Ich habe mir kraft meiner Wassersuppe einen halben Tag freigenommen und bin auf meinem Rennrad von den Prenzlauer Bergen bis Rahnsdorf geritten, bis zum alten Spreearm und wieder zurück. Diese Tour dauert immer ziemlich genau drei Stunden, von denen ich zwei durch die Stadt fahre und eine durch den Wald am Müggelsee vorbei. Natürlich kann ich nicht die ganze Zeit vollstoff geben, doch meist fahre ich so zügig wie möglich. Nun ist Radfahren zwar nicht so tierisch anstrengend wie zum Beispiel das Überarbeiten von eigenen Texten, dennoch aber merke ich schon, was ich getan habe. Die ersten zwei Stunden nach der Rückkehr bin ich jedenfalls ziemlich durch, nicht körperlich, aber im Kopf. Kleinigkeiten gehen schief, weil ich nicht richtig mitdenke, und es ist durchaus schwierig, nur so als Beispiel, mir einen Kaffee zu machen, wie ich ihn mir sonst mache, also die richtige Reihenfolge einzuhalten, die richtige Menge Pulver in das richtige Gefäß zu löffeln und so weiter. Erst nach gut zwei Stunden, die ich badend und dann lesend verbracht habe, machte es heute zong. Nun bin ich wieder klar, frisch und leistungsfähig, wie man ja auch an diesem Text sehen kann. Nö?
Aus der Blödheit kommt die Kraft!
Zeitendehnung
An viele Begebenheiten kann ich mich erinnern, doch sie sind nicht ausgeschrieben, es gibt nur Versatzstücke, Bilder, nachgefühltes Lebendigfühlen. Es muß mutmaßlich der zweite Weihnachtstag 1984 gewesen sein, als ich zusammen mit einem Freund von der Autobahnraststätte Lichtendorf bei Schwerte nach Paris getrampt bin. Abends waren wir da, ganz und gar wirklich in Paris, dem Paris. Gibt es das heute noch? Für mich nicht, denn damals ist es ein graues Paris gewesen in einem anderen Leben, auf einem anderen Planeten, in einer anderen Welt. Mir ist, als hätte ich seit dieser Zeit gleich mehrere Leben gelebt, manchmal überschwemmen mich all die Eindrücke der sogenannten Vergangenheit unwillkürlich und tun mir weh. Die Vergangenheit ruht also keineswegs, und natürlich staune ich manchmal, was ich alles so getan habe, einmal eine Rückreise von Dublin nach Dortmund per Propellerflugzeug bis Liverpool, dann erinnere ich mich an eine kurze Zugfahrt, dann trampte ich bis Leeds, wo ich bei mir bis dahin unbekannten Freunden meiner damaligen Freundin in Chapeltown übernachte, und von da muß ich dann irgendwie nach Hull gekommen und von dort per Fähre nach Rotterdam geschippert sein, wo ich schließlich den Zug nach Dortmund nahm. Mir wird ganz anders, wenn ich daran denke, jetzt, wo die Welt fast überall gleich aussieht und man so vieles einfach buchen kann, all inclusive. Gestern Abend, auch das schon eine Erinnerung, war ich bei einbrechender Dunkelheit spazieren im ein wenig zu bunten Prenzlauer Berg, doch ich habe mir eine Brille mit gelben Gläsern aufgesetzt, und als mir dann wie zur Belohnung ein Citroën DS in einer Seitenstraße entgegenkam, mit gelben Scheinwerfern, da habe ich unwillkürlich aufgeseufzt. Kann sich noch jemand an Frankreich erinnern, bei Nacht, mit all diesen gelben, hin und her flitzenden Pünktchen? Ich schon!
Dem Roman seine Überarbeitung XVII
Jetzt wird es richtig spannend! Selbst für mich. Kennen Sie das, Sie lesen einen Roman nach Jahren zum zweiten Mal, Sie wissen in etwa, wie was passiert, und trotzdem hämmert Ihnen das Herz in der Lesebrust? Beim Überarbeiten meines Romans kann es schon mal sein, daß ich an einer Passage von zwei, drei Seiten oder auch nur einer halben Seite stundenlang arbeite, bis alles stimmig ist, dann wieder gehen mir zwanzig Seiten ganz leicht von der Hand, doch alles ist gut, alles ist ruhig – wenn aber diese Spannung auftritt, wenn ich wissen will, wie es weitergeht, obwohl ich es weiß, dann hämmert das Herz und es kribbelt hinter den Augen, eine Art Euphorie steigt vom Hals her auf, ich quatsche vor mich hin, gebe komische Geräusche von mir und so weiter. Ich könnte an einem literarischen Text nie in der Bibliothek arbeiten, ich flöge hochkant raus!

Das Schreiben von Romanen (17)
Ohne das Tragikomische ist ein guter Roman undenkbar. Insbesondere die negativ konnotierten Figuren haben immer etwas Komisches, weil sie in ihrer Bösartigkeit ausschließlich böse zu reagieren vermögen auf jede Art von Abweichung oder Störung. Außerdem ist es im richtigen Leben ja auch so, daß Diktatoren, große oder kleine, im Staat, in der Firma, in der Familie, immer etwas Lächerliches und Komisches an sich haben – die deutsche Geschichte hat ja ein paar solcher Kerls hervorgebracht, bei deren Anblick einem aber das Lachen im Halse stecken bleibt, meistens jedenfalls. Heißt das nun, daß die eher positiv anmutenden Figuren nicht komisch sein können? So ist es wohl, doch dafür haben die dann meist Witz, und das ist erstens auch nicht zu verachten und zweitens die bessere Möglichkeit, einen gewissen Einfluß auf die Mitmenschen zu erreichen. Daraus folgt, daß in einem Roman ein diktatorisch sich gebärdender Mensch immer auf einen Menschen mit Witz treffen muß, denn das ist in der Realität auch so – wie auch sonst sollten all die tragikomischen Konflikte entstehen, die des Menschen Himmelreich oder Hölle sind?
Kreuzbrav mit Tiefgang
Das literarische Schreiben an sich ist eine kreuzbrave Angelegenheit. Sollte man jedenfalls meinen. Auch sind die meisten Lesungen ja durchaus harmlose Veranstaltungen – man kann schon froh sein, wenn sich alle Jubeljahre mal ein Gast ordentlich echauffiert, der Dichter ausrastet und der Veranstalter alle rausschmeißt. Das passiert sehr selten, erstens weil der geneigte Zuhörer oder die geneigte Zuhörerin meist glaubt, es handele sich beim Schreiben um eben das, was man selbst ja auch kann, so daß der Künstler als nicht gar so fremdes Wesen wahrgenommen wird; zweitens ist die Literatur die einzige Kunst, bei der der Rezipient mittels der eigenen Vorstellungskraft einen recht großen Teil zum Gelingen beitragen muß, sich also auch mitverantwortlich fühlt – und wer rast schon gerne gegen sich selbst! Drittens wäre noch anzumerken, daß stille Wasser oft tief sind, so daß auch diese wenig aufsehenerregende Kunst ordentlich Tiefgang haben kann, bis hinein in alles, was überhaupt denkbar ist. Und das ist dann gar nicht mehr brav.
Das Schreiben von Romanen (16)
Es ist ohne Zweifel eine spezielle Tätigkeit, dieses Schreiben von Romanen. Angeblich hat es ja fast jeder schon einmal versucht, ausgehend von der falschen Ansicht, daß das ja wohl so schwer nicht sein dürfte, denn schreiben kann man ja und Ideen hat man auch. Den Versuch, eine Symphonie oder eine Oper zu komponieren, starten so wohl auch vergleichsweise wenige Menschen, es gibt ja auch viel mehr Romane als Symphonien und Opern. Allen gemein ist jedoch das Erschaffen einer eigenen Welt, die aus gegebenen Bedingungen heraus frei zu formen ist, wobei man es mit der Freiheit nicht übertreiben sollte, siehe James Joyce‘ Finnegans Wake. Andererseits hat das Schreiben von Romanen auch etwas Spielerisches, und wer spielt, verliert sich schon mal darin, denn wie sagte schon Heraklit: „Das, was ist, zerstreut sich und tritt zusammen und geht heran und geht fort. (Fest ist nichts.)“ [B 91] Wenn das mal nicht der universelle Klappentext für praktisch jeden Roman ist, dann weiß ich es auch nicht!
Dem Roman seine Überarbeitung XVI
Ich feiere dieses Jahr ein kleines Jubiläum, nämlich dreißig Jahre Geldsorgen. Leider gibt es dafür keine Anerkennung, schon gar nicht in monetärer Art und Weise. Immerhin, die Romanüberarbeitung kommt nun gut voran, grad heute habe ich ein Kapitel bearbeitet, das ohne Wenn und Aber als der Wendepunkt des Romans bezeichnet werden muß, es teilt das Geschehen in ein Vor und Danach. Es gibt solche Wendepunkte auch im richtigen im Leben, manchmal bekommt man es mit, manchmal auch nicht. In meinem Leben ist wieder einmal ein solcher Punkt erreicht, auch wenn ich noch hoffe, es möge sich mittels eines Neuanfangs zum Guten wenden, wegen dieses Wendepunktes – wir werden sehen. Auch daß ich die Kulturwissenschaft als eines „Berufs“ nun aufgegeben habe, obwohl ich gerne als Dozent gearbeitet hätte, ist wohl wendepunktverdächtig, wenngleich ich das Schreiben deswegen nicht und niemals aufgegeben hätte. Nun denn, wie heißt es so schön: weiter im Text!


Einfache Gedanken & Aphorismen III
Wer sich in die Partei begibt, kommt darin um.

Dem Roman seine Überarbeitung XV
Wenn eine Albtraumsequenz zum Albtraum wird – naja, ganz so schlimm war’s dann doch nicht, wenn ich auch an einer halben Seite stundenlang gesessen habe, um es wirklich in jeder Hinsicht präzise hinzubekommen. Ein Drittel des Gesamttextes ist geschafft, noch paßt alles zusammen. Seltsam, daß in einem Roman und überhaupt in literarischen Texten am Ende, manchmal nach fast unendlich erscheinender Arbeit, immer alles so gut paßt, so gar nicht wie im richtigen Leben, wo es nur allzu selten wirklich paßt, wovon dann der Schriftsteller ganz passend zu erzählen vermag.

Dem Roman seine Überarbeitung XIV
Es ist ein Ringen mit sich selbst, solch eine Überarbeitung. Und auch ein Kampf um zukünftige Möglichkeiten, denn nur durch einen erfolgreichen Abschluß dieses Romanprojekts ergibt sich die Chance auf Umsetzung neuer Ideen, die tatsächlich schon heranreifen. Von heute morgen halb neun bis jetzt, viertel vor fünf, habe ich zwanzig Seiten überarbeitet, schneller geht das bei mir nicht, oft sogar langsamer. Es muß ja so gut wie irgend möglich werden, selbst wenn ein Kapitel, wie das heute bearbeitete, emotional so runterreißend ist – doch man kann seine Figuren nicht vor dem Leben schützen, wenn man schreibt, das muß man als Schriftsteller wissen und akzeptieren. Was anderes als diese Arbeit möchte ich dennoch nicht machen, deshalb mache ich sie ja. Also weiter im Text!
