Erschöpfendes Zwischenergebnis

Noch ist nichts gewonnen. Erschöpft und mißlaunig bin ich, das läßt sich konstatieren, jetzt, da die Romanüberarbeitung abgeschlossen ist und das Ding in die Welt hinauskatapultiert werden muß. (Eine allerletzte Überarbeitung kommt natürlich noch, wenn denn dann die Voraussetzungen eben dafür hergestellt sind.) Rein statistisch sieht es so aus,

was natürlich rein gar nichts bedeutet. Dazu gibt es noch eine zehnseitige Handlungsübersicht, in der Spiegelstrich für Spiegelstrich das Geschehen erkennbar wird, dann noch eine dreiseitige Inhaltsangabe, zu der noch eine zweiseitige kommen soll, eine einseitige und ein Waschzettel, auch wenn das meinethalben jemand anderes machen kann. Zudem muß natürlich alles, was Kontakte und Ideen hat, nun abgefragt werden, auch ist einem Freund, der sozusagen „nur“ Leser ist, das Manuskript anvertraut, denn zum Leser soll es ja, qua Verlag, hin! Knapp fünf Jahre nach der ersten Roman-Idee und nach drei Jahren recht intensiver Arbeit, eigentlich von der Zeit an, als ich als Stipendiat in Schöppingen mich ranmachte, kommt es nun also darauf an, ein gutes Stück Arbeit der Welt zu schenken, die, wie immer, zu ihrem Glück gezwungen werden will – ich geh aber mal davon aus, daß die Welt das mag, das Gezwungenwerden, und selbst wenn nicht, dann muß sie eben zum Gezwungenwerdenmögen gezwungen werden, auch egal. So!

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Franz Kafka trifft Friedrich Nietzsche

Die wohl im Januar 1917 entstandene Erzählung Die Brücke von Franz Kafka (Titel von Max Brod) knüpft mit einiger Sicherheit direkt an das von Friedrich Nietzsche verwendete Brücken- bzw. Seilgleichnis an. (Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde. / Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. / Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein  Ü b e r g a n g  und ein  U n t e r g a n g ist. [KSA 4, S.16f.]) Kafka nimmt ohne viel Federlesens das Gleichnis Nietzsches wörtlich und behauptet das ganz und gar Unmögliche im Duktus eines Berichts. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

„Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich, diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm hatte ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich in dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten; ohne abzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören Brücke zu sein.“

Zunächst einmal fühlt sich der (heutige) Leser an den Beginn des Romans Das Schloss (entstanden 1922, erschienen 1926) erinnert, wo es auch um eine Brücke geht. Ich möchte das Motiv des Übergangs jedoch nicht innerhalb des kafkaschen Werks, sondern im Vergleich zu Nietzsches Gleichnis beleuchten. Wie gestaltet Kafka den Übergang zu etwas Anderem, zu dem Anderen? Novalis sprach vom Traum als einem Riß in dem geheimnisvollen Vorhang zwischen den Welten, einem Riß, durch den sich wieder, allerdings „bereichert“, zurückschlüpfen läßt in die Wirklichkeit. Für Kafka, wie für Nietzsche, gibt es dieses Zurück nicht; das Vorher, das Zurückgebliebene läßt sich nur noch mit Sprache vergegenwärtigen.

Kafka beginnt seinen Text mit einem Ich, ganz als auktorialer Erzähler. Aber wer ist dieses Ich, was ist es? Die vom Autor gewählte Vergangenheitsform macht zunächst einmal eines deutlich: das jetzt erzählende Ich war einmal ein anderes Ich, nämlich eine Brücke, eine menschliche Brücke, ausgestattet mit allen menschlichen Eigenschaften, sowohl körperlich wie geistig, wie im Laufe der Erzählung zu erfahren ist. Dieses Ich wußte, ich muß eine Brücke bleiben; der Absturz führt zu meinem Ende als Brücke.

Wir haben hier nicht nur zwei Ufer, ein diesseitiges und ein jenseitiges, wir haben auch zwei oder gar drei Ichs, zählt man das Ich vor dem Sein als Brücke über dem Abgrund (den schließlich auftauchenden „Wanderer“?) hinzu. Konzentrieren wir uns aber zunächst auf das erzählende Jetzt-Ich und das Ich des Übergangs. Nietzsche spricht, in Person seines Zarathustra, davon, diejenigen zu lieben, „die sich der Erde opfern, dass die Erde einst des Übermenschen werde“ (KSA, S.17.). Das Jetzt-Ich Kafkas hat sich offenbar geopfert, berichtet es doch in der Erzählung vom Ende seines Seins als Brücke, jetzt (in einem Danach) gleichsam vom anderen Ufer aus, geradezu so etwas wie Rechenschaft ablegend. Spricht hier also, im Erzähler-Ich, der Übermensch? Fest steht, daß hier ein einzelnes Ich spricht, das Werden oder das Gewordensein allein durch den Erzählvorgang betonend.

Betrachten wir den Text weiter. Wir wissen um das Übergangs-Ich; ein zur Brücke gewordener Mensch, dessen gefährlicher Zustand über einem Abgrund nur enden kann mit dem Absturz, der aber für den Brücken-Menschen zunächst zwar denkbar, aber offensichtlich nicht machbar ist, da er nicht loslassen kann, weil es dafür keinen Anlaß gibt. Als sich endlich ein „Mannesschritt“ nähert, denkt er allein nur an die Aufgabe, den ihm „Anvertrauten“ hinüberzubringen, ohne aber, lesen wir hier parallel Nietzsche, ein Zweck zu sein, gleichwohl aber „ein Übergang und ein Untergang“. Der Brücken-Mensch sieht den Herankommenden, den Wanderer, nicht, er blickt wartend in den Abgrund, aber er hört ihn und macht sich bereit, ihn sicher ans Land zu schleudern, sollte er schwanken. Die Frage, wer der Herannahende wohl sein möge, stellt sich der Brücken-Mensch jedoch erst im „wilden Schmerz“, als dieser ihm mitten auf den Leib springt. Zuvor träumte er dem Wanderer „nach über Berg und Tal“, während derselbe unschlüssig und vorsichtig die Brücke zunächst einmal untersucht.

Träumt der Brücken-Mensch (in seinem Gedankenwirrwarr) sich selbst? Immerhin plant er den womöglich Schwankenden ans Land zu schleudern und sich dabei zu erkennen zu geben. Das Ich, das dem anderen Ich eine Brücke ist? Noch ist der Brücken-Mensch in seinen Träumen befangen, als der Wanderer, wie gesagt, plötzlich mit beiden Füßen auf ihn springt, und erst jetzt, im Schmerz, fragt der Brücken-Mensch nach der Identität des Anderen, fragt, ob er ein Kind, ein Turner, ein Waghalsiger, ein Selbstmörder, ein Versucher, ein Vernichter sei. Er wendet sich ihm zu, das heißt, er versucht es, aber noch bevor er den Anderen erkennt, stürzt er in den Abgrund.

Wie heißt es bei Nietzsche? War dort nicht in einem Atemzug die Rede von dem Menschen als einem Übergang, der Brücke, und einem Untergang, dem Absturz!? An anderer Stelle wird es noch deutlicher, wenn Nietzsche Zarathustra in den Mund legt: „Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang“ (KSA, S.17.). Eben dies, das Erkennen, will der Brücken-Mensch, er will erkennen, wer ihm da auf den Leib gesprungen ist, wer den Übergang zu wagen beschlossen hat, wer sein anderes, sein geträumtes Ich ist; es steht gleichsam hier ein Erkenne Dich selbst zwischen den Zeilen. So lautet das Ende der Geschichte:

„Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich so friedlich angestarrt hatten aus dem rasenden Wasser.“

Erkennt der Brücken-Mensch, so ist zu fragen, im Absturz, im Untergang sein anderes Ich, den Wanderer, bevor beide aufgespießt und zerrissen sind, um dann schließlich vom rasenden Wasser, wie anzunehmen ist, fortgetragen zu werden? Die „Leerstelle“ im Text, die Zerreißung betreffend, ist hier aber keine Auslassung, sondern verweist auf den Beginn der Erzählung zurück; das (neue) Ich als erstes Wort des Textes gibt die Antwort! So ist nach dem Absturz der beiden Ichs ein neues, sich hier im Ich des auktorialen Erzählers offenbarendes Ich entstanden, das dann letzten Endes Übermensch zu heißen ist als eines Versuchers und Überwinders.

Ich denke, die Brücke kann in diesem Text durchaus als so etwas wie eine lebende Sollbruchstelle aufgefaßt werden, ein Ich, das im Untergang, im Bruch, zu einer neuen Existenzweise kommt kraft Überwindung seiner selbst und so zum Übermenschen wird – strikt in dem Sinne, in dem Nietzsche diesen Begriff meinte.

[Sie finden den Text auch hier!]

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Worte & Daten oder: Donald Duck als lebendes Schutzschild

Was soll man dazu sagen? Oder vielmehr: schreiben? Am besten nix, Feind liest mit, denkt man, während man ja andererseits mittendrin steckt in der Weiterführung und Neuentstehung von Mythen, denn der Fall des Flüchtlings Edward Snowden hat durchaus das Potential, die Vereinigten Staaten von Amerika auch dem letzten Naivling als das zu präsentieren, was sie sind, nämlich die mit allen Mitteln um Weltherrschaft ringende Großmacht. Das kennt die Menschheit schon. Sicher, das haben rußlandverliebte Hinterzimmerkommunisten schon immer gesagt, während naiv-dümmliche West-Berliner nur so vor USA-Liebe dahinschmolzen, weil sie aus Versehen mitgerettet worden sind – doch nun ist alles klar: der große Bruder steht nackt da in all seiner Gewalt – und der kleinere mit Namen Großbritannien übrigens auch. Wir hier in den Prenzlauer Bergen haben ja relativ viele us-amerikanische Mitbürger, was man am ehesten mitbekommt, wenn man bei gutem Wetter spazierengeht, denn da mutet es an, als säßen vor jeder Kneipe Daisy Duck und Donald Duck und quakten ausdauernd über Börlinn. Natürlich reden hier alle nur über die Stadt, in der sie leben, die US-Amerikaner sind allerdings ein besonderer Fall, denn sie schützen, als lebende Schutzschilde, uns Eingeborene vor dem Beschuß durch Drohnen, was also heißt, daß wir den US-Amerikanern schon wieder einmal dankbar sein müssen. (Seltsam, oder? Wie kriegen die das nur hin?) Aus Versehen mitgerettet – wie peinlich! Doch man sollte natürlich realistisch sein, denn so eine Weltmacht holt Staatspräsidenten vom Himmel und macht überhaupt meistens das, was dort schon immer üblich war, erst aufhängen nämlich, und dann der Prozeß. Was also tun? Sich ein Vorbild nehmen an Edward Snowdon und wenigstens sagen, was man denkt und was man für richtig hält (denn wissen tut man zum Glück ja nix), gerade auch aus deutscher Verantwortung heraus, oder sich den Arschkriechern in CDU und SPD anschließen und nun ganz amerikafreundlich behaupten, Snowdon wäre kein politischer Flüchtling, während sie andererseits diejenigen, die eindeutig in krassester Weise gegen deutsche und europäische Gesetze verstoßen haben, nicht einmal als Kriminelle benennen. Ich persönlich hoffe ja auf die wenigen Aufrichtigen, die es immer gibt und von denen wir in Deutschland immer zu wenige haben, und wenn wir sie haben, werden sie totgeschlagen oder totgeschwiegen oder von ihrer eigenen Partei, wie im Falle Willy Brandt, kaputtgemacht. (Die SPD hat, zum Beweis ihrer Haltung, in ihrer Parteizentrale eine Standbild Willy Brandts, bei dem wohl kaum jemand nicht an die us-amerikanische Sitte des Teerens und Federns denkt). Naja, aber was rege ich mich auf, die Hauptsache ist doch, daß wir uns alle nun eine Schere in den Kopf einbauen, damit wir bloß nicht auffallen mit Worten und Daten, etwa durch das Benutzen von Begriffen, die die Weltmacht zum Mitlesen geradezu verpflichtet, also: Edward Snowdon, USA, Großbritannien, Drohnen, Daisy Duck, Donald Duck (Grüße übrigens, weiter so!), lebende Schutzschilde, West-Berlin, Willy Brandt, Kommunisten, Rußland, Prozeß, Eingeborene, Weltmacht, Staatspräsident, Himmel …

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Mein trauriges Künstlervorsichhinlebenleben, frei nach Kafka

Die Vergnügungen für Nichtkünstler, so wurde mir klargemacht, sind für Künstler immer beides, nämlich zu viel des Guten und zugleich zu wenig. Ich täuschte Nichtverstehenkönnen vor und klimperte fleißig mit den Augendeckeln, obgleich mir schon schwante, was da kommen mochte. Und es kam, denn wie nur könnte ein Feingeist, er wies mit dem beringten Zeigefinger auf mich, genauer: auf meine Nasenspitze, solcherart gemeines Vergnügen zu schätzen wissen – daraus ließe sich doch wohl nichts Künstlerisches herleiten oder ableiten oder zubereiten. Ich widersprach. Ein Komponist etwa könne, sagte ich, aus dem Stimmengewirr an einem Strand und dem Rauschen der Wellen, dem Schreien der Möwen ohne weiteres eine Fuge oder doch wenigstens ein Fugato machen, und er solle doch mal an die impressionistischen Maler denken oder auch an die expressionistischen mit ihren Straßenszenen und Jahrmarktsszenen und großen Badenden und Cancantänzerinnen und trüben Barszenerien und so weiter und so fort, da könne er doch unmöglich annehmen, einem Künstler sei auch nur ein Aspekt des Lebens zu gering – das könne er doch unmöglich annehmen! Während ich das, auf ihn hinunterblickend, sagte, verging ihm das hämische Grinsen, es floß sozusagen unten aus seinem Gesicht heraus und tropfte ihm in den Schoß, so daß es aussah, als hätte sich der so lässig in seinem Liegestuhl fläzende Torwächter in die Shorts gepinkelt. Mmh, sagte er, ich solle nicht glauben, er wisse nicht von was ich spreche, denn die Kunstmuseen und die Musik der westlichen Hemisphäre kenne er wohl, aber da ich doch nun weder Komponist noch Maler sei, so frage er sich doch, was ich denn da, er wies mit dem Daumen über die Schulter in den Trubel hinein, wolle – doch nicht etwa etwas darüber schreiben? Derweil er nun mit der lässigen Miene eines hochgeachteten Wächters Kreti und Pleti durchwinkte, es quietschte jedesmal gotterbärmlich, wenn das arme rotweiße Drehkreuzchen eine Vierteldrehung mit dem Gast machte, der freilich geradeaus ging, während er also durchwinkte, setzte ich ihm auseinander, wie moderne Autoren aus dem Alltagsleben ganze Romane gemacht hätten, backsteindicke Romane, und da sei es doch mehr als nur nachvollziehbar, wenn ich mein trauriges Künstlervorsichhinlebenleben etwa aufpeppen wolle durch den Besuch einer Volksvergnügungswiese, die dann mitunter bald eine Rolle in meinen Schriften spielen könnte. Mmh, sagte er, komme ich denn dann auch vor in dem Roman? Er grinste und legte den Kopf ein wenig schief. Ja, sagte ich knapp, denn ich hatte Durst und wollte ein Bier, Sie kommen auch darin vor, worauf sich sein Mündchen spitzte, mmhmmh machte es, und dann winkte er mich, zugleich die Augendeckel hinunterklappend, tatsächlich mit lässiger Geste in Richtung Vergnügen! Ich ließ mich nicht lange bitten und tat also einen Schritt, das Drehkreuzchen tat pflichtschuldig sein Geräusch, und schon war ich mitten drin im Getriebe. Schreiben würde ich über das hier natürlich keine Zeile, das versteht sich ja von selbst. Puh! Was für ein Trubel.

 

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Das Kreuz mit der Anrufung

Mein Gott, warum hab‘ ich Dich verlassen!? Kommst Du zurecht? Fehlt Dir auch nix? Naja, wer hat schon die Fähigkeit, sich selbst so ganz traditionell zu kreuzigen, niemand!, sage ich, und das wußten bereits die alten Römer, als sie diesen Deal machten mit dem großen Regisseur. Das ist lange her. Heutzutage ist das mit dem Selberkreuzigen keine Kunst mehr, ein falscher Satz, eine Nachlässigkeit, eine Lüge, schon ist man da, wo man hingehört. Richtig so! Das Schöne am traditionellen Kreuzigen ist ja, daß die Edelmaße des Menschen nahezu dem damals noch nicht so genannten goldenen Schnitt gemäß ausgestellt werden, wenngleich, das darf nicht verschwiegen werden, diese Kunst des Kreuzigens den Besatzern diente und damit politisch instrumentalisiert war. Man kennt das aus allen Zeiten, alle Regime und Diktaturen suchen die Kunst für ihre Zwecke zu nutzen, auch wenn die öffentliche Zurschaustellung der Strafe so ungefähr seit dem späten 19ten Jahrhundert der öffentlichen Zurschaustellung des Prozesses hat weichen müssen. Gott ist nun also nicht mehr der Himmel über der Kreuzigung, sondern die Saaldecke des Gerichts, vom Amtsgericht bis zum Bundesverfasstheitsgericht. Damit muß er, sie, es leben, selber schuld, sage ich da nur.

Für irgendwas muß dieser Gott ja gut sein, und wenn Sie mich fragen, so ist er Der- (oder meinethalben auch Die- oder auch Das)jenige, der anzurufen ist, wenn es denn richtig existentiell abgeht. Hiob hat das getan, als er merkte, daß er das einzig überlebende Opfer einer Wette von Gott und Luzifer war, und natürlich gab Gott ihm dann recht, als Richter und Angeklagter zugleich, woraufhin die Akte Der zerbrochene Hiob geschlossen ward. Auch lange her, länger noch. Heutigentags aber würde niemand, dessen brillanter Ruf ihm oder ihr selbst das wichtigste auf der Welt ist, zugeben zu wissen, daß diese Anrufung, Gott, Jesus, der Heilige Geist, selbst auch Maria müssen da mal ran, rein statistisch am häufigsten beim Geschlechtsverkehr geschieht, ganz gleich, ob dieser vermeintlich privat und unmedial vonstatten geht oder ob er als Videobotschaft an die Welt entlassen wird. Und da die Menschen zunehmend englischsprachig vögeln, wird in eben dieser Sprache in die Welt hinaus gehaucht und geschrien, daß die Kassen nur so klingeln. Dagegen waren die paar Kreuzer, die Judas für seine Rolle bekommen hat, nur Peanuts. Echt ma‘!

Norbert-W.-Schlinkert-Temporäres-Ausstellungsobjekt-NB-HH

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Auf die Länge kommt es an, und auf die Kürze!

Innen Sommer, außen Herbst, so will es die gegenwärtigste Gegenwart, denn im Schnürregen auf dem Balkon sind’s 15° Grad Celsius, in der Wohnung, dank der Hitze der letzten Woche, immer noch 25° Grad, da kann ich lüften wie ich will. Was nun bedeutet das literarisch? Nun, ich fürchte nix, wenngleich sich daraus eine kleine Geschichte machen ließe, deren Herstellung ich hiermit aber verweigere! Sollen doch die Diplom-Schriftsteller sich solcher Aufgaben annehmen, mir ist das durchaus nicht angenehm, denn tatsächlich bin ich der Ansicht, das Unbesondere als solches bestehen zu lassen als es selbst, das Besondere aber aus einer unendlichen Vielzahl solcher Kleinheiten und einiger weniger Besonderheiten zu komponieren, sozusagen nach dem Prinzip der Oper. Gedichte dürfen nämlich gerne kurz sein, Prosa aber habe ich gerne lang, als Roman oder auch als längere Erzählung oder Novelle. Alles Kurze macht mir seelische Schmerzen, hinausgeworfen fühle ich mich aus einer eben erst betretenen Welt, wenngleich es herausragende kurze Geschichten gibt, die nachklingen eben wegen ihres Herausragendseins. Wie kam ich drauf? Ach ja, wegen des Wetters, das sich gerne als nur kurze Erscheinung herausstellen darf, denn warum wohl sollte sich im Deutschen sonst Kürze und Würze so prima reimen. Auf Länge reimt sich hingegen nichts, was irgendeinen Sinn ergäbe – na also, haben wir auch das mal geklärt!

Nassesberlin, Norbert W. Schlinkert

 

 

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Ich winkte weder noch wunk ich

Gestern am sehr späten Abend sah ich die startende Air Force One gen Osten Westberlin verlassen, in ihr der uns beehrt habende US-Präsident und Anhang. Da soll einer noch behaupten, man erlebe nichts auf so einem Berliner Balkon! Trotzdem blieb ich ruhig. Nun ja, dachte ich, das war’s dann wohl gewesen mit dem Präsidentenbesuch, fast alle sind zufrieden, die Journalisten haben Geld verdient, ob durch Hofberichterstattung oder versuchte Analyse, Obama hat eine seiner typischen Reden gehalten, die jeder mit dem Grundkurs-Rhetorik-Schein so leicht durchschaut wie der Präsident die Scheibe, die ihn während der Rede von seinen begeisterten Zuschauern trennte, Merkel hat ihren „Wahlkampf“ aufgehübscht und so weiter. Wer allerdings Sorge hat, ob nicht in aller Welt private oder auch berufliche Kommunikation von Machthabern aller Couleur mitgelesen wird, der hat nur die präsidiale Antwort bekommen „Schnauze halten, ist alles nur zu Deinem Besten, vertrau uns, denn wir haben alle Macht und Du keine“. Wie gesagt, alles in bester Ordnung.

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Mein ganz bestimmtes Machenmüssen

Mein ganz bestimmtes Machenmüssen ist ganz sicher kein Getue, dafür ist es auch viel zu viel jahre- und jahrzehntelange ernsthafte Arbeit, selbst wenn Oberschlaue allerlei Schlüsselerlebnisse ins Feld führen, die, „leider!“, zu diesem meinem Schreibenmüssen geführt haben, wo ich doch mit meinem Verstand schon längst im Wohlhabbereich angekommen sein müßte. Dabei habe ich den oberschlauen Pragmatikern selbst die Munition geliefert, als ich von meinen Kindheits- und Jugenderlebnissen erzählte, die man doch überwinden müsse!, von der unsäglichen Gleichmacherei der 60er- und 70er-Jahre, die damals grad jene ins Feld führten und als das eigene Lebensprinzip propagierten, die nicht sehen konnten oder wollten, daß sie eben damit denen, die über mehr Ressourcen verfügten, Geld, Beziehungen, Besitz, in die Karten spielten. Natürlich konnte sich damals, als ich noch klein war, das Arbeiter- und Angestelltenmilieu als solches damit selbst beruhigen, daß sie alle ja schließlich (noch) gebraucht wurden zum Wohlstandsaufbau und -erhalt, geschenkt, doch die Kinder mit hineinzuziehen in diese Lebenswelt – das war nicht klug, ja es war hanebüchen dumm, dem eigenen Nachwuchs Bildung und damit Wahlmöglichkeiten vorzuenthalten. Zur Strafe müssen die Alten jetzt ihren Wohlstand mit dem Nachwuchs teilen, denn wo sind sie denn alle hin, die sicheren Arbeitsplätze – ja wo laufen sie denn!

Die Hauptschuld daran trägt mal wieder die Sozialdemokratie, der niemand ihre Oppositionstätigkeit vorwirft oder ihr Tun und Handeln bis 1933, die es jedoch nach dem Krieg, wenn sie an der Macht war, wie zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, mit allen Mitteln verhindert hat, daß sich Facheliten bildeten. Willy Brandt war sogar der Ansicht, eine Schul- und Hochschulpolitik, die (auch) eine Elite herausbildete, sei ungerecht – dabei schadet so etwas nicht per se den Nichtbesondersspezialisierten, sondern nur denen, deren Talent verkümmert und deren Enthusiasmus erschlagen wird. Folge dieses Unsinns waren schlechte Schulen mit viel zu großen Klassen (bis 45 Kinder!), die Massenunis und insgesamt eine weitere Verkümmerung des Geisteslebens, was zur Folge hatte, daß sich in der besagten Zeit Mittelmäßigkeit wie Mehltau über das Land legte, was eben, ich sagte es schon, umtriebige, wissbegierige und somit ehrgeizige junge Menschen behinderte und ausbremste – erstens durch ein einfaches Nichtgefördert-, Nichternstgenommen- und Nichtbeachtetwerden, zweitens durch das Fehlen von Vorbildern, die unsereiner dann in der Literatur und der Kunst suchte und fand. Und wenn man da einmal Feuer gefangen hat, ist man mit den Versprechen auf ein Facharbeiterleben, Eigenheim und sicherer Rente (ha!) einfach nicht mehr zu erreichen, man ist frei von diesem Lohnsklavendenken, auf das die SPD lange Jahre ihre Macht aufbaute, was sie sich heute mit der Partei der Linken teilen muß. Aber ich komme mal wieder von Höcksken auf Stöcksken, und natürlich möchte ich mich auch für die viel zu langen Sätze in diesem Beitrag entschuldigen, denn wer soll das denn bitteschön lesen!

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Die Kunst des Sichentbehrlichmachens

Es sieht so aus, als sei es mir endlich gelungen, mich allerorten entbehrlich zu machen. Das war nicht einfach, ich habe aber auch Glück gehabt, zum Beispiel bin ich im Laufe der Zeit älter geworden und habe mich auch nach und nach überqualifiziert.

Dazu kommt, daß es mich nach wie vor auch in Bereiche treibt, die für schwierig gelten. Beispiel dafür ist die Beschäftigung mit der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, in der nicht selten umständliche Beschreibungen länglicher Art zu finden sind.

Wer mich kennt weiß, ich mißtraue jeder Art Ideologie. Ich möchte auch nicht in einer Partei sein, nicht in einer Gewerkschaft und auch in keinem Verein. Mir gefällt nicht, daß ich in solchen Organisationen gezwungen sein könnte, mich einer allgemeinen Ansicht anzuschließen. So einer wie ich ist also, der allgemeinen Ansicht nach, ein Spalter.

Es gibt die Ansicht, ich wolle immer alles besonders gut machen. Das ist für Pragmatiker oft verletzend, denn schließlich kommen die mit ihrer Art gut voran, woraus sie schließen, daß ich nichts kann außer dieses Besondersgutmachenwollen, das man aber eben nirgends gebrauchen kann, denn sie selbst kommen ja gut weiter mit ihrer Art. Beweis genug.

Es löst nicht selten Verwirrung aus, wenn ich sage, ich brauche nur genau das Geld, das ich eben brauche. Ich gelte also auch in diesem Punkt für unvernünftig, denn man muß doch über die Gegenwart hinaussehen, um sich auch mal was leisten zu können. Jemand, der so denkt, will aber weder etwas – noch sich etwas leisten. So einen können wir nicht gebrauchen. Soll der doch Romane schreiben, wenn er sonst schon nichts kann.

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Das Zeitalter des Sichlustigmachens und des Moralisierens

Viele Menschen machen sich ständig lustig, nicht wenige wirken dabei unfreiwillig komisch. Die meisten dieser Lustigmacher handeln aus verletzter Eitelkeit, aus Neid, aus Mißgunst, aus Gehässigkeit oder sogar aus purer Bösartigkeit heraus. Das ist schlimm, langweilig und schwer zu ertragen, dennoch aber unverkennbar ein Kennzeichen unserer permanent untergehenden Kultur. Eine kleine Minderheit jedoch macht sich nie lustig (und ist es auch nicht), sondern handelt und spricht, und auch Sprechen ist ja ein Handeln, aus einem moralischen Impetus heraus, der nach strikter Ernsthaftigkeit verlangt. Das ist noch unerträglicher, dennoch aber ein Kennzeichen unserer permanent untergehenden Kultur. (Seltsam, daß das Sichlustigmachen schon rein sprachlich etwas Rückbezügliches hat und somit auf die handelnde Person verweist, während die strikt Ernsthaftmoralischen schon rein sprachlich immer auf eine Gesamtheit verweisen, ohne sich dabei als Person zwingend mitmeinen zu müssen.) Ganz wenige Einzelne aber haben weder die Charakterschwäche der Lustigmacher noch Leichen im Keller wie die Moralisten und siedeln gleichsam in einem Zwischenreich, dessen Vorhandensein von allen Seiten bestritten wird, mal in sich lustigmachender Weise und mal in ernsthafter. Dieses Zwischenreich aber ist, gerade auch weil es als solches weder lustig noch ernst genommen wird, ein alle Zeiten überdauerndes, wovon nicht zuletzt die Kunst aller Zeiten kündet, wenn man sie denn zu sehen vermag.

David selbst, Norbert W. Schlinkert

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