müller in seiner Mühle mahlt, und wenn er aus seinem krachenden Ungetüm heraustritt, wirft er einen Blick auf den Mauerpark, in dem all die Prenzlauer-Berge-Intellektuellen ihre Köpfe vorführen, teilweise auch als Remake, warm gebettet in schnittigen Kinderwägen oder immerzu plappernd an den schlauen Händen ihrer Erzeuger hängend. Da wendet sich der Müller mit Grausen ab und tut einen Schritt in seine Mühle hinein, um weiter zu mahlen, je feiner, desto besser, denn das ist die Aufgabe. Doch davon wissen die da draußen nichts.

Kann man sich eine solche Schwäche erlauben in den Prenzlauer Bergen? Das ist die Frage. Die Antwort ist NEIN, kann man nicht. Um was geht es? Richtig, es geht um Gedichte, ich kann sie nicht lesen, weil ich nicht dranbleibe an den fremden Worten, Gedichtbände sind bei mir fehl am Platze. Was kann da helfen, frage ich mich. Hören wäre eine Lösung, und tatsächlich kann ich Gedichte verstehen, begreifen und gleich auch noch genießen, wenn ich sie, vom Dichter selbst, höre. Mit Prosa ist es da ganz andersherum, da stört das Vorgelesenbekommen fast immer, ich kann nicht dranbleiben und sehe mir stattdessen die Schuhe des Dichters an, das sagt dann mehr als der Text. Wie im richtigen Leben.

Über den Augenblick hinaus – das sagt sich so leicht mal so hin. Gemeint ist natürlich: Nachhaltigkeit. Kein Satz mehr ohne dieses schöne, feste Wort, das sagen will, es sei alles nur gut, wenn es um die Ewigkeit geht, mindestens. Auch andere Worte streben in diese Richtung, etwa Unnachgiebigkeit, auch sehr schön, steht stolz und stur in der Gegend herum wie eine deutsche Eiche, mindestens. Und jetzt kommt die Pointe, weil es sonst nicht nachhaltig ist, was ich hier schreibe, denn das ist wichtig, da bin ich unnachgiebig. Das war’s schon.

Ästhetik ist immer mehr als der mehr oder weniger schöne Schein, mal ganz abgesehen davon, dass es so etwas gibt wie negative Anmutungsqualität; am Ende liegt Schönheit eben immer im Auge des Betrachters. Wohl kann es auch sein, dass der schöne Schein nicht auf ein ästhetisches Etwas verweist, sondern sich selbstverliebt selbst genügt. Da fehlt dann der Mehrwert, das über die Erscheinung hinaus Erinnerte, das mitunter unvermutet als Schein wieder auftaucht, ausgelöst vielleicht durch einen Lindenblütentee und eine Madeleine, um nur einmal das berühmteste aller Beispiele einer Wiederherstellung zu erwähnen, die zu einer schönen, nicht voraussetzungslosen Erscheinung führt. Was das mit den Prenzlauer Bergen zu tun hat? Dem ersten Anschein nach nichts!

Jetzt neigt er sich, der März, nämlich seinem Ende zu. Er wird dann auf immer gewesen sein, ewig der selbe März, unveränderbar er selbst, für immer. Am Ende kennt man ihn ganz gut, man war ja mit ihm zusammen, aber man kann ihn nicht einfach noch einmal leben, so wie man etwa einen Film noch einmal sieht oder ein Buch noch einmal liest. Das gilt natürlich für alle anderen Monate, sind sie einmal vorbei, ebenso, was als Beweis dafür herhalten mag, dass das stimmt, mit dem ewigen März. Man kann natürlich auch sagen, er ist einfach vorbei – das geht auch.

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Februarbrief 2010

Der Februar der Februar, der ist in jedem Jahre wieder da (geht auch mit Januar)!

Jetzt aber mal Spaß beiseite. Die Welt ist in einem ernsten Zustand, viel ernster als so mancher Spaßvogel denkt. Während auf der einen Seite die ein oder andere Stadt zu einem Museum mit Shops verkommt, ob Venedig oder Rothenburg ob der Tauber, sind andere Städte allein aus der Plattenbaueritis heraus als Glücksversprechen entstanden, und die Menschen, die dort gerne wohnen, sollen das gerne tun. Wer es mag, nur übereinander zu wohnen, ist dort gut aufgehoben, wer aber außer übereinander noch gegenüber wohnen will, dem kann man die Prenzlauer Berge, trotz der vielen Vierbeiner, nur empfehlen. Wo sonst drücken sich die Menschen ihre Pickel vis-a-vis aus, wo sonst sitzen die Schlaflosen einander gegenüber und könnten sich zuwinken, was sie aber keinesfalls tun, wo sonst sitzen Katzen in Fenstern und spielen mit einem das Spiel, wer am längsten den Blick des anderen aushält. Katzen verlieren immer, doch das überlegene Abwenden des Blickes macht ihnen keiner nach. Natürlich, auch in den Prenzlauer Bergen gibt es Shops, in denen Modepuppenbekleidung, Stehrümchen und Mythos-Kopien verkauft werden, doch so lange gegenüber wenigstens noch ein einziger Gemüseladen in der Hauptsache Gemüse verkauft, ist das Übereinanderwohnen nur die halbe Wahrheit.

Die Ästhetik, soweit sie eine Nation betrifft, „kulminiert“ oftmals in einem Produkt oder einer Produktserie, wobei es sich hier zumeist nicht um Kulmination im eigentlichen Sinne handelt, sondern um die Durchschreitung eines Tiefpunktes. Berühmt ist etwa der erste VW-Golf, dessen Hässlichkeit einem jeden ästhetisch empfindenden Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben musste, es sei denn, die Ästhetik des Hässlichen hätte es ihm angetan. Heutigentags ist es eher das Programm des Kram-Discounters Tchibo (dessen rosa-hellblau-braune Kollektionen die psychosoziale Lage in Deutschland besser beschreiben als jede Studie), das die Talsohle bedeutet, auf der Stupidität und Kupidität fröhlich Hochzeit feiern – oder es wenigstens versuchen.

Tauwetter ist nicht in Sicht, die nichtolympischen Winterspiele in den Prenzlauer Bergen werden fortgesetzt. Heute wieder im Programm: Schlittern und Schlottern. Zeitgleich finden sich auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung bedenkliche Hinweise darauf, dass ein Mensch womöglich kein, Rosenkohl dafür ausreichend Bewusstsein hat, um um Hilfe rufen zu können. So lange wir den Rosenkohl essen, ist das nicht weiter bedrohlich, wenn es auch ausnehmend komisch wäre, wenn besagter Kohl die so genannten Wissenschaftsjournalisten verspeisen würde, damit endlich Schluss wäre mit dem Quatsch. Denn die einzig nachvollziehbare Erklärung dafür, dass Rosenkohl ein Bewusstsein hat, ist, dass es dereinst einmal Hirn geregnet hat, und dann sind die nicht in offene Köpfe gefallenen Teile, in einem 10.000 Jahre andauernden Prozess, zu Rosenkohl geworden. Das ist die Wahrheit.

Langsam wird’s besser! Natürlich nicht nur das Wetter, nein, auch die Qualität der Heuchelei in den politischen Tagesgeschäften ist noch gesteigert worden. Eine Oberbischöfin wäre natürlich auch zurückgetreten, wäre sie nicht beim volltrunkenen Autofahren erwischt worden – sie hätte das von sich aus zugegeben. Ansonsten ist sich natürlich ein Jeder selbst der Nächste, außer vielleicht der Außenminister, der ist sich immer der Nächstbeste, und überhaupt, geht das denn an, dass sich nicht alle hinter IHN (oder gleich IHM) scharren? Der arme Kerl muss doch recht verzweifelt sein, da quatscht er und quatscht er, und alles was er dafür bekommt, ist Geld, Geld, Geld; die Welt kann so ungerecht sein.

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Januarbrief 2010

Mit dem Januar geht alles wieder von vorne los! Wenn man nur wüsste, was. Immerhin sind die alten Fragen nach wie vor ungeklärt, da ändert auch ein so genannter Jahreswechsel nicht das geringste. Auch die Meldung des verstandeseigenen Pressedienstes, nach der der weitgehende oder vollständige Verzicht auf Theater, Kino, Konzert und Urlaubsreise weiter aufrecht erhalten wird, ist kaum mehr als eine Attitüde verhinderten Selbstmitleids. Vorwärts im Kreis heißt die Devise, und manchmal wird aus dem Kreis die Spirale, die unmerklich nach oben unter unten weist. Das ist die Wahrheit, unabhängig von der funkuhrzerhackten Zeit, die nicht mehr und nicht weniger unendlich ist, gleich, was geschieht. Immerhin, der ein oder andere gerettete Augenblick wird schon übrig bleiben, auch im Jahre 2010.

Mit reinen Fakten und mit Superlativen kommt man nicht weiter. Das höchste Haus der Welt, die tiefste Fallgrube, der bescheidenste Mensch. Da fühlen sich doch alle anderen Häuser, Fallgruben und Menschen um so schlechter, ach was: am allerschlechtesten. In den Prenzlauer Bergen ist im Grunde nichts superlativistisch (außer vielleicht wenn in England Schulferien sind), denn dafür ist hier alles zu flach, wenn es auch zum Ultraflachen nicht reichen will. Oberkrass!

Der Mensch ist nur Mensch, wenn er spielt, oder so. Von Schillern, Friedrich. Der kannte die Play-Station nich‘, definitiv! Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

Überall liegt Schnee, nur in den Prenzlauer Bergen nicht. Hier ist stattdessen kristallierte Schlagsahne vom Himmel gefallen. Sieht genau so aus, schmeckt aber anders. Ist mal was Neues. Apropos Neues: ab jetzt ist das Ruhrgebiet, wo es kräftig schneien soll, für ein Jahr RUHR2010. Huh! Was da wohl auf uns zu kommt? Vielleicht nur das Beste, denn wenn die Touristen nach Essen, Dortmund und Bottrop strömen, Castrop-Rauxel (lateinischer Name für Wanne-Eickel) nicht zu vergessen, dann ist hier endlich mal Ruhe. Vielleicht schicken ja auch die Eltern ihre Knirpse für ein Jahr in der Ruhrkulturkindergarten, wer weiß. Himmlische Ruhe. Schön wär’s!

Naturgemäß war die Welt schon immer in einem fürchterlichen Zustand; Geburt, Verwesung, Auferstehung allerorten. Und der Mensch mittendrin statt nur dabei! Und falls das mal nicht so offensichtlich an der Tagesordnung war, hat der Mensch sich das einfach mal ausgedacht und weitererzählt. So muss das Alte Testament entstanden sein, in ruhigen Zeiten, in denen grad mal nicht die Welt unterging. Heutigentags allerdings geht die Welt jeden Tag unter, weil sie – die Welt – einfach nicht mehr normal sein will, ja es scheint so, als weiche sie mit voller Absicht vom langjährigen Mittel ab. Dass das langjährige Mittel sich aus den Schwankungen ergibt, die die Zeit uns schenkt, ist eine Erkenntnis, die den Katastrophenjournalismus hemmt – und das in einer Lage, in der Wachstum das A und O ist! Wohl denn!

Klugscheißern will gelernt sein! Manch einer verdient sein Geld damit, bzw. er bekommt etwas dafür. Andere fahren mit dem Auto im Kreis. Natürlich verdient jeder Mensch etwas, nicht zwangsläufig Geld, aber oft. Es ist alles eitel Popanz, jedes Menschenleben einzig, ohne wirklich artig sein zu können. Kalauer, lebst Du noch? Sein wir doch mal ehrlich: wen hat es denn nicht wenigstens ein Mal erwischt? Nichts dürfte schwieriger sein. Und damit zurück nach …

So, wieder einmal eine Minute rumgebracht. Nicht etwa, daß (oder dass? Ich habe vergessen, ob ich diese Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen alt oder neu schreibe – habe ich eigentlich schon einmal zum bestenBesten gegeben, wie ich die für den Rechtschreibmurks Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen würde? Nein? Dann eben nicht!) – jetzt habe ich auch noch vergessen, was ich wie schreiben wollte. … Ah! Jetzt fällt’s mir wieder ein.

Sich für ungemein wichtig zu halten muss nicht unbedingt gesund sein, hält aber auf Trab. Sich für gemein unwichtig zu halten, ist überaus bescheiden und macht krank, so oder so. Klein und immer bereit sein, wichtige Aufgaben zu erfüllen, hat den Arbeiterparteien anno dazumal jedoch einigen Zulauf beschert, sie waren das Klima, in dem so eine Pflanze wächst und gedeiht, bis geerntet wird. Das ist die gemeine Wahrheit, und je früher sie erkannt wird, umso besser. Der aus dem Paradies vertriebene Arbeiter hat es heute schwer, er wächst nicht, er gedeiht nicht, und geerntet wird nicht. Nur noch gerodet.

Sei lieb! Als Kind tausend Mal gehört, und selbst als Steppke bekommt man sofort mit, dass das eine Drohung ist. So’m Riesenmonster von Erwachsenem fiel es natürlich gar nicht ein, eine lautloses Komma zu setzen und ein sonst hinzuzufügen, denn der Ton macht die Musik. Hamm’se richtig erkannt. Bin natürlich nicht lieb gewesen. Jahrzehnte später diese Werbekampagne Sei Deutschland, auch ohne Komma und auch ohne sonst. Immer diese Drohungen!

Das kommt die Menschheit teuer zu stehen! Sagt man so. Aber was bedeutet es? Zunächst einmal geht es um die Zukunft, so wird es einmal sein, in einem Augenblick, und dann wahrscheinlich für immer. In den Prenzlauer Bergen – Versuchslabor westlicher Abschnitt, Ostsektor – ist so einiges schon sichtbar, sowohl das Teure als auch der Stillstand. Denn zu stehen zu kommen hört sich nicht mehr so dynamisch an. Vielleicht sind es aber auch nur die klebrigen alten Mythen, in denen man feststeckt. Wer weiß! Hauptsache teuer.

Mein Gott! Ist das schwer! Wobei mein Gott! nicht so sehr Anmaßung als vielmehr Übervorteilung eines schwer arbeitenden Wesens ist. Tja. Denn: O my God!, das ruft der gemeine Amerikaner immer dann, wenn was abgeht, was nichts weiter beweist, als dass er, der Amerikaner, ganz, ganz nah dran ist. Wir Prenzlauer Berger haben’s da eher schwer, denn wenn wir schon nicht komisch sind, dann wär’s doch schön, wenigstens nah dran zu sein. Apropos komisch: wird mal Zeit, dass einer einen guten Witz macht über die Prenzlauer Berger, sonst denken die Leute noch, o my God, sind die denn überhaupt nicht satisfaktionsfähig!? Die Antwort erspar‘ ich mir – nicht mal einen Sekundanten findeste hier! O my God! Aber ehrlich.

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Dezemberbrief 2009

Der Dezember schießt los wie ein Hundert-Meter-Läufer, kann dann aber nicht mehr stoppen und rennt voll in den Weihnachtsmann rein! Die Geschenke fliegen nur so durch die Luft, ein Rentier kackt auf die Laufbahn, und als sich beide wieder aufgerappelt haben, ist schon fast Januar. So kann’s kommen.

Es wird nie besser, nur anders, und wenn es dann doch mal schlechter wird, ist das eine ganz andere Sache. Ob wohl ein Mensch, der das Leben kennt, sich freiwillig einem ewigen Leben stellen würde? Die Drohung steht ja im Raum, samt Paradies-Vorstellungen und Schlaraffenland-Phantasien, und wenn man genau hinsieht, leben wir ja schon nah dran, is‘ nich‘ mehr weit, um die nächste Ecke noch, dann immer der Nase nach. Und wenn wir dann da sind, geht’s ans Apfelbäumchenpflanzen, für jeden Insassen ein eigenes, denn drunter tun wir’s nicht. Süßer die Früchte nie werden …

Dezember an sich ist ja schon schlimm genug, aber bald kommt auch noch die Zeit zwischen den Jahren, und wenn die Welt wirklich mal untergehen will, dann nur dann! Misstrauen allerorten, Unruhe, Orientierungslosigkeit, ja sogar offen ausgelebter Wahnsinn ohnehin überflüssiger Zeitgenossen, all dies blüht einem in dieser Zeit. Früher hat es mal geholfen, auf eine Nordseeinsel zu fahren, aber auch da ist jetzt alles Event, vielleicht schlimmer noch als in den Prenzlauer Bergen. Gibt es eigentlich die Möglichkeit, per Flugzeug den Jahreswechsel überhaupt zu vermeiden? Nee, natürlich nicht, dummer Gedanke. Jetzt dreh ich auch schon durch.

Vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet ist die Welt (und alles was dazugehört) – na was wohl? – hässlich. Da es aber umgekehrt keinen hässlichen Standpunkt gibt … Ach! … Apropos Ach: Hier ist nicht das kleistsche Ach gemeint, sondern das ungehaltene, sich selbst in die Schranken weisende. Natürlich gibt es, neben vielen anderen, auch noch das mütterliche Ach, welches etwa darauf verweist, dass der Nachwuchs hanebüchenen Unsinn redet, sich also den gutdurchdachten elterlichen Ratschlägen bezüglich der Berufswahl widersetzt und eigene Wünsche äußert. Dass dann die natürlich gutgemeinte Warnung kommt: „Wenn Du so weitermachst, wirst Du noch mal Straßenfeger“, ist eine andere Geschichte, in der kein Ach vorkommt. Ach was!

Die nächsten europäischen Diktaturen finden sich wahrscheinlich in Großbritannien und Italien, und je eher sich darauf wetten lässt, desto schneller wird’s was. In den Prenzlauer Bergen allerdings wird weiterhin die Freiheit ihr Unwesen treiben, so dass, um nur ein Beispiel zu nennen, jeder Hausbesitzer seine Fassade in fürchterlich grässlichen Farben bepinseln lassen darf, wie er lustig ist. Das wäre in einer Diktatur nicht möglich. Aber hallo!

Apropos Ach: Wie andere Ausrufe auch, alle Jas und Neins inbegriffen, lässt sich das Ach niemals so schreiben, wie es gedacht ist. Der Kontext macht hier die Musik. Dur oder Moll, gewissermaßen. Würde die Schriftsprache heute erst erfunden werden, man würde kapitulieren. Warum aber kann ich Lesungen, dem Ablesen von Schriftsprache im Radio oder etwa live in Literaturhäusern, oftmals nicht folgen? Weil meine eigene Stimme im Ohr brutal übertönt wird, obwohl mir nichts Schriftliches vorliegt? Ja. Ganz einfach: Ja.

Wer gerne niest, der soll sich doch einfach die Nasenhaare rausziehen, das spart das Niespulver. Das hat nicht Thomas Bernhard gesagt, sondern Norbert W. Schlinkert, und das wurde nicht 1986 gesagt, sondern 2009, wobei man gerne mal „im Jahre“ davor setzt, ab 2000. Also: Im Jahre 2009. Und wo wurde das gesagt? In Wien, Stuttgart, Salzburg, Bochum oder auf Mallorca? Mitnichten, nein: In den Prenzlauer Bergen! Und warum wurde das gesagt? Weil es die Wahrheit ist? Weil es die Wahrheit ist!

Nichts für ungut = Alles für gut. Hört sich nach höherer Mathematik an, und ist es auch! Also nix für mich = Alles für alle anderen? Genau. Geht doch! Der Prenzlauerberger hat eben seine eigene Logik.

Am Ende des Jahres dann doch noch etwas Seriöses schreiben zu sollen ist ja wohl ein bisschen viel verlangt. Soll’n das doch die Seriösen machen. Aber echt!

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2009

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Novemberbrief 2009

Der November eilt mit Riesenschritten heran; sicher will er seine kalten Hände in den Achselhöhlen seiner Geliebten aufwärmen. Das kann ja heiter werden!

Wenn der erste November in Berlin ein Sonntag ist, dann ist das anderswo auch so – und es sieht auch überall nach Sonntag aus. Das hat mit dem ersten November überhaupt nichts zu tun.

Natürlich gibt es Unterschiede! Während zum Beispiel, sagen wir mal, in Dortmund die Menschen am Sonntag auf dem Westenhellweg flanieren gehen, dem berühmten alten Handelsweg, heute Fußgängerzone, spazieren die Hamburger an der Elbe oder der Außenalster entlang. In Berlin geht’s vielleicht zum Wann- oder Müggelsee, naja, und in Dortmund vielleicht ja auch zum Hengsteysee. Alles schön und gut, doch der Prenzlauer Berger geht in den Mauerpark flanieren! Ein paar hundert Meter Kopfsteinpflaster, eine hundebekackte Flachwiese, eine Aso-Schräge genannte Schrägwiese. Das war’s. Super, der Prenzlauer Berg!

Was so ein paar Grad ausmachen können! Selbst der härteste Prenzlauer-Berg-Darsteller sitzt jetzt nicht mehr locker rauchend draußen, sondern steht bibbernd vor der Tür, was natürlich immer noch eine Heldenleistung darstellt, wenn es drinnen einen Raucherraum gibt. Das ist so eine Art Aquarium, in das die anderen Gäste reinglotzen können, um sich zu erquicken. Dann doch lieber im Freien rauchen und heißen Qualm einatmen. Helden eben!

Als Kulturwissenschaftler ist man naturgemäß äußerst empfindlich, vor allem gegenüber der Kultur als solcher. Zum Glück reichen die finanziellen Mittel eines Kulturwissenschaftlers meist nicht aus, um am so genannten Kulturbetrieb teilzunehmen. Doch man entwöhnt sich mit der Zeit, wie ich selbst bestätigen kann. Spielt man eben den „kalten Beobachter“, so wie dies vor über 200 Jahren bereits Karl Philipp Moritz einem jeden anriet, der das Menschsein begreifen will, am ehesten noch das eigene.

Man macht es ja trotzdem! Daraus aber abzuleiten, man sei von diesem „dem“ abhängig, ex negativo determiniert, ist naturgemäß falsch, denn es gibt kein Leben ohne dem. In den Prenzlauer Bergen scheint vieles museal geworden zu sein, Informationssäulen, die sprechen können, stehen rum, und doch geht es weiter mit der eigenen Kunst und der eigenen Wissenschaft. Auch das Leben in einem Museum ist ein Leben, ohne dass man gleich Museumswärter sein muss; eher schon ein Mittelding zwischen Ausstellungsstück und Auskunftei. Doch auch das Leben in den Prenzlauer Bergen wird sich wieder ändern und irgendwann wird die Gegend wieder Sanierungsgebiet sein – auf welche Art und Weise auch immer. Wir werden sehen.

Der neunte November! War da nicht was? Ach ja, das ist der Tag, an dem Volksbelustigung durch Currywurst und Zuckerwatte ansteht, verbunden mit symbolträchtigen Aktionen, von denen man noch seinen Kindeskindern erzählen kann. Alle Journalisten auf Habacht-Stellung, es gibt was zu verdienen. Und zum Glück kommt die politische Klasse nicht auf die Idee, den neunten November wegen dieser anderen Sache in den Vordergrund zu rücken. War da was? Deutschland, einig Feierland.

Heute ist der elfte November, und heute schreibe ich nichts.

Spek-Ta-Ku-Lär! Was? Na alles! Natürlich besonders das ganz und gar Geistlose, der Mangel an Empathie und die durch und durch technokratische Weltsicht in den Spitzen von Politik und Wirtschaft, das materialistische Geizkragentum und die Gier, die Süchte, auch die nach Unterhaltung, all das ist spektakulär. Das andere nicht.

In alles steigt man heute früh ein, selbst in den Beruf. Die armen Kinder!

Über das Wetter zu schreiben ist kein Kampf gegen Windmühlen, es ist überhaupt kein Kampf! Jeder hat sein eigenes, ja man muss sogar sagen, dass das inwendige Wetter mit dem auswändigen Wetter korrespondiert, sogar eine klammheimliche Koalition eingeht, über die intensiv nachgedacht werden muss. Am besten laut.

Wie soll man da ruhig bleiben? Irland ist um die WM-Teilnahme betrogen worden! Der Schiedsrichter ahndet ein klares Handspiel von Thierry Henry vor dem 1 : 1 nicht, obwohl er es deutlich gesehen haben muss! Und wenn nicht er selbst, dann der Linienrichter! Warum, das wird wohl Spekulation bleiben. Weitere Äußerungen meinerseits verkneife ich mir besser.

Gut, dass die Iren zu den zivilisierten Europäern gehören, und von denen bräuchten wir weiß G“‘ mehr.

Nun gut, die Lage ist aussichtslos! Der verlorene Posten ist zwar gesichert, doch wenn selbst die Ratten das nicht einmal sinkende Schiff verlassen, ist ein Ausharren umso heroischer, selbst wenn oder gerade weil der frenetische Applaus ausbleibt – nur das dumpfe Anrollen der Wellen ist zu hören, wenn man darauf achten will. Bald werden auch die Prenzlauer Berge unter Wasser stehen, der erste Laden für Gummistiefel ist schon ausgemacht. Na dann, ahoi!

Wo wir schon einmal beim Thema sind: Wenn jetzt Alfred Biolek ausschließlich in den Prenzlauer Bergen wohnt und diese dann für sein New York erklärt, was bedeutet das dann für New York? Nichts? Da haben wir aber noch einmal Glück gehabt!

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2009

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Oktoberbrief 2009

Der erste Oktober des Jahres 2009 ist in den Prenzlauer Bergen nass, doch so lange noch die andere Hofseite zu sehen ist (…). Wie auch immer, selbst wenn ich wollte, cool draußen rumsitzen und Maulaffen feilhalten ist wegen der Wetterlage nicht möglich. Sitze ich eben in meiner Bibliothek (auch Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gästezimmer – nicht aber Arbeitszimmer) und studiere Sören Kierkegaard. Das nämlich ist ein Vorteil des schlechten Wetters in den Prenzlauer Bergen, dass nämlich anderer Leute Brut nicht rumlärmt, wenigstens nicht im Hof, andernfalls man in die außerhäusige Bibliothek ausweichen müsste. Dass nebenan eine Grundschule ist, auf dessen Schulhof hordenweise dumme Kinder lärmen, lässt sich allerdings nicht ganz ausblenden – welch eine ekelerregende Vorstellung zudem, dass jedes dieser Geschöpfe einem fleischlich-tierischen und damit völlig geistlosen Akt entsprungen ist. Horden von Professoren, das ist mir klar, wären aber wohl auch nicht angenehmer, und das selbe gilt auch für Bauarbeiter, IT-Spezialisten, Tierpfleger, Verwaltungsangestellte und Bäckereifachverkäuferinnen, und überhaupt. Der Mensch als Masse ist überwiegend Instinkt, und das hört man nicht nur, das spürt man als Verzweiflung tief in den Eingeweiden des Geistes. Es regnet nicht mehr.

Morgen ist der dritte Oktober. Man hört schon die Bässe wummern – Volksbelustigung durch Lärm, Currywurst und Zuckerwatte. Wem’s gefällt!

Die Hauptstadt ist unbeeindruckt von den politischen Entscheidungen der Bundestagswahl, vielleicht weil kaum ein Berliner sich jemals allen Ernstes im Regierungsviertel aufhält – man muss nicht hin, man muss nicht durch, jedweder Verkehr läuft drumherum. Dann ist es natürlich auch egal, ob die anstehenden politischen Entscheidungen in einer Entfernung von 500 Metern oder 500 Kilometern stattfinden. Das zum Thema Hauptstadt.

Wäre es nicht, frage ich mich, weitaus eleganter gewesen, sich nicht zu äußern, zu was auch immer! Natürlich, wäre es. Aber da mich niemand gefragt hat und ich mich demzufolge selbst hab‘ fragen müssen, konnte ich nicht schweigen. Das wäre unhöflich gewesen.

Die Wiederkehr des Immergleichen ist ein immerwährend wiederkehrendes Ärgernis, das hat schon Nietzsche erkannt. Doch nur der Mensch sitzt an der Sollbruchstelle, und das Werden jedes Einzelnen ist keines mit Notwendigkeit, sondern mit Bewusstsein; Kierkegaard würde vielleicht nicht Werden sagen sondern Krankheit zum Tode. Die Söhne streng protestantischer Väter haben das Denken der Welt verändert, was man von den Söhnen etwa der katholischen Pfarrer nicht sagen kann – nicht mal in den Prenzlauer Bergen.

Das Belohnungsprinzip funktioniert natürlich auch in den Prenzlauer Bergen, keine Frage. Manchesmal bin ich selbst dafür zuständig, eine Belohnung zu verabreichen, denn selbst im Oktober sitzt der Prenzlauerberger gerne im Außenbereich einer Bar, die innen meistens wie eine Kneipe aussieht. Natürlich gebe ich den dort Sitzenden kein Geld, „vielen Dank, dass Sie hier so anmutig sitzen – darf ich Ihnen dafür eine kleine Belohnung geben“, so läuft es natürlich nicht. Vielmehr liegt der Effekt in meinem Blick, den ich verabreiche, wenn ich etwa auf dem Weg zu abendlichem Kaufhallenbesuch zwecks Einkauf vorbei haste. Nicht etwa, dass ich Bewunderung in meinen Blick legte ob der geschmackvollen Bekleidung, der attraktiven Begleitung oder des exquisiten Getränks mit Naturstrohhalm, nein, vielmehr blicke ich böse, so böse ich kann, ja ich lege ein gehöriges Maß an Verachtung hinein. Warum tue ich das? Ganz einfach, damit sich der Prenzlauerberger besser fühlt, er sich seiner Kernkompetenz sicher sein kann. So liegen die Dinge. Und das Beste ist, ich komme auf dem Rückweg noch einmal vorbei, und es wäre sicher besonders fies, nun all die Kernkompetenzler anzulächeln und so das zuvor Gewährte wieder zu entziehen. Doch das verkneife ich mir – meistens jedenfalls.

Mein Gott, nein, bin ich altmodisch. Kann mir jeder ohne weiteres vorwerfen. Doch da bin ich hartnäckig, ich freu‘ mich trotzdem. Zum Beispiel weiß ich nichts von Dingen, mit denen ich nichts anfangen kann, wobei „Dinge“ für Dinge steht, deren Namen ich mir partout nicht merken kann und die mir eben deswegen auch nicht einfallen können, oder allenfalls als Ding. Das Ding mit dem Ding, da gibt es ganze Kulturgeschichten drüber, und is‘ ja auch wichtig. Gut, dass die Prenzlauer Berge weit ab sind vom Schuss, denn hier hat man ganz allgemein keine Zeit, sich um Dinge zu kümmern, mit denen man nichts anfangen kann, denn neben der Tag- und Nacht- bzw. 24h-Beaufsichtigung der Kinder, gut für die ethisch-moralische Rente, muss auch noch Abend für Abend ein Parkplatz für dieses Ding, wie heißt es denn noch, gefunden werden, dann noch schnell beim Gemüse-Ming was eingekauft, Kinder ins Bett, Überwachungskamera und Bewegungsmelder eingeschaltet, vor die Glotze, ordentlich sich langweilen, ärgern oder totlachen, dann ins Bett. Wo soll da noch Platz sein für diese Dinger, na wie heißen sie denn gleich – nee, fällt mir nich‘ ein.

Is there anybody out there? In den Prenzlauer Bergen muss die Antwort Nein lauten, es sei denn, Hase und Fuchs, die sich hier Gute Nacht sagen, sollen beachtet werden. Nun ja, es mögen zehntausende Hasen und Füchse sein, wer soll sie zählen, und sie mögen sich zehntausendfach Gute Nacht sagen: die Leere dort draußen füllt sich nicht.

Berlin ist ja so toll, man muss nur kreuz und quer mit dem Fahrrad durchfahren, es gibt viel Wald und Wasser, ein, zwei „Berge“, die aber eher zu den vielen Hügeln gehören. Kennt man irgendwann alles. Heute wollte ich deswegen, weil noch nicht gesehen, mir auf dem Rückweg von den Müggelbergen die Null-hoch-zwei-Halle ansehen, und ich war auch ganz in der Nähe und darauf gefasst, sie zu erblicken. Ich muss sie dann aber doch irgendwie übersehen haben. Nächstes Mal, vielleicht.

Die Berliner Glocken sind schrecklich! Zitat aus „Die Familie Selicke“, Drama in drei Aufzügen von Holz und Schlaf, 1890. Was soll man dazu sagen, stimmt! Überall in Berlin wird Sonntag für Sonntag die Bevölkerung aus anspruchs- und gesichtslosen Backsteinkirchenbauten heraus terrorisiert, dazu kommt der tägliche Beschuss zu ausgewählten Uhrzeiten. Kirchenbauten zu Lampenläden, sag ich da nur, je eher desto besser. Wie wär’s mit ’nem Volksentscheid!

Das soll der Goldene Oktober sein? Sieht eher nach einem übergangslosen Novembereintritt aus. Natürlich werde ich an dieser Stelle nicht über das Wetter schreiben, sähe ja so aus, als fiele mir nichts mehr ein. Nun, wen ich ehrlich bin, es fällt mir tatsächlich nichts mehr ein, beruflich zwar schon, nicht aber auf diesem Glossenniveau. Nicht mal ein Gedicht.

Eine Schabracke und eine Matrone kommen auf mich zu. Zum Glück kann ich ausweichen. Doch es sind nicht allein die Schieberinnen, die an Krieg denken lassen, es sind diese Gehwegpanzer, besetzt mit kleinen, gewalttätigen Monstern, die rechtschaffenden Menschen Angst einjagen. Wie diese Schabracken und Matronen überhaupt einen Besamer gefunden haben, wird kurz darauf klar. Sie haben sich ein glatzköpfiges, schmalschulteriges Männchen ausgesucht, das jetzt mit einem ebensolchen Männchen plaudernd hintendrein geht. Denen muss ich nicht ausweichen, ich geh mittendurch, sie huschen schüchtern zur Seite. Die Front ist weiter vorne. Wo sich das alles abspielt? In den Prenzlauer Bergen, wo sonst, Gehwegzone.

Um da mal überhaupt keine Unklarheiten aufkommen zu lassen: ich war nie auf der Seite von A- und B-Hörnchen, ich bin auf der Seite von Donald. Nur die wenigsten wissen, dass Donald nicht nur hochintelligent, sondern auch leidlich gebildet ist. Diese Kombination führt zu der Notwendigkeit, sich sowohl der Muße als auch der Muse hingeben zu müssen, damit geniale Gedanken, die ja bekanntlich überall herum schwirren, im Kopf des Denkenden landen können. Tja, Geld liegt auf der Straße, der Gedanke jedoch im Hirn. Mit Arbeit ist sowohl das Geldauflesen als auch das Gedankenausbrüten verbunden, aber ein gleichzeitiges Geldbekommen und Denken ist selten; da muss man schon seine eigene Kunst ohne Rücksicht auf Verluste zu Markte tragen. Donald könnte das nicht, selbst wenn er wollte, und gelegentlich will er ja sogar, meist ohne jeden Erfolg, den dafür seine Neffen oder sein Onkel Dagobert einheimsen, von Gustav Gans mal ganz zu schweigen. Der Denker benötigt eben Ruhe, Geduld und Gelassenheit, und Donald ganz besonders, so dass ich dem Gerücht, er wolle in die Prenzlauer Berge ziehen, keinen Glauben schenken kann; A- und B-Hörnchen gibt es hier nämlich massenweise.

Die Menschen in den Prenzlauer Bergen leben so dicht aufeinander, dass dazwischen kaum Platz bleibt. Zum Glück aber wohnt man hier im Regelfall übereinander, getrennt durch Fußboden und Zimmerdecke, die auch übereinander liegen, und zwar direkt. Das mit dem Dichtwohnen hat auch Nachteile. So hat eine Frau, die schräg unter mir im Seitenflügel gewohnt hat, sich vor dem Fenster stehend tagtäglich die Pickel ausgedrückt. Und diese neue Manier, Badezimmer mit Fenster in Altbauwohnungen einzubauen: nicht jeder Prenzlauer Berger hält blickdichte Vorhänge für notwendig, und da ja nicht nur ausgesprochen schöne Zeitgenossen und Genossinnen die Prenzlauer Berge bewohnen …, und selbst bei solchen … – aber was rege ich mich auf. Mein Badezimmer hat kein Fenster.

Die größten Moralapostel sind ja manchmal diejenigen, die sich dann in flagranti erwischen lassen, bei Diesem und Jenen, die also Was lieben, obwohl sie gemeinhin dagegen agitieren, die erst angreifen und demütigen, und dann aber kuscheln wollen. Bei mindestens einer der Volksparteien ist es umgekehrt, doch das spielt in den Prenzlauer Bergen keine Rolle mehr, seit hier ein Freiluftversuchslabor eingerichtet worden ist, in dem zwischen je zwei Boutiquen eine Bar und zwischen je zwei Bars eine Boutique installiert worden ist. Wer sich mal so richtig erwischen lassen will, der muss hinunter ins Urstromtal. Das ist die Wahrheit.

Adam und Eva saßen nackig im Paradies und träumten vom Nichts. Das machte ihnen Angst. Dann wurden sie auf sich selbst zurückgeworfen, weil Gott vom WG-Leben die Schnauze voll hatte. Seine beiden Mitbewohner waren ihm einfach zu doof, da hat er ihnen wegen Nichteinhaltung einer Vertragsklausel gekündigt. Dann war es zwar relativ einsam im Paradies, doch immerhin ist Gott eine ganze Weile später auf die Idee gekommen, einen Sohn zu zeugen, der, nachdem er Selbstmord begangen hat, zu ihm kommen durfte. Ob das die Wahrheit ist? Ach was!

Erinnerungsmessis sind Menschen, die überall Erinnerungshaufen und Erinnerungsstapel liegen haben, an denen sie nur schwer vorbeikommen. Erinnerungen wegzuwerfen kommt ihnen nicht in den Sinn, manche werden sogar noch als Kopie eingelagert, in Fotoalben, auf Festplatten und USB-Sticks. Wahrscheinlich sind diese Menschen erinnerungssüchtig und sie müssen so häufig wie möglich sagen: „Das da bin ich!“ Sie sagen ja nicht, das da bin ich gewesen, nein, sie behaupten steif und fest, Ich zu sein. In ihrem Kopf sind wahrscheinlich auch Erinnerungen an die Zukunft gespeichert, nur dass es davon noch keine Abbildungen gibt, die als eine Art Sicherungskopie fungieren. Aber das erfinden wir auch noch, keine Bange!

Eigentlich fällt mir im Moment nichts (sprich: nix) ein, doch da einem gewieften Autor immer was einfällt, fällt mir eben was ein. Kleingeister verstehen das sicher nicht, doch das ist ohne Belang. Im DeutschlandRadio Kultur hat eine Film-Kritikerin letztens um den heißen Brei herumgeredet, weil sie nicht einfach hat sagen wollen, dass die Doofen den zu beurteilenden Film ohnehin nicht sehen werden, was allerdings auch für die mit dem Film zusammenhängende Kritik gilt. Natürlich, die Kleingeister werden nicht weniger, aber im Ernst: wer will in einem Betrieb arbeiten, in dem der Personalchef Kriterien auf dem Niveau von George W. Bush anlegt? Ist vielen egal, Hauptsache, sie haben den Job!? Mhm. Da fällt mir jetzt aber nix mehr zu ein.

Das richtige Leben findet anderswo statt. In den Prenzlauer Bergen streunen immer mehr Gestalten herum, die direkt aus den Lifestyle-Magazinen herauskopiert worden sind. Das geht! Funktioniert bestens. Die Originale sind allerdings stumm, ein Riesenvorteil. Zustände wie anderswo, wo große Firmen ihre Lohnsklaven einfach an die Agentur für Arbeit weiterverscherbeln, kommen hier nicht vor. Das hat den Vorteil, dass man hier nicht solidarisch sein muss, denn in einer Wohngegend, deren Attraktivität gemessen wird an Anzahl und Art der Bewirtungsbetriebe, benötigt so etwas nicht. Letztens habe ich übrigens eine junge Mutter mit eingebautem Handy gesehen und mir gleich gedacht, das, genau das ist die Zukunft! Die Rettung vor all diesem Ungemach ist dann aber eine speziell deutsche, angereichert mit gallischem Pragmatismus, denn es hat sich als hilfreich herausgestellt, sich seine Umwelt nicht als urbanes Wohn-, sondern als Waldgebiet vorzustellen, wo eben alles Leben seinen natürlichen, vorbestimmten und notwendigen Gang nimmt. Muss man einmal gegen diese Naturnotwendigkeit vorgehen und zum Beispiel ein paar Wölfe vermöbeln, tut man das am besten mit dem obelixschen Spruch auf den Lippen: „Mistviecher, nicht mal essen kann man euch!“ Das befreit ungemein.

Wenn unsere Zeit besonders ist, dann doch wegen der fehlenden Untergründigkeit, den fehlenden Geheimnissen, der allgemeinen Gleichheit. Ob wir wohl in einigen Jahrzehnten als Neo-Biedermeierlinge enttarnt werden werden? Hängt natürlich davon ab, wann es wieder kracht, die Grundfesten erschüttert werden, das Blut wieder fließt. Und es wird vollkommen anders sein, als wir es uns heute vorstellen können. Den nächsten Monat, den November, kann ich mir vorstellen, er ist kalt und ehrlich, aber wie es in den Prenzlauer Bergen in einigen Jahrzehnten aussieht, nicht. Wird es heller sein, wird es dunkler sein? Ich meine damit nicht die Straßenbeleuchtung. Sicher ist nur, dass es die Prenzlauer Berge eines schönen Tages nicht mehr geben wird, oder sagen wir, es wird sie noch geben, aber nur als tote Erinnerung ohne Sprache, als eine gewesene Möglichkeit, die sein durfte. So sieht es aus, liebe Biedermeierlinge, und ab morgen ist November.

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2009

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