Die Leipziger Buchmesse habe ich vollkommen ignoriert – so lange mich keiner dahin einlädt, fahre ich da nicht mehr hin. Wie sagte noch der völlig aus der Mode gekommene Philosoph Arnold Geulincx: Ubi nihil vales, ibi nihil velis. (Wo du nichts giltst, hast du nichts zu suchen) Und schon bin ich wieder bei Samuel Beckett, der wohl ganz sicher ein Gespür dafür hatte, wo er nicht hingehört. Grad aber deswegen, weil man als Künstler an vielen Orten nichts zu suchen hat, ist es die ureigenste Aufgabe eines jeden Schriftstellers, sich die paar Menschen zusammenzusuchen, die Literatur eben nicht so gut wie ausschließlich nach kaufmännischen Kriterien beurteilen, so wie dies nach der damaligen Machtübernahme durch Rot-Grün und der fortgesetzten Durchsetzung neoliberalen Gedankenguts ja ganz offensichtlich immer mehr Usus geworden ist. (Und nicht nur im Kulturbereich, man denke nur an den medizinischen Bereich, die Pflege der Kranken und Alten, an die zu geringen Löhne viel zu vieler Menschen und die für ein Leben in Würde nicht ausreichende Höhe der Hartz-IV-Bezüge, et cetera pp. Bedenkt man dann noch, dass seit dem Ende des letzten Jahrhunderts die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer geworden sind, dürfte einem jeden klar sein, wohin die Reise geht.) Überhaupt, so wenig Politik als unmittelbarer Gegenstand in der Kunst etwas zu suchen hat, so sehr ist es der Kunst als solcher inhärent, das auf Ausbeutung und Gängelung des Individuums und gleichzeitiger Unterdrückung individueller Entfaltung aufbauende Menschenbild zu bekämpfen – denn wer sich nicht scheut weiterzudenken, der wird ohnehin klar erkennen, dass eben diese auf Benutzung und Ausbeutung des Einzelnen beruhende Ideologie, vor allem auch zunächst bezogen auf die sozusagen „eigenen Leute“, im Faschismus, im Kommunismus und auch in allen Formen der Sozialdemokratie nahezu die selbe ist. Kein Künstler kann da mittun, ohne sein Werk von innen her auszuhöhlen und am Ende zu entwerten, ganz gleich, welchen „Wert“ es da draußen in der Welt darstellt. Howgh!
Ubi nihil vales, ibi nihil velis
Hülfe denn womöglich eine Schriftstellerselbstmordwelle, Frau Torik?
Lamentiert wird zurzeit andernorts, da bin ich ja fast froh, denn alles selber machen will man denn nun auch wieder nicht! Beklagt wird jedenfalls, bei der Kollegin Aléa Torik nämlich, daß es dem literaturschreibenden Menschen meist schlecht geht, beruflich, finanziell, psychisch, während von eben diesen Schreibenden allerlei andere Berufstätige leben. Sie schreibt das folgende, ich darf mal zitieren:
Es ist tatsächlich ausgesprochen obszön, dass so viele schreiben. Dass so viele zu den Fleischtöpfen streben, von denen es nicht wenige gibt. Aber es kommen eben immer nur ganz wenige in Frage. Es sind wenige hundert, die die Preise und Stipendien bekommen, die auf die großen Festivals eingeladen werden etc. etc. Es ist obszön, dass wir, die wir Hunderttausend Menschen in Lohn und Brot halten, selbst solche Hungerleider sind. Wir müssten aufstehen und klipp und klar sagen, dass wir das nicht mehr machen. Wir schreiben keine Texte mehr. Wir schicken nichts mehr an Verlage, wir bewerben uns nicht mehr auf Stipendien und lehnen Lesungen freundlich, aber bestimmt ab. Wir verweigern uns einfach. Wir schreiben nichts mehr, vielmehr veröffentlichen wir nichts mehr. Anders als bei der Deutschen Bahn oder der Lufthansa, wo wegen Lappalien gestreikt wird, geht es bei uns um die gesamte Existenz.
So also Aléa Torik in ihrem Beitrag, und zwar als Replik auf die wütende Aufforderung Bersarins an die Schriftsteller:innen, sich doch gefälligst zu reduzieren, was imgrunde natürlich ein Schrei nach Liebe, also nach Qualität ist. Aber würde eine Verweigerung, ein (Schriftsteller:innen-)Streik, etwas nützen? So wie ein Krieg auch nur Krieg genannt werden darf, wenn er grundsätzlich beendet werden kann, so ist ein Streik auch keine ewige Verweigerung, irgendwann bröckelt die Front, Streikbrecher nutzen die Lage, ihren Kram unterzubringen, und so weiter und so weiter – und am Ende wäre die Zahl der Schriftsteller:innen nicht nur nicht kleiner, sondern womöglich größer. Was also tun? Auf die verwirrte Leserschaft ist natürlich wie immer kein Verlaß, denn die sind wegen des Überangebots an Literatur ohnehin völlig überfordert (und dabei gäbe es hinter dem Überangebot noch ein weiteres und sogar noch größeres solches), so daß womöglich nur eine Lösung bliebe, die zum einen die pure Anzahl an Literaten reduzierte, aber diesen auch je einen Publikumserfolg bescherte, möglich gemacht nämlich, so jedenfalls meine Idee, durch den einfachen und effektiven Selbstmord eines jeden einzelnen Schreibenden, und zwar direkt nach Beendigung der ersten selbst als gut empfundenen literarischen Arbeit. Grund dafür ist in jedem einzelnen Falle die Erkenntnis, mit solch einem Text nie und nimmer Erfolg haben, sich also auch gleich umbringen zu können – was aber wiederum mit dem Trost verbunden ist, durch sein eigenes tragisches Ableben wenigstens dem Text allein, ihm als solchem eine gute Chance auf Veröffentlichung und Erfolg zu ermöglichen, denn, das weiß man, das Publikum liebt gute Geschichten, die in der Realität, also der Verzweiflung der Autoren wurzeln. Alles in allem entstünde so eine Win-Win-Situation, die Autor:inn:en nämlich zeigten, wie ernst sie es meinen mit ihrer Kunst, wie sehr das Schreiben ihr Leben ist, und zudem würden die so ins Licht gerückten Texten angemessen gewürdigt werden, und das sogar von einem Publikum, das eben genau diese Texte wirklich will. Nur um den Nachwuchs an literarisch schreibenden Menschen müßte man sich womöglich ein wenig Sorgen machen, aber das Problem lösen wir dann auch noch, später irgendwann.
Eine dumme Leiche
Ich ringe zur Zeit mit allen möglichen Stoffen, Anfängen, Möglichkeiten, Mustern, Gegenmustern, vor allem aber mit Klängen, denn das ist das Entscheidende: der Klang eines Textes. Ein Text ist nie stumm, es sei denn, er ist tot von Anfang an, eine Texttotgeburt, eine dumme Leiche. Letzteres sagte Jean Paul über Figuren in Texten, die nicht unabhängig vom Autor handlungsfähig sind, denen der Autor etwas vorschreiben muß. Weg damit, schrieb Jean Paul und hat ja sowas von Recht! Wie gesagt, in mir gärt es, der Sud für Neues ist angesetzt, aber wie die Sache dann aussieht, wie sie klingt, wie sie riecht, wenn ich den Deckel abnehme: keine Ahnung! Oft merkt der Autor ja erst nach vielen, vielen geschriebenen Seiten, ob seine Welt einen eigenen Rhythmus hat und ob etwas in ihr lebt und sich fortpflanzt, fortlebt. Manchmal drücke ich den Deckel auch einfach wieder drauf und lasse das Angesetzte weiter gären, ja, Sie lesen richtig, liebe Leser:innen, ich arbeite nicht selten an „alten“ Texten irgendwann weiter, weil ich ihnen vor Jahren noch nicht gewachsen war oder der Text nicht mir – kurz mal einen gefälligen Text raushauen, einfach mal als Handwerker arbeiten – nee, das ist meine Sache nicht. Natürlich ist niemand, der oder die ähnlich arbeitet, überrascht, wenn ich von den gut fünf Jahren spreche, in denen ich an dem nun fertigen Roman arbeitete (auf daß er bald, hört, ihr Leute, veröffentlicht werden möge), denn das ist ein angemessener Zeitraum für ein mitteldickes Buch, so wie es von der ersten Idee bis zum Erscheinen des Buches ja auch im Falle meiner Studie zum poetischen Ich fünf Jahre gebraucht hat. Fünfjahresbücher also, wenn denn das Ding eben keine dumme Leiche ist … und von denen habe ich ja weiß Göttin schon genug im Keller.
Lyrik lesen (IV): Günter Abramowski
altmännerherbst
ich hab das haus
das ich mir wünschte
aufgegeben
es wurde lästig
ich hab es angegähnt
da flogs aus meinem mund
ich wandre aus
hinein
in eine dunkelblaue welt
ich geh der abendsonne nach
unfassbares leuchten auszuleben
die sinne los
& allem was mein geist sich
nimmt ergeben
möchte weilen
doch ich will
nicht länger bleiben
wie ich euch seh
hat mich mein atem
uns verwoben
doch ging ich nicht zu mir
wer wollte mich
zu meinen sternen führen
günter abramowski: vor den toren von tag & nacht. gedichte. elbaol verlag hamburg 2014Totentanz
Er taumelt ein wenig, für einen Moment musste ihm schwindelig geworden sein, dann sagte eine weibliche Stimme Bist Du nicht der Kerl, der sein Auto sucht, gefolgt von einem Hollaholla, nicht so stürmisch, andere müssen dafür bezahlen. Dann schon hört er sagen Fass mal mit an, jemand trug ihn, ihm war übel, es tanzte hinter seinen Augendeckeln, Betrunken sagte eine weitere Stimme, aber mehr fragend als feststellend. Kurz darauf fand er sich im Park auf einer Bank wieder, über ihm schwarze Nacht und zwei, drei Sterne. Mehr nicht. Ich muss sofort aufstehen, befahl er sich, mir muss schwindelig geworden sein. Jetzt aber gehe ich weiter, denke ich, dachte er, und ich werde etwas essen, sobald wie möglich. Mühsam richtete er sich auf, er sah auf die Uhr, er wollte auf die Uhr sehen, sie war fort. Er griff an die Innentasche seines Mantels, von außen, die Geldbörse war noch da. Er sah sich um. Ein Polizist, an seiner Hose nestelnd, trat aus dem Dunkeln heraus, was sollte er melden, dass seine Uhr gestohlen war, nichts weiter als ein Werbegeschenk für ein Abonnement. Nein. Hatte er sie denn überhaupt getragen, lag sie nicht noch im Flur neben dem Telefon, und eigentlich habe ich ja niemals Uhren getragen, wenn es nicht absolut nötig war, dachte er, die zur Kommunion geschenkte habe ich am selben Tag noch zerkratzt bei dem Versuch, einen hinter die Couch gefallenen Gegenstand mit der Hand zu erreichen. Das Glas der Uhr kratzte über die untapezierte Wand, später dann entfernte ich Ziffernblatt und Zeiger und trug die Uhr als mechanisches Gebilde, ohne jede Funktion über die des Getragenwerdenkönnens hinaus. Der Polizist musterte ihn kurz und verschwand wieder im Schatten. Ich kann nicht länger als einige Minuten auf der Bank gelegen haben, dachte er, mein Kreislauf muss wohl schlapp gemacht haben, wie man so sagt, und dann hat irgendjemand mich auf die Bank gelegt, doch kein Polizist, denke ich, keiner von denen, die hier Wache schieben. Sicher sind sie abgestumpft vom Dienst, längst nicht mehr so einsatzfähig wie es den Anschein macht, betrachtet man sie mit ihren lässig gehaltenen Maschinenpistolen, dachte er, plötzlich den Gedanken denkend, aus dem Dunkel heraus könnte einer der Polizisten, nachdem er in einen Busch gepinkelt hat, ihm in den Rücken schießen, mit einem einzigen Schuss vielleicht nur, denn man musste die Maschinenpistole nicht auf Dauerfeuer stellen, dachte er, ein Schuss, gut gezielt, würde reichen, von hinten vielleicht durch den Hals oder von hinten ins Herz, ich würde hier sterben, dies hier wäre der Ort, an dem ich sterben würde, geschähe das Denkbare, also das eben von mir tatsächlich Gedachte. Eine Meldung in der Zeitung, immerhin, die würde ich abgeben, wenn auch sonst nichts bliebe, denn wem schon bliebe ich in Gedanken, in Erinnerung, denke ich, man hat sich allseits aus den Augen verloren, man sah sich auf einmal nicht mehr so häufig, rief nicht mehr an, aus falscher Rücksichtnahme, den Freunden gegenüber, man will nicht stören. Nur zufällig würde man erfahren, was geschehen war. Warst Du mit dem nicht lange Jahre befreundet, würde auf einer Feier gefragt werden, froh, einen ernsten Gegenstand zum Ausgangspunkt des Gesprächs zu haben, in der Küche oder im Flur, die Musik im Wohnzimmer sehr laut, auch wenn niemand tanzt, ein ernstes Gespräch, meine Lebensstationen würden genannt werden von denjenigen, die sich vage erinnern können, man würfe die Informationen einfach zusammen, so einfach würde es sein, und erhält so ein Bild, mein Leben als Wortpuzzle auf einer Party, wie absurd, von einem Polizisten in den Rücken geschossen, stell Dir vor, wie schrecklich, einerseits, andererseits aber, die Menschen werden sich nicht scheuen, denke ich, dachte er, ein andererseits an den letzten Satz, welcher mich betrifft, zu hängen, ohne dann weiterzusprechen, man würde jetzt vielleicht doch tanzen, sich die schlechten Gedanken aus den Knochen, aus den Hüften schütteln wollen, um später sagen zu können, die Party war nicht schlecht, nicht ganz schlecht, man habe schließlich sogar getanzt, lange.
Prosagedicht VI / Blutpfützen
Blutpfützen
Kurz dachte er daran, die Schuhe auszuziehen, unten noch auf dem Trottoir. Doch er könnte auch, fiel ihm ein, oben in seiner Wohnung das Blut aus den Schuhen schütten. Abends schütteten alle immer das Blut aus ihren Schuhen. Das glaubte das Kind. Sie saßen alle auf dem Boden und schütteten das Blut aus ihren Schuhen heraus in den Schnee hinein. Das Blut also auch heute aus den Schuhen schütten, in die Blumenkästen, in die Erde hinein, und dann sickert es durch, es tropft und bildet Pfützen unten auf dem Trottoir. Blutpfützen.
>>>Gedichte
Was tun?
Was tun? Während da draußen die Welt runtergewirtschaftet wird, und zwar nicht einmal im wirtschaftlichen Sinne, sitze ich drinnen und schreibe und überarbeite Texte. Das ist ein wenig so, als beugte ich den Nacken, um es dem Henker leichter zu machen, die richtige Stelle zu treffen. Autoren sind Bettelmönche, deren Gemurmel nicht weiter stört, es sei denn, sie heben den Kopf und recken den Leib und stehen aufrecht im Wind. Was tun? Den Geschichten lauschen etwa? Doch hat nicht heutigentags allein schon jedes Produkt seine Geschichte, mit dem es sich um Aufmerksamkeit bewirbt, ja kann denn dieser da im Wind stehende Autor dagegen überhaupt anstinken, mit seinem erfundenen Zeugs? Ist er nicht selbst erfunden, dieser Autor da, von sich selbst in die Welt gesetzt, in der er jetzt herumsteht und nicht einmal still in der Ecke, wo er denn ruhig murmeln dürfte, dass ihm die Worte nur so aus dem Munde purzeln, aber nein, er steht da im Wind und schreit den Menschen seine Worte um die Ohren. Hat der Kerl denn keine Mutter, die ihn früh genug mit Verachtung strafte, wenn er aufmuckte mit seinem Geseiere? Ja, sicher, hat er, aber trotzdem bläst ihn der Wind nicht um. Warum nur, und was tun? Dem Wind vertrauen? Oder sollte dieser Autor da, erfunden wie er ist, sogar mich, der ich puste und puste, einfach so in die Welt gesetzt haben, nur um ihn anzupusten statt umzupusten? Und da lacht der Kerl auch noch! Was also tun?
Das Jahr der Rampensau
Ach, wissen Sie, ich finde es ja auch ungerecht von mir, so vieles als langweilig zu empfinden. Vor allem mein eigenes Nachdenken über die Wiederholung als solche hängt mir zum Hals raus. Auch wenn das allein mein Problem ist, schon klar. Vielleicht sollte ich mir einfach mal eine Woche Meer gönnen, so wie Madame TT, allerdings hat die sich das auch verdient und ich nicht. Andererseits werde ich dieses Jahr genau das tun, wenn es mich auch nicht in warme Meeresgefilde tragen wird. Zunächst aber steht eine Menge Arbeit an, nicht im Sinne dieser alleszerstörenden protestantischen Arbeitsethik, sondern allein in meinem Sinne. Brauche ich dabei ein wenig Aufheiterung, so gehe ich folgerichtig auch nicht in die Kirche, so wie die neu in die Prenzlauzer Berge gezogenen Spießerbanden dies lächelnd tun – da spielen sich des Sonntags Szenen ab, Sie glauben es nicht, liebe Leserinnen und Leser – sondern sehe mir einfach mal Kunst an, und zwar die ohne Preisschild und auch mal solche mit einer heiteren Note. Ach ja, und natürlich werde ich dieses Jahr endlich das, was mir grad letztes Jahr ungerechterweise teils vehement vorgeworfen worden ist, auch mal in die Tat umsetzen, mich nämlich dicke tun, angeben, aufschneiden und die Rampensau geben – schließlich muss sich die viele Arbeit ja auch mal lohnen, und außerdem haben dann manche Gestalten plötzlich recht mit dem, was sie sagen, das ist doch schön und wird sie freuen, die Gestalten. Sódele, auf geht’s!
Das poetische Ich und der Urknall desselben
Mit ungeahnter Plötzlichkeit war sie da, die Möglichkeit und damit die Wirklichkeit des poetischen Ich. Die Perpetuierung dieses neuen irdischen Seins wird, einmal angestoßen, nicht wieder, so wenigstens sieht es zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus, zu beenden sein. Es begegnet dem Leser von qualitativ hochwertiger Literatur auf Schritt und Tritt, und es kann – selbstverständlich – offen darüber gesprochen werden. In einem Interview äußert sich der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier bezüglich seines Romans Abendland auf die Frage nach dem Eindruck von Wahrhaftigkeit in seinem Roman:
„Wenn die Geschichten, die Personen, die darin auftreten, mir beim Schreiben als rein erfundene Dinge gegenüberträten, an die man – berufsbedingt – zwar glauben muss, aber in Wahrheit nicht glauben kann, dann würde es nicht gehen, nein, dann wäre der Wurm drin. (…) Man zeigt diktatorisch in eine Richtung, die Geschichte kümmert sich nicht darum und folgt ihrem eigenen Weg. Wenn man das zulässt, kann es zu einem guten Ende führen. Wenn man sich dagegen sträubt, scheitert man, immer. (…).“1
Auch Jean Giraud, Zeichner sowohl der berühmten Westernserie Blueberry als auch von Science-Fiction-Comics (unter dem Pseudonym Moebius), sieht eine ähnlich enge Bindung von Schöpfer und Figur. In einem Interview bemerkt er zu der Feststellung, seine Arbeitsweise bei experimentellen Werken2 erinnere an eine der zentralen Ideen des Nouveau Roman, nicht auf das Erzählen eines Abenteuers komme es an, sondern auf das Abenteuer des Erzählen, folgendes:
„Das ist völlig richtig. In gewisser Weise existiert die Figur, der etwas passiert, nicht nur auf dem Papier; sie ist zugleich die Person, die zeichnet. Und diese Person assoziiert wiederum den Leser, der das Abenteuer betrachtet. In einem metaphorischen Sinne geht es um die Abenteuer wirklicher Menschen.“3
Der Schriftsteller Georg M. Oswald nimmt dazu eine andere Position ein und sieht im Autor den alleinigen Lenker der zu erzählenden Geschichte. Oswald schreibt:
„Der Autor wählt den Stoff, erfindet Figuren, eine Handlung, und hat jegliche Freiheit, sie wissen zu lassen, was immer er will. Das Geschehen seines Romans liegt allein in seinen Händen, er kann es nach seinem Belieben lenken.“4
Diese technisch korrekte Arbeitsbeschreibung Oswalds läßt keinen Zweifel daran, wer das Heft in der Hand hat. Angesichts der Unmöglichkeit, mit erfundenen Figuren tatsächlich zu kommunizieren wie mit leibhaftigen Menschen, ließe sich etwa die davon abweichende Sichtweise Köhlmeiers sogar als Attitüde entlarven, wenn da nicht der Sprung von der Idee zur Wirklichkeit zu berücksichtigen wäre, der immer auch ein Sprung hin zu einer Belebung ist, die am Ende des Prozesses in der Praxis des Lesens nicht bezweifelt werden kann, ohne die Imagination zu zerstören. Und warum sollte dann dieser Sprung hin zur Lebendigkeit, zur poetischen Wirklichkeit einer Person, nicht bereits beim Schreiben eine Rolle spielen? Dies allerdings hätte ein Ringen mit dem zu erzählenden Stoff zur Folge, einen Kampf um Inhalt und Form, der in der oswaldschen Herangehensweise schon in einer früheren, planenden Arbeitsphase geleistet worden ist, während Köhlmeier trotz „diktatorischer“ Planung diesen Strauß im Schreibprozeß auszufechten hat. Am Ende steht ohnehin immer allein die Frage nach der Qualität des Textes, nach der Wahrhaftigkeit des Erzählten im Ganzen und der der poetischen Ichs im Einzelnen, die der Leser zu entscheiden hat. Über die Wahrhaftigkeit etwa eines in der ersten Person erzählten Textes sagt Köhlmeier:
„(…) Dem auktorialen Erzähler vergibt man keinen Fehler. (…) Wenn da aber einer sagt „Ich“, dann kann ich ihn am Kragen fassen, er gibt mir die Möglichkeit zu bezweifeln, was er mir erzählt. Merkwürdigerweise verringert das nicht seine Glaubwürdigkeit, sondern steigert sie.“5
Das persönliche Beharrungsvermögen mit allen Möglichkeiten eines Ich, das Köhlmeier hier anspricht, ist so immer auch in und mit der Zweifelhaftigkeit von Sprache angelegt, mit der das poetische Ich sich Raum zum Leben verschafft. Es ist nicht mehr, wie noch der wielandsche Agathon, vom Autor allein abhängig, denn es nimmt, ganz wie ein Ich „aus Fleisch und Blut“, seine Möglichkeiten im vorhandenen Kontext wahr. Es wird nicht wie eine Marionette geführt, wenn der Autor es für notwendig hält, vielmehr zwingt es ihm und anderen „Mitstreitern“ seine Präsenz nach Möglichkeit auf. Köhlmeier formuliert:
„(…) Ich mag das, wenn in einem Roman Personen auftreten, die sich nicht gleich von vornherein unter die Dramaturgie des Protagonisten zwingen lassen, die stolz sind und sagen: Ich weiß schon, ich bin nicht die Hauptfigur, aber ich könnte die Hauptfigur sein. Eine Person besteht aus ihren Geschichten, aus ihrer Geschichte. Nur vor dieser Geschichte wird ein Charakter sichtbar. (…).“6
Das hier angesprochene poetische Ich verhält sich, es hat Antrieb zu eigenem Handeln, mit dem es sich in Interaktion setzt mit seiner gesamten Umwelt7, die sich aus dem „Geschriebensein“ und dem Geschriebenen zusammensetzt zu einer lebendigen Vorstellung im Lesenden, der nehmend und gebend teilhat und teilnimmt am vorgestellten Ich. Ein rein zweckdienliches Erfinden von Gesamtzusammenhängen ist, geht der Autor wie Köhlmeier vor, hier kaum noch möglich. Der vormalige „Schöpfergott“, das Genie kantscher Prägung ist Teil der Geschichte geworden, er greift nach den Handlungsträgern durch und mit Sprache, so wie diese nach seiner Sprache greifen, um sich ausdrücken, um atmen und sprechen zu können. Läßt der Autor somit vom normativen angelegten Ich ab und sich auf ein poetisches Ich ein, so ist Schreiben immer im überwiegenden Maße Interaktion. Die Möglichkeiten im Schreiben sind so in einer Weise unendlich, wie sie von Raum, Zeit und Sprache konstituiert werden.
Der Leser hat mit dem Lesen des ersten Absatzes den ersten Schritt getan in eine Geschichte hinein, die ihm eben das abverlangt, was er bekommt; es handelt sich um ein fortgesetztes Tauschgeschäft, ein Ringgeschäft, letztlich um ein Kreisspiel, von dessen Schnittpunkten sich die Lesewirklichkeit als Lesegegenwart in alle Richtungen ausdehnt, in Vergangenheit und Zukunft und auch sonst über alle Grenzen hinweg. Daß der vom Autor gedachte fiktive, dann aber doch reale Leser sich auf dieser Basis fortwährend wenigsten vorläufig mit dem Gelesenen einverstanden erklären muß, ist eine der Grundkonstanten besonders (und auch: bereits) bei den Texten Jean Pauls (1763 – 1825). Während das poetische Ich durch eine dem Schreibprozeß inhärente Wechselwirkung eine Teilautonomie erlangt, die der des Autors gleicht, ist der gedachte Leser jedoch umso abhängiger vom Autor, je mehr er dem realen Leser entspricht. Hier, wo der Erfolg eines Textes sich entscheidet, wird deutlich, daß nicht nur die „Regeln des Spiels“ von beiden Seiten akzeptiert werden müssen, sondern daß auch das gegenseitige „Involviertsein“ das richtige Maß haben muß. Kommt der Leser der vom Autor anvisierten Schnittstelle aber nicht nah genug, so mißlingt der Lesevorgang mit der Folge, daß dem poetischen Ich durch den Leser kein Leben „eingehaucht“ werden kann.8 Paul Heinemann schreibt zu der Vorgehensweise Jean Pauls als einem der frühen Miterschaffer des poetischen Ich:
„Indem er den fiktiven Leser zum Komplizen erklärt, versucht Jean Paul schließlich, die Wirkungskraft der geschlossenen imaginativen Wirklichkeit, welche möglichst eng mit der Erfahrungswirklichkeit des tatsächlichen Rezipienten verknüpft werden soll, zu erhöhen. Nicht nur stattet der Autor den Erzähler und den Leser mit den gleichen Kompetenzen aus, sondern beide scheinen sich darüber hinaus den erfundenen Romancharakteren anzuverwandeln, da sie als ähnlich unvollkommene Geschöpfe auftreten. Schließlich informiert der Erzähler als Stellvertreter des Autors den Leser unmittelbar über die Genese der einzelnen Romane, so daß letzterer als Zeuge des kreativen Aktes „ständig in zwei Welten, in der Welt des Romans und in der Welt des Autors“9 lebt. Der Leser avanciert neben dem Erzähler zum eigentlichen Helden der Romane Jean Pauls, da er in den Binnenraum der Fiktion hineingezogen wird und ihm sich scheinbar die Möglichkeit eröffnet, das Verhalten einzelner Romanfiguren zu beeinflussen oder den Fortgang der Romanhandlung zu verändern.“10
Auf diese hier beschriebene Weise fixiert Jean Paul den angesprochenen Schnittpunkt, von dem aus Lebendigkeit und Bewegung möglich ist, immer wieder neu. So führt er seinen Leser zu einer größtmöglichen Selbständigkeit im Nachvollzug des geschilderten Ich, etwa eines Siebenkäs, wenn der an einer Stelle des gleichnamigen Romans plausible Wunsch nach Befreiung vom Joch der Ehe und von der Enge eines kleinen Kaffs wie Kuhschnappel zu der sehr speziellen Möglichkeit des Scheinsterbens führt. Der Leser vollzieht das Sterben und daraus folgende Werden wissend mit, so daß er wissend und damit schaffend teilhat am „neuen“, poetischen Ich, ja er ist in gewisser Weise selbst das, was Jean Paul einen „Doppeltgänger“ nannte, nämlich derjenige des Autors.
Fußnoten:
1 Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.
2 Zum Beispiel Arzach (1976) und Die hermetische Garage des Jerry Cornelius (1979).
3 Süddeutsche Zeitung. Die Figur auf dem Papier ist selbst der Zeichner. Interview mit Jean Giraud alias Moebius von Christoph Haas. 8. Mai 2008. Nr.107. S.14.
4 Süddeutsche Zeitung. Der allwissende Erzähler. Literatur zwischen Stoff und Form. Von Georg M. Oswald. 29. April 2008. Nr.100. S.13. Eine Figur aus einem oswaldschen Roman könnte sich etwa auf die selbe Art beklagen, wie der junge Mann in „Die Wiederholung“ sich brieflich bei Constantin Constantius beklagt: „Oder ist es nicht eine Art von Wahnsinn, in solchem Grade jede Leidenschaft, jede Rührung des Herzens, jede Stimmung dem kalten Regiment der Reflektion unterworfen zu haben! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise normal zu sein, nur Idee, nicht Mensch, nicht wie die anderen, biegsam und nachgiebig, verloren und sich verlierend! Ist es nicht Wahnsinn, in solcher Weise immer wach zu sein, immer bewußt, niemals dunkel und träumend!“ Sören Kierkegaard / Constantin Constantius: a.a.O.: S.399. Erster Brief vom „15. August“.
5 Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Geschichte hat ihren eigenen Kopf. 05. Oktober 2007. Nr.231. S.52.
6 ebd.
7 Im Zusammenhang mit dem endgültigen Verbot von Maxim Billers Roman Esra durch das Bundesverfassungsgericht (12.10.2007) äußert sich der deutsche Schriftsteller Friedrich Ani auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, was er von dem Urteil halte, u. a. folgendermaßen: „Die Perönlichkeitsrechte einer Romanfigur sind mindestens so hoch einzuschätzen wie die Persönlichkeitsrechte eines lebenden Menschen.“ Süddeutsche Zeitung: Der Willkür ist nun Tür und Tor geöffnet. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13. Diese hier geäußerte und realistisch betrachtet überzogene Ansicht zeigt immerhin deutlich, wie wahrhaftig ein literarisches Ich in der Welt (des Lesers) aus Sicht eines Autors sein soll. Das poetische Ich wird hier ohne Abstriche als in seiner Welt vollständige Rechtsperson angesehen, die nicht einfach nur eine Mischform aus realem Vorbild und Hinzugedichtetem ist. So kritisiert Heribert Prantl auch diese „quantitative Messmethode“, aufgrund derer das Gericht zu seinem Urteil kommt. Siehe dazu: Süddeutsche Zeitung: Die Kunstrichter von Karlsruhe. 13./14. Oktober 2007. Nr.236. S.13.
8 Ein Beispiel dafür ist sicher Finnegans Wake (1939) von James Joyce, der diesen Schnittpunk, der ein adäquates Lesen überhaupt erst möglich macht, deutlich zu nah an seiner eigenen Imagination ansiedelt.
9 Paul Heinemann zitiert hier: Günther Soffke: Jean Pauls Verhältnis zum Buch. Bonn 1969. S.40.
10 Paul Heinemann: Potenzierte Subjekte – Potenzierte Fiktionen. Ich-Figurationen und ästhetische Konstruktion bei Jean Paul und Samuel Beckett. Würzburg 2001. S.366.
Never drive a car when you’re dead
Was wollte uns Tom Waits mit dieser Textzeile sagen? Never drive a car when you’re dead? Mysteriös! Die Zeile zuvor lautet: „Never trust a man in a blue trench coat“ – womöglich gibt das Aufschluss. Nein, auch nicht? Gut, lassen wir’s. Auf das literarische Bloggen übertragen läge die Bedeutung der beiden Textzeilen aber womöglich darin, auf keinen Fall einen Beitrag zu schreiben, wenn einem absolut nichts einfällt. Darin, sich das Veröffentlichen von Unsinn komplett zu verkneifen. Grad natürlich in Zeiten, in denen viel beschworen wird, Freiheit, Demokratie und so weiter! Jaja, ist ja auch alles richtig, aber das vergeht dann auch schon wieder, das mit dem Beschwören, bald, und dann läuft die Maschine wieder rund, dann funktioniert das Gewinnen und Verlieren wieder nach Plan. Tote, die Auto fahren, fallen dann nicht mehr weiter ins Gewicht.