Maibrief 2011

Der Mai beginnt mit dem ersten, für den ich mir wünsche, alle mögen zuhause bleiben und Maibowle trinken! 

Über den Sinn einer Sache nachzudenken ist nicht immer sinnvoll. Die gute Aléa Torik hat da im Moment so ihre Zweifel, vor allem auch was den Sinn des Schreibens im Netz angeht.
http://www.aleatorik.eu/2011/05/01/das-gute-und-das-wenige-weniger-gute/
Natürlich spricht sie nicht der vollkommenen Kommerzialisierung der Kunst das Wort, vielmehr möchte sie für ihre gute Arbeit auch gutes Geld bekommen. Wer würde ihr da widersprechen, außer vielleicht jene, die mit der Arbeit des Schriftstellers ein gutes Einkommen erzielen, weil sie seine oder ihre Werke bearbeiten, verlegen, binden und drucken – denen müßte man es nämlich wegnehmen, und da jene irgendwie am längeren Heben sitzen, wird alles bleiben, wie es ist. Oder nicht?

Wie war das noch? Jeder Mensch bekommt irgendwann seine fünf Minuten Berühmtheit – so heißt es doch!? Wollte ich nie haben, denn die Zeit danach ist lang und länger.

Der schon wieder, der Lars von Trier – hat der doch tatsächlich auf eine dämliche Journalistenfrage eine dämliche Antwort gegeben, voll von Ironie und Zynismus (= Zyronismus [das Wort habe ich soeben eigens erfunden]). Der nächste seiner Filme behandelt dann die Abschaffung von Journalisten durch Gewalt. Lustig wird’s werden.

Ob das wohl nicht hierhergehört, nicht nur weil der 31. Mai des Jahres 2011 seine Zähne in das Fleisch der Menschheit schlägt bzw. geschlagen hat!? Ich frage mich seit Tagen mehr oder weniger betrübt, was verhindert eine höhere Qualität von Literatur, doch die Antwort ist klar: die Kritiker, die großen Verlage und die Leser, denn aus dieser Konstellation heraus ergibt sich eines nur, nämlich die Macht der Kritiker, der großen Verlage und der Leser über diejenigen Zeitgenossen, die das Produkt zu liefern haben in eben der Art und Weise und der Form, wie es die Kritiker und großen Verlage und die Leser bestimmen. Das ist die Wahrheit – und da soll man keine schlechte Laune kriegen? Wie bitte soll das denn gehen? Aber wie ich schon sagte, das gehört hier nicht hin.

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Aprilbrief 2011

Ich habe heute, am ersten April, die denkbar schlechteste Laune – und das ist kein Scherz. Dennoch möchte ich anmerken, daß Japan zum Glück eine Insel ist, sich die radioaktive Strahlung also zunächst einmal in Japan auswirkt. Besser wäre es natürlich, dies teils menschengemachte Unglück wäre nicht geschehen. Doch man stelle sich ein AKW-Unglück diesen Ausmaßes in Europa vor, viele der Dinger stehen ja unweit der Staatsgrenzen, und welche Auswirkungen das haben kann, bis hin zu militärischen Aktionen gegen die Verursacher, etwa zur Sicherstellung von Regreßforderungen! Undenkbar? Nichts ist undenkbar, liebe Physiker, Historiker und Politiker.

Es wird immer so getan, als sei es Konsens, die Welt für folgende Generationen nicht zu sehr zu ruinieren. Das wird nicht funktionieren, nicht weil es noch nie funktioniert hat, sondern weil es nicht im Sinne der jetzt Lebenden ist. Punkt. Das war allerdings immer so. Außerdem kann niemand mehr tun, als mutwillig sein Bestes geben, und zwar jetzt. Die Öko-Diktatur kommt allerdings noch früh genug, ach was, sie ist schon da. Die Ziele sind dabei natürlich vernünftig, doch ebenso natürlich ist die Gleichmachung und Unterdrückung der Vielen zugunsten einer Partei- und Wirtschaftselite, die an der Öko-Religion verdient. Darauf läuft es hinaus. Schöne neue Welt.

Ob das jemandem schon mal aufgefallen ist, wie ruhig es auf meiner Website ist? Es gibt überhaupt keinen Streit, weder um Nix noch über Alles. Das liegt wahrscheinlich daran, daß allein ICH hier das Sagen habe, mich also selbst kritisiere, ohne daß jemand das mitbekommt. Das ist so super, daß ich bereits den Plan, hier ein BLOG zu machen, überprüfe, indem ich darüber nachdenke. Da geht es natürlich ordentlich ab, die Argumente werden nur so hin und her geschleudert, und am Ende steht eine Entscheidung. Man wird sehen.

Mit einem Ohr im Kaffeehaus aufgeschnappt: „Vor der Psychotherapie habe ich unter mir selbst gelitten, jetzt sollen mal die anderen unter mir leiden.“ Wenn’s hilft!

Im Moment läuft es nicht gut, nicht nur wegen des Kräuterfrauschusses (früher: Hexenschuß), den ich erlitten habe, auch sonstigenwegs ist alles mehr oder weniger unklar. Mein Roman „Der Bildermacher“, der mir sehr, sehr (…) am Herzen liegt, ist bei der Verlegerin in Lesearbeit, der neue Roman stockt bei Manuskriptseite 350, weil ein Vortrag, ein Essay und ein Bewerbungskonzept geschrieben werden wollen. Auch Geld muß verdient werden, und da (in Berlin zumindest) sowohl im Wissenschaftlichen als auch im Künstlerischen viel zu wenig Geld im System ist, kommt man da nur unter großen Schwierigkeiten und mit Glück dran, wobei letzterem auch mal nachgeholfen werden muß, nach allem, was man hört. Und jetzt gewittert es auch noch. Gewitterregengeruch.

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Märzbrief 2011

Daß mir ausgerechnet am 1. März nichts einfällt, spricht natürlich – für sich.

Hat Guttenberg in seiner Rücktrittsrede auch zitiert? Es geht nämlich die Mär um, daß er den letzten Satz der Rede „Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht“ aus ‚Star Trek 2, Der Zorn des Khan‘ geklaut hat. Ist das denn die Möglichkeit? Star-Trek-Forschungsgemeinde, bitte übernehmen Sie!

Seit ein paar Jahren habe ich ganz sanften Rückenwind,nachdem doch etliche derselben eine Menge Gegenwind bereithielten. Doch ob Rücken- oder Gegenwind, umdrehen gilt nicht! Weder muß ich mir oder der Welt ständig beweisen, daß ich zu kämpfen weiß, noch werde ich schamrot anlaufen, wenn das Vorwärtskommen sich gelegentlich als ein wenig leichter erweist. Das alles kann sich schnell ändern, kein Grund also, sich gegenseitig zu beneiden oder Debatten zu führen.

Überall Licht und Sonne. Die Prenzlauer Berge strahlen, und wenn die vielen Kinder dereinst zu großen und vor allem nützlichen Menschen geworden sind und selbst Kinder an der Backe haben, werden sie sich erinnern, wie schön es war, dereinst, als sie selbst noch nichts weiter waren als der Augenstern der Eltern. Und das war ja auch schon was, das wird man nicht einfach so! Die Natur hat eben immer recht.

Wieder mal ein Krieg, dazu nicht zu entschuldigendes unsportliches Verhalten einer Fußballmannschaft – da soll man noch seine gute Laune behalten, die man ohnehin nicht hatte? Natürlich, manche Dinge lassen sich nur mit Gewalt lösen, auch im Jahr 2011, und ebenso natürlich geht auch von den Friedensaposteln eine Menge Aggression aus – schön ist das alles nicht. Unter Umständen sollte man die alte Theodizeefrage wieder aufwerfen, denn Hunde die bellen, so heißt es ja, beißen nicht. Dafür scheißen sie Dir dann vor die Tür.

Die bittere Wahrheit ist: die Welt wird sich weiter an all die Katastrophen gewöhnen, sowohl an die „natürlichen“ als auch an die menschengemachten. In Flußtälern, in der Nähe von Vulkanen und am Meer leben? Atomkraftwerke und Chemiefabriken um des Profits willen so preiswert und effizient wie möglich betreiben? Tag und Nacht online sein, um all den Tratsch mitzubekommen und all die Katastrophen-Meldungen? Schöne neue Welt.

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Februarbrief 2011

Ich dachte eine ganze Woche lang, es sei noch Januar. Na gut, kann ja jedem mal passieren. Und passiert ist ohnehin viel, zum Beispiel liegt kein Schnee mehr, diese weiße Scheiße, die wochenlang die ganze Stadt verstopft hat. Auf dem Land mag das Zeug ja noch ganz schön sein, in der Stadt ist es das nur, wenn’s grade frisch gefallen ist, und das ist es ja nur, wenn’s grade frisch gefallen ist, das Zeug. Sie wissen sicher, was ich meine!

Jetzt ist alles anders, also gleichsam beim „Alten“, gewissermaßen, quasi. Selbstverständlich selbstredend könnte ich bereits beim automatischen, gutbezahlten Arbeiten angelangt sein, die Chancen waren da. Nutzbar waren sie nicht, mich überkommen Motivationsaussetzer, wenn es um zu vollbringende Taten geht, die nicht mich, sondern einen Funktionierenden verlangen. Das hat keiner verdient, auch ich nicht, so daß es nun darum gehen muß, das Verdiente auch zu bekommen. Ich arbeite daran.

Hier herrscht Ruhe – hören Sie es? Himmlisch, oder. Nun gut, manchmal reiben sich Wolken aneinander, es gibt ja nicht nur die eine mit der Nr.7, und dann quietscht es, und wenn drüben die Engel gegeneinander Fußball spielen, gibt es auch schon mal Streit, so wie jetzt grade. Dabei waren sich beide Mannschaften einig, keinen Schiedsrichter zu benötigen. Brauchen wir nicht, sagten sie, wir spielen ohne Abseits und drei Ecken ein Elfmeter. Und nun liegt der Ball verwaist neben dem linken Pfosten des hinteren Tores, weil sich alle schubsen und anschreien müssen. Der Streit geht natürlich um die Frage Foul oder nicht Foul, die einen sagen ja, die anderen nein, eine Wiederholung in Zeitlupe ist technisch nicht möglich, und wenn es Zuschauer gegeben hätte, wer weiß, was nicht alles passiert wäre. Jetzt, jetzt geht’s weiter, und wie ich höre, haben sich alle geeinigt. Man fängt noch mal von vorne an, bei 0:0, ohne Schiedsrichter. Bin ich ja mal gespannt.

Wir leben in einer fürchterlichen Zeit, das Beste an ihr ist jeder für sich selbst ganz allein. Eben hier liegt das Problem.

Man sollte sich um den Minister Guttenberg keine Sorgen machen, der Apparat läuft bereits auf Hochtouren. Guttenberg, den die Betrugsaffäre um seine Doktorarbeit außerordentlich durchrüttelt, gehört so eindeutig zur „politischen Klasse“, daß es der Zivilgesellschaft schwer fallen dürfte, ihn zu Konsequenzen zu zwingen. Spätestens seit dem neuerlichen ernsten Vorfall in Afghanistan wird die Abschreibaffäre sukzessive aus dem Bewußtsein gerückt werden, dafür sorgen dann schon die Journalisten. Außerdem steht einem Juristen ein wenig Fünfe-gerade-sein-Lassen ohnehin gut an, ja ein wenig Gewitztheit erwartet der Normalbürger geradezu von einem in der Jurisprudenz Bewanderten. Und wenn nun auch noch die Kanzlerin in ihrer unnachahmlichen Art gleichsam verkündet, es gäbe Wichtigeres, als sich um Ethik und Moral in der Wissenschaft zu kümmern, bleibt nur noch ein letztes Mittel: Dr. Urban Priol übernehmen sie! Dann hat das ZDF wenigstens auch noch etwas davon. Guttenberg selbst nennt so etwas eine Win-win-Situation.

Chuzpe haben oder nicht, das ist hier die Frage. Er hat sie! Auch die Bundeskanzlerin hat sie. Nur so läßt sich offensichtlich Politik machen, was zur Folge hat, daß ein Betrüger sein Amt als Bundesminister behält, ein gewisser zu Guttenberg, einer, der verbrannte Erde hinterläßt. O Zeiten, o Sitten? Allerdings!

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Januarbrief 2011

Wußtichsdoch! Ja, was, fragt der unmittelbar Involvierte! Daß 2011 ein super Jahr wird, vielleicht? In dem sich alle mit noch mehr Fleiß entäußern, mehr noch als im verflossenen Jahr? In dem alle Träume wahr werden? Ich muß kurz überlegen, dann sage ich: Ja, so ungefähr – Du bist ganz nah dran.

Das war gemein von mir! Nur weil ich selbst immer so tue, als täte ich nichts und (mir) sei total langweilig, muß ich das nicht auch von den anderen Gestalten verlangen. So will ich auch mal sagen, an was ich im Moment arbeite, nur mal so probeweise: Die Überarbeitung des mir am Herzen liegenden Romans „Der Bildermacher“ füllt die Tage aus, ich will sie aber abschließen bis Ende des Monats, um nicht den Faden zu verlieren bei dem anderen Großprojekt, an dem ich seit Ende 2008, damals noch parallel zur Doktorarbeit, arbeite. Beim Bildermacher sind’s gut 250 Seiten, bei dem anderen Projekt gehts bei 250 erst richtig los. Und dann sind da auch noch die Short-Stories, Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen, Arabesken, Grotesken und so weiter, die alle noch einmal überarbeitet werden müssen, bevor sie ein Verlag zu sehen bekommt. Und eine neue Idee für ein großes Projekt gärt auch schon …
Na, wie sieht das aus! (Ein bißchen wie die Mohrrübe vor der Nase des Esels? Mag sein!)

Kann man sich gesund und zugleich total erschöpft fühlen? Tatendurstig und schlapp? Klar, kann man. Schade, daß das sich in der Nähe befindliche Fitneßstudio so schlecht ist, allein die Dauerberieselung mit der immer gleichen, der immer selben schlechten Musik ist Körperverletzung, aber da machen sich Stumpfsinnige ja keine Gedanken drüber, denn sonst würde ich einfach Sport machen, um fit zu werden. Und komme mir keiner mit seinen Tips zur Winterzeit, geht alles nicht, aus unterschiedlichen Gründen. Sitze ich eben am Schreibtisch. Doofe nennen das Gehirnjogging. Die verstehen nix.

So kann man sich die Zukunft ganz trefflich ruinieren: man arbeite an einem Roman, der einem wirklich am Herzen liegt! Kann man natürlich keine Rentenansprüche mit erwerben, nie, beim besten Willen nicht. Vor allem, wenn es eigentlich zwei Romane sind, von den anderen Texten ganz zu schweigen. Puh. Da hat die Behörde schon recht, muß man sich eben mal kümmern, um die private Rentenvorsorge. Ja! Jaja! Einzahlen heißt die Devise, Extraschichten kloppen, um dann mit der Rente sein ruiniertes Leben genießen zu können. Obwohl: ruinieren kann ich mein Leben auch mit Romanschreiben, und wenn ich schon die Wahl hab, und die hab ich ja, und die würde ich mir notfalls auch einfach nehmen, ja dann …

Zwei Vorteile hat die Übersanierung der Prenzlauer Berge: in Erdgeschoßwohnungen wohnen keine Vollprollalkoholiker mehr und die Luft beim abendlich-winterlichen Spazierengehen ist besser. Die Nachteile sind ja allgemein bekannt, wenngleich die Langeweile nicht überall Einzug gehalten hat. Vielleicht läßt es sich unter 08/15-Menschen ja sogar besser arbeiten, und das ist ja nicht mal abwertend gemeint, das mit dem Nullachtfuffzehn, denn die zeugen und bespaßen und bezahlen ja den Nachwuchs, der später einmal unsere Alterversorge übernimmt. Da können die heute noch Kleenen sich garnicht gegen wehren, so verzärtelt wie die sind! Ansonsten ist alles in Ordnung, hier oben.

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Dezemberbrief 2010

Da haben wir doch glatt den Dezemberbeginn verschwitzt! War ja auch ordentlich kalt, doch jetzt wird es wieder wärmer und dann natürlich wieder kälter. Tja, was wäre zu berichten – nun, es gäbe etwas, aber das berichte ich nicht. Ich bin doch nicht wiki! Alles andere, von Fahnenkorrekturen bis hin zu energielosen Batterien ist schon wieder Schnee von gestern. Nun, also, es fällt mir nichts ein, und da mach ich einfach einen Gedankenstrich, der steht, naja, liegt dafür: – (geht doch)

[Vor einem Jahr war noch alles ganz anders, denn da schrieb ich: „Der Dezember schießt los wie ein Hundert-Meter-Läufer, kann dann aber nicht mehr stoppen und rennt voll in den Weihnachtsmann rein! Die Geschenke fliegen nur so durch die Luft, ein Rentier kackt auf die Laufbahn, und als sich beide wieder aufgerappelt haben, ist schon fast Januar. So kann’s kommen.“]

Klar kann ich auch anders! Doch wenn ich mir so ansehe, was so alles in Blogs geschrieben steht, rein mengenmäßig allein schon, dann bin ich doch froh, nicht so viel schreiben zu – wollen. Klar kann ich auch anders. Wer soll das alles überhaupt konsumieren, jetzt und in Zukunft, frage ich mich nicht zum ersten Mal. Gilt natürlich auch für Fernsehserien, Zeitschriften, CDs und so weiter. Und Bücher natürlich, Comics und Graphic Novels eingeschlossen. Und im Grunde geht das ja alles schon seit Jahrhunderten so, Mitte des 18. Jahrhunderts ging es damit los, Messen, bessere Vertriebswege, Zwischenhändler usw. Heute ist das Internet sowohl Messe als auch der Vertriebsweg als auch Zwischenhändler – nein, letzteres nicht eigentlich, der ist überflüssig, man siehe die Blogs. Ich sage übrigens immer DER BLOG statt DIE, so wie ich auch DER DSCHUNGEL sage oder DER BESTE FUßBALLVEREIN DER WELT. Der, der, der, das kann ich halten wie ein Dachdecker! Wo war ich? Ach ja, der mengenmäßigen Über(be)lastung, doch das ist ja nur die eine Seite der Medaille, denn so manch einer hat ja auch Inhaltliches zu sagen. Kein Witz! Beispiele könnte ich anführen, tu’s aber nicht, soll doch ein Jeder und eine Jede selbst rausbekommen, wo der dollste Blog gedeiht, ßuldigung, die dollste Blog, latürnich. Ich bin übrigens nicht ab-, sondern sogar zugeneigt, der Idee als solcher nämlich, so lange es nicht zu verworren wird, also immer klar ist, wer spricht, wenngleich dies kein Mensch aus Fleisch und Blut sein muß – was für eine ekelige Formulierung eigentlich, fällt mir jetzt erst auf: aus Fleisch und Blut, aus Fleisch und Blut, aus Fleisch und Blut, je öfter ich es hersage, desto abstoßender wird es, das hört sich nicht nach besonderem Saft und gut abgehangenem Steak an, was aber letztlich ebenso bäh ist. Wie froh bin ich übrigens, wenn ich das mal so einflechten darf (klar darf ich!), daß in den Prenzlauer Bergen die Kühe und die Ochsen und die Schafe und die Kamele, die Gänse und Zicken (und was hier noch so kreucht und fleucht) artgerecht gehalten werden. Eben alles Künstler hier!

Ogoddogoddogod! Jetzt steht auch noch das Christkind vor der Tür. Was sag ich dem denn? Hat so’n Kleidchen an, weiß und kurz, sieht man die krummen Beinchen, auf den Flügelchen liegt Schnee, muß wohl zu Fuß gekommen sein. Luftraum gesperrt, frage ich, es nickt und sagt ja, Flüge zum Hindukusch, immer wenn ich los will, fliegen die zum Hindukusch, es ist zum In-die-Luft-gehen, also im übertragenen Sinne, meine ich. Das Christkindchen wird rot, es denkt sicher, es habe Unsinn geredet, dabei ist mir das auch schon aufgefallen, und da sage ich, komm doch rein, und siehe da, es fliegt mir zuliebe eine Runde durch die Wohnung und landet auf der Heizung. So schnell habe ich noch nie jemanden von selbiger springen sehen, denn dieses Jahr funktioniert sie ausnahmsweise mal. Huh, heiß, ruft das Christkindchen, fliegt noch eine Runde und landet diesmal auf dem Bücherregal. Hier bleib ich, sagt es. Okay, sage ich, denn ich will mal nicht so sein. Dann muß ich versprechen, ihm sofort bescheid zu geben, wenn sich was tut, im Luftraum.

Spüren Sie’s auch schon? Die Erde dreht sich immer schneller. Der Wind nimmt zu, jedenfalls könnte man das meinen, so wie auf der Kirmes, wenn’s losgeht, wenn die Kette eingehakt ist. Watten Gefühl! Allerdings, da wo ich herkomme, ist immer Regenwetter, wenn Kirmes ist, immer. Und außerdem, irgendwann wurde es natürlich auch wieder langsamer, nach all der Im-Kreis-Sauserei, und man trat leicht schwindelnd wieder auf das Pflaster, hui, war das schön. Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja, das Wetter, die Erde und der Wind.

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Novemberbrief 2010

Der November lädt zum Dichten ein, das sollte man nutzen, denn der Dezember besteht dann wieder aus Glühwein, Weihnachtsgeschäft und Jahresrückblick allerorten.

Das fängt ja gut an! Nicht nur, daß Unsereiner mal wieder von Baulärm gepeinigt wird, der in den Prenzlauer Bergen nicht weniger unangenehm ist als anderswo, nein, im Hof wird auch noch der Sand ausgetauscht im Katzenklo, Entschuldigung, im Sandkasten. Da stehe ich also, eine Arbeitspause einlegend, auf dem Balkon, sehe die Arbeiter arbeiten, und was macht der eine? Er pinkelt, an der Rutsche stehend, hinein! Dann Sand drüber, merkt ja keiner, und weiter im Text. Arbeiter müßte man sein.

Von Westen, aus dem Westen, vom Westen her mag ja viel Gutes kommen, selten aber gutes Wetter! Nieselregnerischer Grauscheißwettertag! Im Wald spazierend ist das noch zu ertragen, oder am Meer, doch weder Wald noch Meer ziert die Prenzlauer Berge, Häusermeer und Schilderwald, das ja, und manches andere, doch jetzt ist alles grau und naß und unerträglich. Ganz Hartgesottene fressen natürlich schon Weihnachtsgebäck und schlürfen Glühwein, das X-Mas-Geschäft naht unaufhaltsam, und was daran mal innig gewesen sein mag, liegt jetzt unter Bergen von Weihnachtsmüll begraben, ja, und die netten Tiere im Stall zu Bethlehem gibt es auch nicht mehr, die werden durchs Land, ach, was sag ich, durch die Länder gekarrt, ermordet, zerhackt und ausgebeint und bis auf das Muh und Mäh verwertet, da verdienen sich die Tiermassenmörder goldene Eier mit, besonders auch zu Weihnachten, kann man wohl als christlich-pekuniär motiviertes Hinwegschlachten bezeichnen – aber wie komme ich jetzt darauf, ach ja, das Wetter.

Ambivalenz ist auch so ein Wort, das kann man benutzen, muß man aber nicht. Sagte ich schon, daß hier mal wieder Baustelle ist, und überhaupt ist ja Berlin nur ein anderes Wort dafür. Zweistimmiges Preßlufthämmern, nicht völlig unmusikalisch, das nicht, aber auch nicht bühnenreif. Muß man ertragen, und außerdem hat man ja auch Mitleid mit den Arbeitern, die den ganzen Tag … doch eigentlich, was heißt das schon? Mit den Zootieren habe ich ja auch Mitleid, ohne mich deswegen von ihnen auffressen lassen zu wollen. Ergo: Ruhe!!!!

„Der November lädt zum Dichten ein“ – ha! Das nehme ich zurück. Überall wird öffentliches Geld verprasst, indem man Arbeitergehege baut, auch Baustellen genannt. Und heute, am 11.11., in Berlin!, Sankt-Martins-Tag für Leute, die an Quatsch glauben, sperrt die Polizei zusätzlich noch ganze Straßen, damit Blaskapellen, Pferde, Mäntel, Kinder und Eltern sich zusammenrotten können. Fand ich schon als Kind sch…, heute würde ich einfach sagen: hat so ’ne negative Anmutungsästhetik, der ganze Aufmarsch. Und was ich auch nie verstanden habe: wieso kriegt der arme Bettler nur einen halben Mantel? Erklärt einem ja keiner. Am Ende bin ich aber selbst drauf gekommen. Ganz alleine.

So langsam gewöhnt man sich an die Luxusprobleme, finde ich. Kann ja nicht immer die Sonne scheinen, und Dinge gehen nun mal kaputt und nicht heile. Es ist eben alles eine Bewegung auf etwas zu („nicht wahr, Junge?“), ohne daß Gegensteuern auch nur irgendwie hülfe. Die einzige Möglichkeit, den November auszuhalten ist ohnehin, ständig ohne Grund Wow! zu sagen, allerdings immer nur einmal, sonst könnte es zu Verwechslungen kommen. Oder man freut sich auf Weihnachten, oder noch besser, auf die Attzwentzzeit, weil da alles so besinnlich ist und die Menschen so herzlich … Jetzt rede ich Quatsch, aber da bin ich ja wohl nicht der Einzige, oder?

Nichts Neues in den Prenzlauer Bergen? In der Tat, es geschieht nichts, und das ist auch gut so. Oder? Ich persönlich war ja in der letzten Zeit gelegentlich in den Kreuzbergen, das ist der nachbarliche Höhenzug, da ist auch nichts los. Soll Orte geben, da ist noch weniger … GEHTS NOCH SCHNARCHIGER, Amigos!!! Wird doch wohl zu machen sein, daß noch vor den 111. Berliner Filmfestspielen ein ordentliches WeltstadttheaterdonnerdasgibtsnurhierGetöse abgeht! Mönsch! Immerhin soll Weihnachten die U 2 wieder fahr’n – dolle, benutz ich eh nicht, dauert mir zu lange. Und Sylvester soll’s Raketen geben. Und Böller. Wow.

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Oktoberbrief 2010

Von einem bestimmten Zeitpunkt an ist auf der ganzen Welt, also auf dem Planeten Erde, gleichzeitig Oktober. Das dauert dann eine Weile an, bis es von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr so ist. Mußte mal gesagt werden.

Ein Wort zur Wissenschaft: wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, kein Ianer ist, hat es in unserer spezialspezifischen Zeit schwer. Natürlich sind Hegelianer (links, rechts oder mittig), Marxianer, Heideggianer und selbst Nietzschianer auch nicht mehr so wirklich up to date, doch gilt dies nicht für Bürohengstianer, die besonders im Wissenschaftsbetrieb weite Teile der Landschaft beherrschen, vor allem weil einige auch Drittmittelianer sind. Gerade letztere gehören, da sie zumeist auch noch mit einigem Recht Bürohumorianer genannt werden müssen, unbedingt zur Elite des Landes. Was das mit Wissenschaft zu tun hat? Fragen Sie die Politikianer!

Grundloses Unglück, wenn die Nase läuft und die Niesfrequenz hoch ist, obwohl der Pollenflugkalender keinen Pollenflug anzeigt. Das ist doch ungerecht! Ansonsten ist eben, vor nicht mal einer Stunde, eine Katze von einem Prenzlauer-Berger-Balkon auf eine Wie-heißen-die-Dinger-noch-mal, diese ausrollbaren Überhänge, wie soll man auch denken, wenn die Nase läuft und der Hals kratzt, von innen, gefallen, von da sprang sie auf den Gehweg und duckte sich zwischen parkenden, also geparkten, Autos weg. Ist sicher jetzt Panik angesagt, da oben, und heute Abend die Aushänge, Katze weg, Belohnung. So ist das Leben in der Großstadt, nur daß normalerweise keine Katzen sondern Kröten vom Himmel fallen.

Die Schere soll ja angeblich immer weiter auseinandergehen! Tja, muß sie ja wohl auch, bevor sie, schnipp, schnapp, ihren Zweck erfüllt. Sozialromantik spielt dabei sicher nicht die erste Geige, und wenn Menschen von ihrer Arbeit nicht menschenwürdig leben können, dann handelt es sich um Sklavenarbeit. So einfach ist das, da muß man nicht drumherumreden. So ist das eben, auch wenn es mich eigentlich gar nicht interessiert, doch die meisten leben ohnehin ganz prima von ihrer Arbeit, Straßenfeger ja noch eher als zum Beispiel Literaturübersetzer, was aber ganz natürlich ist, denn Übersetzer haben selbstverständlich ein Recht auf saubere Straßen, Straßenfeger aber keineswegs eines auf sauber übersetzte Bücher. Wichtige Arbeit wird eben richtig bezahlt, unwichtige Arbeit unrichtig! Mir wurde zum Beispiel in meiner Jugend oft genug gesagt, wenn Du so weitermachst, wirst Du noch Straßenfeger. Ja, flötepiff. Natürlich bin ich auch nicht Übersetzer geworden, sondern einfach nur Autor, und da man mit diesen Leuten nur Ärger hat, ihren Dreck wegmachen und womöglich ihre Texte übersetzen muß, darf so ein Autor nicht mehr verdienen als ein Straßenfeger. Logisch, oder? Das hat mit Schere nichts zu tun, das ist einfach nur gerecht.

Sich weigern ist wichtig, man darf es nur nicht zur Kunst erheben. Wer das gesagt hat, hat verfügt, es müsse ein Geheimnis bleiben, wer das gesagt hat, und dann bleibt es eben doch keins, denn ich weigere mich platterdings, der Verfügung nachzukommen. Der Satz ist von mir. So, jetzt ist es raus. War doch halb so schlimm, als ganz so schlimm nicht. Jau.

Der größte Club der Welt soll ja der der 29-jährigen Frauen sein! Da kann ich natürlich nichts zu sagen, denn Männer sind ja gerne Mitte, vielleicht nicht gerade Mitte 20, aber so Mitte 30, Mitte 40 … Ein Club ist das aber natürlich nicht.

Wie ausgestorben liegen sie da, die Prenzlauer Berge. Ein sanfter Wind streicht über unberührte, naturbelassene Stadtoasen, kaum einmal, daß das Grunzen eines Wildschweins oder das Blöken eines Schäfchens zu hören ist. Zugvögel ziehen gen Süden, traurig blicken die wenigen Daheimgebliebenen ihnen nach. Sicher wollen auch sie, die hoch droben kaum noch zu erkennen sind, zur Frankfurter Buchmesse, wo das Leben tobt, wo Autoren und Verleger und Agenten und Rechteinhaber und Zeitungsmenschen und Fernsehmenschen und Radiomenschen sich tummeln, sich die Hände schütteln, Ansteckungsgefahr hin oder her, das ist ein anderes Thema und bringt zur Zeit kein Geld, wo gegessen und getrunken und verhandelt wird, wo die Nächte kurz und die Tage lang sind, tja, man weiß nicht recht, wo es denn schöner ist. Der Wind lebt auf in den Prenzlauer Bergen, die Bäume schütteln sich, Kastanien knallen auf Köpfe und erzeugen ein Geräusch, hier und da huscht ein Tier über verwaiste Wege, und bald schon wird es regnen. Hier ist wenigstens kein Dach über der Welt. Ist ja auch was!

Runter ins Tal, ein paar Hügel, und schon war ich in Dahlem, wobei schon unschöner Quatsch ist. Warum kann man Straßen nicht von unten reparieren – ich dachte wir leben in der Zukunft. Über eine Stunde für zwanzig Kilometer, da ist es völlig egal, ob man mit dem Rad, dem Motorrad oder dem Schneemobil fährt. Ist jedenfalls nicht akzeptabel, und überhaupt ist es dort nicht so schön wie in den Prenzlauer Bergen. Es ist alles so satt dort, man hat das Gefühl, gleich rülpst die ganze Gegend. In den Prenzlauer Bergen kann das eher nicht passieren, trotz allem, dafür werden hier eher Bäuerchen gemacht, und davon ganz ganz viele.

Der Witz ist alt, so alt, daß er mindestens ein Tröpfchen Wahrheit enthalten muß, ich meine den mit Karajan, der den Beethoven so runtergedödelt hat, weil er, Karajan, unter einer schwachen Blase litt. Über Beethoven ist mir nichts bekannt in der Hinsicht, aber es ist doch absonderlich, daß Sony die Länge der CD als solcher anhand der karajanschen Neunten beethovschen Symphonie festgelegt hat, nämlich 75 Minuten, was nichts anderes bedeutet, als daß die Natur einen gehörigen Einfluß ausübt auf die Kultur, oder überhaupt auf das Leben, denn wäre Martin Luther Mönch geworden ohne jenes Gewitter und ohne jene naturgemäß aufkommende Angst um das eigene Leben des ja eigentlich Jurist werden wollenden jungen Mannes!? Und hätte Luther als Jurist den Katholizismus gerettet und so den Protestantismus erst möglich gemacht? Eher nicht. Mit den Prenzlauer Bergen hat das alles aber nichts zu tun, die sind einfach da.

Wenn Geister sich schreiben, statt sich zu scheiden, werden die Prenzlauer Berge auf globale Ausmaße aufgeblasen, ohne diese jedoch zum Platzen zu bringen. Das überlassen wir neidlos den Finanzblasianern. Allerdings ist es weiterhin möglich und wegen der Ruhe auch außerordentlich erholsam, in den Prenzlauer Bergen allein für sich Geist zu sein, an und für sich vor sich hinzubrabbeln, auf daß nur zufällig im Geäst oder hinter dem nächsten Hügel sich befindliche Gestalten dies vernehmen. Gelegentliche Entgegnungen sind so nicht ausgeschlossen, werden aber auch nicht provoziert. Die Dschungel(siehe dort im www.) ist anderswo, hier ist dann doch eher Nutzwald. Aber daß mir keiner da Schneisen reinschlägt, nicht in Die und nicht in Der, da werde ich sauer.

Viele sprühen ja nur so vor Wortwitz, da ist es kein Wunder, wenn alle naß werden. Das will ich nicht, also lenke ich meinen Witz nur in eine Richtung, und wer naß werden will, muß sich hineinstellen in den Strahl. Erfrischend, oder? Demzugrunde liegt natürlich die Frage, ob man nicht unerquiecklicherweise zur Fraktion bierernster Knalltüten gehört, die glauben, mit Witz sei überhaupt noch etwas zu erreichen. Der Unterschied zwischen dem Sprüher und dem Strahler ist aber eben derselbe wie zwischen dem, der wegen eines Pfefferminzplätzchens und demjenigen, der nur vor lauter Lachen platzt.

Nichts dürfte verfänglicher sein als in der ersten Reihe sitzend einzuschlafen. Passiert mir zum Glück selten, letztens erst nicht, als ich eine ältere und einige neue Geschichten des Alban Nikolai Herbstes hörte, vom Autor selbst, alle ohne Ausnahme wachhaltend, einfühlsam vorgetragen. Zwei Tage zuvor, ich nenne jetzt keinen Namen, wäre es fast um meine Reputation als guter Zuhörer geschehen gewesen, denn ich nickte fast weg, als ich, um besser zuhören zu können, wie ich dies oft tue, die Augen schloß, und sicher war es nur die Angst, schlafend zu sabbern, die mich wach hielt. Passierte alles in Mitte, weit fort von den Prenzlauer Bergen, doch heutzutage gehen die Zeitungen ja über Berg und Tal.

Ein Hauch von Nordkorea weht durch die abendlichen Prenzlauer Berge! Allüberall schleichen weibliche wie männliche uniformierte und damit wichtige Ordnungsamtmenschen (oder sinds Politessen) herum, ja sie tänzeln gekonnt um Autos, werfen einen wohlwollenden Blick auf die meist in tiefer Dunkelheit stehenden Parkscheinautomaten, tippen geheimnisvolle, dem ZK zu übermittelnde Ziffern- und Zeichenfolgen in seltsame Apparaturen, erobern Straße um Straße …

Es gibt sie noch, die alten Prenzlauer Berge, wenn auch nicht flächendeckend. Um genau zu sein, die Fläche dürfte in Quadratmetern vielleicht zwei oder drei betragen. Immerhin. Es handelt sich um einen Foto-Automaten und einen Photo-Automaten in der Kastanienallee, direkt nebeneinander stehend, gegenüber dem Prater. Da blitzt es allabendlich in die Welt hinaus, gemeinhin begleitet von fröhlichem Quieken glücklicher Mädchen. Was willste mehr!

Jeijeijei, die Welt geht unter! Totgequatscht, einfach so. Wegfotografiert, auch einfach so. Natürlich, ein Jeder und eine Jede kann Hände schütteln und Bäume umarmen, täglich die Stehrümchen abstauben oder die Prenzlauer Berge bewundern. Alles wie immer und fühlt sich auch an wie immer, wie echt. Isses aber nicht mehr, denn da ist jetzt permanent ein Kommentar, eine Meinung, eine Zustimmung oder Ablehnung, immer quatscht da einer rein, so eine WWW-Stimme, immer hat da einer schon mal ein Foto gemacht und reingestellt, das sieht genau so aus wie meine eigene Erinnerung, immer hat da einer schon mal seine Meinung gepostet, die auch die meine ist, glaube ich jedenfalls, und auch das Gegenteil ist ja immer auch Teil von dem, was so toll ist, daß es geknipst und besprochen und überhaupt in die Welt gestellt werden muß. Und nu‘ is‘ sie voll, die Welt. Das haben wir jetzt davon, wir ollen Quatschköppe. Eijajei.

Wie schön, denkt man sich, während die Gethsemanekirche mal wieder ordentlich Lärm macht, daß es noch das gute alte Buch gibt. Also nicht die Bibel, sondern das Buch als solches. Da steht einiges drin, manchesmal auch etwas Handschriftliches, etwas gleichsam privat Gedachtes und Hineingeschriebenes. Aber kann Denken privat sein? Natürlich nicht! In eine Taschenbuchausgabe von Die Orgelpfeifen von Flandern des Alban Nikolai Herbst hat ein gewisser E. Käßmann aus Hannover etwas hineingeschrieben und dies mittels eines Pfeils auf das Motto der Novelle bezogen, ein Bibelzitat (2. Könige 9, 35). Der Käßmann, evangelischer Pfarrer seines Zeichens, schreibt: „Wieso hat jemand, der nichts mit Kirche und Glauben zu tun hat, gleich am Anfang ein BIBELZITAT?“ – – – Ja aber hallo, Herr Käßmann, gehört die Bibel denn der Kirche? Sie scheinen ja richtig empört gewesen zu sein! Unser Buch, zitiert von einem JEMAND, der nicht zu uns gehört! Abér! Abgesehen davon, daß die Bibel nicht einmal der Katholischen Kirche gehört, freuen Sie sich doch, wenn JEMAND mal einen Blick hineinwirft in das Buch der Bücher – vielleicht pinselt er ja auch einmal eine Bemerkung an eine Kirchenwand.

Wenn schon Elfmeterschießen Nervensache sein soll, was ist dann Literatur? Glück? Nicht in den Prenzlauer Bergen! Außerdem muß das Ding ja nicht unhaltbar sein, sondern – Hauptsache! – einfach nur drin. Übrigens ist Fußball und Prenzlauer Berge, trotz der „Schwalbe“, nicht recht kompatibel, dafür leben hier zu viele wunderbarweicheundgrünliberale Menschen (jaja, die mit den Kindern!), und da ist die Ästhetik des Spiels von vornherein reduziert auf Sandkasten. Hauptsache, Mutti ist glücklich (denkt Vati)! Oder?

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Septemberbrief 2010

EIN JAHR MONATS B R I E F E !!! 

Wer feiert mit? Keener? Auch jut.

Durch den Tod Christoph Schlingensiefs sind die Prenzlauer Berge, und nicht nur die, ärmer geworden – ob das wohl jemand merken wird? Immerhin wird es nun diese besondere Art der Bereicherung (der Kultur und der politischen Diskussion usw.) nicht mehr geben können, an die man sich ohnehin nie hat gewöhnen können.  

Noch ist einerseits Sommer, – schon ist andererseits der Herbstblues ausgebrochen – und das liegt beileibe nicht nur am Wetter, über das zu reden einen leicht schwer wahnsinnig machen kann. Nicht lange ist es her, es war am Siebten, da stand ich hoch oben über der Stalin-Allee, ganz oben in einem der Türme am Frankfurter Tor und sah über die ganze Stadt, nur die Prenzlauer Berge waren nicht zu sehen, und zu diesem Zeitpunkt war auch schon Herbst gewesen. Eine schöne Lesung – die Premiere – stand an, Ricarda Junge aus ihrem Roman Die komische Frau, und da habe ich die Bemerkung gestreut, von hier sähe Berlin ja wie eine richtige Großstadt aus. Da merkt man dann, wer aus Berlin kommt und wer zugezogen ist. Ein Ameisenhügel ist ja auch eine richtige Großstadt, aber die Bemerkung habe ich mir für die nächste Veranstaltung aufgehoben.

Im Grunde ist es völlig unmöglich, etwas Sinnvolles über die Prenzlauer Berge zu schreiben, es sei denn, man schreibt was für Wikipedia. Kann man machen, muß man aber nicht. Viele, sicher auch der ein oder andere Künstler, schreiben ja zum Beispiel lange Rezensionen auf Amazon (sprich: Ähmößon), über Bücher wie über Staubsauger, und das ist manchmal sinnreich, mal weniger. Schön einerseits, daß die Menschen glauben, es sei von irgendeiner Bedeutung, was gerade sie über dieses oder jenes Produkt „denken“, während andererseits ja fünf oder sechs schlechte Kritiken aus jahrelanger Arbeit eine Fehlinvestition machen können. Und da ja in den Prenzlauer Bergen sehr viele Künstler leben, sind die Einzelnen, die da Sterne vergeben, schon wichtig, denn irgendwie sind die das Volk, des Volkes Stimme, gleichsam die Familie Mustermann, die übrigens nicht in den Prenzlauer Bergen wohnt, sondern in Berlin-Mitte. Kurz gesagt, wer nicht zu jeder Tomatensauce und zu jedem Roman eine Meinung hat, zählt gar nicht mehr, nicht mal als einer oder eine aus dem Volk. Doch das muß nicht sein – irgendetwas kann jeder.

Soll ja eher lässig sein, das Leben in den Prenzlauer Bergen. Nun, wenn das eine Frage sein soll, dann muß man sagen: im Gegensatz zu Moskau, Peking oder Tokio ganz bestimmt! Andererseits ist es von hier nicht weit zu den unabsehbaren Weiten Marzahns, wo das Wort Lässigkeit einen anderen Geschmack bekommt, so daß für Berlin als Ganzes, gemeint ist der Bereich, von wo aus der Himmel über Berlin zu sehen ist, von einem Sowohl-als-Auch gesprochen werden kann. Was sagt uns das? Der Mensch ist nur da lässig, wo er spielt? Leider ja.

Die Prenzlauer Berge stehen bis zu den Knien im Wasser –könnte man meinen. Zum Glück tragen alle Kinder bunte Gummistiefel, mit denen sie übers Wasser laufen können, wenn sie mal nicht mit dem Auto von A nach B gefahren werden. Sehr praktisch. Arme Eltern, die es hier auch geben soll, tragen ihre Kinder derweil auf den Schultern und müssen sich bücken, sobald sie irgendwo hineingehen wollen. Wie demütigend. Da ist es wiederum von Vorteil, nicht zwecks Geldloswerdung in jede sich bietende Boutique gehen zu müssen, sondern nur gelegentlich mal rein in den Aldi. Während unser Außenminister also bald schon eine Zone von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten einrichten wird, um damit der Unterschicht die spätrömische Dekadenz auszutreiben, haben wir hier in den Prenzlauer Bergen alles im Griff – mit den paar armen Gebückten werden wir schon selber fertig.

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Augustbrief 2010

Der August ist, entgegen landläufiger Meinung, der fürchterlichste aller Monate – da ist ja der November noch hoffnungsfroher!

O, du lieber Augustin,
Augustin, Augustin,
O, du lieber Augustin,
Alles ist hin!

Rock ist weg, Stock ist weg,
Augustin liegt im Dreck.
O, du lieber Augustin,
Alles ist hin!

Jeder Tag war ein Fest,
Jetzt haben wir die Pest!
Nur ein großes Leichenfest,
Das ist der Rest.

(Volkslied [Auszug])

Ganz so negativ muß man den August natürlich nicht sehen, immerhin regnet es in den Prenzlauer Bergen jetzt ordentlich. Statt 38 Grad nun eben 21 und Waschküche. Aber Wetter haben wir ja jeden Tag, da muß man kein Wort drüber verlieren. Da gibt es Wichtigeres, zum Beispiel das vieldiskutierte Vorhaben, die Gehwege in den Prenzlauer Bergen mit Mittelstreifen auszustatten und das Rechtsgehgebot einzuführen; da wo Platz ist, soll es sogar Überholspuren geben. Endlich mal eine prima Idee von der SPD, die nicht nach Sozialismus riecht! Weiter so!

Das muß sie sein: die Apokalypse! Überall Feuer oder Wasser, von Öl und Wasser ganz zu schweigen, ausgerechnet in einem Monat, in dem die Führungseliten im Urlaub weilen. Nur Weihnachten wäre ein noch schlechterer Zeitpunkt gewesen. Wer denkt sich so was aus? Gott kann’s nicht gewesen sein, der macht mit Nietzsche einen Wanderurlaub auf Beteigeuze, ein sogenanntes Sternwandern. Da will man natürlich nicht stören. Aber eine Lösung muß trotzdem her, doch nach allem was man hört, sollen sich Putin und Fantomias schon zusammengetan haben, um gemeinsam mit Harry und Platte das Ungeheuer zu bekämpfen. Welches Ungeheuer? Nein, nein, nicht der Sozialismus ist gemeint, auch nicht der von Obama, nee, die Natur ist es, die bekämpft werden muß, mit allen Mitteln. Da muß man schon mal ein paar Urlaubstage opfern.

Die Dynamik ist vorerst vorüber – ganz sicher. Alle zwei Jahre ein neuer Laden, alles noch quietschbunter als zuvor? Pustekuchen, nu‘ bleibt’s wie es ist. Der Begriff des Alteingesessenen, bisher in den Prenzlauer Bergen ein Fremdwort, setzt mehr und mehr Wirklichkeit an. „Der arbeitet da doch schon seit über zehn Jahren“, solch ein Satz ist jetzt möglich. Ist das die Possibility? Die Prenzlauer Berge werden normal!? Kann ja spannend werden!

21. August 2010: Ein großer Künstler ist gestorben.

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