Lebensweisen und Binsen (I): Alles dreht sich, doch man steigt nie ein zweites Mal in die selbe Gondel

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O. Dysses & U. Lysses & O. Gott

„Sie erblicken in mir, sagte Stephen mit grimmigem Mißvergnügen, ein grausiges Beispiel für die Freigeisterei.“ Nach 1989 und 1992 gönne ich mir nun James Joyce‘ Ulysses (in der Übersetzung von Hans Wollschläger) zum dritten Mal – ich hatte mich schon lange darauf gefreut. Das erste Lesen war, ich kann mich gut erinnern, noch mit allerlei Schwierigkeiten verbunden, schließlich mußte ja parallel auch noch Homers Odyssee (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss) gelesen werden, was zunächst auch nicht so ganz einfach ist. Hat man sich aber erstmal hineingearbeitet, das gilt für beide Werke, steht dem Vergnügen nichts mehr im Wege. Einer Freundin entfuhr heute morgen ein O. Gott, als ich telefonisch von meiner Lektüre berichtete, was seltsam ist und auch wieder nicht, denn das höre ich oft, selbst von Literaten. Als wenn Literatur allein der munteren Unterhaltung zu dienen hätte, die voraussetzungslos zu konsumieren sein muß! Manche Menschen arbeiten sich in fürchterliche Fachgebiete ein, um ein bißchen Geld zu verdienen oder zu sparen, doch wenn es ums Lesen geht, darf es bloß nicht nach irgendeiner Schwierigkeit aussehen, man könnte sich ja anstrengen müssen müssen! Und dabei wird die zuerst notwendige Anstrengung ja auch noch nach einer Weile zum reinen Vergnügen, das, weil eben nicht mehr voraussetzungslos, den Leser nicht nur von außen kitzelt, sondern ihn ganz durchdringt, und zwar nur ihn! So viel Einigkeit ist selten im Leben. Hach!

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Listen

Immer wieder diese Listen, diese Vergleiche, dieses Gegenüberstellen! Die Liste der am meisten gefährdetsten Tierarten, die ersten 100, die kennt man natürlich auswendig, darunter so nette Viecher wie das Kyffhäuser Hauswildschwein. Selbstredend gibt es auch eine Liste der am meisten gefährdetsten Kulturtechniken, die da sind Briefschreiben, Zuhören, Spinnen, Sticken, Briefmarkensammeln, Brieftaubenzüchten und so weiter, dann gibt es noch Long-Lists und Short-Lists mit Romanen drauf, von denen einer dann den Preis bekommt, auf daß er sich noch besser oder wenigstens weniger schlecht verkauft als die, die den Preis nicht bekamen, tja, und dann haben wir auch dieses Jahr wieder den neuesten deutschen Glücksatlas serviert bekommen, die Post war so nett, sich darum zu kümmern, so daß wir nun wissen, wo in Deutschland die glücklichen Menschen wohnen und wo diese schrecklichen Unglücklichen. Hätten wir uns aber natürlich denken können, liebe Postler, denn Geld allein, das weiß man, macht ja schließlich nicht glücklich, man muß es auch noch haben, und zwar selbst – ganz wichtig!

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Mit dem zweiten Blick ist’s komischer

Das noch d’rin liegende Kassenzettelchen weist den 11. März 1982 aus. Sieben Mark und achtzig Pfennig habe ich damals dafür bezahlt, in der Buchhandlung Niehörster in Dortmund. Es handelt sich um die dtv-Ausgabe von Heinrich Heines Atta Troll. Ein Sommernachtstraum und Deutschland. Ein Wintermärchen. Heute, beim zweiten Lesen, erinnere ich mich durchaus an viele Passagen, bin aber nicht sicher, ob ich sie damals schon als so ausgesprochen scharfsinnig und komisch erkannt habe – wahrscheinlich nicht, denn ich war 18 und bar jeder Bildung. Auch bei anderen Büchern habe ich beim zweiten Lesen sicher öfter schallend gelacht als beim ersten in jungen Jahren, denn wer einen Text nicht ausreichend begreift, nimmt ihn wahrscheinlich eher zu ernst – wie auch sonst, denn lachen tut man ja immer wegen einer erkannten Differenz, und das erfordert Wissen. Trotzdem war das erste Lesen immens wichtig, es hat mich gestärkt in einer Welt, die dauernd Dinge von mir forderte, die ich nicht tun wollte, die mir allerdings auch vieles gab, was ich brauchte – ernste Literatur zum Beispiel.

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Schreiben ist eine einsame Insel

Eine einsame Insel ist das Schreiben, eine Insel, von der nicht wegzukommen ist. Manchmal setzt jemand vom Festland über und bleibt eine Weile, leistet uns Gesellschaft, zuppelt hier und da herum, doch spätestens bei Einbruch der Nacht muß der Gast das Eiland verlassen, will er nicht von den Dämonen gefressen werden, die die Insel bevölkern. Schließlich aber muß sogar ich, der Schreiber der Insel, sie verlassen, nämlich dann, wenn sie zu Ende erzählt ist, denn nun wird alles noch einmal geschehen, immer und immer wieder.

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Historisch oder nicht historisch, das ist hier die Frage

Wat is een historischer Roman? Jute Frage, dat! Mein in der Überarbeitung befindlicher Roman ist Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts angesiedelt; das ist zwar schon in Teilen die Moderne, wie wir sie kennen, dennoch aber würde ich sagen, die Zeit steckt tief in der Historie und kommt da auch nie wieder raus. Letztens, ich hatte soeben Der Antichrist. Historischer Roman von Emilijan Stanew (Rütten und Loening, Berlin 1974 / Антихрист. 1970) beendet, zog ich Webers Protokoll von Nora Bossong aus dem Regal, ein Roman dessen Zeit das Dritte Reich und die Nachkriegszeit ist, bis hin zum Anfang der Sechziger. Ich habe den Roman mit großem Vergnügen gelesen und kann ihn als einen außerordentlich gelungenen nur weiterempfehlen, doch ist er ein historischer? Nein, sagen die einen, weil noch Zeitzeugen leben, was aber auch heißen muß, der Roman wird in dem Moment zu einem historischen werden, wenn der letzte Zeitzeuge das Zeitliche segnet, ja, sagen die anderen, weil die Epoche der Nachkriegszeit spätestens mit der deutschen Wiedervereinigung abgeschlossen ist. Ich sage, es ist egal, wie man es benennt, solange der Roman nur gut ist. Die Marktstrategen sagen wieder etwas ganz anderes, zum Beispiel, daß so ein Roman doch gefälligst verfilmbar sein soll, ganz egal, ob und wie er historisch ist. Dazu sage ich nichts.

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Wort & Schlüssel

Wer wohl den Schlüssel erfunden hat? Sicher ist, er ist so eine Art Nachfolgemodell für die Losung, die man benötigt, um irgendwo hineinzukommen. Heutzutage sagt man Passwort dazu, was sozusagen so eine Art Nachfolgemodell für den Schlüssel ist. Fingerabdruck und Iriserkennung geht auch noch, alles kombiniert mit Stimm- und Ohrmuschelerkennung, Fußsohlenabtastung und Speichelprobenschnelltest. Hauptsache, man kommt rein. Zum Rauskommen benötigt man komischerweise viel weniger oft Schlüssel, Losungen, Passwörter und Erkennungstests, obwohl man doch beim Hinausgehen immer auch in etwas hineingeht, ins Freie oder an respektive in die frische Luft zum Beispiel. Da aber die meisten Menschen ohnehin nur zum Rauchen rausgehen, ist das nicht weiter von Belang – denn die gehen ja wieder rein.

 

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Dem Roman seine Überarbeitung XVIII

Ein langes Kapitel, das das letzte Drittel des Romans einleitet – der Takt muß stimmen, die Dichte muß stimmen, die Perspektivwechsel müssen stimmen, die Fakten ineinandergreifen, ohne daß eben diese Fakten Takt und Dichte negativ beeinflussen, und so weiter und so weiter. Alles wie gehabt, nur gegen Ende hin immer komplizierter. Es ist natürlich oft Fuckelarbeit, etwa wenn aus der dritten Person Singular das denkende Ich wird; warum zum Teufel, frage ich mich dann, habe ich das nicht von Anfang an so gemacht, wie es richtig ist! Doch man zeige mir den, der einen Roman einfach so runterschreibt! In zwei, spätestens in drei Wochen will ich die Überarbeitung beendet haben, ich schaffe durchschnittlich etwa zehn Seiten am Tag, dann soll es zunächst einmal von einer Fachfrau gelesen werden, worauf dann der Text noch einmal bearbeitet werden wird. Manchmal überlege ich, ob ich anders vorgehen würde, wenn ich die Veröffentlichung in einem bestimmten Verlag schon ganz sicher hätte, ob ich den Text dann früher rausgeben würde? Unter Zeitdruck würde ich es sicher tun, doch eigentlich bin ich froh, nun so arbeiten zu können, obwohl froh nicht der richtige Ausdruck ist angesichts des Textes und in all meiner Zurückgezogenheit.

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Heute wieder im Programm …

Die Latte hochzuhängen und dann elegant d’runter hertauchen – das ist unsere Sache nicht. Natürlich muß man die Fallhöhe beachten, denn es reicht ja nicht, es drüber zu schaffen, man sollte dann auch nicht ins Bodenlose fallen. Doch so weit sind wir noch nicht. Wir hoffen ohnehin darauf, die Latte nicht zu reißen und dann zu fliegen, zu gleiten, uns auf Höhe zu halten, immer im richtigen Moment mit den Schwingen zu schlagen. Also weiter, immer weiter mit dem Roman seine Überarbeitung, mit dem Erstellen des Textes nach den künstlerischen Kriterien, die für uns uneingeschränkt gelten. Das heißt natürlich überhaupt nicht, daß das zu Erstellende nicht unterhaltsam sein wird, daß es nicht auch einfach mal komisch sein kann, ja, es heißt eigentlich überhaupt nichts konkret Einzelpunktiges, sondern nur, daß das Handwerkliche ganz konkret und ganz praktisch dem Erstellen eines Kunstwerkes dient. So! Eine Geschichte ist zu erzählen, von der wir vor dem Schreiben viel wußten, aber nicht alles, so daß wir selbst auch staunender Leser sind, wenn es gut läuft. Wir sind angespannt wie ein Flitzebogen, das ist natürlich klar, doch lieber dies, als ein armseliges Leben zu führen dort draußen, zu dem wir aber immer noch und jederzeit verurteilt werden können. Was man uns übrigens nicht vorwerfen kann ist, daß wir uns nicht um unsere „Altersvorsorge“ kümmern würden, weil wir doch keiner tagesvollpropfenden Lohnarbeit nachgehen, wir tun, so en passant natürlich nur, nichts anderes, denn wir passen schon genau darauf auf, uns ausschließlich vor dieser Sorge zu hüten. Nun aber weiter im Text.

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Hinzufügungen

Eigentlich habe ich immer das Gefühl, ich könne der Welt nichts hinzufügen, es sei denn, ich erzähle eine Geschichte, die ich mir erarbeitet und ausgedacht habe, die also niemand sonst als ich erzählen kann. Hier und jetzt und Ich, das zählt, jede andere Arbeit und Beschäftigung muß diesem eigenen Tun dienen. Das mögen einige Zeitgenossen für verrückt halten, doch mir war es schon immer suspekt, nur für den Lebensunterhalt und fürs Freizeitvergnügen zu arbeiten – denn das hieße für mich, sich in zwei Teile spalten zu lassen. Dennoch bin ich wie die meisten künstlerisch tätigen Menschen manchmal ganz kurz ein bißchen neidisch auf die, die unter dieser Spaltung, die eine Erfindung der Moderne ist, nicht leiden, sie wahrscheinlich sogar als eine gute Sache empfinden, denn soll man denn nur arbeiten in diesem Leben. Ja, soll man? Wenn es denn einen Sinn macht!

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