Nur ganz kurz: die FAZ macht im Internet heute Kurzwerbung für einen Wissens-Artikel bzw. ein Wissens-Interview in ihrer Printausgabe. Wie Literatur hilft, Gedanken zu lesen, das die Überschrift – und darunter heißt es: „Wer gute Bücher liest, kann sich anschließend besser in andere Menschen hineinversetzen, schreiben Wissenschaftler in „Science“. Unsere Mitarbeiterin Ina Hübener hat mit den Sozialpsychologen aus New York gesprochen.“ Das hätte ich nie, nie, nie gedacht! Is that so! Was für eine Erkenntnis! Danke, liebe FAZ! Und natürlich danke, liebe Sozialpsychologen aus New York! Hoffentlich bekomme ich noch ein Exemplar am Kiosk – – – ich muß los!
Versatzstücke, Novalis, Alban Nikolai Herbst
Wenn aus Versatzstücken des Lebens Literatur wird, dann wird wiederum aus der Literatur ein – vermeintlich größeres – Versatzstück. Eine Fortschreibung. Dies ganz im Sinne des Novalis und auch ganz in dem von Alban Nikolai Herbst, der mit seinem literarischen Weblog Die Dschungel. Anderswelt die Wirklichkeit beackert und die Saat ins Brachliegende bringt, es wachsen und gedeihen läßt, mitunter tatsächlich dschungelartig. Das lateinische Wort novalis bedeutet so viel wie Brachfeld, Neubruch, Acker, und daß Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg sich diesen Namen als Künstlernamen auserkor, wird als Zeichen der (damaligen) Zeit oftmals übersehen. Lieber verkitscht man heute in Popeventmanier sein lyrisches Schaffen und mißachtet sein philosophisches, zeit(en)befragendes Werk. Würde Novalis heute leben, er beackerte sicher ein literarisches Weblog mit dem programmatischen Namen Blüthenstaub – und er schriebe Romane, die sich aus all dem speisen. In besagtem Blüthenstaub findet sich dazu das folgende (Nr.66):
Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.
Alban Nikolai Herbst schreibt:
Wer sich über das Weblog zur Figur in einem Text werden läßt, hat die Illusion, seine Entwicklung im Griff zu haben. Das stimmt in poetischer Hinsicht auch, kaum aber für den Alltag. Es kann aber auch auf ihn wirken. Das wäre ein handlungstherapeutisches Moment, das der in der Psychoanalyse in Gang gesetzten Regression analog ist: Wer sein Leben als Roman begreift, könnte sehr wohl, und vielleicht auch mit Recht, nach Art des kindlich-magischen Denkens vermeinen, durch Veränderung von Sätzen auch objektiven Geschehen eine Wendung zu geben. Dem entspricht die vergleichsweise Jugend des Internets. Es beginnt ja eben erst zu reifen; gewissermaßen ist es in der Pubertät. / Also: Ich schreibe den Protagonisten des Weblogs um, nämlich mich, und beziehe daraus die Zuversicht, ich würde mich auch im Leben ändern.
(Das Leben als Roman (ff). Aus dem DTs des 13. Aprils 2005. In: Alban Nikolai Herbst: Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. Erste Lieferung. edition taberna kritika, Bern 2011. S.42.)
Wird fortgesetzt.
Schwarze Liste
Es ist immer unangenehm, wenn man merkt, daß man bei manchen Menschen auf der Wichtigkeitsskala unter ihren Haustieren steht. Man kann froh und dankbar sein, unter die ersten zehn zu kommen. Einzig der Umstand, daß Haustiere zwar prima zuhören können, aber nur in den seltensten Fällen zu mitfühlendem Sprechen und zu praktischen Hilfsangeboten in der Lage sind, gibt einem die Chance, unter Umständen für eine Weile ein wenig höher zu rücken auf dieser Liste, wenn auch natürlich nicht über die Tiere. Das habe ich schon öfter mal erlebt, und ich frage mich, warum ich immer wieder darauf hereinfalle. Die Antwort liegt allerdings auf der Hand: ich bin zu gutmütig. Schwache Charaktere nutzen das natürlich aus und befördern so gut es geht ihr eigenes Wohlbefinden, ohne das ihrer Haustiere zu vernachlässigen, beziehungsweise verbinden sie sogar das eine ganz prima mit dem anderen. Das ist schlau, wenn auch nur bauernschlau. Gegen die Haustiere habe ich allerdings meist nichts, die können ja nichts dafür, daß sie dem kitschigen Leben ihrer Halter und Halterinnen als Inhalt zu dienen haben. Nun ja, mache ich einfach mal wieder das Beste draus und füge meinerseits meiner (schwarzen) Liste etwas hinzu, auf daß ich die quasi in ihr aufbewahrten Erfahrungen als Grundlage nehme für allerlei Texte. Das Schöne an dieser Liste ist übrigens, daß die dort Versammelten alle gleich schwarz sind, ohne jeden Unterschied, ganz und gar gleichberechtigt. Das bin ich mir schuldig.
Zur Abwechslung mal was Schönes!
Ilija Trojanow äußerte sich kritisch über die NSA-Überwachung, und jetzt hat er den Salat!
„Dem Schriftsteller Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA verweigert. Weil er sich kritisch über die NSA-Überwachung geäußert hat?“ So stehts im Spiegel, lesen Sie es ruhig nach. Oder lesen Sie, was er selbst dazu schreibt. Ob sich wohl die Bundeskanzlerin dazu äußert? Oder der Bundesinnen- oder der Bundesaußenminister? Oder der Kulturstaatsminister? Letzterer vielleicht, eventuellerweise, wenn er sich traut. Interessant wäre es auch, zu diskutieren, ob nicht die USA schon längst als eine bestimmte Art Diktatur in die politische Weltgeschichte eingetreten ist – das wäre vor allem auch deswegen gut zu wissen, weil ja die us-amerikanischen Entwicklungen zehn Jahre später auch immer bei uns ankommen. Oder sollten wir, Merkel und ihren abgrundtief blöden Wählern sei Dank, es in diesem Punkt ausnahmsweise einmal früher schaffen? Ich entschuldige mich auch gleich mal für die sprachliche Entgleisung bezüglich der abgrundtief blöden Merkel-Wähler – tut mir echt leid, das so hinschreiben zu müssen.
Sascha Lobo sagt …
… am Ende seines Artikels Schriftsteller als Netzverächter – Vom Genre der Besserhalbwisserei: „Gäbe es nur diese eine Wahl: Jede denkende, jede fühlende Person wäre lieber rechts mit Botho Strauß als links mit Günter Grass.“ Und da dachte ich doch zwischendurch noch Tl (too long), doch da ich ohnehin nichts Besseres zum Frühstück zu tun habe als essen und teetrinken und lesen, las ich immer, immer weiter, ganz ohne Kenntnis des besprochenen Botho-Strauß-Essays im Spiegel, und siehe da, am Ende teilte Sascha Lobo mit dieser Erkenntnis den Text, auf daß ich durch ihn hindurch in meinen Tag gelangte, der jetzt frisch betreten vor mir liegt. Was aber nun anfangen, denke ich, während hinter mir das Textmeer wieder zusammenschwappt und alle Nachfolgenden ersäuft? Vielleicht erst einmal einen kleinen Artikel in mein Blog schreiben! Warum nicht, schadt ja nix!
140.832 Wörter
Falls das jemanden interessiert: ich werd noch verrückt! Und zwar durchaus nicht vor lauter Glück, sondern vor Ungeduld. Kennen Sie das – da arbeiten Sie gut vier Jahre lang intensiv an einem Roman, es werden knapp 500 Seiten, und Sie können den Text irgendwann echt nicht mehr sehen, absolut nicht, er hängt Ihnen zum Hals heraus, jedes Wort, es sind 140.832, und ist es auch noch so beiläufig, hat seine Geschichte, an jedem Satz ist so lange gefeilt worden, bis er nicht ein Häkchen zu viel oder zu wenig hat – und dann heißt es warten, ob der Roman die ersten Schritte, die allerersten, draußen im Leben machen kann, ob er überhaupt auf die Beine kommt. Währenddessen kommen natürlich die Zweifel, oh, nicht meine eigenen, sondern die der Freunde und Nicht-Freunde, denen ich schlecht begegnen kann, weil ich in dieser beschissenen Warteposition bin, weil ich am Pranger stehe und mich nicht rühren darf. Da wird durchaus nicht nur mit Wattebäuschen geworfen. Und dabei bin ich ja jetzt, wie manche meinen, durchaus nicht ohne Arbeit, es ist genug zu tun, hier mal 250 Seiten Unterhaltung schreiben in zwei Monaten, dort liegengebliebene Texte überarbeiten, Bewerbungen schreiben für Stipendien und so weiter. Alles schön und gut, aber am liebsten, am allerliebsten würde ich sofort, wirklich jetzt, mit dem nächsten Romanprojekt beginnen – die Idee wächst bereits seit einer Weile, sie wogt hin und her, manche mögliche Figur wird bei mir vorstellig, einige nur ein Hauch, andere scheinen bereits vollausgebildet, zerplatzen dann aber bei der ersten Berührung. Auch Handlungsstränge schwirren schon herum, und das ist nicht ungefährlich, das sage ich Ihnen. Tja, aber auch hier muß ich mich in Geduld üben, ich weiß, ich darf noch nicht mit einem neuen Projekt beginnen, ohne daß ich eindeutig zu sagen vermöchte, warum. Ist so ein Gefühl, nur so ein Gefühl, und so lange ich das habe, fange ich weder etwas Neues an, noch werde ich verrückt.
Sondermüll
Es wird Zeit, sich mal Gedanken zum Sondermüll zu machen. Also nicht zu dem ekligen Zeug selbst, sondern zum Begriff, oder nein, zum Begreifen des Begriffs. Was macht den Müll so sonder? Nun, er ist besonders gefährlich, muß besonders behandelt werden, braucht eine besonders sichere Heimstatt und muß trotzdem oft sehr lange und sehr genau beobachtet werden. Sondermüll hat also viel mit Kunst zu tun. Ende des Gedankenmachens.
In Fühlung gehen
Kann man sich eigentlich überall gleich fremd fühlen? Die Antwort ist einfach, denn das kommt ganz und gar auf einen selbst an. Der Ort ist dabei zweitrangig. Außerdem ist es ja durchaus nicht ausgemacht, daß das Sich-fremd-Fühlen allein als negativ empfunden werden muß. Ganz im Gegenteil eigentlich, es macht frei und regt zu Veränderungen an, über die ich immer nachdenke, nur eben nicht immer gleich intensiv. Ich bin nicht der Typ, der Mensch, scheint mir, der sein Leben lang im eigenen, heimatlichen Urschleim im Kreis herumpaddeln kann, so als sei er nichts weiter als der Abschaum seiner selbst. Das Vertraute, wie auch immer, zu verlassen, rückt einen überdies in eine spannende Beobachtungsposition und schärft die Sinne und macht ausgesprochen lebendig – das jedenfalls ist meine Erfahrung. Das Einzige, was nicht geschehen darf ist, sich im eigentlich Vertrauten fremd zu fühlen, denn dann sollte man die Beine in die Hand nehmen und Land gewinnen, bevor man sich selbst verschleimt hat und untergeht. So sieht’s aus.
„Dein Stück Berlin!“
Werbeschildchen an Häusern, man soll doch eine Eigentumswohnung kaufen! „Dein Stück Berlin!“, das steht da drauf. Es geht nicht mehr darum, einen eigenen Lebensentwurf zu haben, nee, man will sein Stück abhaben, es kaufen, es sicher haben, haben, haben, und sich das Leben damit dann so gut wie möglich designen. Das ist der Zeitgeist! Die Werbung bringt es an den Tag, denn Werbung ist krank, und Krankheiten zeigen was. Das ganze Projekt mit Eigentumswohnung und Mini Cooper wird natürlich letztlich bei jedem einzelnen dieser Designmenschen schiefgehen, klar, Scheidungen, drogensüchtige Kinder, Älterwerden, Insolvenz, Krankheit und was nicht alles sonst wird das schöne Leben kaputtmachen. Also kein Grund zur Sorge, alles wie immer. Interessant ist nur, daß das öffentliche Getriebe und Getreibe so vehement auf das Glück der Menschen ausgerichtet scheint, obwohl für eben dieses Glück den meisten Menschen überhaupt keine Zeit mehr bleibt, weil der Kaufpreis so hoch ist. Ja, hat das denn den Menschen niemand gesagt, daß ein toller Ort und tolles Lebensdesign allein nichts bedeutet, wenn man keine Zeit, keine Muße hat, um zu genießen!? Ständiges Optimieren bei gleichzeitig körperlichem und geistigem Verfall unter Verbrauch nichtrecycelbarer Energie und vor allem nichtrecycelbarer Zeit führt am Ende schließlich zum Tod – das lernt man doch schon in der Schule im Fach Physik. Kann man alles ausrechnen. Aber was kratzt es mich, könnte ich denken, und das tue ich auch. Blöd nur, daß das alles, zumindest in den Prenzlauer Bergen, dazu führt, letztlich das berlintypisch Piefige wieder über die Maßen zu beleben, die Spießer kriegen Oberwasser, ganz so, als würde eine Krankheit die nächste auslösen. Ist wahrscheinlich auch so, das lernt man ja schließlich schon in der Schule im Fach Biologie. Oder war’s Geschichte? Oder Gesellschaftskunde?

