Ich habe nichts zu erzählen, also muss ich mir was einfallen lassen

Autoren und Autorinnen, denen die eigene Geschichte oder die der eigenen Familie gleichsam an den Fußsohlen klebt, können sich vielleicht gar nicht vorstellen, was es heißt: sich so richtig was einfallen zu lassen. Ich habe mir zum Beispiel auf Grundlage des Lebens einer weitgehend unbekannten historischen Figur, Adam Bernd, einen ganzen Roman einfallen lassen, also alle anderen Figuren und den allergrößten Teil der Handlung. Selbst die Sprache, den Sound des Romans habe ich selbst entwickelt, anstatt mich wie so viele Kollegen und Kolleginnen auf die aktuell konventionelle Schreibweise zu verlassen. Und auch aus der Eigenen Lebens-Beschreibung Bernds habe ich ja nur Anregungen empfangen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Alles in allem also etwa 350 Buchseiten Selbsteingemachtes, wenn es denn dann bald hoffentlich zum Buche wird. Nicht etwa, daß ich sagen will, meine Art der Textherstellung sei besser als jene, die aus der eigenen, respektive der Familengeschichte schöpft, nein, ich will nur sagen: geschöpft werden muß so oder so, ganz gleich, ob aus dem Vollen oder aus dem vermeintlich Leeren, dem Nichts, denn das einzig relevante Kriterium bleibt die Qualität. Punktum.

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Was ist ein Diskurs?

Ein oder gar der Diskurs ist naturgemäß zunächst immer eine unklare Angelegenheit. Ein trübes Gewässer mit einer ungewissen Tiefe. Einer ungewissen Ausdehnung. Ein Fließen, in welche Richtung auch immer, macht den Diskurs nicht klarer. Um klar Fassbares dem Diskurs entnehmen zu können, müssen die frei schwebenden Teilchen, die den Diskurs trüben, stillgelegt werden. Also wird, um im Bild zu bleiben, das Wasser abgelassen von denen, die das vermögen. Stabil Erscheinendes wird so erkennbar, auch wenn es im Matsch steht. Im Dreck. Jetzt geht es darum, das Erkennbare miteinander in Beziehung zu setzen, etwaig vorhandene Verbindungen, Verwandtschaften und Gemeinsamkeiten deutlich zu machen, woraus sich zugleich das Trennende ergeben muss, das Gegeneinanderstehende, das Feindliche. So entstehen deutliche, konkrete Muster, Bezüge, Koalitionen, während zugleich der Matsch, in dem der Diskurs gründet, austrocknet und ein furioses, ein chaotisch anmutendes Netz von Rissen ausbildet. Dann ist der Diskurs an sein Ende gekommen. Und irgendwann kommt das Wasser zurück.

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Prosagedicht V / Augentropfen

Augentropfen

Früher, da weinte sie
gerne
ins Spülwasser.
Dann kaufte
er ihr
eine Spülmaschine.
Seitdem ködert
sie ihre
Tränen
ohne ihn.
 
 Polaroid 28 (NB 1) Norbert W. Schlinkert
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 >>>Gedichte
 
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Anfangjanuar

Anfangjanuar ist auch nur eine Erfindung. Ich überlege, jetzt, Anfangjanuar, mir einen Milchkaffee zu machen. Dazu esse ich dann getrocknete Datteln, geröstete Mandeln und Cashewkerne. Kann es einem, Anfangjanuar, besser gehen! Letztens fragte mich jemand, ob ich einen Plan B hätte. Das ist bereits Plan B, sagte ich, aber von nun an arbeite ich mit dem gesamten Alphabet. Trotzdem. Ob nun Anfangjanuar ist oder nicht. Plan B hört sich außerdem immer so an, als sei Plan A gescheitert und Plan B sicher. Müßte man nicht eigentlich Plan Z sagen? Zurück zur Vernunft, wenn man da denn überhaupt je gewesen ist? Doch in vier Wochen ist schon Anfangfebruar, dann werden wir weiter gesehen haben.

Polaroid 73, Norbert W. Schlinkert

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Schrade dum

„Brei Gott, bems doch!“ Das waren seine letzten Worte. Ihr rechter Fuß rutschte vom Bremspedal aufs Gaspedal, der Motor heulte auf. Hat der Wagen eigentlich einen Beifahrerairbag, dachte sie noch, während der auf der Fahrerseite ihr schon ins Gesicht geknallt war. Wie oft hatte sie ihn nicht erwürgen wollen, wenn er zum Spaß die Buchstaben in den Worten durcheinandergewirbelt hatte, um sie dann mit strahlenden Augen anzusehen, bis sie lachte. So starb ein goßer Kromiker just ihr zur Seite. Schrade dum.

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Prosagedicht IV / Alte BRD

Alte BRD

Das Bellen des Dackels der Eltern
im fernen Westen des Landes
erinnert mich immer an
Helmut Kohl,
obwohl ich nicht einmal weiß,
wie der Dackel des Kanzlers
im fernen Westen des Landes
bellte,
kurz bevor
die Mauer
fiel.
 
 
 
>>>Gedichte
 
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Prosagedicht III / Prosa, prosaisch

Prosa, prosaisch

die Beziehung.
der Bezug.
der Mensch,
den ich beziehe,
unbefristet,
wie zur Miete.
Kündigungsfrist: 14 Tage
 
 
das Verhältnis.
zueinander sich
verhalten.
wechselseitig
sich halten.
so
lange
es sich eben
hält
 
 
das Zusammensein,
das Sein
samt und sonders,
seinsam sein.
fehlt nur
noch
die
Liebe.
 
 
Ähre, Norbert W. Schlinkert
 
 
 
>>>Gedichte
 
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Unruh‘

Simon zu Kaspar:

„Du hast doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu machen. Das würde ich nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht, weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein häßlicher, des Menschen unwürdiger Zustand ist.“ (Robert Walser: Geschwister Tanner. st 3482. S.113.)

Was aber, so frage ich mich heute, wenn die Unruh längst da, schon in mir ist? Vorwürfe, die von außen kamen und durch mich … mich trafen, wütend aufgeworf’ne Lippen, Du schreibst und meinst nicht mich! Berührst mich nicht mit Deinen Worten! So laß ab von mir!

Und so geschah es.

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Sinn macht das keinen

Auf eine wüste Weise schreiben, das täte ich gerne können. Schreiben wie ein E-Gitarrensolo. Ihhhhejhhhhööööüüüüühhhh. Sinn macht das keinen. Aber womöglich muß ich schreiben wie ein Schlagzeug, klackediklack, dummdididummdi, bummbumm, doppelbummbumm. Sinn macht das keinen. Oder wie ein Klavier, pöpadidamm, klingklong, plingpling. Sinn macht das keinen. Singen aber, das ginge. Einen Text habe ich. Sinn macht das keinen.

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Spruchreif II

Spruchreif 2, Waschbär

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