November

Wenn man, wie ich kürzlich, mit dem Zug durchs novemberliche Deutschland fährt, dann sieht man überdeutlich, wie verdorben das Land ist. Überall Industrie, von der Landwirtschaft und der Holzwirtschaft bis zur Autoherstellung. Auf den Bahnsteigen allüberall graue, dieser Industrie dienende Lohnsklaven, Ge- und Verbrauchsmenschen, deren Seelen in den tiefsten Kellern der Weltkonzerne als Geiseln gehalten werden und vor sich hin rotten. In Wolfsburg, der ICE hielt tatsächlich dort, beobachtete ich einige Minuten die Menschen auf dem Regionalbahn-Bahnsteig und entdeckte niemanden, der Anteil nahm an seiner Umwelt oder gar an den vielen Menschen um ihn herum, und auch später, in der S-Bahn, die mich in Berlin vom Ostbahnhof Richtung der fröhlichen Prenzlauer Berge brachte, herrschte Schweigen. Aber was soll man machen, die uns Beherrschenden wollen es so, eiskalte merkelsche Machtmaschinen, die sie sind – nicht mal die Kinder verschonen sie, schon im Kindergarten werden die auf Effizienz getrimmt; Freiräume oder gar Langeweile dürfen nicht sein, denn dann kämen die Menschen womöglich auf die Idee, ein eigenständiges, aktives, aufmerksames Leben führen zu wollen. Gäbe es einen Gott, so würde er uns womöglich eine neue Sintflut schicken und die Erde vollständig unter Wasser setzen! Allerdings: steigt der Meeresspiegel nicht tatsächlich an, wenn auch wahrlich noch nicht besonders viel? Übt Gott also noch, arbeitet er an seiner Effizienz? Darüber könnte man tatsächlich nachdenken, während man im ICE quer durch dieses Land zischt, im grauen November, in dem der Tod jedes Jahr auf die Bühne des Lebens tritt. Zum Glück aber, auch auf diesen Gedanken könnte man verfallen, ist bald Weihnachten, da kann die Industrie mal wieder zeigen, was sie so drauf hat, was sie so liefern kann, von der digitalen Krippe mit dem Jesukind bis hin zum wirklich allerneuesten Hightechgedöns, auf daß die armen Menschen in den Wolfsburgen der westlichen Welt sich nicht gar so verloren fühlen.

Polaroid 52 Norbert W. Schlinkert

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Viel leicht

Manchmal denke ich am Rande über Worte nach – letztens erst über das Wort „Überdruß„. Heute habe ich über das Wort nachgedacht, das ich handschriftlich am liebsten schreibe: vielleicht. Es hat mehrere Bedeutungen, „könnte sein“ ist eine davon, die andere liegt im Bereich einer verstärkten Form von „tatsächlich“. Im Kluge steht: „mittelhochdeutsch vil lihte, 12. Jahrhundert“, und daß es von Anfang an die heutige Bedeutung hatte. Ein Wort wie ein Fels also. Das ist ja mal vielleicht geil!

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Langweilig

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (9./10. November 2013, S.34) sagt der Schriftsteller Henning Mankell viel Richtiges, vor allem über die seltsame Sicht, die wir Europäer auf Afrika haben. Auf die Bemerkung des Interviewers „Es gibt ja Schriftsteller, die sagen, die Geschichte entwickle sich erst beim Schreiben so richtig“ aber sagt er: „Ich glaube, das ist kompletter Blödsinn. Wenn Sie Ihre Freunde treffen und Ihnen etwas erzählen wollen, wissen Sie ja auch schon, wie die Geschichte ausgeht. Und genauso ist es mit einer Erzählung auch.“ Hä? Was ist denn das für einer? Jetzt verstehe ich auch, warum ich bei Mankells Romanen nie über die ersten zwanzig Seiten hinausgekommen bin! Der hat die Geschichten nur abgeschrieben, und zwar aus seinem eigenen Kopf! Kein Wunder, daß die nicht zünden! Ich würde mich zu Tode langweilen, und zwar mit mir selbst, wenn ich vorher schon wüßte, was ich erzählen will; und beim literarischen Schreiben hieße das für mich, meine Protagonisten nicht ernst zu nehmen, sie garnicht erst lebendig werden zu lassen. Andererseits hat Mankell ja allergrößten Erfolg mit seinen Geschichten und ist sehr gut gefahren damit, sie so zu schreiben, wie er es tut. Wahrscheinlich kann er einfach nicht anders, der arme Kerl.

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Fressen und Gefressenwerden

Beim Frühstückmachen Radio zu hören ist immer lehrreich – heute sagte eine Moderatorin bei einem Gespräch über Wildtiere in der Stadt, Tiere würden ja einfach immer nur fressen wollen. Und möglichst einfach an das zu Fressende herankommen wollen. Natürlich hat sie damit ganz recht, denn aus eben diesem Grund leben Menschen wie Tiere in Städten. So einfach ist das. Im nächsten strengen Winter, sage ich mal voraus, werden Wildschweine wahrscheinlich sogar erfrorene Obdachlose und unbewaffnete Spaziergänger fressen, das ist unvermeidlich, doch das wird immerhin den unterernährten Journalisten der Hauptstadt die Chance eröffnen, schöne Artikel zu schreiben, auf daß sie was zu beißen haben. Grusel sells! Immer. Natürlich könnten auch Obdachlose Wildschweine essen, aber das wäre ja allenfalls wildromantisch und würfe zudem die Frage auf, wem denn eigentlich die Wildschweine gehören. Sich selbst, uns allen, den Hungrigen, dem Wald? In den mit Villen verschandelten Waldgebieten Westberlins gehören die Wildschweine ja schon zum Straßenbild, die fallen da gar nicht mehr auf zwischen den dort typischerweise eher dicklichen und in Pelze gehüllten Menschen, und mir persönlich ist es auch völlig egal, wer da wen frißt, das macht überhaupt keinen Unterschied. Hauptsache, es wird mit fairen Mitteln gekämpft. Wir hier in den Prenzlauer Bergen haben ja keine Wildschweine, wir sind denen einfach zu mager, glaube ich. Wir haben nur Füchse, die einem, ist man spät noch unterwegs, brav gute Nacht sagen, worauf man freundlich den Hut lüftet und friedlich seiner Wege geht.

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08/15

Die Hyperinflation in deutschen Landen von 1923 hat nicht nur Vermögen zerstört, sondern vor allem Vertrauen. Die Folgen sind bekannt. Neunzig Jahre später wird wieder Vertrauen zerstört, wieder geht es um Geld, Stichwort Bankenkrise und die Auswirkungen derselben, aber auch um den Verlust der historisch gesehen erst kürzlich errungenen Privatsphäre, Stichwort NSA-Affäre. Oder sollte dieses Mal alles anders sein, ausgerechnet in Deutschland? Sollte die Unterhaltungsindustrie derartig gut arbeiten, der merkelschen Politik derartig gut dienen, daß die Massen zufrieden bleiben und die Menschen in ihrer Mehrheit sich sicher und gut fühlen? Es spricht einiges dafür, das Ergebnis der Bundestagswahl, Umfragen, nach denen die Erkenntnisse der Spionageaffären den meisten Menschen keine Angst machen, die weithin akzeptierte miese Qualität des Fernsehprogramms und was nicht sonst noch alles. Natürlich gibt es kritische Beiträge zu allen wichtigen Themen (Waffenexporte, Flüchtlingspolitik, Tiertötungsindustrie, Massenarbeitslosigkeit usw.) in allen möglichen Medien, doch fast scheint es, als bliebe all dies nur so ein Treiben im kleinen Kreis derer, die sich ernsthafte und überaus berechtigte Sorgen um unser demokratisches Gemeinwesen machen, während die Mehrheit kaum noch bemerkt, mit welcher Unverfrorenheit gelogen, gestohlen, ausgebeutet und getötet wird. Hauptsache Fressen, Ficken, Fernreisen, darauf beruht die Macht heutzutage, und vielleicht würde es mal Zeit, daß die Kunst diesen Zustand der Gesellschaft als Thema aufgreift, ohne sich instrumentalisieren zu lassen und vor allem ohne einfach nur ein beliebiger Teil zu sein der alles in politischen Dämmerschlaf versetzenden Unterhaltungsmafia. Wäre das machbar, ginge das? Nein, das ginge nicht, denn entweder würde nur ein letztlich folgenloses Medienrauschen ausgelöst, Quatschköppequatschen in Talkshows, in denen quasi stellvertretend für die schweigende Mehrheit diskutiert wird, oder aber die Werke kursierten eben wieder nur in den Kreisen derer, die sie produzieren. Tja, gegen den Geist der Mehrheit ist eben kein Kraut gewachsen, aber auch das ist Demokratie, nämlich die Art, die man durchaus 08/15-Demokratie nennen könnte, weil alles so schön standardmäßig zusammenpaßt. Was soll man da mit Kunst, die zeitgemäß ist und von den Menschen Anteilnahme verlangt? Man sollte sie gar nicht mehr produzieren, oder wenn, dann nicht einmal mehr aus Verzweiflung, sondern einfach nur aus Überdruß, ja: Überdruß – was für ein schönes, energiegeladenes Wort!

Klare Verhältnisse, Norbert W. Schlinkert

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Obstkiste, innen

Sauwohl gefühlt, wie zuhause! Der noch recht neue neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden hat definitiv die richtigen Dimensionen, das muß ich sagen, man fühlt sich wie in einer großen Obstkiste! Und da ich bekennender Kistenfan bin, bin ich da richtig!Norbert W. Schlinkert, Poesie (1996) – Holz, Papier, Streichholzschachteln. 20 x 30 x 10 cm Auch die Farben sind für Ästheten recht angenehm, sie beruhigen das durch den Wissensdurst aufgeschäumte Gemüt und befördern so den Arbeitsprozeß. Doch was für mich angenehm ist, das weiß ich wohl, mag für den gemeinen, multilokalen Studenten das Gegenteil bedeuten – für diese Klientel gibt es aber schließlich das rummelige Grimmzentrum nebenan mit der Anmutung eines Bahnhofs; da fehlt nur noch McDoof und schmutzige ICEs mit heute veränderter Wagenfolge. Aber wie dem auch sei: ich werde mich nun also, wie schon einmal kurz erwähnt, im besagten neuen Lesesaal erst einmal intensiv in fremde Zeiten und Fachgebiete einarbeiten, um sodann Figuren zu gebären (mit zweien gehe ich schon schwanger) und Konflikte zu erstellen, auf daß dies alles dann lebendig und dereinst zu einem Roman werde. Und die große Obstkiste hilft mir dabei!

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Spaß & Ödnis

Ja nu‘, ich hab mit der Recherche für den neuen Roman begonnen. Das wird alles, das weiß ich schon vorher, sehr umfangreich werden, denn einfach mal meine eigene Psyche zwecks Romanschreibens auszuschlachten, geht mir sowohl zu weit als auch nicht weit genug. Außerdem macht mir das Hineinarbeiten in vergangene Epochen und in mir nicht ausreichend bekannte Berufsfelder und Fachgebiete Spaß, und darum geht es ja ohne jeden Zweifel bei der Arbeit, um Spaß. Nicht im Sinne des Treibens fröhlichen Unsinns natürlich, sondern im Sinne des Sinnes, den das macht. Besonders ergiebig ist mir solch ein Tun immer dann, wenn es zeitgemäß ist und die Gegenwart betrifft, und das tut es, wählt man als Sujet für den Roman Zeitloses – davon gibt es übergenug, ja es scheint mir sogar so, als gäbe es kaum eine Thematik, die im Strudel der Zeit auf immer versunken ist. Alles noch da: Liebe und Leid, Krieg und Verrat und Betrug, Wahnsinn, Gier, Geiz, Gewalt, Mut und Schwermut, die Lust am Schöpferischen und am Spiel, und was einem sonst noch alles so einfallen mag. Die Schwierigkeit ist dabei nur, eine Geschichte zu komponieren, die in sich funktioniert, die sie selbst ist. Und wie gesagt, ich mach mich ran, der Wahnsinn geht weiter, und das ist auch gut so, denn allem anderen, so wurde mir kürzlich mitgeteilt, wohnt die Ödnis inne.

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Karl Auer oder Horst Köhler?

Haben Sie nicht auch den Eindruck, daß der Herr rechts neben dem Bundesgauckler der selbe ist, der unten rechts als Bodybuilding-Rentner auftaucht? Vielleicht haben wir den netten Herrn Köhler ja immer unterschätzt! Und wie!

Screenshot

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Der älteste Beruf der Welt

Was so ein seidener Faden alles aushalten muß! Mannomann! Meiner ist nicht nur vollbehängt, nein, ich erdrossele damit auch Leute, die noch mehr Gewicht an den Faden hängen wollen, damit er, das hätten die gerne, so bald wie möglich reißt. Klassischer Fall von Notwehr, würde ich mal sagen. Ähnliches gilt auch für die Sache mit Messers Schneide, auf der alles steht, denn auch ein Messer eignet sich prima für Leute, die mich aus dem Gleichgewicht bringen wollen, auf daß ich abstürze wie Nietzsches Seiltänzer. Aber bevor sich jemand aufregt: ist natürlich alles nur metaphorisch und sinnbildlich gemeint, was sich allein schon aus der Notwendigkeit ergibt, seine Kräfte sinnvoll einzusetzen, also eben auch nicht alles selbst wirklich zu tun, sondern tun zu lassen, indem man nämlich eine Geschichte erfindet, die durchaus mit einem seidenen Faden beginnen könnte, um sie dann laufen zu lassen. So ähnlich muß sich Gott gefühlt haben, als er die Idee des Menschen wachsen ließ, denn wenn eines klar ist: Gott war Schriftsteller, und zwar der erste aller Schriftsteller, er hat den ältesten Beruf der Welt ausgeübt, hat zeugen und leben und töten, Fäden spinnen und reißen lassen, er hat sich all das ausgedacht und es dann, ganz modern schon, seinen Lesern überlassen, die Geschichten zu beleben und weiterzuspinnen. Welten schaffen, darum geht’s, und obgleich ich noch darum ringe, der Welt und den Lesern den eben erst abgeschlossenen Roman übergeben zu können, wächst schon eine neue Geschichte in mir heran, mit seidenen Fäden, mit Menschen und dem ganzen Zeug, das sich daraus ergibt. Aber warum erfinden manche Menschen, so auch ich, neue Welten? Vielleicht weil sie mit der, die ist wie sie ist, nicht glücklich sind? Kann schon sein, glaube ich aber eigentlich nicht. Dieser Zwang kommt ganz woanders her, und ich denke, ich setzte einfach mal einen Protagonisten darauf an, der dieser Frage nachgeht. Bin jetzt schon ganz gespannt, was dabei rauskommt.

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Buchmessdiener

Buchmesse ist, in Frankfurt, und alle aktuell ernstzunehmenden Autoren Berlins und auch viele, viele aus dem Rest der Welt sind dort präsent, um bei der Messfeier Messdiener zu sein. Sie bringen Brot, Wein und Wasser zum Altar des Literaturmarktes, auf daß der Markt gedeihe und weiterhin Kapital generiere. Manche sagen auch, die Autoren brächten Blut, Schweiß und Tränen zu eben diesem Altar – doch was machte das für einen Unterschied? Keinen, womöglich!

Startbereit, Norbert W. Schlinkert

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